Essen à la Schwiegereltern

Wenn meine Schwiegereltern zu Besuch nach Shanghai kommen, ist das immer ein kleines (nicht nur kulinarisches) Highlight. Negativ konnotiert ist dieses Ereignis wohl nur in Deutschland, denn zumindest meine Schwiegereltern möchte man am liebsten gar nicht mehr gehen lassen. Zwar sprechen sie keinerlei Fremdsprachen und Chinesisch nur mit dialektischer Färbung, was die Verständigungsmöglichkeiten entsprechend einschränkt, und doch lerne ich bei niemandem so einfach neue chinesische Begriffe, Tipps und Tricks für den Haushalt oder mehr über die chinesische Mentalität wie bei ihnen. Sie geben sich wirklich Mühe, mich dummen Ausländer in die Familie zu integrieren, sind herzlich und haben keinerlei Berührungsängste. Außerdem achten sie strikt darauf, dass man keinen Handschlag im Haushalt tut, so lange sie da sind. Keineswegs lassen sie sich von uns Gastgebern bekochen, sondern gehen täglich selbst runter zum Frischemarkt, um die besten Lebensmittel zu kaufen, die sie dann für den Rest des Tages in unserer Küche zubereiten. Jeden Tag wird das Nachhausekommen zum Abenteuer, da man nie weiß, was einen erwartet — nur neues Geschirr, tütenweise frisches Obst oder vielleicht sogar eine ganze Armee an Krebsen, die gerade etwas verplant über die Küchenanrichte krabbeln?

In China hat das Essen nun mal einen sehr hohen Stellenwert und wird dementsprechend zelebriert. In Deutschland zählt es ja schon als gehobenere Mahlzeit, wenn es zur Hauptspeise eine Vor- und/oder Nachspeise oder wenigstens einen Beilagensalat gibt. Diese Unsitte haben wir schon vor Jahren abgeschafft, da viel zu langweilig. Damals wurde ich deshalb oft um die Vielseitigkeit unserer Speisen beneidet (eine Lunchbox mit drei bis vier verschiedenen Gerichten hatte sonst nie einer mit), hier in China fügen wir uns damit still in die Gewohnheiten der Einheimischen. Denn in der Regel tischt man bei einem Essen eine Speise mehr auf als Personen am Tisch sitzen, egal ob man nun im Restaurant bestellt oder zu Hause selber kocht. Dementsprechend steht bei einem Schwiegerelternbesuch zweimal täglich ein Minimum an fünf Gerichten auf dem Plan, die für alle gut zugänglich in die Mitte des Tisches gestellt werden. Dabei wird auch auf die Vielfältigkeit der Speisen geachtet, also z.B. ein Fleischgericht, ein vegetarisches, ein Fisch (oder anderes Getier aus dem Wasser) und eine Suppe — sonst wär’s ja langweilig. Das Gute: Da das Essen für eine Mahlzeit viel zu viel ist, kann man es am nächsten Tag noch mal aufwärmen, ohne ein langes Gesicht ziehen zu müssen. Denn dank der Vielfältigkeit der Reste wird auch das Nochmalessen nicht öde.

Leider habe ich mal wieder vergessen, die Hälfte unserer kulinarischen Highlights zu fotografieren. Aber hier ist wenigstens eine kleine Auswahl an Gerichten, die uns meine Schwiegereltern so aufgetischt haben. Inzwischen sind sie wieder nach Hause gefahren. Was für ein Glück, dass wir in Kürze eine Woche Feiertage haben, um das Mondfest zu feiern — selbstverständlich ist da eine Reise nach Nanjing geplant.

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Abendessen im Uhrzeigersinn: Schnittknoblauch (»Jiucai«; links oben), Fleisch mit Sellerie und Mu’er, eine Suppe aus Ei und Blattgemüse, das nur in Nanjing angebaut wird, Fleisch mit »Gancai«, Fisch, Krebse


Mittagessen im Uhrzeigersinn: Gürtelfisch (links oben), Fleisch mit Bambusspitzen, Ente, Fischkopf, Wintermelonensuppe. Ein vegetarisches Gericht war zum Zeitpunkt des Fotos noch im Wok, ohne dass ich davon wusste…


Taro zum Frühstück: Die Wurzeln werden gedämpft, geschält und in grobkörnigen Zucker getaucht gegessen


Abendessen im Uhrzeigersinn: Ente (oben), Schweinefleisch mit Schnittknoblauch, Gürtelfisch, Krebse und knusprig gebratene Shrimps (die man auf dem Foto nicht sieht, weil die Krebse darüberliegen), Schweinefleisch mit selbstangebautem »Gancai«, panierter Fisch, »Kongqingcai«, Reste vom Fischkopf und Wintermelonensuppe (Mitte)

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10 Gedanken zu “Essen à la Schwiegereltern

  1. Wann sind deine Schwiegereltern in Deutschland? Sie müssen wirklich entzückend sein. Ich bekomme ein leichtes Hüngerchen 😉 und würde mich am liebsten durch alle Schalen probieren.
    lg magdalena

    1. Bei der älteren Generation ist Essen schon das Wichtigste. Zum Frühstück wird ganz viel Zeug gedämpft, z.B. Teigtaschen. Diese bereiten sie dann abends stundenlang vor (frieren aber auch ein großen Teil an). Mittags gehen sie auf den Markt für frische Zutaten und abends noch mal. Meine Schwiegereltern fangen mit dem Abendessen so um 16 Uhr an, damit um 19 Uhr alles auf dem Tisch steht, wenn mein Mann von der Arbeit heimkommt.

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