Laoshan – Schlange stehen in Qingdao

Laoshan

»Páiduì« sagen die Chinesen und meinen »Schlange stehen«. Im Alltag sind sie nicht gerade Meister in dieser Disziplin. Da zählt in der Regel noch das Recht der spitzeren Ellenbogen, klobigeren Nachziehkoffer und stärkeren Armmuskulatur. Liegt vermutlich daran, dass man in China schon im Urlaub den größten Teil seiner kostbaren Zeit mit páiduì verbringen muss. Das kommt davon, wenn das ganze Land zur gleichen Zeit Ferien macht.

Laoshan – Wiege des Taoismus

Nachdem der erste Eindruck von Qingdao ein eher gemischter ist (ich berichtete), setzen wir unsere Hoffnung auf Laoshan, den urigen Berg, der da an einem Landzipfel ins Wasser abfällt. Der Laoshan gilt mit seinem Kloster »Tàiqīng Gōng« als Wiege des Taoismus.

Weil seine rar gesäten Sehenswürdigkeiten weit genug auseinander liegen, kann man Profit draus schlagen, indem man um den Berg einen Zaun zieht, die Ziele mit Reisebusstrecken verbindet und satten Eintritt verlangt. Oder wie es ein chinesischer Tourist treffend formuliert: »Kommen Sie zum Laoshan. Wir haben hier so wenig zu sehen, dass wir die Ziele mit Bussen verbinden müssen, um ein Tageserlebnis draus machen zu können!«

Anfahrt

Mit einem scheppernden Linienbus geht’s eine Stunde lang raus in die Pampa, ehe der Bus neben einem riesigen Parkplatz hält. Dort übt man sich eine halbe Stunde in páiduì für die überteuerten Eintrittstickets und macht das gleiche Spiel dann noch einmal zehn Meter weiter rechts in den Schlangen für die Reisebusse. Die fahren in hoher Frequenz hinter elektrisch gesicherten Schranken ab. Um diese zu passieren, erkämpft man sich das Vorrecht, auch endlich mal durchgehen zu dürfen, und lässt sich anschließend das Ticket und »zhǐwén, bitte«, DEN FINGERABDRUCK scannen! Hochsicherheitsmaßnahmen fürs Bergwandern olé!

Auf dem Berg

Der Reisebus karrt uns zum ersten Touristenhotspot. Hier gibt’s wunderschönen Blick aufs Meer und Imbissstände für den kleinen Hunger (bei Ankunft ist es immerhin schon Mittag). Anschließend hat man mehrere Möglichkeiten:

  1. páiduì für einen Bus, der einen ans nächste Ziel bringt,
  2. eine große Wanderung durchs Gebirge, die sich zeitlich nur schaffen ließe, wäre man bereits bei Sonnenaufgang hier angekommen, oder
  3. die kleine Route Fußmarsch zur nächsten Sehenswürdigkeit.

Weil die ursprünglich geplante Wanderung zeitlich nicht mehr drin ist, entscheiden wir uns notgedrungen für die kleine Route, um auf unserem Ausflug wenigstens noch etwas anderes unternommen zu haben als Busfahren und Schlangestehen. Nach einer halben Stunde Treppensteigen auf nagelneuen Betonstufen kommen wir am Ziel an: eine halb asphaltierte Straße mit Parkplatz, großer Baustelle und unendlich langer Schlange an einer Bushaltestelle. Und die Sehenswürdigkeit? Keine in Sicht.

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: páiduì für den Bus ganz nach oben oder páiduì für den Bus zurück nach unten. Ich entscheide mich für Nummer 3: páiduì für Toilette, in der eine Plastikschüssel mit schmutzigem Wasser das Waschbecken ersetzt.

Als ich auf den Platz zurückkomme, muss ich mit Entsetzen feststellen, dass Herr M. in einer der Schlangen eingepfercht steht. Ich boxe mich zu ihm durch, will wissen, warum er ansteht. »Das ist die Schlange für den Bus nach unten.« Wie sich eine Stunde später herausstellt, ist es nicht die Schlange für den Bus nach unten. Also noch mal eine Stunde páiduì in der anderen Schlange.


Vokabellernen in Aktion: 排队 (páiduì) = Schlange stehen [Bildausschnitt]

Fazit

Lohnt sich ein Ausflug zum Laoshan? Offensichtlich ja – diese Menschenmasse kann ja kaum irren. Warum lohnt es sich? Das weiß ich leider auch nicht.

Ob wir mit unserem Strandbesuch in Qingdao mehr Glück hatten? Siehe: Wo, bitte, geht’s zum Badestrand?

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8 Gedanken zu “Laoshan – Schlange stehen in Qingdao

  1. haha sehr geil.. die bilder sind aber sehr schön! ich war so froh, dass wir unsere reisen immer auf die zeiten gesetzt haben wenn die chinesen ihre freien tage nacharbeiten mussten (nix mit 2,5 stunden schlangestehen in xi’an zum beispiel). das „waschbecken“ geht ja noch, finde ich.. in shaoxing hatte ich das ekelhafteste chinesische kloerlebnis überhaupt: ein dreierklo bestehend aus einer dreckigen regenrinne, kleinen trennwänden (immerhin) und fremder pipi die unter mir langläuft..

    1. Ich wünschte, ich könnte auch zu anderen Zeiten reisen…
      Oh ja, die Rinnen sind so das schlimmste, was passieren kann. Ich hatte das einmal komplett ohne Sichtschutz und dazu 20 wartende Frauen, die einem schamlos beim Geschäftemachen zuschauen ….

  2. Ohje, die Schlange sieht wirklich übel aus. Sowas kann ich überhaupt nicht gut haben. Ich kann das nicht leiden, wenn ich lange auf einem Fleck stehen muss, mir tun die Füße weh, der Rücken, dann muss ich zur Toilette und Durst und Hunger habe ich auch. Da bevorzuge ich dann immer ganz schnell den Fußweg, sofern es irgendwie geht, egal wie weit ich dann laufen muss. Das ist mir dann im Zweifel alles lieber als auf einem Fleck zu stehen 😀

    Die Aussicht ist aber wirklich schön!

    Liebe Grüße
    Sarah

    1. Ich hasse das Stehen auch, Mir tut dann auch sofort alles weh. In dem Fall hätte es aber nichts gebracht, den Weg zu Fuß nach unten zu gehen, weil wir unten in einer ebenso langen Schlange auf den Bus nach Hause hätten warten müssen. Die 60 km oder so zurück in die Stadt hätte man unmöglich laufen können, sonst hätte ich auch gern aufs Busfahren verzichtet 😉

      Und ja, der Berg an sich wäre schon schön gewesen …

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