Enter the Dragon – Neujahrsfest im Kreise meiner chinesischen Familie

An Weihnachten sind wir umgezogen, das Silvesterfeuerwerk haben wir nur im chinesischen Staatsfernsehen gesehen. Nun folgt das Neujahrsfest (ab dem 22. Januar), welches das Jahr des Drachen einläutet. Und diesmal sind wir voll dabei.

China im Ausnahmezustand

An ihren wichtigsten Feiertagen sind die Chinesen in heller Aufruhr. Man verlässt fluchtartig die Städte, um die Familie in der fernen Heimat zu besuchen – im Gepäck tütenweise rotverpackte 08/15-Kekse aus dem Supermarkt.

An den Ticketschaltern der Bahn kämpft man um die letzten Fahrkarten und bekommt dafür sogar Sondersendungen im Fernsehen. Die sind ähnlich spektakulär wie jene, die man in Deutschland ausstrahlt, sobald dort der Müll in den Tonnen festfriert.

Die plötzliche Völkerwanderung zeigt sich bereits am Freitagnachmittag, als sich Shanghai in einen seltsamen Winterschlaf zurückzieht: kaum noch Leute auf den Straßen, die kleineren Geschäfte bereits für ungewisse Zeit geschlossen. Zuletzt habe ich solche Bedingungen in wöchentlicher Regelmäßigkeit in Deutschland erlebt. So ist das also, wenn Chinas Großstädte für eine Woche dicht machen.

Frieren in Nanjing

In Nanjing, wo ich die Feierlichkeiten erleben soll, bietet sich dasselbe Bild. Obendrein wird das Frühlingsfest dort auch noch mit Schneefall eingeläutet – und das ausgerechnet in einer Region, in der laut Aussage der Landsleute »nur alle zehn Jahre mal ein paar Flocken fallen«.

Der Schneefall wäre noch nicht einmal das Schlimmste, ginge der nicht auch noch mit unerhörter Kälte (-2°C) einher. Die macht sich in unrenovierten Wohnungen ohne Heizung und mit Fenstern, die eher symbolischen Charakter aufweisen, unangenehm bemerkbar. Die dicksten Daunenmäntel reichen nicht zum Wärmen, weshalb in Nanjing so ziemlich jeder mit mehreren Hosen und Pullovern unter den Winterjacken im Wohnzimmer sitzt.

Nanjing, Frühlingsfest
Auch in Nanjing bleiben die kleinen Geschäfte geschlossen.

Das Frühlingsfest im Fernsehen

Eingeläutet und bis zum bitteren Ende begleitet wird das Frühlingsfest durch plärrende Fernseher, eingestellt auf einen der zahlreichen Kanäle, die gefühlt den ganzen Tag Festtagsgalas der ganz üblen Sorte ausstrahlen.

Einst habe ich Eintritt bezahlt, um einer solchen Show en miniature in einer Münchner Schulaula beiwohnen zu dürfen. Was damals schon unbeholfen und konzeptlos wirkte, ist es auch im Großformat in China selbst: riesige Bühnen voller Farben, Pomp und Kitsch, Gesang, Patriotismus, infantilen Sketchen, Gesang, Pekingopereinlagen, hohlen Moderationen, Tanz und natürlich Gesang.

Mein Schwiegervater schmettert jede gekannte Liedzeile voller Inbrust mit. In den Gesichtern der eingeblendeten Zuschauer macht sich nach drei Stunden dann doch bemerkbar, dass die Dauerbeschallung kein Ende nehmen will. Selbst wer in Uniform stolz in den ersten Reihen thront, dem sieht man irgendwann an, dass er jetzt eigentlich doch lieber daheim wäre.

Frühlingsfest im Kreise der Familie

Herzstück des Neujahrsfestes ist nämlich das Daheim, die Familie. Und obwohl die Festlichkeiten als Familienfeier getarnt sind, scheint eines noch viel wichtiger zu sein – das Essen. Da werden also zweimal täglich die unglaublichsten Geschütze aufgefahren, jedes Mal in einer anderen Wohnung, aber größtenteils immer wieder mit demselben lauten, fröhlichen und herzlichen Publikum.

Mal speist man bei Großeltern, Tanten oder daheim, aber immer viel zu viel. Gäste bringt man immer unter, auch wenn es wie eine Kunst wirkt, dreißig Leute in eine 35-Quadratmeter-Wohnung zu stopfen, zur Not verteilt auf mehrere Zimmer. Zehn bis fünfzehn verschiedene Gerichte pro Tisch sind ein Muss und – egal ob Aal, das zarteste Hammelfleisch der Welt oder selbstangebautes Blattgemüse – fast alles ist so unverschämt lecker, dass man einfach mitfressen muss.

Wenn der Ranzen endlich so spannt, dass nicht mal mehr ein kleines Reiskorn hineinpassen würde, kann man sicher sein, dass irgendwo noch eine gütige Großmutter darauf lauert, einem noch mal eine gutgemeinte Kelle Schweinepfote in die Schale zu klatschen.

Feiern? Ganz schön anstrengend!

Bei diesem täglichen, wanderheuschreckenartigen Von-Ort-zu-Ort-Ziehen ist kaum noch Zeit für etwas anderes (Sightseeing, Shopping) und man begibt sich abends völlig erschöpft und viel zu früh in die Betten. Was nun aber nicht heißt, dass man den Schlaf der Gerechten auch wirklich schlafen kann. Denn als weiterer enorm wichtiger Bestandteil des Frühlingsfestes ist es die Pflicht eines jeden Chinesen, ordentlich Krach zu machen.

An jeder Straßenecke schießen hierfür mobile Feuerwerksverkaufsstationen aus dem Boden, für all jene, die sich noch nicht rechtzeitig im Supermarkt damit eindecken konnten. Böller knallt man (zumindest in Shanghai und Nanjing) ja das ganze Jahr je nach Belieben ab, am Frühlingsfest aber ganz besonders gern. Allerdings nicht alle auf einmal, wie zu unserem Silvesterabend, sondern laufend, auf die ganze Woche verteilt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit!

Da kann es schon mal vorkommen, dass man morgens um sieben panisch aus dem Schlaf schreckt, weil vor dem Fenster gerade jemand fünf Meter Chinaböller abfackelt oder Feuerblumen in den Himmel schießt (auch wenn man bei Tageslicht außer dem Krach nichts davon hat). Dass das dezibelmäßig so geschehen muss, dass auch gleich noch sämtliche verrücktspielenden Alarmanlagen der umliegenden Fahrzeuge in den Lärm mit einstimmen, versteht sich natürlich von selbst.

Endlich vorbei

Nachdem der Fressmarathon nach einer Woche beendet ist, kehrt man wohlgenährt in die eigenen Wohnungen zurück, d.h. die Völkerrückwanderung in die Städte beginnt. Shanghai erweckt zu neuem Leben und bis man selbst in der eigenen Wohnung angekommen ist, wird in den U-Bahnen wieder gedrängelt und auf den Straßen gehupt wie eh und je.

Jetzt ist nur noch die Frage, wie man die angefressenen Pfunde ohne sportlichen Aufwand wieder wegbekommt. Im kulinarischen Paradies China hungert es sich doch so schlecht. Und ja, ich freue mich schon aufs nächste Jahr.


Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Frühlingsfest – Das chinesische Neujahrsfest“.
chinesisches Frühlingsfest, Neujahrsfest, China

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5 Gedanken zu “Enter the Dragon – Neujahrsfest im Kreise meiner chinesischen Familie

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