(K)eine Türklingel in Shanghai

(K)eine Türklingel in Shanghai

In einer Zeit, in der Menschen, die so waghalsige Experimente durchführen wie einen Monat ohne Internet, Handy oder Toilettenpapier zu überleben, als Helden gefeiert werden, möchte ich das Ergebnis meines eigenen Selbstversuchs präsentieren: ein Leben ohne Türklingel. Huldigt mir!

Ding-Dong!

Sie klingeln schrill oder dudeln kitschige Musik, die so wunderbar zu den Hello-Kitty-Aufklebern im Badezimmer unserer alten Wohnung gepasst hat. Türklingeln sind in China zwar verbreitet, aber nicht die Regel.

In dem Nanjinger Wohnhaus, in dem meine Schwiegereltern wohnen, gibt es beispielsweise nicht einmal eine Haustür. Jeder kann jederzeit die Treppen aus Rohbeton hinaufgehen und an einer der durchnummerierten Wohnungstüren klopfen (oder Pornowerbung vor die Türen werfen und das Treppenhaus mit Telefonnummern für diverse Dienstleistungen bestempeln). Bessere Häuser in Shanghai haben am Eingang oft eine Tastatur, auf der man erst einen Hochsicherheitscode eintippen muss, um das Haus betreten zu können.

Hauseingang in Nanjing
Für alle offen, aber nicht einladend – Hauseingang in Nanjing

Dann gibt es noch die Wohnblöcke mit ganz normalen Klingelschildern am Eingang. Auf diesen stehen übrigens nicht die Namen der Bewohner, sondern die Zimmernummern. Die erste Zahl steht für die Etage, die hintere für die entsprechende Wohnung. In so einem Haus wohnen wir.

Wie man in China Stress vermeidet: resignieren

Klingeln und Türöffner sind an sich eine tolle Sache, werden in unserem Xiǎoqū aber eher stiefmütterlich gebraucht. Grund: Die meisten dürften wohl kurz nach der Montage kaputt gegangen sein. Huàile. Könnte man natürlich reparieren lassen, muss man aber nicht. Denn das würde unnötigen Stress und Ärger bedeuten. Also haben wir uns unauffällig in die Nachbarschaft integriert und ebenfalls resigniert. Schließlich lässt sich so eine Türklingel ganz ohne Kosten durch ein chinesisches Fenster ersetzen.

Unser Fenster, das zum Hauseingang zeigt, ist zum Beispiel lärmdurchlässig mit Klebeband an der Wand fixiert (deshalb klappert es auch immer so laut, wenn der Nachbar seine Wohnungstür schließt). Auch die dünnen Scheiben in ihren schlecht isolierten Aluminiumrahmen lassen jedes Geräusch durch. Freunde schreien also einfach unseren Namen, entfernte Bekannte rufen uns auf dem Handy an, wenn sie vor dem Haus stehen, und mein Schwager pfeift eine Erkennungsmelodie, die bis jetzt noch kein Nachbar überzeugend imitieren konnte.

Lieferanten mit Stimmvolumen

Dass im Haus mehrere Klingeln nicht funktionieren, erkennt man übrigens an den Lieferanten. Denn die brüllen alle möglichen Zimmernummern durch die Gegend – oft im Duett mit den Nachbarskindern, die einfach alles nachahmen, was sie hören. Da ist genaues Zuhören gefragt: »Hat der gerade 202 oder 302 gerufen? Ist das für uns? Unten steht ja gar keiner. Ist wohl der andere Hauseingang gemeint.«

Auch unsere Nachbarn im obersten Stockwerk haben scheinbar keine Klingel mehr. Denn die Lieferanten schmettern auch mal ein »601, kommt mal runter!« durch den Hof. Was für ein Glück, dass wir nicht mehr da oben wohnen.

Prioritäten, Prioritäten

Beim Wohnen in Shanghai muss man eben Prioritäten setzen. Mal ehrlich, was ist wichtiger: Innerhalb eines Monats ein Gasleck repariert bekommen oder eine Klingel? Wir bleiben weiterhin klingellos.

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6 Gedanken zu “(K)eine Türklingel in Shanghai

    1. Ich glaube inzwischen sowieso, dass Deutschland mit seinen Namen an den Klingeln eher in der Minderheit ist. Habe schon von vielen Ländern gehört, die nur die Nummern dran stehen haben.

  1. Wir leben auch ohne Klingel. Wer auf den Hof kommt hupt. Autohupen und die Hunde sind die Klingel. Denn die Wauzis sind auf Autohupen dressiert! Das klappt auch. Bei einem Mehrfamilenhaus wie bei Euch, stell ich mir das allerdings schwierig vor. 😉
    LG Susanne

    1. Tierische Klingeln sind natürlich auch nicht schlecht 😉

      So schwierig ist es in so einem Mehrfamilienhaus übrigens auch nicht. Wir sind dann halt auf die Rufe der Besucher trainiert 😀 Und der Kater kann irgendwie am Geräusch erkennen, wer unten die Haustür öffnet. Wenn es mein Mann ist, dann rennt er immer ganz erwartungsvoll zur Wohnungstür. Wenn andere Leute unten reinkommen, lässt ihn das kalt.

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