Lijiang Old Town – Tiefenentspannt in Yunnan

Lijiang Old Town

In der Altstadt von Lijiang kann man sich leicht verlaufen und ebenso einfach verlieren. Lijiang Old Town ist ein Mikrokosmos, eine ganz eigene Welt aus Musik, Ethno-Souvenirs und ganz viel Essen. Die Kulisse: ein historisches Städtchen der chinesischen Minderheiten, das an den südöstlichen Ausläufern des Himalajas liegt.

Dächermeer von Lijiang
Lijiangs Dächermeer vom Löwenberg aus gesehen (Eintritt: 50 RMB)

Lijiang Old Town – Ein Labyrinth zum Verlaufen und Sich-Verlieren

Von der Wangu-Pagode aus wirkt das schwarze Dächermeer von Lijiang Old Town fast ein bisschen langweilig. Mittendrin im Labyrinth aus Stein, Holz und Wasser ist das ganz anders. Wir schlendern durch die Gassen, die mit großen Pflastersteinen ausgelegt sind. Von unzähligen Füßen sind sie glatt und rund gestampft, das Gehen ist mühsam. Wir folgen den Wegen bergab, bergauf, um sanfte Kurven, über kleine Brücken, durch ein steinernes Tor.

Nach kürzester Zeit haben wir uns verirrt.

Egal. Die Hektik Shanghais ist längst vergessen. Wir schlendern ohne Zeitdruck. Was wir heute nicht schaffen, das schaffen wir morgen; oder irgendwann; oder gar nicht. Wichtig ist, dass wir hier sind. Wir lassen uns durch die Gassen treiben, die außerhalb der Feiertage gar nicht überlaufen sind (zum Glück!).

Schnell hat uns die Altstadt aufgesaugt, hat uns hineingezogen in das Chaos aus Musik, Gerüchen und bunten Stoffen. Traditionelle Naxi-Musik dringt aus den Lautsprechern der Geschäfte, aus den Bars dröhnt chinesischer Softrock und Cantopop. Frauen trommeln stundenlang in ihren Geschäften unter Bob-Marley-Fahnen. Der Geruch von Räucherstäbchen vermischt sich mit dem von frisch gemachten Bonbons und gebratenem Fleisch. Klar, dass wir uns da gleich mit Yunnan-Snacks eindecken müssen.

Hinter jeder Ecke lauert ein weiterer Platz, so schön oder noch schöner als die vorherigen, oft menschenleer; viel altes verwittertes Holz, rote Lampions und Weiden, die ihre hellgrünen Zweige weit über Kanäle und Fußgänger hängen. Da sind wir ruckzuck tiefenentspannt. Nicht mal als es zu nieseln beginnt, sind wir genervt. Wir setzen uns einfach in eines der vielen Cafés, schlürfen Yunnan-Kaffee aus kitschigen Blümchentassen mit Goldrand und plaudern mit der Besitzerin. Zeit haben wir ja.

Lijiang Old Town – Touristenhochburg

Nahezu alle Häuschen haben sich auf Touristen fokussiert – Bars, Cafés, Restaurants, Hotels. Und dazwischen in vorhersehbarer Regelmäßigkeit: Teegeschäfte, Tuchläden, Boutiquen. Viele Häuser sind zum Vermieten ausgeschrieben. Die Souvenirhändler machen kein gutes Geschäft, obwohl die Altstadt zum Wochenende hin merklich voller wird (viele Besucher aus Peking, aus dem kantonesisch-sprachigen Raum, aus der Nachbarprovinz Sichuan).

Es gibt einfach zu viele Geschäfte, die das gleiche Zeug verkaufen, dicht an dicht. »Wir werden wohl auch bald schließen«, verrät uns ein Händler. »Das große Geschäft machen wir nur an den Feiertagen. Das reicht nicht.«

(Auf dem weißen Schild an der Bar ganz links steht übrigens: »Japaner und Hunde müssen draußen bleiben.«)

Lijiang Old Town – Hippiehochburg

Lijiang ist eine Stadt für junge Leute, für die chinesischen Hippies, sagt man. Mich erinnert der Ort irgendwie an eine China-Variante des Tollwood-Festivals in München. Die Touristen lassen sich bunte Strähnen ins Haar flechten, hüllen sich in buntgemusterte Schals oder tragen wallende Kleider aus leichten Sommerstoffen. Jungs sitzen mit ihrer Gitarre vor den Mikros der vielen urigen Bars und singen unter buntem Discolicht. In unzähligen Geschäften baumelt Ethnoschmuck, Okkultes aus Naturreligionen wie der Dongba, Handwerkskunst aus Holz und Silber.

Dazwischen schlendern immer wieder alte Frauen in traditionellen Gewändern, fast ein bisschen trotzig. In der Provinz Yunnan leben alle 56 Ethnien Chinas, dementsprechend vielfältig sind die Trachten. Nicht einmal Herr M. kann sie alle zuordnen.

Von den alten Kulturen ist in Lijiang Old Town erstaunlich wenig übrig. Der eingängige Gesang der alten Naxi-Frauen, die sich am Sifang zum Tanzen getroffen haben, geht im Lärm der umliegenden Bars fast unter. Als wir zusehen, wie sie sich an den Händen fassen und im Rhythmus ihres Singsangs hin und herwiegen, können wir es spüren: Diese Kultur liegt im Sterben. Da hilft es auch nicht, dass überall in der Stadt die immer noch gebräuchliche Dongba-Zeichensprache der Naxi zu finden ist.

Naxi-Frauen tanzen in Lijiang
Naxi-Frauen singen und tanzen in Lijiang

Lijiang Old Town

Eine authentische Stadt? Nun ja … Nach einem großen Erdbeben in den 90er Jahren wurde ein Teil neu aufgebaut (u.a. der Palast von Mufu) und die von der UNESCO geschützte Innenstadt vergrößert.

Trotz allem: Lijiang, das an den südöstlichen Ausläufern des Himalajas liegt, ist sehenswert. Seine Altstadt ist eine erstaunlich runde Sache, eine kleine Welt in der großen, wenn auch extrem touristisch. Hat man das Glück, den Ort ohne die schiebenden Menschenmassen zu besuchen (unter der Woche, nicht an Feiertagen), ist Lijiang wahnsinnig entspannend und schön. So schön, dass wir gerne länger geblieben wären als nur drei Nächte. Oder zumindest wiederkommen wollen.

Außerdem: Natürlich haben wir die Stadt auch verlassen. Dafür haben wir uns sogar auf Fahrräder (und Pferde) geschwungen.

Was meint ihr? Interessant oder zu touristisch?

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14 Gedanken zu “Lijiang Old Town – Tiefenentspannt in Yunnan

  1. Soll ich Dich mal neidisch machen? 😉 Ich war bereits 1991 in Lijiang. Da gab es nur ein paar Backpacker und sonst nicht viele Touris. Es gab natürlichauch wesentlich weniger Souvenirs, kein McD und kein Pizzahut.Aber ich habe auch gesehen,w ie es jetzt ist,a ls 2011 wieder dort war. Trotzdem: Es gefällt mir immer noch… Schöne Fotos und wie immer ein gut und interessant geschriebene Bericht! Danke dafür! LG Ulrike

    1. Ja, deinen Artikel hatte ich noch vage im Hinterkopf, als wir geflogen sind 😉 Und natürlich bin ich da neidisch. Aber so wie es jetzt war, war es wirklich okay. Die Welt dreht sich eben weiter und wir hatten ja das Glück auch zu einer sehr ruhigen Zeit dort zu sein.

  2. Ni hao Shaoshi,
    ich war vor einigen Jahren in Lijiang und begeistert. Begeistert vor allem deshlab, da es in den frühen Morgenstunden einfach herrlich und entspannend ist. Die Gassen sind dann leer und hervorragende Fotomotive. Abends ist es nicht ganz so entspannend mit der lauten Musik, jedoch haben dann die Gassen mit den roten Laternen ihren besonderen Reiz.
    Lg Thomas

    1. Ja, morgens kriegt man wirklich überall menschenleere Gassen zu sehen! Bei uns war aber auch tags nicht viel los. Und zum Glück gibt’s ja genügend Gassen abseits der Hauptadern. Da hört man dann auch die Musik nicht mehr 🙂

  3. Interessant auf jeden Fall. Dass solche Locations für den Tourismus erschlossen werden, ist sicher normal, ist ja bei uns auch nicht anders. Ob die Menschen davon leben können, ist natürlich eine andere Frage, ich schätze aber, wer bleiben will, hat wenig Alternativen. Auf jeden Fall großartige Fotomotive. Bei dem Blick vom Berg bekommt man einen guten Eindruck von der Größe der Stadt. Ist schon erstaunlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich in den vielen kleinen Gassen schnell verlaufen kann. Dagegen sind europäische Altstädte doch recht übersichtlich. Und das, was vom Kern erhalten ist, um einiges kleiner. :-)))
    Herzliche Grüße, Eberhard

    1. Von der Pagode auf dem Berg bekommt man sogar eine Rundumansicht von der Stadt, die zieht sich wohl um den ganzen Berg. Das hier ist nur ein kleiner Ausschnitt von der Altstadt. Der Rest der Stadt ist typisch chinesisch, also wenig ansehnlich 😉

      Ja, wer bleiben will, hat wohl wenig Alternativen. Man merkt schon, dass die Menschen um einiges ärmer sind als z.B. in Shanghai. Die Stadt lebt hauptsächlich vom Tourismus, in der Umgebung ist es sehr ländlich.

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