Nanjing | Auf einem chinesischen Friedhof

Neben Fressen, Shopping und Sightseeing stand in Nanjing ein Besuch beim Familiengrab an. Da außer denkmalgeschützten Sehenswürdigkeiten kaum noch was vom alten Nanjing übrig ist, ist es nicht weiter verwunderlich, dass man für den Bau einer neuen Autobahn auch schon mal einen ganzen Friedhof umsiedelt. Mehrmals. Inzwischen (momentan?) befindet sich dieser also auf einem Berg außerhalb der Stadt, auf den zwar ein Linienbus fährt, aber die Wahl eines schwarzen Taxis, das einen auf den Berg bringt, oben auf einen wartet und dann wieder nach Hause fährt, ist um einiges bequemer. Finden zumindest die Schwiegereltern.

So früh am Morgen und so weit draußen ist autotechnisch kaum was los. Selbst todesmutiges In-die-Kreuzung-Rasen verläuft ausnahmsweise mal ohne Adrenalinstoß. Die breiten Straßen sind gesäumt von heruntergekommenen Häuschen, von ihren Bewohnern trotzig am Leben gehalten, obwohl sie wahrscheinlich wissen, dass ihre Wohnungen in wenigen Jahren nicht mehr existieren werden. Die ersten Ruinen ragen nämlich bereits wie Skelette aus einem Schuttberg. Noch aber herrscht verschlafenes Leben hier draußen. Einige Geschäfte haben Stände auf dem Gehweg aufgebaut, um Frühstück zu verkaufen, Obsthändler parken am Straßenrand und dreirädrige Taxis warten auf Kundschaft.

Unser Taxi biegt in eine kleine Seitenstraße, die sich schmal und schlecht geteert einen Berg hinaufschlängelt. Ein paar Bauern mit Bambusstangen und Eimern über den Schultern kommen uns entgegen. Dann blitzen hinter dem satten Grün der Bergvegetation die ersten blendend hellen Grabsteine auf, fein säuberlich angeordnet in Reih und Glied. Hier herrscht die Uniformität sogar im Tod.

Auf dem Friedhof ist es still, die Luft frisch, der Himmel blau — keine Selbstverständlichkeit in Nanjing. An einigen Ständen kann man Gold- und Silberpapier sowie Geldscheine für das Totenreich (»hell bank note« wie der englische Auftritt auf den Geldscheinen verkündet) kaufen — Opfergaben für die Verstorbenen. Wir brauchen das nicht. Schon vor Tagen haben wir uns damit eingedeckt und zu Hause aus dem Gold und Silber drei Taschen voll kleiner Schiffchen gefaltet, die einer antiken Währung nachempfunden sind.

So bepackt bahnen wir uns den Weg zum Familiengrab. Einfach ist das nicht. Die steinernen Sarkophage, in denen die Urnen der Verstorbenen aufbewahrt werden, stehen dicht gedrängt; die Gassen zwischen den einzelnen Reihen sind so schmal, dass man kaum einen Fuß vor den anderen setzen kann. Zu jedem Steinsarkophag gehört ein Grabstein (in der protzigeren Version mit steinernen Drachen verziert) und ein Baum. Die wachsen wild, genauso wie das Gestrüpp, das manche Pfade bis zur Unkenntlichkeit überwuchert hat. Ahnenkult hin oder her, Grabpflege betreibt hier keiner. Obendrein sollte man auch noch auf Schlangen acht geben. Der Berg umfasst nämlich auch das Grab eines Kaisers — und wo ein Kaiser begraben ist, da kommt er dem Aberglauben nach in Gestalt von Schlangen wieder.

Am Grab werden die Geschenke geopfert, bevor wir wieder nach Hause fahren. Das Zeremoniell erweist sich als kurz und schmerzlos — ein bisschen Unkraut zur Seite schaffen und dann die Geldscheine und selbstgefalteten Schiffchen vor dem Grab verbrennen. Will man die Taschen, in denen man die Opfer mitgebracht hat, nicht mehr, verbrennt man diese gleich mit — egal ob Papier oder Plastik. Und wenn gerade Müll in der Nähe liegt (was in China leider selbst auf einem Friedhof der Fall ist), wirft man den gleich noch mit auf den Haufen.

Da man in China aus abergläubischen Gründen weder auf Friedhöfen noch das Geld der Toten fotografieren darf, gibt es an dieser Stelle keine Bilder davon. Stattdessen habe ich hier noch ein paar Eindrücke von unserer Fahrt raus aus Nanjing:

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