Shanghai QuerBeet #1 | Erde

Damals in München hatte ich so eine Phase, in der ich so ziemlich alles an Küchenabfällen in die Erde gesteckt habe, was irgendwie weiterwachswürdig zu sein schien—Frühlingszwiebelwurzeln, Knoblauch, Ingwer, der obligatorische Basilikumstock aus dem Supermarkt und Reste von Koriander. Selbst Melonen- und Paprikakerne sind ausgetrieben. Dann aber kam ein winterlicher Luftzug durchs Fenster und machte alles zunichte. Und den Ingwer hätte ich besser mit einem Stock stützen sollen, nachdem er einen stolzen Meter hochgewachsen war und dann einfach umkippte.

Hier in China ist das Weiterverarbeiten von solchen Dingen gang und gäbe. Gerade die älteren Herrschaften hätscheln ihre Frühlingszwiebeln (notfalls auch platzsparend mit dem obligatorischen Kaktus in einem Topf), ausgetriebene Knochlauchzehen und exotisches Blattgemüse. Im Treppenhaus genauso wie draußen auf unscheinbaren Quadratzentimetern Erde (von fragwürdiger Qualität), auf unerschlossenem Baugebiet, direkt an der Straße oder in Plastikschüsseln, die man neben dem Fenster auf das an die Wand montierte Klimaanlagengerät stellt.

Und ich mach da jetzt mit. Natürlich mochte ich meine Nahrungsmittel nicht unbedingt in die Erde im Hof pflanzen (dass das ursprünglich mal Rasenflächen sein sollten, spricht sowieso schon für die Qualität des Bodens), vor allem da im Treppenhaus noch freie Plätzchen am Fenster waren. Ich habe also fleißig Becher gesammelt, um sie mit Erde zu füllen. Fehlte nur noch die Erde. »Geldverschwendung! Die kaufen wir nicht!«, meinte Herr M. pragmatisch, »die nehmen wir irgendwo draußen mit.«

Keine so gute Idee, wie ich fand. Denn die öffentliche Erde im Rest von Shanghai hielt ich für genauso fragwürdig wie die bei uns im Hof. Trotzdem hielt ich in den nächsten Tagen Ausschau nach Erde, an die keine Hunde und Männer mit drückenden Blasen kommen können und auf der noch keiner Bauschutt abgeladen oder nicht ganz so umweltverträgliche Substanzen ausgegossen hat. Gar nicht so einfach. Erst wenn man der Öffentlichkeit Erde stehlen will, merkt man, wie betonlastig Shanghai doch ist. Freilich, überall sind Bäume gepflanzt und bunte Blumen leuchten aus großzügigen Beeten und Blumenkästen, aber frei verfügbare Erde gibt es nirgends. Die Bäume sind direkt in den Gehweg zementiert oder ihre Parzellen sind mit Netzen vor dem Erde-Klau gesichert und in den Parks wird einem der Zugang zu den Beeten durch Zäune (und Verbotsschilder) verwehrt und ich möchte nun wirklich nicht vor den Augen aller als ach so reicher Ausländer da drüberklettern, um mit einem Teelöffelchen bewaffnet den Stiefmütterchen die Erde wegzugraben (und am Ende doch noch im Arbeitslager zu landen).

No Stepping
„Dieses Verbot wird Ihnen präsentiert von Cornetto“

Jetzt habe ich mir also Erde aus dem Blumenladen besorgt, genau aus dem, von dem ich dachte, dass er keine Blumenerde verkauft, weil ich auf den 3×4 m Ladenfläche, die gleichzeitig ein Maklerbüro sind, im Vorbeigehen noch nie Säcke gesehen habe. Konnte ich auch nicht. Weil man Blumenerde hier scheinbar nur in 1 Liter-Tütchen verkauft.

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4 Gedanken zu “Shanghai QuerBeet #1 | Erde

  1. So, wollte gerade ein Witzchen machen, dass das Verbotsschild wohl von Langnese gesponsort wurde, und jetzt ist das tatsächlich der Fall? 😉

    Freut mich ja, dass dich mein Frühlingszwiebelpost inspiriert hat!

    1. Ach, den Post hab ich schon vor fast 2 Wochen geschrieben und dann sofort wieder vergessen. Dein Post hat mich jetzt wieder dran erinnert und dann hab ich hier schnell Taten folgen lassen 😉

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