Wo mein China-Abenteuer begann (Magic Letters)

Anfang, Sunshine Garden

Jedes (China-)Abenteuer hat einen Anfang. Meines begann hier, in der furchtbaren Villensiedlung »Sunshine Garden« am Stadtrand von Shanghai, genauer im Nirgendwo.

Sunshine Garden

»Sunshine Garden« ist eine dieser typischen chinesischen Neubausiedlungen, die man überall im Nirgendwo aus der Erde stampft. Auf den ersten Blick sehen die Gebäude neu und schön aus, das Gelände ist mit Mauern und Elektrozäunen gesichert und wird am Eingang von Wachmännern bewacht. Doch die Qualität der Häuser ist immer noch minderwertig, der eigentlich nett angelegte Bach ist schmutzig und stinkt und das viele Grün kann mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in diesem Compound stinklangweilig ist.

Grünfläche in Sunshine Garden
Das mit der Grünfläche üben wir noch mal

Im Hintergrund ragen ein paar Plattenbauten empor, die nur zur Hälfte bewohnt sind, vorn reihen sich kleinere Häuser aneinander. »Villensiedlung« nennt man das in China beeindruckt. »Reihenhaussiedlung« würde es in Deutschland eher treffen. Tatsächlich ist es weder noch. Denn die Häuschen sind in winzige Ein-Zimmer-Wohnungen aufgeteilt (ca. 15 m² Wohnfläche). Die sind zwar spottbillig, aber mehr als drei Wochen halte ich es hier nicht aus.

Das Bett ist zu schmal für zwei Personen, wir haben nur einen einzigen Stuhl und den Duschschlauch muss man bei Bedarf an den Wasserhahn montieren. Außerdem sind die Wände dünner als Papier. (Unsere Nachbarn sahen offensichtlich nicht nur dieselben Fernsehsendungen wie ich, sondern hatten gerade diese App mit der Katze entdeckt, die jedes Wort mit einer lustigen Stimme nachspricht, und konnten sich tagelang darüber kaputt lachen.)

Wohnzimmer im Sunshine Garden
Unsere Wohnung

Auch die Gegend ist wenig überzeugend. Auf mehreren Megabaustellen in der Nähe entstehen Hochhaus- oder Luxuscompounds und ein Gewerbegebiet, dazwischen viele breite Straßen für die Zukunft. Die Reste des Dorfs, in das wir 2011 jeden Tag zum Abendessen pilgerten, sind inzwischen vermutlich abgerissen. Nicht zu vergessen: Die U-Bahn-Fahrt in die Innenstadt dauert rund eine Dreiviertelstunde, der nächste Supermarkt und das nächste Restaurant sind mindestens 20 Minuten Fußmarsch entfernt. Unmöglich! Also zogen wir nur wenige Wochen später endlich ins Stadtzentrum um.

Dorf neben Sunshine Garden
Inzwischen vermutlich abgerissen

Trotzdem verbinde ich auch schöne Erinnerungen mit diesem Ort. Hier lernte ich das chinesische Fernsehen kennen, plünderte meinen ersten chinesischen Supermarkt (NGS) und führte am Pfannkuchenstand vor dem Compound meine ersten zaghaften Gespräche auf Chinesisch mit wirklich sympathischen Menschen. Und da war natürlich dieses ganz besondere Gefühl, das man nur am Anfang hat, wenn alles noch neu, exotisch und besonders ist. Wenn ich diese alten Bilder sehe, dann erinnere ich mich wieder ein bisschen an den Zauber von damals.

Sonnenuntergang über Sunshine Garden
Sonnenuntergang im Stadtrand-Smog

PS: Ende 2011 bin ich nach China umgezogen und für die ersten Wochen im »Sunshine Garden« gelandet. Ein halbes Jahr vorher war ich schon einmal in China. Meine allerersten Schritte auf chinesischem Boden bin ich deshalb hier gegangen: Am Stadtrand von Nanjing.

Würdet ihr im Sunshine Garden wohnen wollen?


Das ist mein Beitrag zum Fotoprojekt »Magic Letters« von Paleica. Das Thema war A – Anfang. Wollt ihr auch mitmachen? Dann schaut für genauere Informationen bei Paleica vorbei (Klick aufs Logo).

Magic Letters

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30 Gedanken zu “Wo mein China-Abenteuer begann (Magic Letters)

  1. Hej Saoshi,

    schön, dass ich deinen Blog durch die Aktion bei Paleica kennen lernen durfte. Ich habe schon ein wenig darin gestöbert und muss auf jeden Fall wieder vorbei kommen. Ich hätte schon sehr viel Bedenken Chinesisch zu sprechen…So weit ich weiß, machen da wenige Nuancen in der Stimmlage neue Wortbedeutungen aus.

    Viele Grüße
    Heike @Björklunda

      1. Ja, trifft man den falschen Ton, kann das schon mal peinlich werden (wenn man dann z.B. statt „fragen“ „küssen“ sagt usw.). Chinesen freuen sich aber über jedes Wort Chinesisch, das man halbwegs sprechen kann. Da finde ich es weniger schlimm schlechtes Chinesisch zu sprechen als Englisch. Bei Englisch erwarten immer alle, dass man das perfekt sprechen können sollte (und viele glauben ja, sie könnten es) …

        Bei dir im Norden sieht es ja auch schön aus, wäre mir aber zu kalt.

  2. Hört sich aber zimmlich dramatisch aus 15m2 ist schon ganz kleine wohnung … Aber trotz dem ein schöne Anfang …meinAnfang in Deutschland ( vor 27 Jahren ) war viel dramatischer in einem Zimmer mit vier männer und eine Küche und Toilette mit 16 Leuten teilen

  3. Das sieht man mal, wie der äußere Schein trügen kann. Als ich erst das Foto gesehen habe, dachte ich noch – warum zieht man da wieder weg, sieht doch hübsch aus. Nunja, der Text erklärt ja dann so einiges.

    Der Rasen ist der Knaller… aber in ein paar Jahren sind die Lücken dann auch bewachsen oder alles nur noch Schlamm. 🙂

    LG Thomas

  4. Rein äußerlich wirkten die Häuschen wie eine typische Reihenhaussiedlung, irgendwie sehr bürgerlich und ein bisschen provinziell. Interessant, was dahinter steckt. Sicher nicht der Traum aus „Schöner Wohnen“ oder so. :-))) Aber wie das so ist, allem Anfang wohnt ein Zauber inne, und gerade die ersten Versuche in der Fremde verbindet man mit positiven Erinnerungen.
    Herzliche Grüße, Eberhard

  5. Auf den ersten Blick sieht es ja wirklich nicht so schlecht aus. Mir persönlich würde wohl ziemlich schnell die Decke auf den Kopf fallen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass ich in einem Dorf mit ganz viel Platz drumerhum aufgewachsen bin. Ich fühle mich schnell sehr beengt. Manchmal hat man aber ja auch nicht wirklich eine Wahl. Hinterher weiß man den Platz dann umso mehr zu schätzen 😉

    Die Grasflecken sehen tatsächlich aus als würden die niemals anwachsen 😀

    Liebe Grüße
    Sarah

    1. Die Wohnung war auf jeden Fall ein guter Test, um zu sehen, wie viel Platz ich wirklich brauche. Es ist nicht viel, aber doch ein bisschen mehr als das.

      Wenn du viel Platz außenrum brauchst, dann ist Shanghai wirklich nichts für dich. Da ist wirklich alles verbaut, selbst der Stadtrand, wo die obige Siedlung war …

  6. Mit den richtigen Menschen würde ich es schon machen, aber ich würde nicht lange in so einem kleinem Zuhause bleiben. Für mich wäre ganz wichtig, wie mir Menschen begegnen – offen und aufgeschlossen oder verschlossen und abweisend. Bei der ersten Variante kann ich lang und weit gehen, bei der zweiten muss ich sehr viel kämpfen. Mir würde allerdings die Luft in China oft zu schlecht sein, zu dick. Und ja, ich habe zwar nicht in China gelebt, aber meine Reise nach China – um deine Frage Zu beantworten – fing mit Michael Ende und Pearl S. Buch an, und endete mit einem Sohn, den wir aus China adoptiert haben. Deshalb liebe ich diese Land sehr, weil es mir das Beste gegeben hat, was mir jemals passiert ist. Und so geht die Reise weiter….

    1. Auch mit dem richtigen Menschen fand ich es in so einer kleinen Wohnung ehrlich gesagt ganz schön anstrengend.

      Die Luft ist hier manchmal wirklich ziemlich dick, aber meistens ist es schon okay. Und dann ist da natürlich die Hoffnung, dass es irgendwann mal besser wird…

      Du hast da übrigens auch eine sehr schöne Beziehung zu China! Kommt ihr manchmal her, um dem Sohnemann seine Wurzeln zu zeigen?

      1. Ja, wahrscheinlich hast du Recht – bei den heissen Temperaturen in Schanghai kann es stickig werden! Und man kann sich nicht aus dem Weg gehen … Ich hoffe bald, dass wir nach China kommen können, gerne nächstes Jahr. Er hat jetzt ein Alter, wo er viel aus solch einer Reise gewinnen könnte. Und ich will dieses Land mit ihm entdecken. Also sagen wir es mal so: Ich arbeite dran!

  7. Von außen sieht es echt nett aus. Innen hat es aber mehr was von einer Sardinendose… Kann verstehen, dass Du es dort nicht lang ausgehalten hast. Ich hätte es keine 10 Tage ertragen. Ich hasse Enge, ich brauche Platz!
    LG Susanne

    1. Ich brauche eigentlich gar nicht so viel Platz, aber das war dann doch zu wenig. Für eine Person allein geht’s ja noch, aber für zwei Personen ist das unmöglich. Wir hatten ja nicht einmal Platz für einen zweiten Stuhl 😉

  8. Liebe Shaoshi,
    das liest sich so spannend. Erzählst Du das noch ein wenig weiter. eventuell mit dermagischen Letter“B“?

    Es ist halt zumeist etwas ganz anderes, wenn man in der Fremde wohnen und leben will. Urlaub ist da eine ganz andere eine Sache!

    Ein angenehmes Wochenende und liebe Grüße
    moni

    1. Ich glaube, in dem Fall hat es gar nicht so sehr was mit dem Leben im Ausland zu tun. Ich würde auch in Deutschland nicht in so einem winzigen Zimmer und schon gar nicht so weit draußen wohnen wollen. Mein Mann ist damals ein halbes Jahr früher nach China gegangen und hat sich so lange was Kleines, Billiges gemietet. Uns war also auch von Anfang an klar, dass Sunshine Garden nur eine Übergangslösung sein würde.

      Mal schauen, was das magische B bringt. Ich will Paleicas Themen ja immer mit China-Bezug bearbeiten. Ansonsten findest du aber auch in meinem Blog schon viele Geschichten über mein Leben in China 🙂

      LG
      Shaoshi

  9. Liebe Shaoshi,

    ich finde es sehr spannend, wenn Du das Projekt mit China Bezug bearbeitest und freue mich schon sehr auf Deine weiteren Beiträge! Da ich für eine Fluggesellschaft arbeite und ex München fliege, war ich schon mehrmals in Shanghai, kenne die Stadt aber überwiegend nur aus Touristensicht. Dank Deines Blogs kann ich nun auch einen Blick hinter die Kulissen werfen. Den Bauwahn und die Neubausiedlungen habe ich auch beobachtet und mich immer gefragt, wie es sich dort wohnt.

    LG Heike

    1. Na, mal schauen, ob die anderen Themen von Paleica so einfach sind. Wenn ich keinen konkreten China-Bezug finde, dann argumentiere ich einfach, dass die Bilder in China entstanden sind und deshalb Bezug haben ;-D

      Viele Wohnungen in den Neubauten fangen bei so ca. 80 m² an, mein Loch ist also nicht unbedingt repräsentativ. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Wohnungen in unserer „Villa“ von den Eigentümern verkleinert wurden, um mehr vermieten zu können, deshalb auch die dünnen Trennwände …

  10. Würde ich da wohnen wollen?

    Nein… nicht wirklich. Mich hat mein „Sunshine Garden“ Xiasha ja schon tierisch genervt, mit dem kleinen Wohnheimzimmer und eine Stunde ab vom Schuss.. hier in Deutschland kann man das mal bringen – da sind die Gegebenheiten andere, aber in China würde ich für das nächste Mal auf jeden Fall mitten „in se ziddy“ vorziehen

    1. Möglicherweise waren die Wohnungen ursprünglich größer und die Eigentümer haben sie geteilt, um mehr vermieten zu können. Wird hier auch ganz gerne mal gemacht …

  11. Besonders einladend sieht es nicht gerade aus, würde da nicht unbedingt wohnen wollen. Aber ich glaube trotzdem, dass so ein Anfang einen ganz besonderen Zauber hat – ein toller Bericht.

    LG Soni

  12. ein schöner erster chinesischer beitrag 🙂 gefällt mir gut! auf den ersten blick hätte cih gar nicht gedacht, dass du uns bilder von china zeigst, sondern von einer straße in deutschland, in der du den entschluss gefasst hast, nach china zu gehen 🙂 nein, ich würde – nach deiner beschreibung – dort nicht wohnen wollen. aber es ist wohl mal eine übergangslösugn und ihr habt bsetimmt danach etwas viel schöneres gefunden! das sonnenuntergangsbild ist toll!

    1. Stimmt, die Siedlung sieht gar nicht typisch chinesisch aus. Die Neubauviertel werden aber meistens in diesem Stil gebaut. Also ist sie vielleicht doch wieder typisch chinesisch? 😉

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