Zhenru – Geheimtipp mit Fisch, Charme und Harmonie

Zhenru, Shanghai

Eigentlich wollen wir den Tempel im Shanghaier Norden nur besuchen, weil uns nichts Besseres einfällt. Dann aber entpuppt sich unser Ausflugsziel Zhenru als kleines Highlight.

Fischmarkt

Der Weg von der U-Bahn bis zum Tempel ist von unzähligen kleinen Geschäften und großen Hallen flankiert, die alle das gleiche verkaufen: Fisch und Meeresfrüchte in Hülle und Fülle. Fleißige Arbeiter be- und entladen Lieferwagen, andere schaufeln zerstoßenes Eis von einer Styroporkiste in die nächste. Junge Männer kauern mit Küchenbeilen direkt auf dem Fußweg und nehmen mit geübten Handgriffen Fische aus. Die Eingeweide landen in Mülleimern oder daneben. Was bin ich froh, heute keine Flip-Flops zu tragen!

Der Weg ist eng. Überall Menschen, Kisten, Elektroroller. Als Ausländer bin ich hier noch eine kleine Sensation. Die Leute starren mich an. Von allen Seiten werde ich mit einem obligatorischen »Hello!« begrüßt. Die Auswahl an Fisch und Meeresfrüchten ist riesig. Anscheinend kaufen hier die Shanghaier Restaurants (und eventuell auch der ein oder andere Supermarkt) ihre Ware.

Wir waten bestimmt einen Kilometer durch Wasser, Schuppen und Schleim. Penetranter Fischgestank brennt in der Nase, greift unsere Schleimhäute an. Eine echte Herausforderung für den Magen so früh am Morgen. »Da kommen wir nächstes Mal mit meiner Mutter her«, meint Herr M. »Die wird begeistert sein!«

Eine Kreuzung später bohrt sich eine Pagode, die zum Zhenru-Tempel gehört, in den Himmel. Davor reihen sich Seafood-Restaurants aneinander. Wer mag, kann seine frisch gekauften Fische gleich hier zubereiten lassen. Nächstes Mal. Wir sind schließlich für den Tempel hierher gekommen.

Zhenru-Tempel

Der Zhenru-Tempel zählt zu den vier größten buddhistischen Tempeln Shanghais. Sein Gelände ist wie eine andere Welt. Trubel und Gestank des Fischmarkts sind jetzt ganz weit weg. Hier zwickt der Geruch von Räucherstäbchen angenehm in der Nase, gelbgewandete Mönche prozessieren singend über den Hof.

Die Tempelanlage ist unerwartet gut gepflegt. Seit 1996 ist sie denkmalgeschützt, da sie noch ein Originalbauwerk aus dem 14. Jahrhundert enthält. Die Haupthalle des 1320 erbauten buddhistischen Tempels ist nämlich eines der wenigen Gebäude aus der Yuan-Dynastie, die bis heute überdauert haben. Der ursprüngliche Tempel ist allerdings noch um einiges älter.

Wir schlendern über den Hof, wo ein rund 800 Jahre alter Ginkgo-Baum steht. Seit er von einem Blitz getroffen wurde, glänzt sein Stamm pechschwarz. Die Anlage mit ihren grünen Farbtupfern, einem Teich mit Fischen und einem Gang, der den Taopu entlang führt, ist ein Ort der Ruhe. Irgendwo zupft jemand ein paar Töne auf einer Guzheng – unglaublich hypnotisch. Uralte Glocken und Steintafeln mit eingravierten Heiligen säumen unseren Weg. Die Leute haben ihnen Münzen und Erdnüsse geopfert. »Damit sie einen Sohn bekommen«, mutmaßt Herr M.

Ich habe schon viele Tempel besucht, aber der Zhenru-Tempel hat irgendetwas, das ihn besonders macht. Vielleicht, weil ich im Vorfeld nichts erwartet hatte; vielleicht, weil die Anlage tatsächlich ganz besonders harmonisch wirkt; vielleicht auch nur, weil wir das Glück haben, so früh am Morgen den Hof fast für uns allein zu haben. Auf jeden Fall ist der Zhenru-Tempel einer dieser Orte, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben.

真如寺 | Zhenru Temple, Lanxi Lu 399
Ausführliche Infos zum Tempel: english.shpt.gov.cn (Englisch)
Öffnungszeiten: 06:00 – 16:00 Uhr
Eintritt: 10 RMB

Altstadt von Zhenru

Zufällig stoßen wir noch auf die Altstadt von Zhenru. Unsere Karten-App verrät uns nämlich, das am Ende der Lanxi Lu, in der sich der Zhenru-Tempel befindet, »Zhenru Old Town« liegt. Die Altstadt entpuppt sich als gepflasterte Einkaufsstraße mit wenig Verkehr und wenig Leuten. Touristen gibt es auch keine und die Geschäfte sind auf die Einheimischen spezialisiert – Supermärkte, Imbisse, Teeläden. In einer Apotheke jagen die Angestellten mit lautem Gekreische eine Ratte unter eine Vitrine.

Herr M. findet den Ort wenig beeindruckend. »Ist halt eine ganz normale chinesische Straße.« Die Straße wirkt verschlafen, hat Kleinstadtcharakter. Das Sonnenlicht fällt durch die Blätterdecke der Platanen. Ich finde es schön. Harmonisch. Vielleicht bin ich aber auch noch von meiner Tempel-Erfahrung eingelullt.

Zum Mittagessen kehren wir in einem kleinen, schäbig wirkenden Restaurant ein. Natürlich bestellen wir Meeresfrüchte. Die große Fischsuppe mit Muscheln, Shrimps und Krebs ist tatsächlich extrem lecker. Das ist ein gelungener Abschluss unseres Mini-Ausflugs!

Fazit

Zhenru ist ein Überraschungshit! Der gepflegte Tempel strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, die Altstadt lädt zum Schlendern ein und der Fischmarkt ist – ähem – exotisch. Hier waren wir bestimmt nicht zum letzten Mal!

Anfahrt

Mit der U-Bahn (Linie 11) bis »Zhenru«. Der Fischmarkt befindet sich direkt an der U-Bahnstation (Tongchuan Lu), der Tempel an der nächsten Kreuzung links (Lanxi Lu), die Altstadt am Tempel vorbei die Straße runter (auch Lanxi Lu).

Zhenru, Shanghai
via Google Maps

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9 Gedanken zu “Zhenru – Geheimtipp mit Fisch, Charme und Harmonie

  1. Vorgemerkt! Hihi, habe meinen Urlaub schon um einen Tag verlängert und eine Station gestrichen, weil ich so viel in Shanghai sehen möchte. 😉 Sowas ist genau nach meinem Geschmack! Ich freue mich schon sehr! LG Ulrike

  2. Ich finde die Altstadt auch schön! Besonders die roten Laternen in den Bäumen! 😉 Der Tempel ist auch total schön! Da hast Du die besondere Atmosphäre gespürt. Es gibt viele heilige Orte auf der Welt, die wir nur auf uns wirken lassen müssen. Dies war bestimmt so ein Ort mit einer ganz besonderen Harmonie.
    LG Susanne

    1. Ja, auf irgendeinem Schild im Tempel stand sogar, dass beim Bau ganz besonders auf Harmonie geachtet wurde. Das geht wohl tatsächlich auf den Menschen über …

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