China glotzt #1 | Eine Einführung ins chinesische Fernsehen

Fernsehen prägt. Wie sehr man sich an das eigene Fernsehprogramm aber tatsächlich gewöhnt hat, merkt man erst, wenn man es nicht mehr hat. Fast dreißig Jahre lang lebte ich also mit der deutschen TV-Landschaft mit all ihren Höhen und Tiefen. Ich wusste, dass nachmittags nur idiotische Talk- bzw. Gerichtsshows laufen, sich die primitivsten Monsterfilmchen immer auf RTL2 finden ließen, N24 mit Cocktail und Freundin am meisten Spaß machte, die guten Filme erst nach Mitternacht gesendet wurden und ich zuletzt wochentags ab 20:15 Uhr überhaupt keine Möglichkeit zum Fernsehen mehr hatte, weil quasi überall nur noch Krimiserien liefen. Das war eine Regelmäßigkeit; das wusste man, selbst wenn man keine Fernsehzeitung abonniert hatte, sich noch seltener durch Online-Programmzeitschriften klickte und sich nur rudimentär vor den Fernseher bequemte, um sich einmal durch die überschaubare Anzahl an Sendern zu zappen und dann genervt aufzugeben.

Und dann, plötzlich—anderes Land, anderer Kontinent, andere Fernsehsitten. Eine Fernbedienung und ein komplett anderes Programm auf rund 100 Kanälen! Ein Programm, das man durch exzessives Zappen erst kennen lernen, in das man erst hineinwachsen muss. Was kann ins Töpfchen und was ins Kröpfchen? Die absolute Überforderung! Denn auf den ersten Blick ist alles fürs Kröpfchen. Und obendrein ist alles auf Chinesisch! Das Zappen nervt spätestens ab Kanal 50 und in all dem Wust auch noch ein Muster erkennen zu können scheint eine Wissenschaft für sich. Welcher Sender bedient welche Sparte? Wo und wann laufen Filme und gibt es da überhaupt eine Regelmäßigkeit? Nach welchen Regeln spielen die unzähligen Datingshows am Wochenende, warum haben so viele TV-Männer eine Glatze, gibt es chinesische Pendants zum deutschen Unterschichtenfernsehen und auf welchen Sendeplätzen finde ich das alles überhaupt?

Ich hätte nie gedacht, dass es so aufwändig sein würde, sich in ein völlig neues Fernsehprogramm einzufinden. Zumal es einem die Chinesen nicht leicht machen: Moderatoren in Uniform, in metrosexueller Aufmachung oder bieder mit dicker Hornbrille, Pullunder und passender Fliege (und dabei eventuell erst Anfang zwanzig!); Frauen, die in adretten 50er-Jahre-Posen auf Barhockern in einem virtuellen Studio hocken und die nächste MAZ ansagen; zu Tüllprinzessinnen gestylte junge Frauen, die im Fernsehen nach einem Mann suchen; Soldaten, die in Shows alberne Parcours durchlaufen, um den Besten ihrer Art finden; Flugzeugträger und Kriegsdokumentationen auf einem eigens dafür eingerichteten Militär- bzw. Geschichtsdokumentationskanal; einschläfernde Talkrunden mit Männern in Anzug und Krawatte; überall Seifenopern, in dene saureiche Chinesen weinen und intrigieren oder sich als Soldaten im Bürgerkrieg gegenseitig die Birnen wegballern; Chinesen als 30er-Jahre-Gangsterbosse mit dünnen Oberlippenbärtchen, die weinen, intrigieren und sich gegenseitig die Birnen wegballern (und nebenbei saureich sind); Chinesen in antiken Kostümen, die am Papkulissen-Kaiserhof weinen und intrigieren oder sich in schlecht inszenierten Kampfsequenzen gegenseitig Kung-Fu-Schritte um die Ohren hauen. Abendshows sind bunt und laut, mit viel Gesang und Kitsch; seriöses Programm ist bieder und einschläfernd; Jackie Chan wirbt für Haarwuchsmittel und Canon und Jay Chou quasi für alles andere; und zwischendrin hin und wieder mal gnädigerweise ein Filmchen. Alte Hongkongfilme, die in Deutschland auf dem Index stehen, laufen hier unbekümmert im Nachmittagsprogramm, abends dann Hongkong/China-Filme neueren Datums und hin und wieder mal ein Hollywood-Film, von alt (»Top Gun«), über kindisch (»Space Buddies«) bis Trash (»Frankenfish«), meistens auch noch grottenschlecht auf Chinesisch synchronisiert.

Das alles soll jetzt nicht heißen, dass das chinesische Fernsehen schlechter oder besser wäre als das deutsche. Es ist eben nur anders schrottig. Ob man mit dem chinesischen Fernsehen dennoch gut unterhalten werden kann, kommt auf die individuelle Toleranzgrenze für Trash an. Und die liegt bei Chinesen offensichtlich ganz weit oben.

Demnächst mehr!


(Gefühlte?) Zusammensetzung des chinesischen Fernsehprogramms

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s