Neulich … (8) – Von Umzug, chinesischen Büchern und einem Klavier aus Stahl

Neulich

Die ruhige Zeit auf dem Blog soll nun endgültig wieder vorbei sein. Immerhin hat unsere Wohnungssuche endlich mit einem stressigen Umzug ihr Ende gefunden. Rückblick, Ausblick und Einblick ins Jetzt gibt’s nach dem Cut.

  • Mit unserem Umzug geht eine stressige Zeit zu Ende. Wochenlang habe ich nichts anderes gemacht als zu arbeiten und von einem Wohnungsangebot zum nächsten zu hetzen. Dann ging plötzlich alles ganz schnell, d.h. Freitag Abend um 19 Uhr habe ich erfahren, dass am Samstag um 10 Uhr morgens der Umzuglaster vor der Tür stehen wird. Dem Umzugstag folgte eine intensive Reinigung der neuen Wohnung. Obwohl sie – im Vergleich zu den anderen besichtigten Wohnungen – auf den ersten Blick sauber wirkte, musste ich auch hier eine ganze Woche lang das Stahlschwämmchen schwingen.

    Nun ist alles sauber, eingeräumt und wir haben uns eingelebt. Perfekt wird die Wohnung leider trotzdem nicht – zu viele unnötige Möbel, eine viel zu laute Wasserpumpe und die Vormieter haben ihr WLAN-Passwort an prominenter Stelle in die fleckige Wand gekratzt.

  • Dann waren wir ein verlängertes Wochenende in Lijiang. Die Idee war eigentlich, dass wir ganz lange von den Eindrücken aus der Gegend zehren. Der Umzug hat das leider unmöglich gemacht. Zwei, drei Artikel zu Yunnan werden trotzdem noch folgen.

  • Lijiang

  • Nach drei Jahren habe ich es endlich ins Shanghai Museum of Public Security geschafft – zusammen mit Mareike vom Blog »Von 0211 nach 021«. Die war übrigens schon zum zweiten Mal da (hier geht’s zu ihrem Bericht).

    Das Museum ist so kurios und chinesisch, dass sich ein Besuch schon wieder lohnt. Neben unverständlichen alten Dokumenten gibt es Tatwaffen aus echten Mordfällen, eine Drogenküche oder das nachgebaute Gartentor von Zhou Enlai zu bewundern. Und nicht zu vergessen den Wasserkessel, mit dem irgendeine Frau irgendeinem Passanten auf irgendeiner Veranstaltung Wasser eingegossen hat (mit Bildbeweis)! Das Ganze hat was von »Du, wir haben da noch alten Krempel im Keller vom Polizeirevier 888 gefunden. Wohin damit?« – »Machen wir doch ein Museum draus.« Wir hatten jedenfalls sehr viel Spaß dort! Das findet auch Mareike:

  • Seit dem Umzug habe ich wieder mehr Lust zu lesen, schließlich gibt es in der neuen Wohnung gleich mehrere potenzielle, gemütliche Leseplätze. Und um diese Bücher geht’s:

    Chinesische Bücher

    So habe ich nun endlich Lao Shes »Die Stadt der Katzen« gelesen – eine bereits in den 30er Jahren verfasste Satire, die China stark kritisiert. Ich war überrascht darüber, wie viel davon auch heute noch zutrifft, und auch darüber, dass der Roman seit den 80er Jahren in China nicht mehr verboten ist (Besprechung folgt).

    Außerdem habe ich gerade angefangen, meinen zweiten Roman auf Chinesisch zu lesen (»Tiny Times« und ja, ich schäme mich ein bisschen dafür). Obwohl ich viele Wörter immer noch nicht kenne, komme ich bei der Geschichte ganz gut mit. Vorteil ist aber auch, dass das Buch keine nennenswerte Handlung hat und es (bis jetzt) hauptsächlich darum geht, wessen High Heels gerade wie hoch sind, was der wunderbar gutaussehende Boyfriend gerade anhat und wer von Papi wieder eine neue Designerhandtasche bekommen hat. Chinesische Chick Lit, geschrieben von einem Mann, den man wohl als chinesischen Justin Bieber bezeichnen könnte. Das sagt alles … (Besprechung folgt)

    Zuletzt habe ich endlich Jiang Rongs »Wolf Totem« erstanden (auf Deutsch »Der Zorn der Wölfe«), das das Leben eines Studenten schildert, der sich während der Kulturrevolution einem Nomadenstamm in der Inneren Mongolei anschließt. Eigentlich wollte mir eine Bekannte schon vor einem Jahr das Buch ausleihen, dann ist sie aber nach Deutschland zurückgekehrt, ehe es dazu kommen konnte. Jetzt, wo in China die (vermutlich stark »harmonisierte«) Verfilmung dazu rausgekommen ist, habe ich mich wieder an die Geschichte erinnert – und siehe da, die Buchhandlung meines Vertrauens hatte tatsächlich eine englischsprachige Ausgabe im Regal.

    Eigentlich hätte ich sogar noch viel mehr Bücher gekauft. Bei unserer Wohnungssuche bin ich nämlich an einem primitiven Buchladen vorbeigekommen. Die tauchen immer mal wieder auf und verkaufen Rest- und Mängelexemplare oder den Bestand aufgelöster Buchhandlungen zum Kilopreis. Wenn man Glück hat, findet man dort auch ein paar interessante Bücher auf Englisch. Als ich es zwei Wochen später endlich zu besagtem Geschäft geschafft habe, war das schon wieder ein Schuhladen. Manchmal ist Shanghai einfach zu schnelllebig.

  • Auch Paleicas Fotoaktion Magic Letter will ich wieder aufgreifen, nachdem ich schon das H-Thema (»hochkant«) nicht rechtzeitig geschafft habe. Derzeit lautet das Thema »innen« – wie gut, dass ich unser neues Treppenhaus sowieso schon vorstellen wollte. Leider ist es auf dem Gang ziemlich düster. Für akzeptable Fotos muss ich also noch mal raus.

  • Zum Schluss noch ein chinesischer Filmtipp: The Piano In A Factory (钢的琴). Chen Guilin und seine alten Kollegen bauen in einer stillgelegten Stahlfabrik ein Klavier für sein Töchterlein. Eine bittersüße Komödie mit atmosphärischen Kulissen (eine im Sterben liegende Industriestadt an der Grenze zu Russland) und viel Akkordeonmusik (unter die russischen Lieder hat sich sogar ein deutsches gemogelt). Simpel und trist und doch sympathisch, witzig und ästhetisch gefilmt. Der Trailer zeigt das ganz gut:

  • (钢的琴, 2011, 107 Min.; Regie: Zhang Meng; Darsteller: Wang Qianyuan, Qin Hailu u.a.)

Und ihr so?

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12 Gedanken zu “Neulich … (8) – Von Umzug, chinesischen Büchern und einem Klavier aus Stahl

  1. Ich hatte ja übrigens ein bisschen gehofft, dass ich diverse Ausstellungsstücke nach einem gemeinsamen Besuch mit dir weniger kurios finden würde. Tatsächlich habe ich aber noch mehr gefunden, dass mich nach wie vor ratlos lässt. Aber ich werde nicht müde, zu betonen, wie liebevoll die den Krempel aus dem Keller aufbereitet haben! 🙂

    1. Die liebevolle Aufbereitung ist wohl auch bei mir das, was mich am nachhaltigsten beeindruckt hat …

      Dann müssen wir eben so oft in das Museum, bis es uns nicht mehr kurios erscheint. Kost‘ ja nix! 😀

      1. Das ist ein guter Plan! Die haben mich aber bestimmt schon auf so ner Verdächtigen-Liste. Ich war dieses Jahr schon ZWEI MAL da und das als Expat. Da ist doch was im Busch! 😉

  2. „Zorn der Wölfe“ habe ich 2012 zu Weihnachten von meinem damaligen Chef bekommen, und gleich gelesen – bzw. verschlungen! … wobei ich allgemein eher lesefaul bin 😀 Seit einem Jahr liegt es allerdings bei meiner kleinen Schwester, der ich es ausgeliehen habe, weil sie ein ausgesprochener Hundefan ist.

    Um chinesische Bücher lesen zu können, muss ich meinen (vor sich hin bröckelnden) Wortschatz vermutlich verdoppeln 😐

    betr. PaoPao ~ meine Katze geht hier auch bald die Wände hoch … wegen einer Verletzung darf sie seit zwei Wochen nicht mehr raus in den Garten … bis Mittwoch/Donnerstag muss sie sich noch gedulden.

    1. Das spricht ja für das Buch. Meine Bekannte hat damals auch recht begeistert darüber gesprochen!

      Für chinesische Bücher ist mein Wortschatz eigentlich auch viel zu beschränkt, aber ich habe einfach beschlossen, dass man irgendwann mal anfangen muss 😉 Die ersten ein, zwei Kapitel sind hart, aber dann wird es leichter, weil sich der neue Wortschatz wiederholt – und vieles wird auch im Chinesischen durch den Zusammenhang klar. Und so habe ich endlich mal die Möglichkeit, chinesischen Satzbau in der Realität zu sehen. Beim Sprechen oder bei Filmen achte ich da nie so darauf. Also mir hilft’s, versuch’s doch einfach mal! (Wobei ich natürlich nie so was Anspruchsvolles wie Wolf Totem auf Chinesisch lesen würde. Das müssen dann schon simple, primitive Bücher sein, auch wenn die eigentlich nicht in mein Beuteschema passen …

      Oh ja, Freigänger-Katzen, die nicht raus dürfen, können echt ätzend sein! Mein Beileid 🙂

      1. OK, besonders lange Texte hab ich noch nicht probiert zu lesen – waren wohl alle viel zu kurz -> Wiederhol-Faktor 😀
        Mann könnte sich den ein oder anderen Satz auch mit TextToSpeach-Software anhören, damit man sich nichts falsches beibringt … (mein Favorit: http://www.oddcast.com/home/demos/tts/tts_example.php )

        Cleo (die Katze, eigentlich Cleopatra) darf inzwischen wieder draussen rumtoben … aber momentan liegt sie doch wieder in einer „verknoteten“ Stellung auf dem Sofa und schlummert friedlich 😉

  3. Freu mich schon auf die Buchrezensionen! Vielleicht kann ich dann irgendwann auch mal ein Buch auf Chinesisch lesen… bisher reichts noch nicht mal für die Tageszeitung 🙂

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