Taqing und Qingtuan – So begrüßt man in China den Frühling (Magic Letters)

Frühling in China

Der Frühling ist da. Das schreit in Shanghai nach traditionellen Aktivitäten und Knödeln, die man speziell zum Frühlingsanfang isst: Es wird grün.

踏青 (tàqīng) – Landpartie

»Der Frühling ist da, der Frühling ist da!«, so steht es in den Büchern chinesischer Grundschüler. »Er ist auf den Feldern angekommen, die Blumen blühen. Der Frühling ist da, der Frühling ist da! Er ist in den Nestern der Vögelchen angekommen, die Vögel überzeugen uns mit ihrem Lied.«

Frühling in einem chinesischen Dorf, Lukou
Frühling in Lukou (in der Nähe von Nanjing)

Frühling. Chinesen machen daraus ein Spektakel und erfinden ein Wort dafür: 踏青 tàqīng, die Landpartie (wörtlich: aufs Grüne treten). Der Ausdruck ist gleichzusetzen mit Frühlingsanfang. Denn sobald der Frühling kommt, geht es raus ins Grüne, Natur und Sonne genießen. Schon berühmte chinesische Dichter schwärmten vor 1600 Jahren von solchen Ausflügen, um sich gemeinsam zu Versen inspirieren zu lassen.

Auch heute fährt man gern in die aufblühende Natur, lässt sich hinreißen zu Picknicks, Fahrradtouren, Streifzügen durchs rapsgelbe Idyll – so zumindest die Idealvorstellung. Wem der Weg in eine ländliche Gegend (wie hier in Shanghai) zu weit ist, der geht eben in den nächsten Park und setzt sich auf den Rasen.

Grün ist Grün.

Dort trifft man sich mit Familie und Freunden zum Picknick, stilecht chinesisch mit Igluzelt, Thermodecken und Federballspielen in Lederschuhen.

Frühling im Century Park, Shanghai
Frühling im Century Park, Shanghai

Wem das nicht Frühling genug ist, der besucht ein Pflaumenblütenfestival (Februar/März; z.B. in Nanjing) oder schlendert durch romantische Kirschblütenhaine (März/April; in Shanghai geht das z.B. hier). Und warum schlendern, wenn man auch unter den Bäumen sitzen und Erdbeeren essen kann? Ich freue mich schon auf besseres Wetter.

Sakura, Kirschblüte
Kirschblüte im Luxun-Park, Shanghai

青团 (qīngtuán) – Grüne Knödel

Zum Frühling wird nicht nur die Natur wieder grün, auch eine typische Spezialität im Shanghaier Raum ist grün: Qingtuan (青团, qīngtuán). Die klebrigen Knödel, die wegen ihrer giftgrünen Farbe den Frühling repräsentieren, werden gerade überall verkauft – in Supermärkten, Bäckereien oder direkt auf der Straße.

Ihre intensive Farbe erhalten Qingtuan von zerstampftem, chinesischem Beifuß (艾草, àicǎo). Sind die Qingtuan frisch, sind sie so klebrig, dass man sie umständlich aus ihrer Folienverpackung zutzeln muss. Nach zwei, drei Tagen Warten werden die Knödel allerdings fester und leichter zu essen. Ihr Geschmack ist ungewöhnlich, aber nicht schlecht. Zuerst schmecken die süßen Knödel leicht nach Gras, dann füllt die traditionelle Rote-Bohnen-Paste den Mund. Andere Füllungen sind z.B. Grüne-Bohnen-, Dattel- oder Sesam-Paste.

Qingtuan zum Frühling
So schmeckt der Shanghaier Frühling: Qingtuan

So macht man Qingtuan selbst

Wer auf seinem Frühlingsausflug frischen Beifuß gefunden hat, kann die Qingtuan auch ganz leicht selbst machen. Diese Anleitung ist zwar auf Chinesisch, die großen Bilder sind aber selbst erklärend. Meine armselige Zusammenfassung:

Die frischen Beifußblätter waschen und zu einer grünen Pampe zerstoßen. Die Pampe mit Klebreismehl zu einem Teig verkneten, zu Kugeln formen und diese zu etwa handtellergroßen Scheiben pressen. Auf jede Scheibe einen Klacks Rote-Bohnen-Paste geben und den Teig wieder zur Kugel formen. Die fertigen Kugeln im Bambuskörbchen dämpfen. Da die Kugeln ziemlich klebrig sind, zur Aufbewahrung einzeln in Frischhaltefolie verpacken.

Grün, grün, grün ist alles was wir essen

Taqing, die Zeit der Frühlingsausflüge überschneidet sich mit einem weniger fröhlichen Anlass: Qingmingjie (清明节, qīngmíngjié), das Totenfest, das jedes Jahr Anfang April gefeiert wird. Auch zu diesem Feiertag passt die grüne Farbe. Denn das 青 (qīng) für grün klingt genauso wie das 清 (qīng, hell) in Qingmingjie. In vielen Provinzen kommen deshalb auch zum Totenfest hauptsächlich grüne Speisen auf den Tisch.

Allerdings hat jede Gegend in China für den Feiertag ganz eigene Essgewohnheiten. Herr M. aus Nanjing hat die Qingtuan zum Beispiel erst in Shanghai kennen gelernt. Eine schöne Auswahl an traditionellen Gerichten aus ganz China könnt ihr hier auf Deutsch und Chinesisch nachlesen.

Pflaumenblütenfestival in Nanjing, China
Pflaumenblütenfestival in Nanjing

Mehr zum Totenfest gibt es nächste Woche. Noch mehr Frühlingsbilder findet ihr unter Frühling im Zhongshan-Park und in meinem Artikel über das Pflaumenblütenfestival in Nanjing.

Was macht ihr zum Frühlingsanfang?

Das ist mein Beitrag zum Fotoprojekt »Magic Letters« von Paleica. Das Thema war F – Frühling. Wollt ihr auch mitmachen? Dann schaut für genauere Informationen bei Paleica vorbei (Klick aufs Logo).

Magic Letters

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34 Gedanken zu “Taqing und Qingtuan – So begrüßt man in China den Frühling (Magic Letters)

  1. Auf den Frühling freut man sich eben überall auf der Welt. Ist eben eine besondere Jahreszeit. Besondere Speisen braucht es dazu nicht unbedingt, finde ich. Wenngleich die grünen Sachen wirklich interessant aussehen. Aber mit dem Begriff „Knödel“ verbinde ich vor allem die böhmischen Semmelknödel, die ich sehr mag. Da wären alle anderen sicher ein richtiges Geschmacksabenteuer.
    Eine schöne Frühlingszeit wünsche ich Dir, Eberhard

    1. Haha, ja, mit „unseren“ Knödeln haben die grünen Dinger nichts zu tun. Vielleicht sollte ich sie lieber „Klumpen“ nennen 😉

      Ich wünsche dir auch eine schöne Frühlingszeit!

  2. … man sie umständlich aus ihrer Folienverpackung zutzeln muss.

    was für ein herrliches Wort 😀

    (html wird hoffentlich umgesetzt)

  3. wow, da ist dir ja noch einiges eingefallen zum frühling in shanghai! tolle bilder! diese knödel wären aber glaub ich nicht unbedingt was für meinen geschmack 🙂 besonders gefallen mir die blüten vom pflaumenfestival!
    und schon eigenartig, dass frühlingsanfang und totenfest so zusammenfallen…

    1. Das Thema „grüne Knödel“ hatte ich so ähnlich tatsächlich schon geplant, nur eben erst für Anfang April (bin deshalb sehr froh, dass du für G doch nicht grün gewählt hast ;-)). So musste ich jetzt nur noch ein bisschen außen rum bauen …

      1. 🙂 nein – grün ist mir als erstes in den sinn gekommen, aber das gabs damals bei magic monday schon und da doch einige damals auch mitgemacht haben, wollte ich nicht genau das gleiche wieder nehmen 😉 (und gelb mag ich einfach nicht ^.^)

  4. Liebe Shaoshi, wieder einmal ein wunderbarer Beitrag! Der Ausdruck Landpartie/ins-Grüne-treten gefällt mir außerordentlich gut, spiegelt es doch auch den Tatendrang und die Energie wieder. Allerdings könnte ich auf die grünen Knödel gerne verzichten. 🙂

    LG Heike

  5. Shanghai scheint temperaturmäßig ja schon mitten im Frühling zu sein. Obstblüten, Picknick… ja das klingt toll. Darauf müssen wir hier wohl noch ein bisschen warten 🙂 Am besten gefällt mir das erste Bild „Frühling in Lokou“. Da möchte ich auch gern „ins Grüne treten“ 😉 und die grünen „Knödel“ würde ich auch gern mal probieren.
    lg Lucy

    1. Ein bisschen weiter ist Shanghai schon, die Temperaturen sind ja auch ein bisschen milder. Dafür regnet es um die Zeit sehr oft, ist also auch nicht viel besser 😉

  6. Hi Shaoshi, cooler Beitrag! Lerne gerade Mandarin, seit Oktober, und bin ganz happy damit! Ich liebe Gärten und Parks und die Küche – Deine Bilder gefallen mir super – einfach bàng! Hast Du auch schon blühende Strauch-Pfingstrosen gesehen dieses Jahr? Oder ist das noch zu früh? Habe mich kürzlich an Dim Sun versucht – war echt lecker!
    zài jiàn
    Claus

    1. Danke.

      In Lijiang habe ich letzte Woche so blühende Sträucher gesehen. Das könnten Pfingstrosen gewesen sein, aber schwören möchte ich es jetzt nicht 😉

      Stimmt, Dim Sum ist lecker – immer.

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