Wie Küchen in Shanghai aussehen

Küchen in Shanghai

Zwar nimmt das Essen bei Chinesen einen hohen Stellenwert ein, aber wo es zubereitet wird, ist nicht so wichtig. Küchen in Shanghai sind deshalb oft sehr klein und haben – was Ausländer immer wieder bemängeln – natürlich nicht den gleichen Standard wie deutsche. Trotzdem lassen sich hier die tollsten Gerichte zaubern (wenn man es kann).

Klein, aber oho

Küchen in Shanghai geizen oft mit Platz und Arbeitsflächen, wenn sie nicht gleich ganz ins Treppenhaus oder den Hinterhof ausgelagert sind. Oft sieht man die Leute vor dem Haus auf der Treppe sitzen und Gemüse zum Kochen vorbereiten. Meine Schwiegermutter kauert beim Bohnenpuhlen auch immer auf dem Wohnzimmerboden. Das scheint bequemer zu sein als stehend in einer engen Küche hantieren zu müssen.

Die Leute, die in ihren kleinen Garagengeschäften bei uns im Erdgeschoss wohnen, stellen eine mobile Kochstelle auf den Gehweg, holen den Wok raus und kochen direkt auf der Straße. In Shanghai ist eben alles möglich – je nach Schicht.

chinesische Küche
Unsere zweite Küche – klein, alt, aber akzeptabel

Wo ist der Kühlschrank?

Eine typische Shanghaier Wohnung hat normalerweise eine kleine Küche oder zumindest eine Kochnische direkt neben der Wohnungstür. Viel Platz bleibt da nicht, zum Beispiel für den Kühlschrank. Der steht aus Platzgründen meist im Wohnzimmer. Der Trend geht dahin, ihn ganz prominent schräg in einer Ecke zu positionieren, damit er so viel Platz wie möglich einnimmt und nicht übersehen werden kann. Ob er als Statussymbol zählt – zumal er auch immer so groß wie möglich sein muss?

Hello-Kitty-Kühlschrank
Wer kann noch von sich behaupten, mal einen Hello-Kitty-Kühlschrank besessen zu haben?

Wenig Gerätschaften

Wer wenig Platz hat, der häuft auch nicht so viel unnützes Zeug an. Chinesische Küchen kommen mit einem Minimum an Geräten aus. Grundsätzlich dürfen in einer chinesischen Küche nicht fehlen:

  • eine Kochstelle mit zwei Gasflammen, womit das Essen ruckzuck fertig ist; bestenfalls mit Dunstabzugshaube, die den Dreck direkt ins Treppenhaus bläst
  • eine Spüle mit Wasserhahn (aus dem oft nur eiskaltes Wasser kommt)
  • ein Reiskocher
  • ein Wasserkocher

Eine Mikrowelle zählt schon zum Luxus, die man sich aber gern in die Wohnung stellt, auch wenn man sie nicht benutzt. Schließlich schmecken Reste, die man im Wok aufwärmt, viel besser.

Was fehlt?

Eine Spülmaschine oder einen Backofen suchen wir verwöhnten Westler meist vergebens. Auch in den teuren Wohnungen der Luxus-Compounds scheinen diese Dinge nicht die Norm zu sein. Viele Expats verlangen vom Vermieter erfolgreich eine Nachrüstung. Mir ist das egal. Wenn ich keinen Backofen habe, komme ich schon nicht in Versuchung, mir eine teuer importierte Tiefkühlpizza zu kaufen. Sonst weiß ich sowieso nichts mit einem Backofen anzufangen.

chinesische Küche
Eine Küche in Nanjing braucht nicht viel

Minimalistisch

Auch beim Kleinzeug bleibt eine chinesische Küche oft spartanisch. Zur Grundausstattung gehören ein Wok, ein Topf und ein Küchenbeil, das universell einsetzbar ist (z.B. zum Schneiden, Hacken, Knoblauchpressen, Gurkenschälen, Transport von kleingeschnittenem Gemüse).

Gabeln fehlen ganz, Messer meistens auch (außer vielleicht ein kleines scharfes, um Obst zu schälen – wobei, das macht mein Schwiegervater auch meistens mit dem Küchenbeil). Löffel sind optional. Suppen werden geschlürft, Joghurt wird getrunken. Für den Rest hat man einen lebenslangen Vorrat an Essstäbchen.

Auch auf Gläser verzichten Chinesen gern. Ob Tee oder Saft – alles wird aus Tassen getrunken. Gästen werden nicht selten Pappbecher gereicht. Da spart man sich den Abwasch.

Eine Küchenwaage brauchen Chinesen auch nicht. Hier wird chàbùduō getreu der chinesischen Pi-mal-Daumen-Mentalität gekocht. Das schlägt sich auch in den chinesischen Kochbüchern nieder, die ohne genaue Mengenangaben auskommen. So kleinkariert in Gramm, Prisen und Messerspitzen denken wohl nur wir im Westen.

Kochutensilien
Dazu noch ein Wok und ein Reiskocher – viel mehr braucht eine Küche hier nicht

Geschirr

Beim Geschirr glänzt man auch nicht mit Artenvielfalt. Kleine Teller, große flache Teller, große tiefe Teller, Schüsseln, Servierplatten, das gute Geschirr, das nur für Gäste ist, das schäbige Geschirr, das man nur der eigenen Familie ohne Scham vorsetzt – alles Blödsinn! Hier isst man hauptsächlich aus kleinen Schalen, die man in Deutschland höchstens fürs Müsli benutzen würde. Aufgetischt wird in Tellern, die eher flachen Schüsselchen ähneln und neben »trockenen« Gerichten auch welche mit viel Soße fassen können.

Funktional, nicht dekorativ

Optisch sind die Küchen hier in der Regel keine Augenweide. Gerade die älteren Herrschaften setzen eher auf Funktionalität. Eine an die Wand geklebte Zeitung, um Fettspritzer aufzufangen und bei Unansehnlichkeit auszutauschen, ist nicht selten. Auch das gelegentliche, total verfettete Mao-Bildchen unter der Dunstabzugshaube habe ich hier schon gesichtet. Und das uralte Öl, das an den oberirdisch verlegten Gasrohren klebt, kann wahrscheinlich auf ebenso viele Jahre zurückblicken wie ich.

Musterküchen – Richtungsweiser?

Dekorateure von Musterwohnungen stellen sich chinesische Küchen übrigens so vor, inklusive sinnfreier Deko und Schleifchennudeln im Glas:

Musterküche
Der Trend geht zu westlicher Optik

Solche Küchen findet man in Shanghai tatsächlich – dann meist in zehnfacher Größe in den Luxus-Compounds. Sie sind hochmodern eingerichtet und sauber, weil nagelneu, werden aber genauso schnell schäbig wie jede andere Küche hier. Neuerdings zählt also nur noch die Optik. Und die biedert sich offensichtlich immer mehr dem Westen an, IKEA sei dank.

Für mehr chinesisches Wohngefühl siehe auch: Ein Treppenhaus in Shanghai

Advertisements

15 Gedanken zu “Wie Küchen in Shanghai aussehen

    1. Genau so geht es mir auch. Ein Wok reicht völlig. Ich kann gar nicht verstehen, wie der in Deutschland als etwas Besonderes gilt, mit dem man nur asiatisches Wokgemüse machen darf. Damit geht doch alles, sogar Pfannkuchen und Eierhartkochen! 🙂

    1. Warum? Das ist doch gerade dazu da, Sicherheit zu suggerieren 😉

      Dazu muss man noch sagen, dass die Wohnung im 6. Stock lag und das Küchenfenster in einen Abzugsschacht führte. Da konnte eh keiner rein, zumal die Fenster auch gar nicht so weit aufgingen, um ein- und aussteigen zu können … Das Gitter war also hauptsächlich dafür da, beim Fensterputzen zu behindern 😀

  1. meine küche bestand nur aus einem ekelhaften wasserkocher, den ich eben aus diesem grund nie benutzt habe, einem rosa plasteteller, einer stahlschüssel und einem fischmesser 😀

    wenn mein essen dafür so schmecken würde wie in china würde meine küche hier auch auf einiges an komfort verzichten dürfen 😀

    1. Haha, das ist wirklich sparsam!

      Ach, der Komfort macht nicht den Geschmack. Meine Küche in München war vollgestopft mit Spezialwerkzeugen. Gut geschmeckt hat’s bei mir trotzdem nicht … 😉

  2. Das ist echt interessant, der Blick in eine chinesische Küche. Wow! 😀 Ich koche auch gern mit dem Wok. Damit lässt sich wirklich sehr viel zubereiten. Aber wie schaffen Deine Schwiegereltern es mit nur 2 Flammen, 7 Gerichte gleichzeitig auf den Tisch zu bekommen??? Das ist ja schon die hohe Kunst des Kochens! 😉
    LG Susanne

    1. Das ist wirklich eine gute Frage 😀

      Meistens fangen sie spätestens um 16 Uhr entspannt mit dem Kochen an. Wenn wir dann ca. um 19 Uhr zurückkommen, muss sowieso noch mal alles aufgewärmt werden (mit dem Wok geht das ja schnell). Manche Sachen können mit einem Einsatz im Reiskocher mitgedämpft werden. Vieles kommt aber einfach nicht mehr ganz so heiß auf den Tisch 😉

  3. Kochst Du denn eher chinesisch? Vermisst Du das europäische Essen? Wenn ich im Ausland bin, habe ich nach längerer Zeit immer das Verlangen nach deutschem Essen 😉

    1. Ja, wir kochen hauptsächlich Chinesisch. Bietet sich auch an, wenn man alle benötigen Sachen in der Umgebung hat 😉 Um nach irgendwelchen besonderen Zutaten für europäisches Essen zu suchen, fehlt mir normalerweise die Geduld. Dazu kommt, dass mir das importierte Zeug hier meistens eh zu teuer ist.

      Deutsches Essen vermisse ich normalerweise nicht, aber Brot, Nudeln mit Soße, Eintöpfe, Aufläufe und Kartoffeln mochte ich früher auch schon nicht besonders 😉

  4. Ich bin davon überzeugt, dass mit etwas Ordnung und Planung, Platz in jeder Küche ist. Ach ja …ich finde es wirklich faszinierend, dass die asiatische Küche eigentlich nur dieses typische Hackbeil, wie auf dem Bild zu sehen ist, zum Kochen benötigt. Feine Streifen schneiden, Fleisch klein schneiden, Kräuter hacken, Zwiebeln schälen und so weiter und sofort. Sollte ich mir evtl. auch mal angewöhnen, so wird der Spülaufwand geringer.

  5. Oh ja, das mit der Spülmaschine und dem Backofen ist auch in den Luxus-Compounds kein Standard. Die meiste Ayis trauen den Geschirrspülern aber anscheinend eh nicht und ich hab jetzt schon oft gehört (und auch erlebt), dass das dreckige Geschirr dann dort heraus geräumt wird, um es per Hand zu spülen,

    Wir haben einen Gasherd und trotzdem einen Backofen mit Strom! Das ist anscheinend was ganz Besonderes. Hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich das mal sagen würde! 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s