Anting New Town – Ein Stückchen Deutschland in Fernost

Anting New Town

Ob VW, Fußball, Marx oder Hitler – Chinesen lieben Deutschland. Ganz toll finden sie auch deutsche Fachwerkhäuschen und genau diese hätten sie sich gern ins eigene Land geholt, indem man gleich eine komplette deutsche Stadt nachäfft. Weil sie sich das scheinbar nicht selbst zugetraut haben, haben sich die Chinesen Hilfe von einem Frankfurter Architekten geholt. Fatal: Weil dieser Deutschland offensichtlich für hip und modern hielt, hat er es irgendwie geschafft, den Chinesen statt Fachwerk-Romantik eine gesichtslose, deutsche Neubausiedlung aufzuschwatzen. Das hat man jetzt davon: haben will’s nämlich keiner. Willkommen in Anting New Town.

Das eigentliche Anting in der Nähe von Shanghai kann sich mit seinen KFZ-Händlern, Werkstätten und VW-Montagehallen als besonders wichtiges chinesisches Zentrum der Automobilindustrie rühmen. Außer einem tristen, niemals fertiggestellten Einkaufszentrum hat Anting sonst auch nicht mehr zu bieten. Einzig eine Handvoll desillusionierte Makler in kaputten Lederoptikschuhen fährt bis zur Endstation der Shanghaier Metro. Im Schlepptau haben sie potenzielle Kunden, die so verzweifelt auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung sind, dass sie ihr Gespartes auch noch in den größten Immobilienwitz investieren würden. In Anting bleiben sie allerdings nicht. Sie fahren gleich weiter nach außerhalb, nach Anting New Town, durch die deutsche Baubeteiligung auch bekannt als »German Town«.


Hier pulsiert das Leben – Stadtkern von Anting

Nachdem wir in Shanghai erst letzte Woche auf einen Stand gestoßen sind, der original bayrische Laugenbrezen (wenn auch mit bunten Zuckerstreuseln beklebt) verkauft, hielten wir einen Ausflug nach Anting im Rahmen einer »Ironisch reisen«-Aktion für eine tolle Idee. Ungefähr eine Stunde ist man mit der Metro unterwegs. Wenn sie die letzten Stationen oberirdisch fährt, ziehen draußen Shanghais Randbezirke, Industriegebiete und im Entstehen begriffene Vororte hinter einem dichten Smogschleier vorbei und verleihen dem Begriff »la tristesse de banlieue« eine ganz neue Dimension. In Anting angekommen wird man nur so von illegalen Mitfahrgelegenheiten per Auto, Motorroller oder anderer fragwürdiger Gefährte belagert und als Ausländer angestarrt, als befände man sich schon weit draußen in der Pampa. Das beweist: Ausländer verirren sich trotz ansässiger internationaler Firmen offensichtlich eher selten auf Antings Straßen. Wozu auch? Für Touristen hat der Ort nichts zu bieten und wohnen möchte da auch keiner, noch nicht einmal die Einheimischen.

Anting New Town lässt sich am besten per Taxi erreichen – sofern man einen Fahrer findet, der nicht (vermutlich aus Scham) vorgibt, besagten Ort nicht zu kennen. Nach zehnminütiger Fahrt im schäbigen VW Santana (die Marke der meisten Taxis in China) trifft einen die Ironie dann mit voller Wucht. Nach monatelangem Metropolentrubel in Shanghai, nach Chaos, Lärm und Lebhaftigkeit dann das: da ist doch tatsächlich eine deutsche Kleinstadt aus der roten Erde gestampft worden – unscheinbar, verschlafen, wenig aufregend schon von Weitem.


China mal ganz ökologisch, weil deutsch

Spießige Reihenhäuser und extrem uninteressante Neubausiedlungen – nun gibt es sie also auch hier, am Rande Shanghais. Vorwiegend vierstöckige Wohnblöcke mit spitzen Dächern und schmalen hohen Fenstern rahmen großzügig begrünte Innenhöfe. Fahrradwege sind durch Niederhecken von Fahrbahn und Gehweg getrennt. Einfahrten führen in verwaiste Tiefgaragen, aus denen jeder Ruf gespenstisch widerhallt. Kein Schwein ist auf der Straße. Kein Schwein auch in den Häusern. Denn die stehen zum größten Teil leer. Wer will schon hier draußen in einer Siedlung, in der es nichts gibt, und Lebensfreude schon gar nicht, eine energieeffiziente Eigentumswohnung für gar nicht mal so wenig Geld erstehen? Und wer einst doch auf den naiven Optimismus der Makler hereingefallen ist, dass sich Anting New Town mal in eine lebendige Stadt verwandeln würde, und hier eine Immobilie gekauft hat, ist entweder längst wieder weggezogen oder hat resigniert und sich für ein unaufgeregtes Leben in absoluter Isolation entschieden.

Löblich ist, dass man in jedem Gebäude, das an einer der geisterhaft leeren Straßen liegt, das komplette Erdgeschoss für Geschäfte reserviert hat. Das zeigt, dass man hier einst Großes im Sinn hatte. Die Vision von lebhaftem Treiben ist jedoch längst der tristen Realität gewichen. So gut wie alles im Erdgeschoss steht leer. Viele Ladenflächen sind noch nagelneu, da noch nie bezogen, andere wurden nie fertiggestellt, in wieder anderen wird noch auf verlorenem Posten gehämmert und geschweißt. Zwischendrin findet man wie kleine Oasen mal eine einzelne Bäckerei, die von sämtlichen Produkten nur ein Stück in der Auslage liegen hat, und dann wieder kümmerliche Maklerbüros, in denen traurig aussehende Mitarbeiter vor einer Partie Solitär ihre Stunden absitzen, während die kürzlich geschlossenen Geschäfte und Bars nebenan ihre Räumlichkeiten zu Rumpelkammern umfunktioniert haben, in denen man von Weihnachtsschmuck bis aufgeblasenen Schlauchbooten alles zurückgelassen hat, was man außerhalb der fehlgeplanten Deutschlandsiedlung nicht mehr braucht.

Anting New Town liegt im Sterben. Dabei hat die Stadt nie gelebt. Die letzten Wohnhäuser wurden um 2005 fertiggestellt oder endgültig aufgegeben und hatten nun schon eine ganze Weile Zeit zu verwittern, während am Rande große Baustellen mehr symbolisch weiter unterhalten werden — das geplante Gelände ist nämlich noch immer nicht vollständig erschlossen und irgendetwas muss man ja damit machen. Zum Abreißen sind die Neubauten noch zu schade, nur zum Bewohnen eben auch nicht attraktiv.

Eine Kopie von Rothenburg ob der Tauber hätten die Chinesen gern gehabt, keine Doppelglasfenster oder überteuerte Zentralheizungen in langweiligen Bauhaus-Häuserblöcken. Warum sollten die Chinesen auch eine Kopie von etwas so Nichtssagendem wie Neubiberg wollen? Warum sollte überhaupt jemand Neubiberg wollen? Wer will schon in einer Geisterstadt leben, die so ausgestorben ist wie eine deutsche Kleinstadt am Sonntag? Wer will an einem Ort leben, an dem es weder Geschäfte noch Jobs noch irgendetwas Lebensfreude Vermittelndes gibt? Selbst das viele Grün und die absolute Stille können da nicht mehr locken. Tipp an alle Deutsche, die demnächst ein ähnliches Großprojekt mit den Chinesen planen: einfach mal besser zuhören. Wenn wir Deutsche an chinesische Architektur denken, fällt uns ja auch zuerst der China-Kitsch ein. Wir möchten geschwungene Dachsparren, kleine Steinbrückchen und Drachen- oder Phönixornamente und keine baufälligen, praktisch gar nicht isolierten Wohnblöcke ohne Heizung, in denen jeder Bewohner ganz nach Belieben Unterhosen, Wischmops oder Satellitenschüsseln aus dem Fenster hängt.

Ach ja, weg kommt man von Anting New Town übrigens auch nicht mehr: Taxis sind echte Mangelware und der einzige Bus, der verkehrt, schaut ganz dem deutschen Vorbild nach nur alle 20 Minuten vorbei (und fährt nach 20 Uhr gar nicht mehr).

Noch ein Tipp für Deutsche in China, die plötzlich das Heimweh plagt: Einfach mal einen Ausflug nach Anting New Town machen und man weiß wieder zu schätzen, dass man im pulsierenden Shanghai und nirgends sonst wohnt!

Impressionen


Wie in einem deutschen Vorort — öde und ausgestorben


Pseudo-moderne Architektur und viel Grün — fast wie in Deutschland


Aufgegeben und verwittert — viele Häuser stehen seit Jahren (wieder) leer


Fehlt nur noch die Sparkassenfiliale im Erdgeschoss — deutsches Kleinstädtertum in China


Weil’s Fachwerk fehlt — an der Hauptstraße ist es totenstill


Geisterstadt — könnte auch sonntags in Deutschland sein


Ausnahmsweise mal bewohnt — deutsches Reihenhausgut im undeutschen Rot

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10 Gedanken zu “Anting New Town – Ein Stückchen Deutschland in Fernost

  1. Das gelbe Haus sieht genau aus wie der Gelbe Würfel auf dem Gelände der deutschen botschaftsschule in Peking – würde mich nicht wundern, wenn’s der gleiche Architekt war. Sieht wirklich erschreckend wie Heimat aus…und bei dem Kommentar „fehlt nur noch die Sparkassenfiliale“ musste ich lachen. 🙂

  2. Ich selbst war noch nicht dort – möchte mir das doch auf jeden Fall mal anschauen. Aber es ist schon überraschend zu sehen, was Albert Speer Jr. da entwickelt hat. Rothenburg wäre sicher besser gegangen.
    Sparkasse war tatsächlich auch meine erste Assoziation und ich musste sehr lachen, als ich im Text weiter gelesen habe. Chapeau!

    1. Ja, Rothenburg. Deswegen ist wahrscheinlich auch Thames Town (das „britische Dorf“) bei Chinesen als Ausflugsziel recht beliebt. Ist insgesamt alles viel süßer mit bunten Häuschen und ein bisschen Fachwerk.

      Aber schau dir Anting ruhig mal an und berichte dann. Vielleicht hat sich in den letzten vier Jahren ja einiges getan!

  3. Habe gehört, dass die Stadt langsam in die Gänge kommt und doch noch Hoffnung besteht? Ist das was dran? VG Lina

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