Ein Treppenhaus in Shanghai

Ein Treppenhaus in Shanghai

Wer hätte gedacht, dass sich Treppenhäuser kulturell so sehr unterscheiden würden? Ich jedenfalls kann mich glücklich schätzen, dass wir im obersten (d.h. im sechsten) Stock wohnen und das Haus praktischerweise keinen Aufzug hat. So kann ich unser undeutsches Treppenhaus jedes Mal in seiner ganzen Pracht erleben und nebenbei ein kostenloses Fitnesstraining absolvieren, wenn ich nur regelmäßig Zehn-Kilo-Säcke Reis nach Hause schleppe.

Ein Treppenhaus in Shanghai

Kehrwoche, Klingelschilder, sich im Streit gegenseitig den Müll vor die Türen stellen, selbsternannte Treppenhauspolizei (»Müssen Sie Ihren Koffer unbedingt zur Mittagszeit runtertragen?«) — was in Deutschland gang und gäbe ist, gibt es in China nicht. Zumindest nicht in unserem Haus. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir in Changning leben, dem wahrscheinlich »höflichsten Viertel Shanghais«, wie auf großen Reklamemonitoren und Bussen verkündet wird. Es könnte aber auch daran liegen, dass unser Haus und die ganze »gated community«, in der wir leben, in den 80er Jahren auf primitive Weise hochgezogen worden ist und vornehmlich von älteren, einfacheren Shanghaiern bewohnt wird, die ihre ganz eigene Toleranzschwelle hinsichtlich Dreck haben und pralle Müllbeutel höchstens vor die eigene Türe stellen.

Treppenhaus in Shanghai

Fairerweise muss ich zugeben, dass ich nach deutschem Verständnis eigentlich im fünften Stock wohne. Die Chinesen kennen nämlich kein Erdgeschoss. Das heißt, ein Erdgeschoss gibt es schon, nur zählt das in China als erster Stock. Das kann bei Unterhaltungen unter Deutschen für lustige Verwirrung sorgen (»Du findest mich im dritten Stock.« – »Also im zweiten?«).

Treppenhaus in Shanghai

Die Treppenhausfenster werden nie geputzt und nie geschlossen, was bei der fragwürdigen Qualität der Fenster auch keinen Unterschied machen würde. Die Zwischengeschosse bieten Platz für ausrangierte Möbelstücke, zum Aschenbecher umfunktionierte Blumentöpfe (inklusive Erde und zerbröselter Pflanze) oder zum Trocknen aufgespannte Regenschirme. Die Stromkästen auf der rechten Seite sind von elementarer Wichtigkeit, muss man doch immer mal wieder im Schlafanzug raus, um hier den Sicherungsschalter umzulegen, wenn in der Wohnung wieder einmal der Strom ausfällt (wenn man beispielsweise das Heizgebläse im Bad und einen Wasserkocher gleichzeitig nutzt).

Treppenhaus in Shanghai

Weil vom Geländerstreichen noch Farbe übrig war, hat man auch die Treppen grün gestrichen. Das hat allerdings nur für die obersten anderthalb Treppenfluchten gereicht. Der Rest erstrahlt im schicken Rohbeton. Wer mit den Diensten der involvierten Firmen zufrieden war, darf sich für den nächsten Auftrag gerne wieder melden, wie die großzügig auf die Stufen gestempelten Telefonnummern anbieten.

Treppenhaus in Shanghai

Wer vom Renovieren seiner Eigentumswohnung noch Bodenfliesen übrig hat, fliest das Treppenhaus gleich mit. In chinesischen Wohnhäusern, die meistens keinen Keller haben, dienen auch die Stufen als praktische Ablegefläche.

Treppenhaus in Shanghai

Ein bisschen Grün sorgt für eine freundliche Treppenhausatmosphäre. Die Flecken am Boden erinnern daran, dass auch dieses Gebäude einmal in einem ordentlichen Weiß gestrichen worden ist oder zumindest jemand mal einen tropfenden Farbeimer durchs Treppenhaus getragen hat, um den Inhalt draußen mit ernstem Gesicht in die nächste Mülltonne zu gießen.

Treppenhaus in Shanghai

Weil man in den 70er und 80er Jahren beim Hochziehen primitiver Wohnhäuser oft vergessen hat, auch so Nebensächlichkeiten wie Strom-, Gas- und/oder Wasserleitungen einzubauen, ist nachträglich alles oberflächlich verlegt worden, was für rustikales Treppenhausambiente sorgt.

Treppenhaus in Shanghai

Grün, grüner, am grünsten. Praktisch: wenn die Pflanzen eingehen, kann man sie einfach stehen lassen. Oben rechts hängt ein Vogelkäfig mit exotischem Singvogel, der jeden Abend liebevoll abgedeckt wird und bei schönem Wetter vor dem Fenster hängt, aber trotzdem in einem nur kinderschuhkartongroßen Käfig hausen muss. An den Haken vor dem Fenster lassen sich auch prima Schinken oder getrocknete Einmeterfische aufhängen.

Treppenhaus in Shanghai

Da Shanghaier Wohnungen bekanntlich nicht allzu groß sind, wird auch das Treppenhaus gerne als Wohnfläche mitgenutzt.

Treppenhaus in Shanghai

Wer in China privat Müll trennt, lagert dies ins Treppenhaus aus. Fällt dieser Stapel an Müll einmal um und verteilt sich über den Boden, wird er schon ein, zwei Tage später wieder liebevoll aufgeschichtet. Da wir uns im zweiten Stock befinden, sind auch die Fenster gegen Einbrecher gesichert. Vielleicht ist das Gitter auch nur angebracht worden, um den Müll zu schützen. Wer z.B. Plastikflaschen im Wertstoffhof abliefert, bekommt nämlich Geld dafür und die ärmere Bevölkerung hat sich mit dem Sammeln von Müll einen ganzen Geschäftszweig aufgebaut.

Treppenhaus in Shanghai

Wer seinen Nachbarn vorgaukeln will, er habe genügend Geld für eine Wohnungsrenovierung, verhängt seine Stahltür gern mit Plastikplanen. Diese dienen auch als Sichtschutz, wenn man mal wieder mit geöffneter Tür wohnen möchte. Eine Treppenhausbeleuchtung gibt es übrigens auch, allerdings keine Lichtschalter. Die Beleuchtung reagiert aber auch nicht auf Bewegungen, sondern auf Geräusche! Das bedeutet, dass man nachts durchs Treppenhaus trampeln muss, wenn man im Dunkeln nicht über den ganzen Krempel stolpern will. Aber auch ein dahingeschmettertes »Rodan über Moskau!« erhellt im Notfall die Räumlichkeiten. Allerdings erst ab 18 Uhr. Dumm im Winter, wo die Sonne schon früher untergeht.

Treppenhaus in Shanghai

Einen Eingangsbereich gibt es nicht. Die Treppe endet direkt an der elektronisch gesicherten Haustür.

Treppenhaus in Shanghai

Der erste Stock (also das Erdgeschoss) hat einen extra Eingang mit anonymisierten Briefkästen, in denen zu 70% Werbung (teils handgeschrieben) und zu 20% Briefe mit den falschen Empfängern landen. Unerwünschte Postwurfsendungen lässt man direkt auf den Boden fallen. Irgendjemand nimmt das Zeug schon mit. Immerhin ist auch Altpapier wertvoller Müll.

Treppenhaus in Shanghai

Und dann, endlich, steht man im Hof, in dem alte Männer Tai Chi praktizieren, ihre Frauen an aufgestellten Klapptischen Mahjongg zocken, sporadisch Feuerwerk gezündet wird, Hausfrauen mit Teleskopstangen lange Unterhosen an Kabel hängen, nachts die streunenden Katzen singen und ungeduldige Autofahrer auch die parkenden Autos anhupen, wenn sie mal wieder nicht vorbeikommen.

Und, ja, ich wohne gern hier.

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17 Gedanken zu “Ein Treppenhaus in Shanghai

  1. Köstlich. Meine erste Wohnung in Peiking – die inzwischen nicht mehr steht – war genaoso. Ich fand die super und alles war so wunderbar unkompliziert.

    1. Das Unkomplizierte gefällt mir hier auch so gut, deswegen wohne ich eigentlich ganz gern in diesen Wohnblöcken – sofern man eine Wohnung findet, die halbwegs bewohnbar ist 😉

  2. Parkende Autos anhupen 😀 Euer Treppenhaus ist aber wahrhaftig eine Geschichte wert, darüber könnte man glatt ein Buch schreiben!

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