Raus aus Lijiang – Mit dem Fahrrad nach Shuhe und Baisha

Mit dem Fahrrad nach Baisha und Shuhe

Die besten Tagen einer Reise sind oft die, an denen der Weg wichtiger ist als das Ziel. So soll das auch heute sein. Wir wollen zu den Dörfern Baisha und Shuhe. Doch eigentlich geht es uns ums Radfahren in Yunnans Natur. Ob wir damit mehr Glück haben als mit den Pferden auf der alten Tee-Straße?

Unterwegs

Der Weg von Lijiang nach Shuhe ist einfach. Die Landkarten-App lotst uns über ein paar chaotische Kreuzungen und dann immer geradeaus, die breite Straße entlang. Sonderlich idyllisch ist das nicht. Zumindest gibt es hier am Stadtrand kaum noch Verkehr. Hinter den üppigen Grünstreifen stehen Reihenhäuser, neu gebaut für die Zukunft. Ab und zu blitzt vor uns der berühmte Jadedrachen-Schneeberg hinter Baumwipfeln und dunklen Wolken auf. Dann haben wir Lijiang hinter uns gelassen.

Das Hinterland ist unspektakulärer als gedacht. Auch hier wird viel gebaut, allerdings individueller. Überall in der Landschaft ist die rote Erde umgegraben, stapeln sich Gesteinsbrocken und altes Holz. Regelmäßig stehen die unfertigen Holzskelette einfacher Bauernhäuser in der Gegend. Vereinzelte Kühe sitzen in der Landschaft, Menschen sieht man noch seltener.

Im Hintergrund türmen sich die Berge. Endlich wieder Berge! Shanghai ist ja so schrecklich flach. Die einzige Erhebung ist der Sheshan, der mit seinen gerade einmal 100 Metern Höhe noch nicht einmal ein natürlicher Berg ist. Hier in Yunnan dagegen gibt es richtige Berge, rustikale Bauernhäuser. »Wie in Bayern«, sagen Herr M. und ich gleichzeitig. Natürlich wirken die Häuschen mit ihren schwarzen Dächern und den geschwungenen Dachsparren immer noch chinesisch, aber das Gefühl ist ähnlich. Ein bisschen wie Heimat. Das findet auch Herr M., der ja selbst zehn Jahre in Bayern gelebt hat.

Dann taucht unser erstes Etappenziel auf: das Dorf Shuhe.

束河 – Shuhe

Rund sieben Kilometer von Lijiang entfernt liegt Shuhe, das die Bewohner Longquancun, das Dorf der Drachenquelle, nennen. Schon in den Dynastien Tang (618-907) und Song (960-1279) war das Naxi-Dorf eine wichtige Station auf der Handelsstraße zwischen Sichuan und Tibet. Heute hat es seine besten Tage hinter sich.

Shuhe ist zwar für Touristen ausgelegt und steht mit seinen vielen Souvenirgeschäften der pulsierenden Altstadt von Lijiang in nichts nach. Doch etwas fehlt: Besucher! Fast allein schlendern wir durch die einsamen Gassen. Nach Lijiang können uns die allerdings nur wenig beeindrucken. Dafür wirkt alles zu neu, zu künstlich, zu modern. Das hat wenig Flair. Man merkt deutlich, dass Shuhe im Fahrwasser von Lijiangs Beliebtheit zu einem touristischen Ort ausgebaut wurde. Offensichtlich mit mittelmäßigem Erfolg. Mir tun die Verkäufer leid, die gelangweilt vor ihrem Silberschmuck, ihren Lederwaren, ihren bunten Tüchern hocken.

Wir essen ein Eis und machen uns bald wieder auf den Weg. Die Frau vom Kiosk, an dem wir unsere Räder geliehen haben, hat Recht: Shuhe ist nicht besonders interessant. »Fahrt lieber nach Baisha! Ausländer finden Baisha immer viel besser!«

白沙 – Baisha

Baisha liegt rund 10 Kilometer nördlich von Lijiang und ist die älteste Siedlung der Naxi. Schon als wir uns dem Dorf nähern, wissen wir, dass das Dorf das bessere Ziel ist. Die Gegend ist uriger und die kleine Straße, die zur Siedlung führt, genau nach unserem Geschmack.

Hier sind sogar noch weniger Leute. Der Grund ist schnell gefunden: kaum Geschäfte für Touristen, das meiste geschlossen. Ein berühmter TCM-Arzt hockt als Attraktion vor seinem Haus. Auf dem Marktplatz bieten vier, fünf alte Frauen in Trachten ihr spärliches Gemüse an. Viele Wohnhäuser stehen leer, können gekauft oder gemietet werden. Baisha, die einstige Hauptstadt des Naxi-Reichs, hat wohl auch schon geschäftigere Tage gesehen.

Wir spazieren durch die fast menschenleeren Gassen, die mit Naturstein gepflastert sind und von kleinen Kanälen durchzogen sind. Die Häuser sind nach traditioneller Art gebaut, viel Naturstein, viel Holz, mit schwarzen Ziegeln gedeckte Dächer.

Wir entdecken ein geöffnetes Restaurant. Zeit fürs Mittagessen. Alles, was ich bestellen will, gibt es jedoch nicht. »Das ist noch die Karte vom letzten Jahr«, verrät uns der Kellner. »Aber lohnt sich jetzt nicht mehr.« Uns bleibt nichts anderes übrig als Tomate mit Ei und dünne Kartoffelstreifen mit Paprika zu bestellen – zwei absolute 08/15-Essen. Dabei hatte ich mich doch so auf einheimische Küche gefreut! Dem Straßenhund, der plötzlich neben unserem Tisch steht, ist die Auswahl der Gerichte ziemlich egal. Gierig verschlingt er alles, was wir ihm hinwerfen.

Im Innenhof des Restaurants ist eine Bühne aufgebaut. Adele röhrt aus blechernen Lautsprechern. Irgendwie komisch, an so einem verschlafenen Ort eine solch internationale Musik zu hören. Wir schlürfen Yunnan-Kaffee und blättern in dem chinesischen Reiseführer, den wir aus dem Hotel mitgenommen haben. Eigentlich wollen wir noch in ein drittes Dorf, aber in dem Heft gibt es keine Landkarten und in unserer App scheint das Dorf nicht zu existieren. Auch die Kellner können uns nicht weiterhelfen. »Entschuldigung, keine Ahnung«, sagt eine junge Frau. »Ich bin selber noch nie aus Baisha rausgekommen.«

Die Wandmalereien von Baisha

In Lijiangs Umgebung liegen noch eine Menge malerischer Dörfer. Leider reicht unsere Zeit dafür nicht mehr. Also wollen wir uns noch schnell die berühmten Wandmalereien von Baisha ansehen und dann zurück nach Lijiang fahren.

Baisha ist für seine Fresken aus der Ming-Dynastie (1368-1644) bekannt, die Elemente verschiedener Glaubensrichtungen ineinander vereint. Man findet sie in einer Anlage, die den Dabaoji-Palast (大宝积宫) und die Liuli-Halle (琉璃殿) umfasst. Die Fresken, die von Malern unterschiedlicher Völker gemalt wurden, sind ein so kostbares Highlight, dass man sie nicht fotografieren darf. Ein Sicherheitsmann sorgt dafür, dass auch ja keiner seine Kamera zückt.

Tipps

Eine Radtour ist absolut empfehlenswert. Wir bereuen immer noch, dass wir durch die Pferdeaktion fast einen ganzen Tag verloren haben und hätten lieber zwei Tage lang Fahradtouren gemacht.

Räder kann man in Lijiang Old Town an mehreren Stellen ausleihen. Am Haupteingang der Altstadt kostet ein Rad pro Tag z.B. 45 RMB, an einem Kiosk, den uns unser Hotel empfohlen hat, sogar nur 25 RMB. Vor dem Leihen eine Runde Probefahren nicht vergessen, um Bremsen und Sattel zu testen.

Am Eingang von Shuhe nicht von einer Frau verunsichern lassen, die einen anschreit und meint, man müsse ihre Räder bei ihr unterstellen und dafür bezahlen. Auf dem Parkplatz für die Autos gibt es auch eine Abstellfläche für Zweiräder – und zwar absolut kostenlos.

Nicht vergessen, einen guten Sonnenschutz mitzunehmen. Die Sonne in Yunnan ist sehr stark, offensichtlich auch, wenn es bewölkt ist. Ich habe hier in China zum ersten Mal Farbe bekommen, natürlich Krebsrot.

Von Lijiang fahren auch Linienbusse nach Baisha (Linie 6).

Die Strecke Lijiang – Shuhe – Baisha ist praktisch vollständig flach. So macht Radfahren Spaß!

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17 Gedanken zu “Raus aus Lijiang – Mit dem Fahrrad nach Shuhe und Baisha

    1. Danke (dabei hat sich der Artikel veröffentlicht, bevor ich ihn zur Endfassung überarbeiten konnte, nun ja …).

      So eine Radtour in der Gegend kann ich wirklich nur empfehlen, egal wohin!

  1. Ein sehr schöner Reisebericht und tolle Fotos dazu. Und Adele möchte ich mir dazu wirklich nicht vorstellen. :-))) Möchte man damit Touristen beeindrucken?
    Herzliche Grüße, Eberhard

    1. Junge Chinesen hören auch gern internationale Musik und die Typen im Restaurant waren auch alle um die zwanzig, aber an so einem „abgelegenen“ Ort rechnet man irgendwie nicht damit 😉

  2. Hmmm .. als ich von meiner Ex erfuhr, dass ihr China-Aufenthalt länger als die geplanten 2 Monate dauert, hatte ich mal überlegt, mit dem Fahrrad z.B von Hangzhou ca. 500km in die Provinz Fujian hinein zu fahren, um sie zu beeindrucken. Hab’s dann gelassen … aufgrund der Vermutung, dass ich dann für komplett verrückt gehalten werde.
    (Wozu radeln wenns Flugverbindung gibt …)
    Oder wie sehen die Chinesen das mit dem Radeln – nur was für die ärmere Schicht, oder für komplett-Verrückte (疯了) wenns nicht am Geld liegt ???

    1. Hm, ich kannte mal einen, der in seinen Semesterferien von Shanghai aus irgendwohin geradelt ist (1000 km oder so). Aber ich schätze mal ganz stark, dass solche Strecken nicht der Standard sind. Fahrräder an sich sind schon akzeptiert, solange sie cool sind (meistens solche Exemplare in knalligen Neonfarben: http://ghbike.en.alibaba.com/product/1391628235-209862255/700C_neon_green_fixie_gear_bike.html – keine Ahnung, ob die inzwischen auch in Deutschland populär sind)

      1. Ist aber halt die Frage, ob man bei Chinesen damit Bewunderung oder eher Spott erntet …
        (In Deutschland würde die sportliche Leistung sicher honoriert.)

  3. Sehr schöner Bericht und tolle Fotos hast Du mitgebracht! 😀 Am besten finde ich den überladenen Motorroller oder wie das Teil heißt! 😉 Die schreiende Frau mit ihrem Fahrrandparkplatz würde mir Angst machen… Was sind das denn für Geschäftsmethoden?
    LG Susanne

  4. grade in der ersten galerie weiß ich glaub ich gut was du mit „bayrisch“ meinst. der rest fällt für mich dann doch eher unter chinesisch 🙂 schöne eindrücke, sehr verschlafen und abseits dessen, was man sonst von china so sieht.

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