Unterwegs: Hangzhou

Hangzhou
Hangzhou

Anfang dieser Woche boten uns drei Feiertage Gelegenheit für eine spontane Inlandsreise. Nachdem wir unsere ursprünglichen Ziele Yunnan (zu teuer) und Qingdao (zu kalt) verworfen hatten, erinnerte ich mich an »das Paris des Ostens« Hangzhou. In der Provinzhauptstadt Zhejiangs bin ich schon im Dezember 2011 mal ein Wochenende gewesen, habe aber in einem sehr abgelegenen Hotel übernachtet und außer vielen Teefeldern (für die Hangzhou berühmt ist) nichts gesehen. Meine einzigen Eindrücke der Stadt und ihren Sehenswürdigkeiten konnte ich auf der Taxifahrt zurück zum Bahnhof gewinnen, die am Westsee (Hangzhous größte Attraktion) vorbeiführte, wo im Dunkeln beleuchtete Bäume und Brückchen am Seeufer für eine zauberhafte Atmosphäre sorgten. Ich war mir sicher: da wollte ich wieder hin.

Hangzhou durfte im Laufe der chinesischen Geschichte neben u.a. Peking, Nanjing, Xi’an, Luoyang und Kaifeng auch mal die kaiserliche Hauptstadt geben und kann heute mit historischen Sehenswürdigkeiten Touristen aus dem In- und Ausland gleichermaßen abzocken anziehen. Als Bonus ist es nur knapp 200 km von Shanghai entfernt, gut mit dem Zug zu erreichen und während der Feiertage sollte das Frühlingswetter auch noch frühsommerlich warm werden. Also hin! Dachten sich auch alle anderen, die für drei Tage keine Shanghaier Büros von innen sehen mussten. Ein Zugticket zu bekommen war dementsprechend schwer und ging auf Kosten des ersten Urlaubstages.

Teeplantage
Teeplantage im Winter

Schon bei der Musik auf Gameboy-Niveau, welche chinesische Straßenreinigungsfahrzeuge während der Arbeit dudeln, fällt ziemlich schnell auf, wie sehr sich Shanghai und Hangzhou voneinander unterscheiden. Mit seinen vielleicht sechs Millionen Einwohnern (so genau weiß das wieder mal keiner) wirkt Hangzhou nach einer Überdosis Shanghai fast wie eine verschlafene Kleinstadt. Unser Hotel lag jedenfalls nicht weit vom Zentrum, vom historischen Stadtkern und vom Westsee entfernt, so dass man mit einem Bisschen guten Willen die wichtigsten Punkte in der Stadt bequem zu Fuß erreichen konnte. Hangzhou geizt natürlich auch nicht mit Hochhäusern, die nur enttäuschend kleiner und stilloser aussehen als die in Shanghai. Nachts ist in der Stadt jenseits der Touristenattraktionen kaum etwas beleuchtet, weshalb Hangzhou ungewöhnlich dunkel wirkt und der Himmel im Gegensatz zu dem über Shanghai nicht lila leuchtet sondern als vernünftiger schwarzer Nachthimmel inklusive Sternen durchgeht. Ausländer sind in Hangzhou zwar relativ viele unterwegs, gelten aber trotzdem als Attraktion. Es wird gestarrt, sich umgedreht, darüber geredet und mit dem Finger draufgezeigt wie ich es auch schon in Nanjing erlebt habe.

Blick aus dem Hotelfenster
Nach einer Überdosis Shanghai wirkt Hangzhou als Großstadt fast schon lahm.

Trotzdem hält sich Hangzhou für eine internationale, hippe Großstadt, was teilweise auf Kosten der Lebensfreude geht, wenn rund um den See quasi nichts anderes mehr zu finden ist als Starbucks, McDonald’s und KFC. Für noch mehr Exklusivität ist die Uferpromenade zum Teil gesäumt von französischen Bäckereien, hippen Clubs, Bars (in denen nur Westler verkehren) und teuren Autohäusern (Maserati und Co.). Das ist um einiges schlimmer als in Shanghai, kann aber auch täuschen, weil in Hangzhou alles so kompakt scheint.

Hangzhous Sehenswürdigkeiten sind dann aber typisch chinesisch. Zwar ist von den Gemäuern, Pagoden, Tempeln und Häuschen kaum noch was Original, aber ein Ausflug nach Hangzhou lohnt sich trotzdem. Hauptattraktion ist der Westsee (Xihu), der wenig überraschend im Westen der Stadt liegt und von vielen Sehenswürdigkeiten gesäumt ist.

Lingyin-Kloster, Feilai Feng und Yongfu-Kloster

Wir entschieden uns zunächst dafür, das berühmte buddhistische Lingyin-Kloster auf der Westseite des Sees zu besuchen. Aus Kostengründen wählten wir die Fahrt mit dem Linienbus (ca. 10 Cent), durften dafür aber auch eine gute Stunde bei rund 27°C mit viel zu vielen Passagieren zusammengedrängt im klapprigen Bus stehen, bis man sich im wahrsten Sinne des Wortes kaum noch bei der Stange halten konnte. Nachdem wir dann noch mal eine halbe Stunde für die Eintrittskarten in für Chinesen vorbildlichen Schlangen angestanden sind, ging es endlich aufs Klostergelände.

Vor dem Kloster befindet sich der sehenswerte Feilai Feng, ein Berg, in den die Mönche über die Jahrtausende unzählige Buddhaskulpturen in allen Größen und Formen in den Fels des »herbeigeflogenen Gipfels« und seine Grotten gehauen haben. Während der Kulturrevolution wurde hier leider viel zerstört, so dass den meisten Figuren heute der Kopf fehlt. Zum Glück sind die größten und prächtigsten Skulpturen so unzugänglich weit oben in den Fels gearbeitet, dass doch noch einige unbeschadet überdauert haben.


Szene aus »Die Reise nach Westen«


In Fels gehauene Buddha-Figuren

Das Lingyin-Kloster selbst (von dem ich offensichtlich kein einziges Foto gemacht habe) wurde seit seiner Gründung im Jahre 328 zwar schon mehrmals komplett zerstört und wieder aufgebaut, aber solche Nebensächlichkeiten haben Chinesen ja noch nie davon abgehalten, stolz von ihren Attraktionen zu behaupten, sie seien schon fast zweitausend Jahre alt. Weil das Kloster selbst noch mal einen satten Preis für ein Extraticket erforderte, wollten wir gleich weiter zur nächsten Sehenswürdigkeit, die in unserem Kombiticket beinhaltet war—das Yongfu-Kloster nördlich des Westsees. Wir wählten zusammen mit Dreitausend anderen Chinesen wieder die Fahrt mit dem Linienbus, durften uns dafür aber auch eine geschlagene Stunde in einer stickigen Unterführung zusammendrängen, bis wir endlich auch einen Platz an der Bushaltestelle ergatterten.

Warten auf den Bus
Licht am Ende des Tunnels–an der Bushaltestelle selbst sieht es leider nicht anders aus

Da es mit der Verkehrsplanung in Hangzhou nicht allzu weit her ist (eine U-Bahn wird auch gerade erst gebaut), fahren die Busse nur alle zwanzig Minuten, wurden dann aber freundlicherweise alle zehn Minuten mit Verstärkerbussen unterstützt. Dadurch waren die Buslinien zwar immer noch hoffnungslos überlastet, aber eifrige Mitarbeiterinnen durften sich mit Clipboards wichtig machen, während andere in schicken Uniformen genau abzählten, wie viele Personen ihrer Meinung nach in einen Bus passten (zu viele). Als wir uns dann doch endlich im überfüllten Bus befanden, merkten wir schnell, dass uns das nichts gebracht hatte, weil dieser dank völlig verstopfter Straßen nur alle zehn Minuten mal einen Meter vorwärtsrollen konnte (das hat man davon, wenn keiner die Verkehrsregeln beachtet). Die Hälfte der Passagiere gab wie wir nach einer weiteren Stunde auf und beschloss den weiten Weg zum Yongfu-Kloster zu laufen.

Im Bus
Eine Runde Gruppenkuscheln im Linienbus

Im Yongfu-Kloster leben heute noch Mönche, die auf ihrem Berg mit Seeblick ein recht angenehmes Leben führen. Weil viele Kirschbäume in voller Blüte standen, war die Szenerie besonders schön. Allzu viele Touristen (für China-Verhältnisse) traf man hier an diesem Nachmittag auch nicht an, so dass das Spazierengehen auf dem ausgedehnten und malerischen Klostergelände zu einem angenehmen Erlebnis wurde. Auch das Schlendern durch den ruhigen Garten der Xiling-Siegelgesellschaft ist empfehlenswert.


Yongfu-Kloster


Yongfu-Kloster


Yongfu-Kloster


Blick vom Berg der Xiling-Siegelgesellschaft auf den Westsee

Westsee

Der Westsee selbst bietet mit ausgedehnten Parks und Uferpromenaden Gelegenheit für lange Spaziergänge oder große Wandertouren um den ganzen See. In kitschigen Booten kann man außerdem auf eine der Inseln fahren, die selbst ein paar Sehenswürdigkeiten beherbergen. Bei uns reichte es nur noch zum Spazierengehen am Ufer, zu sehr taten uns die Füße weh, zu müde waren wir von unserem Ausflug und die Sonne ging auch schon unter.


Sonnenuntergang am Westsee

Wenn es dunkel wird am Westsee, werden die Lichter angeknipst. Selbst die Parks um den See sind so auch nachts gut begehbar. Angst braucht man auch keine haben–im Gegensatz zu Deutschland trifft man im düsteren Park nicht auf seltsame Gestalten, sondern nur auf friedfertige Touristen und entspanntes Sicherheitspersonal. Wenn sich die Parkbeleuchtung auf das Bestrahlen von Bäumen und Steinskulpturen beschränkt und Brücken übers Wasser von unten beleuchtet werden, sorgt das für eine ganz besondere Atmosphäre. Zwar habe ich nicht mehr die Stelle mit den vielen kleinen Brücken gefunden, die es mir im Dezember bei meiner Taxifahrt durch Hangzhou so angetan hatte, aber auch so war das Schlendern am nächtlichen Seeufer etwas Besonderes. Man kann hier durchaus von romantisch sprechen, auch wenn traute Zweisamkeit dank der anderen Spaziergänger zunichte gemacht wird. In China kann man eben nirgends allein sein.


Die Leifeng-Pagode im Süden ist nachts bunt beleuchtet


Nachtcafé im Park


Lichter spiegeln sich im Westsee

Innenstadt

Den letzten Tag verbrachten wir in der Altstadt Hangzhous. Da gibt es die Hefang Street, die mit ihren auf alt getrimmten Häuschen und den vielen Ständen, die über typische Handwerkskunst bis Plastikschrott alles mögliche feilbieten, bei Touristen sehr beliebt ist, und da gibt es die modern renovierte Variante der historischen kaiserlichen Straße, die einen seltsamen architektonischen Stilmix bietet und ein ganz spezielles Flair verströmt. Vielleicht eines, das an Paris erinnert (weiß ich nicht, war noch nie in Paris); aus irgend einem Grund muss Hangzhou ja als das »Paris des Ostens« gelten.


Hefang Street


Hefang Street


Die berühmte TCM-Apotheke Hu Qingyu Tang bedient seit 1874 ihre Kunden


Auf der kaiserlichen Straße


Auf der kaiserlichen Straße

Von dort wieder wegzukommen, gestaltet sich allerdings als schwierig. Allzu viele freie Taxis kommen nicht vorbei, aber die Zahl der Leute, die auf eines warten, ist groß. Nachdem wir eine geschlagene Stunde um ein Taxi gekämpft hatten, haben wir unseren Zug nach Shanghai verpasst und durften uns dann wieder eine Stunde lang in eine Schlange stellen, um unsere Tickets für einen späteren Zug umzutauschen. Das geht in der Regel problemlos–nicht aber am letzten Feiertag, wo alle wieder nach Shanghai zurückwollten. Schließlich konnten wir uns für einen Bummelzug erwärmen, der zwar nur 29 Yuan pro Person (ca. 3 Euro) kostete, dafür aber rund drei Stunden unterwegs sein sollte (statt den 45 Minuten unseres eigentlichen Zuges) und nur einen Stehplatz beinhaltete.

Im Nachhinein lässt sich unsere Hangzhou-Reise als schönes Erlebnis zusammenfassen–wenn wir nicht mit sämtlichen Verkehrsmitteln einen Reinfall erlebt hätten. Hangzhou ist eine grüne, romantische Stadt, bei der man auf einer China-Reise unbedingt vorbeischauen sollte, auch wenn vieles sehr künstlich wirkt und Hangzhou ein teures Pflaster ist (Eintrittspreise ab 45 Yuan, Restaurant-Spezialitäten um 70 Yuan). Für das durchschnittliche, chinesische Monatseinkommen ist das so überzogen, dass die teuren Preise sogar im Fernsehen gerügt wurden. Wir werden auf jeden Fall trotzdem wieder einmal hinfahren–immerhin haben wir so vieles noch nicht gesehen. Unsere nächste Hangzhou-Reise werden wir aber definitiv nicht an einem Feiertag unternehmen.

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2 Gedanken zu “Unterwegs: Hangzhou

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