Shanghaier Ghetto – Auf den Spuren der Juden in Shanghai

Shanghaier Ghetto

Im zweiten Weltkrieg flohen rund 20.000 deutsche und österreichische Juden nach Shanghai, wo sie unter primitivsten Bedingungen leben mussten. Noch heute sind von dieser in Vergessenheit geratenen Geschichte Überreste in Shanghai zu finden.

Das jüdische Ghetto

Shanghai war schon immer eine internationale Stadt. Trotzdem ist die Geschichte des jüdischen Ghettos in Shanghai eher wenig bekannt. Ich muss gestehen, dass ich selbst erst davon erfahren habe, als ich beim Wichteln zufällig den Roman »Torte mit Stäbchen« gewonnen habe – die Geschichte eines jüdischen Mädchens in Shanghai. Ab da war mein Interesse umso größer. Bei nächster Gelegenheit statteten wir der Gegend des ehemaligen Ghettos in Hongkou einen Besuch ab.

Shanghaier Ghetto, 1943
Shanghaier Ghetto, ca. 1943 (via Wikimedia commons)

Die Juden in Shanghai

Shanghai, 1937. Nach einer verlustreichen Schlacht fällt die Stadt an die Japaner. Weil so eine Einreise ohne Visum möglich wird, fliehen im zweiten Weltkrieg rund 20.000 deutsche und österreichische Juden in die Stadt in Fernost.

Im Shanghaier Elendsviertel Hongkou werden sie unter primitivsten Bedingungen mit armen Chinesen in einem Ghetto zusammengepfercht. Zu zehnt in einem Zimmer zu leben ist keine Seltenheit. Die Lebensmittel sind knapp, die hygienischen Verhältnisse katastrophal. Ständig grassieren Krankheiten. Hinzu kommt bald, dass die Juden das Ghetto kaum noch verlassen dürfen, was eine geregelte Arbeit nahezu unmöglich macht.

Erst nach Ende des Krieges wird das Ghetto aufgelöst. Fast alle Juden verlassen daraufhin Shanghai. Die meisten siedeln in die USA oder nach Australien über.

Hongkou heute

Heute ist die Gegend wieder fest in chinesischer Hand. Trotzdem gibt es in Hongkou immer noch Spuren von damals zu sehen. Um die Zhoushan Lu gruppieren sich dieselben heruntergekommenen Häuschen wie einst. Ihre Bewohner sind einfache, arme Leute, die einem Ausländer interessiert hinterherglotzen. Wie Jahreszahlen unter einigen Giebeln verlauten, wurden viele der kleinen Häuser in den 1910er Jahren erbaut. Es sind also Originale, das Damals ist noch spürbar.

Allzu viel scheint sich an der Lebensweise nicht geändert zu haben. Die Menschen kochen direkt auf der engen Straße. Überall brutzelt es in großen Töpfen und Woks. Geschirr wird auf dem Gehweg gespült, Gemüse auf dem Boden verkauft. Und noch immer wirft eine hohe Mauer ihren Schatten auf die simplen Garküchen und kleinen Werkstätten. Dahinter liegt das ca. 1903 von den Engländern gebaute Tilanqiao-Gefängnis, das eine Zeit lang als der größte (und mit der härteste) Knast der Welt galt.

Eine Straße weiter reihen sich stattlichere Wohnhäuser aus grauem und rotem Stein aneinander. Viele Haustüren stehen offen, man kann ins Treppenhaus sehen. So schön die Fassade auch wirkt, innen scheint es noch immer primitiv zu sein. Krumm gelaufene Holztreppen führen nach oben, am Eingang oft noch ein Gemeinschaftswaschbecken. Hier lebte u.a. W. Michael Blumenthal, der spätere US-Finanzminister.

Um die Ecke steht der schöne Xihai-Tempel, überall riecht es nach Räucherstäbchen. Die Menschen verbrennen ihre Gaben für die Verstorbenen direkt auf der Straße, um sich den Eintritt (5 RMB) zu sparen.

Auch nicht weit ist das Jüdische Museum (Jewish Refugee Museum, Eintritt 50 RMB) sowie der winzige Huoshan-Park. Nachdem er während der Kulturrevolution geschlossen blieb, erinnert er heute wieder an die Juden. Hier treffen sich nun Rentner, die an schönen Tagen ihre Singvögel in die Bäume hängen, damit sie miteinander um die Wette singen können.

Das Tilanqiao-Gefängnis soll demnächst übrigens aufgelöst und zu Büroflächen umgebaut werden, um die Wohnpreise der Umgebung zu erhöhen. Lange kann das nicht mehr dauern. Denn das ehemalige Ghetto mit seinen alten Häuschen ist längst von Hochhäusern und Baustellen eingekreist. Wer sich für die Geschichte der Juden in Shanghai interessiert, muss sich also beeilen.

Literatur

Die Geschichte der Juden in Shanghai wurde bereits in mehreren Büchern aufgearbeitet. Ein besonders wichtiger Vertreter ist der Roman »Fern von wo« von Ursula Krechel. Leider habe ich ihn noch nicht gelesen – aber diese Rezension von Karin Koller hat mich davon überzeugt, dass ich das unbedingt noch nachholen muss. Für jüngere Leser kann ich Susanne Hornfecks »Torte mit Stäbchen« empfehlen, das eine ähnliche Geschichte etwas kindgerechter (d.h. harmloser) erzählt.

Anfahrt

Die Buslinien 13, 319 und 510 halten in einer Nebenstraße der Zhoushan Lu (舟山路) (Haltestelle: Haimen Lu – Zhoujiazui Lu (海门路 / 周家嘴路). Die U-Bahnstation Dalian Lu (大连路) der Linie 12 ist in der Nähe des Jüdischen Museums.

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6 Gedanken zu “Shanghaier Ghetto – Auf den Spuren der Juden in Shanghai

    1. Und ich habe es nicht ins Museum geschafft 😉

      Der Artikel ist allerdings schon alt und ich hatte dich längst verlinkt. Ich habe heute nur was im Text geändert. Seltsam, dass du deshalb gleich wieder eine Benachrichtigung bekommen hast …

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