Xixi National Wetland Park – Im Sumpfgebiet von Hangzhou

Xixi National Wetland Park, Hangzhou

Mit Holzbooten durch urige Sumpflandschaften schippern, durch Filmkulissen schlendern und mit Fischern auf Fischfang gehen – im Xixi National Wetland Park in Hangzhou ist das möglich. Doch ist das Sumpfgebiet wirklich so lohnenswert wie es so viele Fotos und ein Kinofilm suggerieren?

Xixi National Wetland Park, Hangzhou
Diese romantischere Bootsvariante überstieg leider unsere finanziellen Mittel

Eine Bootsfahrt, die ist lustig

Das Boot schippert durch den Sumpf. Grün wohin das Auge reicht. An den Ufern wuchert üppige Vegetation – wahllos gepflanzte Bäume mit dürren Stämmen, viel Unkraut. Irgendwie hatte ich mir das ja exotischer, Everglades-mäßiger vorgestellt.

Rund zwanzig Passagiere schnattern aufgeregt durcheinander, ein Kleinkind quengelt. Eine Tonbandstimme aus schlechten Lautsprechern gibt viel zu laut Wissenswertes zur Gegend zum Besten. Fast eine Stunde sollen wir so unterwegs sein. In dem Lärm?! Herr M. lacht böse.

Wir passieren ein paar blühende Seerosen. »Was sind das für Blumen?«, fragt eine junge Frau hinter mir. Andere haben weniger Interesse an der Umgebung. Schon bald mischt sich die Musik diverser Handyspiele unter den Lärm.

Der dicke Mann vor uns ist eingeschlafen und schnarcht laut, während ihn andere mit hämischem Grinsen fotografieren. Wieder andere finden den einzigen Ausländer an Bord interessanter – mich. Ich esse nämlich ein Eis.

»Ey, der Ausländer isst Eis!«, schreit ein alter Mann voller Begeisterung seiner Begleitung am anderen Ende des Boots zu. Für ihn hat sich der Eintrittspreis von 110 RMB offensichtlich gelohnt.

Xixi National Wetland Park als Filmkulisse

»Gleich kommen wir an die Stelle, an der If You Are The One gedreht wurde«, übertönt die Reiseleiterin den Lärm. Plötzlich wird es still. »If You Are The One«, wiederholen einige andächtig. Dann legen wir an, strömen zurück aufs Festland, der Filmkulisse entgegen.

Feng Xiaogangs »If You Are The One« (2008) ist für eine Festlandkomödie überraschend intelligent und subtil. Deswegen Trotzdem zählt sie zu Chinas größten Hits. Ein Teil des Films wurde hier in den Wetlands gedreht und verhalf dem Park so zu Bekanntheit.

Heute erinnert neben vielen Schildern nur noch das Original-Boot aus dem Film an den Dreh – und das wird als große Sehenswürdigkeit ausgewiesen, obwohl es nicht unspektakulärer auf dem cappuccinofarbenen Wasser dümpeln könnte.

Highlight: Das Boot aus »If You Are The One« (links) und das Wasser, auf dem es mit den Stars an Bord gefahren ist

西溪国家湿地公园 – Xixi National Wetland Park

Eigentlich existiert der Sumpf schon seit mindestens 1800 Jahren. Damals gab es hier Fischerdörfer und Seidenproduktion. Seit 2005 steht ein Zaun drum rum, die Bewohner sind größtenteils vertrieben und der Ort rühmt sich nun damit, Chinas erster Wetland Park zu sein. Viel los ist bei unserem Besuch (reguläres Wochenende) allerdings nicht. Irgendwie nicht weiter verwunderlich. Denn allzu spektakulär ist der Sumpf trotz seiner Größe von ganz vielen Fußballfeldern nicht.

Authentisch ist hier kaum etwas, selbst die Natur wirkt oft wie künstlich angelegt. Die Wege sind mit unebenen Steinplatten ausgelegt, nagelneue Holzbrücken führen über Wasserläufe und auch die Steinbrücken wirken nicht so, als wären sie schon tausend Jahre alt. Tiere sieht man auch überraschend wenige. Ich hatte eigentlich gehofft, ein paar exotische Aufnahmen von Kranichen im Sumpf machen zu können, aber ich sehe nur zwei in weiter Ferne. Selbst Enten sind eine Rarität.

Egal. Denn als wir tiefer in den Sumpf hineingehen, hören wir den Lärm der vorbeiführenden Autobahnen nicht mehr und wähnen uns hier, am Rande einer Millionenmetropole, tatsächlich mitten in der Natur. Nach anfänglicher Enttäuschung setzt also doch noch der Entspannungsmodus ein. Denn nett angelegt ist der Park ja.

In den Fischerdörfern

Gelegentlich treffen wir auf unseren Streifzügen auf eine kleine Häuseransammlung in charakteristischer Bauweise der Gegend (weiße Wände, schwarze Dächer). Die sollen an die Fischerdörfer erinnern, die es hier einmal gab. Heute befinden sich Restaurants in den Häusern oder sie sind frei zugängliche Museumsräume.

Da wird zum Beispiel eine traditionelle Hochzeit nachinszeniert (alter Mann: »Hey, schau, hier ist noch mehr Plastikobst!«). In einem anderen Gebäude sind Überreste der Fischer ausgestellt – vermutlich all die Gebrauchsgegenstände, die sie beim Weggang zurückgelassen haben. Gerahmte Collagen zeigen uralte Fotos von den Bewohnern; Küchenutensilien, Eimer, Ackergeräte. Viele der typischen Tongefäße und Töpfe findet man in Shanghai auch oft auf den Müllhaufen am Straßenrand. Kein Wunder, dass sich kaum ein chinesischer Tourist dafür interessiert.

Trotzdem verwandelt sich das Gebäude schnell in ein Tollhaus. Es gibt nämlich keine Aufpasser und die »Bitte nicht berühren«-Schilder werden rigoros ignoriert. Ein Mädchen lässt sich mit einem Holzeimer in der Hand fotografieren, eine Frau zerrt einen großen Strohhut von der Wand, ein Mann dreht wie verrückt an einer steinernen Mühle, um dem Sohnemann zu imponieren. Die Leute zu beobachten ist fast spannender als die Gegenstände zu betrachten.

Im Fischerdorf Misty Water ist es übrigens möglich, mit Fischern aufs Wasser rauszufahren und Netze auszuwerfen. Pro Boot (max. 6 Personen) kostet das allerdings über 100 Euro, utopisch!

Fazit

Dass der Park nicht so schön sein würde, wie die vielen (Werbe-)Fotografien im Internet weismachen wollen, war uns zwar klar, trotzdem waren wir überrascht, wie unspektakulär der Park tatsächlich ist. Das mag auch am Wetter gelegen haben (Smog, weißer Himmel) oder an der Jahreszeit (alles ist grün, die Blumen fast komplett verblüht).

Da wir in Shanghai eher selten ins Grüne kommen, war der Park trotzdem eine willkommene Abwechslung. Wer also in der Nähe wohnt, kann ruhig einmal für einen entspannten Tag in inszenierter Natur vorbeischauen. Im Frühling, wenn Pflaumen-, Kirsch- oder Granatapfelbäume blühen, ist es hier an einem sonnigen Tag bestimmt sehr schön.

Ach ja: Der zweite Teil von »If You Are The One« wurde übrigens in einem Luxusressort auf Hainan, Chinas Mallorca, gedreht. Für diese Destination müssen wir aber noch kräftig sparen (und Zeit freischaufeln) …

Wäre der Wetland Park was für euch?

Infos

西溪国家湿地公园 | Xixi National Wetland Park, Hangzhou
天目山路528号 | Tianmushan Road 528, Hangzhou
Eintritt: 80 RMB (110 RMB inklusive Bootsticket)
Öffnungszeiten: 8:00-18:30 Uhr
Offizielle Seite: xixiwetland.com.cn (Englisch)

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18 Gedanken zu “Xixi National Wetland Park – Im Sumpfgebiet von Hangzhou

  1. Der Park wäre schon was für mich, wie Parks überhaupt. 🙂 Und Deine Fotos sind wieder toll. Der Text relativiert das dann wieder, vor allem, was die Besucher betrifft, und ich denke, ist ja beinahe wie überall, wo Touristen sind. Aber ich denke, damit kann man leben. Wird ja doch einiges geboten, und für jemanden aus der Stadt ist das schon eine Menge Natur. Zu viel Ursprünglichkeit ist ja auch nicht gut, weil’s der Tourist ja auch ein bisschen bequem haben möchte. :-)))
    Herzliche Grüße, Eberhard

    1. Ja, das mit den Touristen ist normal so 😉 Es kommt halt immer drauf an, wo sie herkommen. Wenn viele unterwegs sind, die von außerhalb kommen, wo nicht so viele Ausländer sind, bin ich natürlich ein Highlight. In Shanghai werde ich inzwischen kaum noch eines Blickes gewürdigt (oder ich merke es nicht mehr …). Und der „Affenstall“ war ja nur auf dem Boot so, weil so viele Menschen auf so engem Platz zusammen waren. Auf dem Festland hat sich das stark verlaufen, da gab es viele Wege, auf denen man sogar überhaupt niemanden angetroffen hat.

      Und stimmt, zu viel Ursprünglichkeit ist gar nicht gefragt!

  2. »Ey, der Ausländer isst Eis!«, schreit ein alter Mann voller Begeisterung seiner Begleitung am anderen Ende des Boots zu. Für ihn hat sich der Eintrittspreis von 110 RMB offensichtlich gelohnt.

    Ich hab so sehr gelacht und konnte gar nicht mehr aufhören! Auch bei der weiteren Beschreibung der anderen Touris.

    1. Hehe, die Bootsfahrt war … surreal. Aber so hat sich’s ja für beide Seiten gelohnt. Er hat einen Eis-essenden Ausländer gesehen und ich kann damit meine Leser unterhalten 😀

  3. So endlich auch mal wieder auf Blogrunde, viel verpasst.
    Also ich finde es genial und auch wenn es vielleicht nicht ganz so spektakulär wie erwartet ist, je nach dem woher man kommt ist es doch beeindruckend – einfach eine ganz andere Welt.

    LG Soni

    1. Ja, es muss ja nicht immer total spektakulär sein. Wir fanden den Park im Grunde auch nett, waren eben nur ein bisschen enttäuscht, weil wir mehr erwartet hatten.

  4. So teuer war Hainan gar nicht… allerdings waren wir auch nicht in einem Luxusresort – trotz Privatstrand 😀
    Wir hatten einen Ausflug dorthin damals ausgeschlagen, weil die von der Hochschule organisierten Ausflüge immer öde waren.. aber 17 Ausländer, statt nur einem, Eis essend.. die Reaktionen wären wohl den Ausflug wert gewesen 😀

  5. Haha soviel Freude wegen einem Eis ? Wie er wohl reagiert hätte wenn du ne traditionelle speise ausgepackt hättest 😉 Ich glaube mir hätte der Park schon alleine deswegen gefallen weil ich auf einem Boot fahren darf, ich finde das immer richtig entspannend, ich kann nicht einmal genau sagen warum.

    Danke für deinen Kommentar auf meinem Blog, ich habe dir mal dort geantwortet ich wollte das nicht einfach so random unter einem deiner Artikel machen, hoffe das ist okay^^

    Liebe Grüße
    Jenny

    1. Ich glaube, ich wäre auch ohne Requisiten eine Attraktion gewesen 😉

      Boot fahren finde ich auch immer sehr nett – nur diese Fahrt war eben sehr laut…

      Ui, deine Antwort schaue ich mir gleich mal an!

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