Was hat ein chinesischer Kuchen mit Karriere zu tun?

Funing Da Gao

Zum Frühlingsfest schenkt man sich in der chinesischen Provinz Jiangsu gerne einen ganz bestimmten Kuchen – den Funing Dagao. Ein Kuchen, ein Kaiser, ein Jadegürtel … Was hat das jetzt alles mit Karriere zu tun?

阜宁大糕 (fùníngdàgāo), der großartige Kuchen aus Funing

Die rote mit Glückssymbolen bedruckte Verpackung erinnert ja eher an eine Stange Zigaretten. Tatsächlich befindet sich darin eine uralte Spezialität, die schon vor rund 2000 Jahren in Funing (Jiangsu) produziert wurde: Dagao, der großartige Kuchen (auf Englisch oft »big cake«).

Der Kuchen besteht aus vielen dünnen Schichten und wird aus Klebreis, Zucker und Schweineschmalz hergestellt. Letzteres wird heutzutage aber meist durch Pflanzenöl ersetzt. Wie ein Kuchen sieht der Dagao für einen Europäer nicht aus, eher wie viele dünne Scheiben Marzipan. Was für ein Glück, dass der Kuchen immerhin süß schmeckt. Da gehen Erwartung und tatsächlicher Geschmack endlich mal nicht so weit auseinander.

Ist er frisch und sind die einzelnen Scheiben noch feucht und biegsam, schmeckt der Kuchen zwar ein bisschen ungewohnt, aber nicht unbedingt schlecht. Allzu viel Geschmack hat er allerdings nicht, es sei denn, der Teig wird noch mit Nüssen oder Sesam verfeinert.

Funing Da Gao
Dagao mit schwarzem Sesam (die Schichten sind normalerweise glatt, hier hat der Kuchen beim Transport gelitten)

Von Kaiser Qianlong geliebt

Was also fand Kaiser Qianlong (1711-1799), der in der Qing-Dynastie in Peking regierte, an dem Kuchen? Als der nämlich einmal eine Reise in die entfernte Provinz Jiangsu machte und dort ein Stück von dem Kuchen probierte, fand er den Dagao so gut, dass er ihn als Tribut einstufte (贡品糕, gòngpǐngāo = Tribut-Kuchen). Beamte, die ihn mit einem solchen Kuchen beschenkten, wurden vom Kaiser befördert und bekamen einen kostbaren Jadegürtel geschenkt. Deshalb ist der Kuchen auch als Jadegürtel-Kuchen (玉带糕, yùdàigāo) bekannt.

Der Dagao steht also schon seit Langem eng mit einem Karriereaufschwung in Zusammenhang. Und wie sieht es heutzutage aus?

Der Dagao und die Karriere

Noch heute schenken Eltern in Jiangsu ihren Kindern gern einen Dagao zum chinesischen Neujahrsfest. Auch meine Schwiegermutter gibt Herrn M. jedes Jahr so einen Kuchen mit – für eine gute Karriere. Der Dagao steht nämlich für einen Glückwunsch. Offiziell heißt der:

步步登高,平步青云
bùbù dēnggāo, píngbù qīngyún

Schritt für Schritt auf einen Hügel steigen, schnell emporkommen/Karriere machen!

In Herrn M.s Familie verwendet man einen anderen Spruch mit der gleichen Bedeutung:

年年高升
niánnián gāoshēng

Jedes Jahr befördert werden!

Das 高 (gāo) in den Sprüchen klingt wie das 糕 (gāo) für Kuchen. Da bietet sich ein Wortspiel natürlich an.

Fazit

Wer in Jiangsu so einen Kuchen verschenkt, wünscht dem anderen also eine erfolgreiche Karriere.

Touristen, die nach Jiangsu kommen, haben wohl am ehesten an den Bahnhöfen Glück: Dort findet man den Kuchen bestimmt in einem der Spezialitätengeschäfte in den Wartehallen. Und falls nicht, verpasst man auch nicht viel …

Was glaubt ihr? Lecker oder nicht?


Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Frühlingsfest – Das chinesische Neujahrsfest“.
chinesisches Frühlingsfest, Neujahrsfest, China

Advertisements

8 Gedanken zu “Was hat ein chinesischer Kuchen mit Karriere zu tun?

  1. Wieder ein informativer Artikel! Ich bin zum richtigen Fan dieses Blogs geworden.
    Und nein, ich glaube nicht, dass der Kuchen schmeckt. Meine chinesische Freundin bringt jedes Jahr aus den Sommerferien Süßigkeiten aus Nanjing mit. In den meisten Fällen mag ich sie nicht, was mehrheitlich mit der extremen Süße zu tun hat. Mir sind die herzhaften chinesischen Speisen in der Regel lieber.
    Ach ja, ein Jahr haben wir die Masse an Süßigkeiten und Keksen bei Freunden liegen lassen und in der Nacht hat ihre Katze zugeschlagen. Einer deutschen Katze schmecken chinesische Leckerli offensichtlich mehr als mir.

    Liebe Grüße
    Midori

    1. Oh, ein Fan! Muss ich dann bald Autogramme geben? 😀

      Chinesische Süßigkeiten sind wirklich oft sehr süß (einige mag ich aber sehr). Die traditionelleren Süßigkeiten finde ich aber auch sehr komisch (Geschmack, Konsistenz …).

      Lustig, dass die Katze das Zeug gefressen hat. Mein Kater war auch ganz wild auf den Kuchen 😉

  2. So rein vom Aussehen hätte ich beinahe auf Speckscheiben getippt. :-)))) Immerhin aber steckt eine jahrhundertealte Tradition dahinter. Das ist doch was. Und dank der Geschichte wurde er zum Symbol. Da süielt der Geschmack manchmal keine große Rolle.
    Manchmal kann auch der Name eines Kuchens oder einer Leckerei verwirren. Ich hatte letztens einen ostfriesischen Schneckenkuchen. (!) Ich stelle demnächst vielleicht mal ein Bild rein. Wegen der Assoziationen zu den Schnecken. :-))) Ich kann versichern, es handelte sich wirklich um eine Köstlichkeit. Die natürlich garantiert schneckenfrei ist.
    Herzliche Grüße und wieder mal ein Danke für die interessanten Informationen, Eberhard

    1. Mit den Speckscheiben liegst du ja gar nicht so verkehrt, wenn man bedenkt, dass der früher meistens mit Schweineschmalz gemacht wurde 😀

      Auf den Schneckenkuchen bin ich gespannt. Meine erste Assoziation waren jetzt Nussschnecken und Co., aber scheint ja doch etwas anderes zu sein …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s