Eine haarige Angelegenheit

Der einfallslose Titel lässt es schon vermuten—es geht um Friseure. Irgendwann kommt man auch in Shanghai nicht mehr drum herum und steht erst mal vor der großen Frage: welcher soll’s denn sein?

Auf jeden Einwohner Shanghais kommen gefühlt zehn Friseure und so hat man die Qual der Wahl, wenn sich in sämtlichen Straßen der Gegend Friseursalons in 100-Meter-Abständen aneinanderreihen. Den teuren Meisterfriseur aus Japan, der den Münchner Friseurpreisen in nichts nachsteht (oder diese sogar noch toppt), gibt es ebenso zur Auswahl wie Friseurketten für die Mittelschicht und kleine Lädchen in Seitengassen, die neben Herrenschnitten zu je 5 Yuan (ca. 50 Cent) auch einen Schlüsselnachmachservice anbieten.

Wer keine Entscheidungen treffen kann, hat bei dieser Angebotspalette schon verloren. Ich zum Beispiel. Der Einfachheit halber wollte ich also jenen Friseursalon aufsuchen, der unserer Wohnung am nächsten ist. Zum Friseur geht man in China, wie zu so vielem anderen auch, ohne Termin. Folglich ist das mit den Wartezeiten so eine Art Glücksspiel. Und wie sich herausstellt, hatte zumindest der ausgewählte Friseur am Sonntag Abend um 21 Uhr volles Haus. Warten wollte ich aber nicht; ich wollte unbedingt noch am selben Abend und vor allem sofort zum Friseur. Nicht einen Tag länger wollte ich den Mop auf meinem Kopf ertragen. Meine Haare haben sowieso die Angewohnheit, dünn, kraftlos, stumpf, splissig und alles andere zu sein, was angeblich all die Wunderprodukte in der Werbung verhindern können. Wenn diese Haare dann auch noch täglich dem chlorversetzten Shanghaier Leitungswasser ausgeliefert sind, werden sie nur noch unansehnlicher. [Das wird übrigens nur noch vom Leitungswasser in Nanjing getoppt, wo ich die Haare nach zweiwöchigem Aufenthalt gerade mal bis zur Hälfte bürsten konnte, ehe die Zacken der „Made in China“-Plastikbürste in dem unbezwingbaren Gewölle abbrachen.]

Sofort zum Friseur zu wollen bedeutete aber auch, genau zu dem Friseur gehen zu müssen, in den man dank Minderwertigkeitskomplexen nun wirklich nicht wollte: nämlich zu dem Friseur schräg gegenüber des eigentlich gewählten. Täglich komme ich an der Filiale dieser Friseurkette vorbei, wo junge Frauen in adretten Stewardesskostümen den Türsteher mimen. Die Friseure—vornehmlich junge, schmale, cool frisierte Typen—sind als Piloten verkleidet und tragen Krawatte, Hemd und Sterne auf den Schulterklappen. Fehlt nur noch die Aviatorsonnenbrille. Das ist einfach zu cool für mich!

Nun ist es auch noch so, dass ich Haareschneiden für eine höchst intime Sache halte. Man gibt sich ja schließlich völlig in fremde Hände, muss an sich herumfingern lassen, sich dabei ununterbrochen im Spiegel sehen und dem Friseur schon nach dem ersten Schnitt mitteilen, wie toll die neue Frisur aussieht (bevor er sich beleidigt selbst danach erkundigt) und dann auch noch unliebsamen Smalltalk treiben (was in China ja zum Glück wegfällt). Am liebsten würde ich das ja in einem einsamen Kämmerlein tun. Nun befinden sich beim Pilotenfriseur aber sämtliche Arbeitsplätze direkt an der großzügigen Fensterfront zur vielfrequentierten Straße hin, und von den rund zwanzig praktizierenden Friseuren haben rund siebzehn meist nichts anderes zu tun, als gelangweilt mit ihren Smartphones zu spielen oder Löcher in die schicke Decke zu glotzen. Für die würde man eine willkommene Abwechslung darstellen. Als Ausländer wird man ja sowieso schon ständig als Exot angestarrt, da gibt es nur noch eine interessante Steigerung: Ausländer beim Friseur. Und dann diese Vorstellung: ich unter zwanzig coolen Piloten. Da kann ich nicht rein. Da muss man mich reinprügeln!

Schlussendlich war dann doch der Wille stärker als die Angst, sich zu blamieren. Eine Stewardess wusch mir also die Haare (und kommentierte diese zusammen mit ihrer Kollegin und deren Kundin) und reichte mich dann weiter an einen Piloten, der gar keiner war. Er trug zwar ein weißes Hemd, aber weder Krawatte noch Schulterklappen. Da waren wir wohl an einen Anfänger geraten. Na toll! Außer »hello«, »bye-bye« und »sorry« (offensichtlich die drei essenziellen Sätze für einen Friseur) konnte er auch kein Englisch. In weiser Voraussicht hatte ich ein Bild mitgebracht, das als Vorlage dienen sollte: Ich wollte eine schicke Kurzhaarfrisur, wie jedes Mal, wenn ich von meinen langen Haaren die Schnauze voll habe. Und jedes Mal gehe ich dann zum Friseur, um mir dort entrüstet sagen lassen zu müssen: »So viel soll ich abschneiden!?« Friseur-Parlando scheint auf der ganzen Welt gleich zu sein. Denn auch mein Nachwuchspilot ließ diesen Kommentar vom Stapel, ehe er sich überraschend viel Zeit nahm, um die Vorlage auswendig zu lernen. Seine Kolleginnen und Kollegen gaben sich im Folgenden sehr interessiert an meinem mitgebrachten Bild sowie an der Prozedur im Allgemeinen, liefen ständig neugierig an uns vorbei, mussten rein zufällig ausgerechnet immer an die eine Schublade, die an meinem Platz angebracht war, und sicherten sich in den freien Stühlen neben mir die besten Zuschauerplätze.

Die Haarschneideprozedur an sich (im Wert von 30 Yuan/ca. 3 Euro) war enttäuschend unspektakulär, aber dann doch etwas willkürlicher als in Deutschland, mit mehr Hang zum »schau mer mal, was passiert, wenn ich hier was wegschneide«. Obendrein wurde auch noch mit einer stumpfen Schere hantiert, die aber offensichtlich noch scharf genug war, dass sich mein Nachwuchspilot selbst in den Finger schneiden konnte. Sein Hilferuf an seine Kollegen, ob ihm nicht einer eine gute Schere leihen könnte, blieb unerhört. Die meisten hatten ihre Utensilien schon weggeschlossen, sich umgezogen und warteten sowieso bloß noch auf ihn, weil sie nach Ladenschluss noch zum Karaoke wollten. Als meine Frisur dann einigermaßen fertig war, entschuldigte er sich plötzlich und verschwand. Einer seiner Kollegen, schon in Straßenkleidung, fönte mir dann die Haare recht schick, bis sich seine Kolleginnen um mich scharten und mit neidischem »oh, wie schön!« kommentierten. Da kam aber auch schon mein Pilot zurück und meinte, ich solle noch mal wann anders kommen, weil Feierabend und Party und die Geräte sind sowieso weggeschlossen und was weiß ich und »sorry, sorry«.

So halbfertig durfte ich dann nach Hause gehen. Nach dem Waschen zu Hause sah die Frisur natürlich grauenhaft aus. Eine Katastrophe! So schlimm war das noch nie! Als wir dann am nächsten Abend wieder bei den Piloten auf der Matte standen, sollten mir für 400 Yuan die Haare geglättet werden. Herr M., der seine Artgenossen sowieso allesamt für Betrüger hält, dirigierte mich dann eben zu einem anderen Friseur und feilschte dort eine geschlagene halbe Stunde um den Preis, bevor ich dann endlich weiterbearbeitet werden konnte. Das Layout der Geschäftsfläche war zu meinem Glück verwinkelter, so dass mir wenigstens die Blicke glotzender Passanten erspart blieben. Ohne Zuschauer lief die Behandlung aber trotzdem nicht ab: die beiden Rentner, die im Salon als Haarzusammenkehrer arbeiten, saßen nämlich geschlagene zwei Stunden auf einem zerschlissenen Sofa und beobachteten mich ununterbrochen. Zu Teresa-Teng-Oldies, bröckelnder Decke und mit Klebeband gekitteter Kunststoffwandvertäfelung wurde ich von bis zu drei Friseusen gleichzeitig gewaschen, geglättet, erhitzt, gefönt, am Ohr verbrannt, nachgeschnitten und zu guter Letzt doch noch ansehnlich.

Zu blöd nur, dass so eine Kurzhaarfrisur schnell wieder nachgeschnitten werden muss, um nicht ganz beschissen auszusehen. Das heißt, dass der ganze Mist in Kürze wieder von vorn losgeht. Zu welchem Friseur ich dann gehen werde, weiß ich noch nicht. Bis auf Weiteres habe ich in meiner Nähe aber noch ein paar zur Auswahl.

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