Sprache verbindet

Sprache verbindet. Allerdings sollte man dieselbe sprechen. Und das tut man in China nicht. Nicht einmal die Chinesen verstehen sich dank zahlreicher Dialekte immer. Noch schlimmer wird es natürlich, wenn dann auch noch wir Ausländer dazukommen.

Ich lerne seit mehr als sechs Jahren Chinesisch. Brav bin ich wöchentlich zu VHS-Kursen gedackelt, habe zu Hause stundenlang Schriftzeichen geübt, habe eine Kiste mit vollgekritzelten Vokabelkarten angelegt und aus Interesse selbstauferlegte Fleißaufgaben wie das Analysieren von Songtexten oder das exzessive Schauen chinesischsprachiger Filme und Serien erledigt. So richtig rumgekommen scheint bei alledem nicht viel zu sein, weshalb ich mich hier in China trotzdem wie ein desintegrierter, ignoranter Expat fühle. Und genau so einen Zustand wollte ich doch eigentlich vermeiden!

Gewiss, hin und wieder verstehe ich mal ein Sätzchen und dank der Typen, die hier mit ihren Elektrorollern täglich durchs Compound düsen und durch megaphonverstärkte Tonbandaufnahmen groß verkünden, dass sie alte Klimaanlagen, Kühlschränke, Computer, Handys und noch ein paar andere elektrische Geräte (die ich bis jetzt noch nicht verstehe) aufkaufen, kann ich auch regelmäßig ein gewisses Stammvokabular üben. Ich kann auch in ganzen Sätzen an meinem Lieblingsimbissstand sagen, was ich auf meinen Pfannkuchen haben möchte. Im Supermarkt kann ich verbal alte Männer davon abhalten, mir Produkte aus meinem Einkaufskorb zu stehlen und am Ticketschalter der U-Bahn sage ich, mit wie viel Geld ich mein Dauerticket aufladen will. Auf dem Markt kann ich, wenn es stückweise nicht geht, allerdings nur in halben Kiloschritten kaufen (weil ich außer 一斤 (yi jin) immer noch keine anderen Mengenangaben kenne bzw. sie nicht im Kopf behalten kann). Im Taxi mache ich mich zum Affen, wenn ich zwar »links« und »rechts« aber nicht »abbiegen« sagen kann, und schon gar nicht »jetzt bei der zweiten dann links« und dem Fahrer stattdessen kurz vor knapp vor dem Gesicht rumfuchteln muss. An den Imbissständen muss ich wahrscheinlich die leckersten Getränke auslassen, weil ich sie nicht lesen kann und auch nicht mit einem »das dritte von oben in der zweiten Spalte« umschreiben kann (und mit dem Finger draufzeigen geht auch nicht, wenn die Schilder weit über den Köpfen aller Beteiligten hängen) und dem Ticketboten kann ich nicht erklären, dass Herr M. gerade noch für ihn bei der Bank Geld abhebt, und ihm stattdessen erkläre, dass wir kein Geld haben. Woraufhin der Bote natürlich aus allen Wolken fällt.

Anders herum ist es auch nicht besser. Es gibt Tage, da klappt es ganz gut. Da ist mein Wortschatz plötzlich spontan vorhanden und den Satzbau kriege wie durch ein Wunder auch mal passabel hin. Das höchste der Gefühle ist dann, wenn ich auch noch eine verständliche Aussprache an den Tag lege und einen Satz hervorbringe, der gleich beim ersten Anlauf verstanden wird. Dann freue ich mich wie ein Eigelbmaulfuchs, zumindest drei Sekunden, bis das chinesische Gegenüber (das jetzt denkt, ich könne toll Chinesisch) den Dialog mit einer Gegenfrage fortführen will. Denn die verstehe ich unter Garantie nicht. Stattdessen bröckelt das eben noch sichere Auftreten und kollabiert spätestens dann, wenn ich meinen Gesprächspartner auch nach dem zweiten Mal Wiederholen nicht verstehe (wer kann denn z.B. auch ahnen, dass mit »ka« »Karte« also »EC-Karte« gemeint ist…?).

Allzu oft kommen beide Alternativen allerdings nicht vor. Chinesen gehen nämlich grundsätzlich davon aus, dass Ausländer kein Chinesisch können. Falls sie irgendwo mal rudimentär in einem Englisch-Schulbuch geblättert haben, werden sie versuchen, ihre oftmals spärlichen Kenntnisse anzuwenden. Das heißt, wenn sie selbst nicht gerade so gehemmt sind, dass sie kein Wort rausbekommen und lieber wild vor ihren Angeboten rumfuchteln, was keinem hilft. Auf meiner Seite sieht es nicht viel besser aus. Meine spontanen, mündlichen Englischkenntnisse sind nämlich unter aller Sau, zumal ich auch nie darauf eingestellt bin, auf Englisch antworten zu müssen, wo ich doch in China bin und ja wohl das Recht dazu habe, mich auf Chinesisch zu blamieren!

Und so bleibt dann doch jeder auf seiner Seite. Und das alles nur, weil keiner den anderen versteht, obwohl man sich bemüht und es doch eigentlich möchte. Manchmal sind die Sprachbarrieren aber so groß, dass sie doch wieder verbinden. Wie einst hier im Supermarkt: Da stand einmal ein Pärchen ziemlich ratlos bei einer Verkäuferin, die ihnen auf Chinesisch (da keine Englischkenntnisse) einen komplexen Sachverhalt erklären wollte. Welch ein Glück, dass ich als verdächtig nach Englischkenntnissen (und vielleicht ja sogar nach Chinesischkenntnissen?) aussehender Ausländer ziemlich verplant auf der Suche nach einem verloren gegangenen Herrn M. an ihnen vorbeiirrte. Prompt wurde ich durch lautes Schreien aufgehalten. Ob ich Chinesisch sprechen würde, fragte mich das Pärchen hoffnungsvoll auf Englisch. »Na ja, so ein kleines bisschen«, antwortete ich mal wieder in meiner großkotzigen, völlig selbstüberschätzenden Art. Natürlich schaute ich fünf Sekunden später blöd aus der Wäsche, weil die Verkäuferin meine Antwort sofort zum Anlass genommen hatte, mich mit wortgewaltigem, schnellem Chinesisch mundtot zu machen. Hilfe! Flucht! Was für ein Glück, dass ich just in diesem Moment Herrn M. entdeckte, der seelenruhig zu den Regalen mit den Nüssen schlenderte. Auf Leben und Tod hastete ich zu ihm und zerrte ihn zu den Wartenden, ehe er merkte, was überhaupt mit ihm geschah. Dann ging die Sache ganz einfach. Die Verkäuferin erklärte Herrn M. rasch auf Chinesisch den Sachverhalt. Nur hatte er dann Probleme, die Infos auf Englisch weiterzugeben. Also erklärte er sie mir auf Deutsch, woraufhin ich dann auf Englisch weiterübersetzen konnte. Fünf Personen, drei Sprachen und eine Viertelstunde später waren dann doch alle eingeweiht und zufrieden. Manchmal verbindet Sprache eben doch, selbst wenn man nicht dieselbe spricht.

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3 Gedanken zu “Sprache verbindet

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