Shanghai Museum – Chinesische Kulturgeschichte für lau

Shanghai Museum

Man sagt gern, dass in Shanghai Kultur nicht unbedingt großgeschrieben wird. Und doch steht ausgerechnet in dieser Stadt ein Museum, das zu den besten des Landes zählt: das Shanghai Museum. Lohnt sich ein Besuch wirklich? Und warum sind ausgerechnet die Seladon-Schalen ein Highlight für mich?

Hässliches Haus mit Symbolik

Schon seit Jahren komme ich immer wieder an dem Museum in der Innenstadt vorbei – der Bau mit seiner eckigen Basis und dem runden Dach ist ja kaum zu übersehen. An Neujahr schaffen wir es endlich, das Shanghai Museum tatsächlich zu besuchen.

Jetzt weiß ich auch, warum das Gebäude so komisch aussieht. Der eckige Unterteil stellt die Erde als quadratische Scheibe dar, das runde Dach symbolisiert den Himmel – die alte chinesische Sichtweise vom Universum. Für mich schreit das Bauwerk trotzdem eher nach Kommunistenarchitektur.

Das Dach hat übrigens noch eine andere Symbolik: Es wurde dem antiken Wok-Vorläufer ding nachempfunden. Den kann man übrigens in verschiedenen Versionen im Museum bewundern.

Ding, Dawenkou (4300-3500 B.C.)
Frühes Modell eines Ding, hier ohne Henkel (Dawenkou, 4300-3500 v.Chr.)

Sicherheit geht vor!

Zwar habe ich schon öfter gehört, dass der Eintritt ins Museum kostenlos ist, aber das will ich nicht glauben. Die Schlange vor dem Museum will mir Recht geben. Die stehen doch für Tickets an! Tun sie nicht. Der Einlass zieht sich hin, weil jeder einzelne Besucher eine Sicherheitskontrolle durchläuft – als wäre man am Flughafen. Taschen werden durchleuchtet, man selbst wenigstens kurz abgetastet. Hochgefährliche Dinge wie Feuerzeuge und Stifte (außer Bleistifte, die sind harmlos) müssen rigoros abgegeben werden.

Sowieso lesen sich die Regeln des Museums teilweise etwas merkwürdig. Auszug:

> No insane patients into the museum (mildly sick patients are requested to be accompanied by guardians)
> No drunken or unconscious people into the Museum

Aha …

Anstehen vor dem Shanghai Museum
Koreanische Reisegruppen im Extremtest – Nach 40 Minuten Anstehen ist noch keiner verrückt oder bewusstlos geworden

Kulturgeschichte für lau

Das Museum stellt in thematisch sortierten Galerien über 120.000 Stücke aus, darunter Porzellan, Kalligrafie, Gemälde, Münzen oder Möbel. Auch die chinesischen Minderheiten kommen nicht zu kurz. Das Sahnehäubchen sind diverse wechselnde Sonderausstellungen.

Und das Beste: das Ganze ist tatsächlich völlig umsonst! Eintritt frei! Das kann ich selbst dann noch nicht glauben, als wir schon im Museum sind. Wo gibt es in China denn so was?

Und noch eine tolle Nachricht: Das Fotografieren ist in den meisten Ausstellungsräumen sogar ausdrücklich erlaubt (ohne Blitzlicht). Nur ein Stativ ist generell verboten. Ich komme mir trotzdem erst einmal komisch vor, mit der großen Kamera vor den Vitrinen herumzulungern. Doch als alte Männer systematisch von einem Ausstellungsstück zum nächsten pilgern, um jedes einzelne abzulichten, lege auch ich meine Scheu ab.

Porzellan und Keramiken

Herr M.s persönliches Highlight ist die Sammlung an Porzellan und Keramiken, die zu den besten in ganz China zählt. Also schauen wir uns erst einmal unzählige Schalen, Vasen und Teller an, die von grauer Vorzeit bis zur letzten Dynastie (Qing) reichen. Läuft man den Raum in der richtigen Reihenfolge ab, erkennt man schön die Entwicklung des Geschirrs: von plumpen Töpfereien zu filigraneren, edleren Stücken. Die ältesten Exponate sollen über 5000 Jahre alt sein, kaum vorstellbar!

Seladonglasur (青瓷 qīng cí)

Ich mache inzwischen stille Bekanntschaft mit Seladon. Als Kind habe ich einmal einen Roman gelesen, in dem die Heldin aus einem Museum eine Seladonschale mitgehen lässt, weil ihr die Farbe so gut gefällt. Nun weiß ich: der Autor hat das Material treffend beschrieben. Die blasse grün-blaue Farbe, die wie flüssig wirkt und oft mit vielen kleinen Rissen durchzogen ist, ist etwas Besonderes. Hier im Museum taucht das Wort nach 20 Jahren wieder vor meinen Augen auf!

Allerdings habe ich keine Möglichkeit, so eine Schale zu stehlen. Die Exponate stehen in sorgfältig geputzten Glasvitrinen, vorbildlich ausgeleuchtet und von mehreren Sicherheitsleuten, die durch die Räume schlendern oder gelangweilt in einer Ecke stehen, bewacht.

Seladon-Schale, Yuan-Dynastie, im Shanghai Museum
Plumpe Seladon-Schale mit eingearbeiteten Fischen aus der Yuan-Dynastie (1271-1368)

Kalligrafie und Malerei

Nach der üppigen Porzellanausstellung kommt mir die Galerie mit Kalligrafie und Malerei nicht sehr umfangreich vor. Hinzu kommt, dass Kalligrafie für mich wie Mathematik ist: Ich verstehe sie nicht.

Immerhin finde ich genau die Schriftstücke am schönsten, die auch Herr M. als »sehr, sehr guten Schreibstil« lobt. Und kommen mir da nicht ein paar Namen bekannt vor? Genau, die berühmten Kalligrafen Wang Xizhi und Wang Xianzhi sind doch mit den Typen aus Nanjing verwandt! (Ich höre nämlich durchaus zu, wenn mir Herr M. etwas über seine Kultur verrät, auch wenn er mir das nicht immer glaubt.)

Kalligrafie im Shanghai Museum

Die Malereien sind für mich interessanter, da zugänglicher. Die Gemälde stammen meist aus den Dynastien Tang- bis Qing und sind fast alle in Jiangsu entstanden – also in der Provinz, zu der Shanghai auch einmal gehört hat. Herr M. erklärt mir, welche Bilder besonders berühmt sind. Und erkenne ich nicht sogar ein oder zwei Bilder, die in meiner Ausgabe von »Der Traum der roten Kammer« abgedruckt sind?

Wenn manche Bilder in dunklen Vitrinen hängen, ist übrigens nicht der Strom ausgefallen. Geht man nahe genug an die Scheibe, geht das Licht an. Leider wissen das offenbar viele nicht – wir wissen es anfangs auch nicht und gehen an einigen Bildern einfach vorbei.

Malerei im Shanghai Museum

Weitere Ausstellungen

Die Bronzeausstellung im Erdgeschoss soll sehenswert sein. Leider vergessen wir sie völlig und haben am Ende keine Zeit mehr. Dafür begutachten wir Jadegegenstände, die zwar wirkungsvoll präsentiert werden, mich aber nicht mehr vom Hocker reißen können.

Auch die kleine Möbelausstellung sagt mir nicht so zu. Ich habe schon schönere Möbel in primitiveren Museen gesehen und mag es lieber, wenn sie wie in kleinen Zimmern arrangiert und nicht zum Ansehen nebeneinander gereiht werden.

Immerhin die Klappstühle aus der Ming-Dynastie können unser Interesse wecken – wie lange gibt es Klappstühle eigentlich und wer hat sie erfunden? (Spätere Nachforschungen ergeben, dass jedes Volk für sich den Klappstuhl entdeckt hat und er praktisch schon immer existiert hat – sogar vor »normalen« Möbeln, weil so ein Klapphocker simpel zu konstruieren war).

Die Artefakte der ethnischen Minderheiten schaffen wir nur noch im Schnelldurchlauf. Allerdings ist die Ausstellung mit ihren Kleidungsstücken und Kultgegenständen auch nicht besonders umfangreich. Schade, gerade die hätte mich sehr interessiert.

Auch für die Sonderausstellungen haben wir keine Zeit mehr. Das Museum schließt nämlich schon um 17 Uhr. Nicht so schlimm allerdings. Man kann ja jederzeit wieder kommen.

Fazit

Das Shanghai Museum ist das vielleicht seriöseste Museum, das ich in China bis jetzt besucht habe. Die Exponate sind so gepflegt wie die Vitrinen, in denen sie stehen. Sie sind schön in Szene gesetzt und meistens nicht nur auf Chinesisch, sondern auch auf Englisch beschriftet. Einen englischen Audioguide kann man sich für wenig Geld mieten. Allerdings überstieg die zu hinterlegende Kaution unsere Barmittel.

Ich würde wieder hingehen, schon deshalb, weil ich erst einen kleinen Teil des Museums gesehen habe. Und so ist es wohl auch am besten: Wenn man die Möglichkeit hat, lieber mehrmals hingehen als sich in einem großen Aufwasch von der Vielfalt der Ausstellungsstücke erschlagen lassen. Wer sich für chinesische Kultur interessiert, ist hier an der richtigen Adresse.

Adresse

上海博物馆 | Shanghai Museum
201 Renmin Avenue, Shanghai
Website: shanghaimuseum.net
Letzter Einlass um 16:00 Uhr bzw. wenn die tägliche Besucherhöchstzahl von 8000 erreicht wurde.
Eintritt frei.

Würdet ihr das Museum besuchen?

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16 Gedanken zu “Shanghai Museum – Chinesische Kulturgeschichte für lau

  1. Würde ich das Museum besuchen? Es ist sehenswert und ein Muss, wenn man nicht schon andere Museen der gleichen Art und Qualität an anderen Orten gesehen hat. Ich habe mal unsere Eintrittskarten von 2006 herausgekramt, da sehe ich, dass der Eintritt damals noch 20 Yuan betrug. Wir waren dort am 2. Oktober, also in der Woche des Nationalfeiertags, in der man, streng nach dem Reiseführer, seine Unterkunft nicht verlassen sollte. Haben wir trotzdem! Die Straßen waren schwarz vor Menschen, aber im Museum war vergleichsweise wenig los, sicherlich wegen des nicht kostenlosen Eintritts.
    Übrigens ein schöner Bericht.

    1. Klar, wenn man schon einige ähnliche Museen kennt … Das ist wie mit den Tempeln und Gärten, irgendwann braucht man mal Abstand.

      Heute ist im Oktober bestimmt viel los, nachdem es nichts mehr kostet …

  2. Also, da muss ich unbedingt noch mal hin! Mich hat schon vor vielen Jahren die Porzellan-Ausstellung besonders interessiert. Hast du es gut, dass Du in Shanghai wohnst und öfters dorthin kannst!
    China hat in den letzten Jahrne einige hervorragende Museen eröffnet. Jetzt ist es meistens eine Freude, diese Museen zu besuchen. Besonders gut und auch ohne Eintrittsgeld ist das Capitalmuseum in Peking.

    LG
    Ulrike

    1. Dir hat die Porzellan-Ausstellung besonders gefallen? Ich sag ja, dass du dich gut mit meinem Mann verstehen würdest 😉

      Danke für den Tipp mit dem Museum in Peking!

  3. Interessante Eintrittsregeln. :-))) Wird für alle Fälle vorgesorgt. Ansonsten schöne Exponate. Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man wirklich mehrmals hingehen. Es sind immer viele Informationen, die bei solchen Besuchen auf den Besucher einwirken. Und wenn man dann noch mit der Kamera beschäftigt ist, wie ich es meist auch tue, übersieht man auch schnell mal etwas Wichtiges oder Schönes.
    Herzliche Grüße, Eberhard

    1. Ja, das Museum ist einfach zu groß für alles auf einmal. Gar nicht auszudenken, wie kräftezehrend der Besuch wäre, wenn man dann auch noch mit Audioguide unterwegs wäre und vor vielen Stücken ewig steht usw.

  4. Danke für die Vorstellung des Museums und Kompliment für Deinen Blog, den bereits länger still verfolge.
    Bislang habe ich nur Hongkong besucht und musste bei diesem Beitrag an das Hongkong Heritage Museum und das Hongkong Museum of History denken. Beide haben mir ausgesprochen gut gefallen, besonders das erstere, weil ich dort eine Einführung in die kantonesische Oper durch einen Sänger erhalten habe und später auf der Museumsbühne einen Akt einer kantonesischen Oper gesehen habe.

    1. In Hongkong hatte ich leider keine Zeit für ein Museum (ursprünglich standen auch ein paar auf meiner Liste, ich glaube, das HK Heritage Museum war auch darunter). Ich finde es auch immer toll, wenn man in Museen und Co. auch mal live in so musikalische Darbietungen reinschnuppern kann. Bin mir nämlich nicht sicher, ob ich eine zweistündige Oper aushalten würde, aber mal ein paar Minuten zuschauen ist immer interessant.

  5. In China sind tatsächlich recht viele öffentliche Museen kostenlos zugänglich. Ich kann mich noch erinnern, wie zwischen 2008 und 2010, als ich für eine chinesische Nachrichtenagentur arbeitete, der Eintritt in mehrere hundert Museen kostenlos wurde. Das war damals eine grosse Nachricht.

      1. Dann warst du vermutlich zu einem grossen Teil in privaten Museen.

        Bei der Preispolitik habe ich generell das Gefühl, dass der Propagandawert den Preis bestimmt. Alle Sehenswürdigkeiten, die in dir das Gefühl vermitteln sind kostenlos wie das Shanghai Museum oder zumindest relativ preiswert wie die grosse Mauer oder das Geburtshaus von Mao.

        Orte hingegen wie Jiuzhaigou, wo man sehen kann wie Wasser aussieht, wenn es nicht verschmutzt ist, und das damit an die desolate Umweltsituation erinnern, sind hingegen superteuer.

  6. Klar würde ich mir das ansehen! 🙂 Wie lange habt ihr denn da angestanden? Die Schlange sieht ja schon SEHR lang aus. Wir waren 2006 (?) mal in Dublin, da waren die große Museen auch alle kostenlos Und wunderschön gemacht. Das fand ich auch sehr beeindruckend.

    1. Hm, wir standen da schon ca. 40 Minuten, aber bei der Länge der Schlange war das noch recht wenig (die Schlange ging hinter uns noch weiter, die zweite S-Kurve sieht man auf dem Bild gar nicht mehr). Wir waren aber auch an einem Feiertag und dann noch am Nachmittag da (zum Glück verläuft sich die Menge im Museum selbst ziemlich). Wenn man an normalen Tagen gleich in der Früh geht, ist es bestimmt nicht so schlimm.

  7. Ich finde, das Museum hat eine tolle moderne Architektur 🙂 Aber.. ich steh auf Beton-Optik (und angeblich auch auf sozialistische Architektur 😛 )

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