Nanjing | Wo ich meine ersten Schritte in China gegangen bin

Leben am Stadtrand von Nanjing

Dass Nanjing früher mal eine schillernde Kaiserstadt war, merkt man in den Außenbezirken der Boomtown nicht. Tatsächlich fällt es am Stadtrand manchmal schwer, sich überhaupt vorzustellen, in einer zivilisierten Stadt zu leben.

Freiwillig dürften die wenigsten hier wohnen: Wessen Domizil einst großen Bauprojekten im Weg stand, musste gehen oder wurde gegangen. Als Entschädigung gab es primitive Wohnungen in einem Neubauviertel, natürlich ganz weit draußen am Stadtrand, neben dem Industriegebiet, mit einem Kohlekraftwerk in Sichtweite. Man hatte die Wahl: Entweder man nahm die geschenkten Wohnungen in grottiger Lage an oder suchte sich selbst eine neue Wohnung – zahlte dann aber aus dem eigenen Geldbeutel. Kein Wunder also, dass die ganze erweiterte Familie M., die Häuschen mit Garten und Obstbäumen in toller Lage zugunsten einer Autobahn aufgeben musste, nun hier draußen wohnt.

Nicht nur meine Schwiegermutter vermisst ihren alten Garten immer noch. Viele alte Frauen tingeln durch die Gegend, auf der Suche nach einem Stück Baustelle, an dem sie versteckt Gurken, Bohnen und anderes Grünzeug ziehen können.

Bauern trocknen schwarzen Sesam
Bauern trocknen schwarzen Sesam

Das Wohngebiet am Stadtrand ist ziemlich groß. Unzählige uniforme Wohnblöcke sind in Gruppen zusammengefasst und mit Zäunen gesichert. Die Bewohner haben Stangen für Abkürzungen verbogen oder herausgebrochen, »verschönern« sie mit selbstgebauten Treppchen und gepflasterten Wegen. Sie lassen sich nicht einsperren.

Abkürzung im Zaun
Zur Not passt da auch ein Fahrrad durch. Dann kann es am Zaun schon mal Stau geben.

Die Parkplatzprobleme werden mit jedem Besuch größer, denn Autos hat beim Bau in den Neunzigern noch keiner mit eingerechnet. Wer sich ein Fahrzeug kauft, schafft sich selbst einen Parkplatz und zementiert einfach ein Stück Wiese, um seine Karre abstellen zu können.

Hier steh' ich, hier park' ich
Hier steh‘ ich, hier park‘ ich

Die Gegend gehört den Alten und Armen, zwangsumgesiedelten Bauern, Bauarbeitern, LKW- und Reisebusfahrern. Einige fensterlose Kellerabteile sind vermietet. Da wohnen jetzt Familien drin, Sanitäranlagen gibt es keine. Jedes Mal, wenn ich zu Besuch komme, sind die Häuser heruntergekommener, stehen mehr zerschlissene Polstermöbel als Sitzgelegenheit auf den Gehwegen, ist das Gras noch verdörrter. Auf den Straßen fehlen nicht selten Gullydeckel. In die Löcher kann man trotzdem nicht fallen – die sind bis zum Rand mit Müll aufgefüllt.

Und die Gullydeckel? Die benutzen einige Bewohner zum Kochen. Nicht wenige leben hier noch ihre Traditionen aus und kochen direkt im Hof. Sie schichten aus ein paar Ziegelsteinen und dem Gullygitter einen primitiven Grill auf, zünden ein paar alte Holzreste an (z.B. die Sitzflächen der Parkbänke, von denen jetzt nur noch die steinernen Füße aus dem verdorrten Gras ragen) und stellen ihre großen Blechkannen darauf.

Betten lüften
Im Frühling ganz groß – Betten lüften

Hier spielt sich das Leben draußen ab. Frische Wäsche hängt zusammen mit Blattgemüse zum Trocknen in den Ästen der Bäume, auf den Büschen lüften Teppiche und Schuhe, man wäscht Wäsche auf der Steinbank oder werkelt an verrosteten Dreirädern. Die Alten sitzen kartenspielend oder zeitungslesend auf wackeligen Stühlen und zerschlissenen Sesseln, die in Deutschland als uninteressantes Sperrmüllgut gelten würden. Man trifft sich mit Nachbarn und Familie; genießt die Sonne. Hühnerküken scharren unter einer verdorrten Hecke, ein Hündchen in schmutzigem Braun liegt zusammengerollt im Schatten. Die Straßenimbisse wechseln je nach Tageszeit und wenn es dunkel wird, werden Zelte aufgeschlagen, in denen das Essen der mobilen Nachtlokale brutzelt.

Straßenstände
Die ersten Straßenstände sind da

Auf riesigen Baustellen wird eine Einkaufsmeile aus dem Boden gestampft, um die Gegend attraktiver zu machen. Der Dreck ist unbeschreiblich. Nach spätestens zehn Minuten sind meine Schuhe mit einer dicken Staubschicht bezogen. Im Hintergrund pumpt das Kohlekraftwerk an manchen Tagen seinen Dreck in die Luft. Dann ist die Luft so dick, dass man sie fast beißen kann. Im schneeweißen Nebel herrscht eine seltsame Stille. Ich muss dann immer an einen nuklearen Winter denken. Meine Atemschutzmaske gehört hier unbedingt ins Gepäck. Zum Glück wird das Kohlekraftwerk inzwischen nicht mehr so oft betrieben.

Stadtrand von Nanjing
Stadtrandidyll mit Kohlekraftwerk

Meine Schwiegereltern würden gern umziehen. Ein Häuschen mit Garten fänden sie schön. Aber wo kriegt man so was schon? Die alten Dörfer in der Nähe dürften in wenigen Jahren verschwunden sein, die Neubauviertel mit Villen passen irgendwie auch nicht. Wer dorthin zieht, will in Nachbars Garten kein Gemüse sehen. Schließlich will man nicht mit Bauern zusammenwohnen.

Wohnungen zu vermieten
Offensichtlich möchten viele nicht hier leben – Wohnungen zu vermieten

Ausgerechnet hier, am Stadtrand von Nanjing, hatte ich meine erste Begegnung mit China und deshalb wird das Viertel für mich immer etwas Besonderes bleiben. Hier bin ich meine ersten Schritte auf staubigem chinesischen Boden gegangen, habe zum ersten Mal in einem chinesischen Hypermarkt eingekauft und erste zaghafte Gespräche auf Chinesisch geführt. Hier habe ich meine neue Familie kennen gelernt, wander(t)e für Verwandtschaftsbesuche von Wohnung zu Wohnung, bekam einen ersten Eindruck meiner neuen Heimat. Hier sagte eine Tante, nachdem wir ihr von unserem Leben in Deutschland erzählt hatten: »Oh, und ich dachte immer, in Deutschland ist es halt genau so wie hier.«

Straße für die Zukunft

Advertisements

15 Gedanken zu “Nanjing | Wo ich meine ersten Schritte in China gegangen bin

  1. Oh je, welch seltsamen Leben. War sicher der absolute Kulturschock für Dich, oder? Das Bild mit dem Hund, allein auf der großen Straße, wirkt auch verstörend. Das ist wirklich eine völlig andere Welt…
    LG Susanne
    PS: Ich würde gern Dein Blog in mein Blogroll verlinken. Ist das Ok?

  2. Der Artikel ist wirklich gut geschrieben. Eigentlich wollte ich Nanjing mal besuchen, aber diese niederschmetternde Atmosphäre, die du da beschreibst, schlägt mir ziemlich aufs Gemüt.
    Gibt es denn irgendeinen Hoffnungsschimmer für Nanjing? So eine Art Licht am Ende des Kohlekraftwerk-Tunnels?

    1. Danke.

      Oh je, ich wollte dir Nanjing nicht madig machen 😉 In der Innenstadt ist es nicht so schlimm (da ist auch die Luft etwas besser). Nanjing ist halt gerade noch sehr im Umbruch, vor allem in den Randbezirken, die in die Industriegebiete reinwachsen.

      Wenn man sich für Geschichte interessiert, hat Nanjing recht viel zu bieten. Ich würde auf jeden Fall mal hinfahren 🙂

  3. dein erstes und dein letztes bild sehen aus wie Xiasha.. schon elend breite und freie straßen, aber das dazugehörige viertel noch nicht wirklich gebaut 😀

    ich fand dieses „aus nichts was gemacht“ irgendwie immer am coolsten.. dieser großmarkt, mtten auf der autobahn, mitten in der nacht, wenn wir aus den clubs nach hause fuhren – fand ich immer beeindruckend.

    vorgestern habe ich erfahren, dass wir vielleicht in einem jahr wieder ins ausland können.. gedanklich plane ich schon das 3. semester in shanghai an der uni undd ie masterarbeit bei irgendeinerm unternehmen in shanghai 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s