Was nicht passt – Das Ende des Dorfs Jiulong

Abriss

Was nicht passt, wird in China nicht passend gemacht, sondern abgerissen. Deswegen sehe ich in Shanghai auch öfter als mir lieb ist das Zeichen »拆« auf Hauswände gesprüht. Das bedeutet »chāi«, zum Abriss freigegeben. Eben sind die letzten Häuschen und Wohnblöcke aus den 70ern dran. Wir haben Glück: Unsere Häuser sind erst in den 80ern entstanden. Wir können also noch das ein oder andere Jahr hier wohnen bleiben. Hoffentlich.

In Nanjing scheint mir die Abrisspolitik mindestens genauso rigoros. Bei meinem Besuch zum Neujahrsfest vermisste ich gleich mehrere Viertel, egal ob Stadtmitte oder am Stadtrand.

Damals

Als ich im März 2011 zum ersten Mal nach China kam, war einer von Nanjings Randbezirken mein erster Anlaufpunkt. Jiulong, das Dorf am Stadtrand mit seinen bunt zusammengewürfelten Garagenläden, seinen engen Gassen mit kleinen Boutiquen, Friseuren und Opas Uhrreparaturwerkstatt prägte meinen ersten Eindruck des Landes: arm und schmuddelig, aber auch wahnsinnig lebendig und sympathisch.

Heute

2014 bleiben Fotos und Erinnerungen. Von dem Dorf mit dem kaputten Charme ist kaum noch was übrig. Die Bewohner sind weg, die Häuser leer. In den Wänden klaffen Löcher, wo einstmals Fenster und Türen waren. Einige Gebäude sind schon ganz abgerissen. Wo doch noch Leben herrscht, wartet schon der Bagger, im Hintergrund ragen gesichtslose Neubauten und Riesenbaustellen in den versmoggten Himmel. Nur vereinzelt wohnen noch Leute in dem Geisterdorf – wie lange wohl noch?

Abriss
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Abriss
hundi

Erst neulich habe ich gelesen, dass allein im letzten Jahr über 9000 chinesische Dörfer, darunter auch viele historisch relevante, dem Erdboden gleich gemacht wurden. Und der Wahnsinn geht weiter.

EDIT: August, 2014: Jiulong ist inzwischen komplett platt gemacht.

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16 Gedanken zu “Was nicht passt – Das Ende des Dorfs Jiulong

  1. Wow .. das ist irgendwie schon traurig und heftig. Veränderung ist ja gut, aber wenn Orte mit Charme irgendwie plötzlich verschwinden, ist das schon sehr befremdlich. Ich mag den Charme des verlassenen Dorfes. Aber für die Dorfbewohner ist das bestimmt nochmal was anderes 😦

  2. Gibt es mittlerweile eine Art Denkmalschutz wie in Deutschland für China?
    Oder werden heute immer noch alte Gebäude, Denkmäler oder sogar ganze Ortschaften abgerissen?

    Grüße aus Bayern,
    Michael

    1. Ja, so einen Denkmalschutz gibt es schon. Dazu muss das Gebäude oder das Dorf historisch relevant sein. Wenn man also gut argumentieren kann, dass in dem Haus mal ein berühmte Persönlichkeit gewohnt hat, hat man evtl. Glück und das Haus wird unter Denkmalschutz gestellt. Aber generell ist das halt eher selten der Fall und so wird immer noch alles abgerissen, was im Weg ist …

  3. Ich kann das gut verstehen, was du empflindest. Meine erste Wohnung, die ich in Peking hatte, musste vor zwei Jahren auch einem Einkaufszentrum weichen. Mit dem Abriss ging ein Teil meiner Erinnerungen verloren und vielleicht auch ein Teil von mir selber, da diese Wohnung doch ein sehr spezieller Ort für mich war, den es nun eben nicht mehr gibt.

    Aber ich denke, wenn wir das auf einer weniger emotionale Art betrachten, dann ist ja das meiste, was abgerissen wird, auch nicht wirklich erhaltenswert. Die schnell hochgezogenen Imbisbuden und Wohnhäuser waren ja von Anfang an nicht für die Ewigkeit gedacht und die Lebensqualität in solchen alten Wohnungen ist teilweise ja echt ziemlich mies. Die alten Hutonghäuser in Peking haben beispielsweise nicht einmal eine Toilette. Ich habe mir eine Weile damit geliebäugelt in so ein historisches Haus zu ziehen, aber ehrlich gesagt habe ich keine Lust, nachts alle zwei Stunden aufzustehen, um einen neuen Kohlescheit in die Heizung zu legen und mir zum Pinkeln den Wintermantel anziehen zu müssen.

    Ich weiss nicht, wie sehr du das chinesische Hinterland und seine Dörfer besucht hast. Ich war gerade von ein paar Wochen in ein paar solchen Orten in Südshanxi (findest du auf meinem Blog). Das sind Dörfer, die nicht abgerissen wurden, aber die einfach daran sterben, dass die Leute in die Städte ziehen und ihre Dörfer vernachlässigen. Im historisch wertvollen Guoyu war geschätzt jedes zweite Haus in einem Zustand, der eine Renovation mehr oder weniger ausschloss. Das ist schade, aber letztlich auch verständlich.

    1. „Mit dem Abriss ging ein Teil meiner Erinnerungen verloren und vielleicht auch ein Teil von mir selber, da diese Wohnung doch ein sehr spezieller Ort für mich war, den es nun eben nicht mehr gibt.“

      Das klingt immer so doof, aber so ist es schon irgendwie!

      Klar, nüchtern betrachtet lohnt sich der Erhalt der Häuser meistens nicht (auch wenn ich glaube, dass man aus vielen was Nettes machen könnte, wenn man sie entsprechend renovieren würde). Als wir neulich auf Wohnungssuche waren, ist es mir auch wieder stark aufgefallen. Die Häuser sind einfach total am Ende und ja, der Komfort lässt oft schwer zu wünschen übrig.

      Ich habe auch schon mal versucht, etwas weniger sentimental über das Thema zu schreiben: https://littlebigasia.wordpress.com/2014/11/07/stadt-im-wandel-wie-fuhlt-sich-das-an/

      Durch so Dörfer, die an Landflucht sterben, bin ich auch schon gefahren. Aber da haben die Leute wenigstens noch so was wie eine Wahl – kann man sich zumindest einreden.

    1. Die sollen meist zwei Möglichkeiten haben: entweder sie bekommen als Entschädigung eine Wohnung „geschenkt“, meist in einem Wohnblock in schlechter Lage (Stadtrand, Industriegebiet usw.), oder sie suchen sich auf eigene Faust (und mit eigenem Geld) eine andere Wohnung …

    2. Wobei hier auch gesagt werden sollte, was der Grund dafür ist, dass die Leute anschlechtere Lagen ziehen (müssen). Tatsächlich ist es so, dass zumindest in den Grossstädten wie Pekung oder Shanghai inzwischen sehr anständige Entschädigungen bezahlt werden, die – wie mir Anwohner von einem Hutongquartier erzählten, das vor dem Abriss stand – sogar über dem Marktwert liegen.

      Das Problem ist nur: Diese Wohnungen haben oft nur 15 oder 20 Quadratmeter und es ist schlicht unmöglich, in neueren Häusern derart kleine Wohnungen zu finden. Deswegen müssen die Leute das Entschädigungsgeld nehmen und so weit rausziehen, bis sie sich mit dem Geld die kleinste Wohnung kaufen können.

      Das heisst dann auch konkret, dass die Leute zwar eine schlechtere Wohnlage haben, dafür aber eine grössere Wohnung. Das ist nicht unbedingt ein schlechter Deal.

      Eine ziemlich wohlhabende Bekannte von mir in Peking hat ihr Geld jeweils in Wohnungen gesteckt, die bald abgerissen wurden. Die Logik: Da die Entschädigungen über dem Marktwert sind, ist die Rendite im Fall eines Abbruchs überdurchschnittlich hoch. Das fand ich ein interessantes Investitionskonzept… 🙂

      1. Ein guter Punkt, an den ich so noch nicht gedacht habe. Die Leute bekommen also von Anfang an einen Wohnblock zugewiesen, der zu ihrem Geldbeutel passt, und der liegt logischerweise nicht so gut. (Ich habe immer vermutet, sie müssen an den Stadtrand, damit da überhaupt einer wohnt ;-))

        Aber ob das wirklich so ein guter Deal ist: schlechtere Lage, größere Wohnung? Ich kenne viele, die ganz weit draußen wohnen und nur schimpfen. Meine Schwiegereltern sind unzufrieden (nach 20 Jahren vermissen sie immer noch die Annehmlichkeiten eines eigenen Häuschens mit Garten) und unser Vermieter, der, um Geld zu sparen, an den Stadtrand gezogen ist, hielt das dort nach einem Jahr nicht mehr aus. Auch viele Freunde haben sich (aus freien Stücken) am Stadtrand was gekauft, weil die Wohnungen da billig und groß sind. Viele bereuen das jetzt. Ich glaube, inzwischen wird erkannt, dass die Lage eben doch nicht unerheblich ist. Aber gut, wer früher auf 15 m² ohne fließendes Wasser gewohnt hat, der freut sich wohl über eine größere, bequemere Wohnung, egal wo sie liegt.

        Diese Investitionskonzepte sind mir auch schon aufgefallen. Deswegen renovieren die Leute in den alten Häusern wohl auch ihre Wohnungen wie blöd – dann fällt die Entschädigung noch höher aus. Das kann eigentlich die einzige Erklärung sein, warum man so viel Geld in Wohnungen steckt, die ganz offensichtlich in spätestens fünf Jahren oder so nicht mehr da sein werden.

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