Jade-Buddha-Tempel – Ruhe-Oase im Hochhausdschungel

Jade-Buddha-Tempel, Shanghai

Am Feiertag in einen von Chinas wichtigsten buddhistischen Tempeln gehen? So ganz überzeugt bin ich nicht, sehe ich mich doch schon in einer Menschenmenge eingeklemmt. Doch dann stellt sich unser Besuch im Jade-Buddha-Tempel in Shanghai als richtige Entscheidung heraus.

玉佛(禅)寺 – Jade-Buddha-Tempel

Eingepfercht von den charakterlosen Hochhäusern Putuos liegt der Jade-Buddha-Tempel. Hier soll ich Harmonie und Idyll finden? Ich kann es nicht glauben – bis wir durch das Tor in einem Seitensträßchen gegangen sind und uns in einer andere Welt wiederfinden. Es ist unnatürlich ruhig. Der Duft von Räucherstäbchen zieht um die Ecken. Selbst die Hochhäuser, die hinter den schwarzen Tempeldächern aufragen, nehmen wir kaum noch wahr.

Der Tempel scheint menschenleer. Einerseits ist das erfreulich, andererseits verheißt das nichts Gutes. Denn eigentlich sind wir hergekommen, um an den Kursen teilzunehmen, die am Drachenbootfest stattfinden sollen: eine Teezeremonie, eine Meditationsrunde, eine Kalligrafiestunde. Doch davon ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich sind wir zu spät dran. Es wird ja schon langsam dunkel, aber ohne ein Abendessen wollte meine chinesische Familie nicht aus dem Haus.

In einer Tempelhalle findet gerade ein Gottesdienst statt. Buddhistischer Singsang dringt nach draußen, etwa dreißig Chinesen verneigen sich auf Geheiß eines Mönches vor den großen Heiligenfiguren. Wir bleiben draußen stehen, sehen zu. Es sind zwar Plätze frei, aber meine Schwiegereltern mögen nicht in die Runde platzen. Also suchen sie sich andere Figuren für ihre eigenen Gebete.

Wir schlendern über den Hof, dann einen Gang entlang. Über unseren Köpfen hängt ein rot leuchtendes Lampionmeer, dazwischen immer wieder schön bemalte sechseckige Lampen. Damals in München hatte ich auch so eine, aber beim Auszug ging sie kaputt. Ich trauere ihr immer noch ein bisschen nach.

»Hier ist es harmonischer als im Tempel in Zhenru«, meint Herr M. Obwohl im Tempel eine angenehme Atmosphäre herrscht, kann ich ihm nicht zustimmen. Dafür ist mir das Gelände dann doch zu klein, es gibt weder einen Garten noch Gewässer, im Gegensatz zum Tempel in Zhenru. Die hochmodernen elektrischen Stelen passen auch nicht so recht dazu. Und überhaupt: Im Tempel gibt es ein Zen-Café? Ist das so eine Art Hipster-Tempel?

玉佛 (yù fó)- Jade-Buddha

Das Zen-Café kommt natürlich nicht von ungefähr. Der Jade-Buddha-Tempel gehört nämlich zum Zen-Buddhismus. Dafür steht auch das 禅 (chán = Zen) in seinem chinesischen Namen. Der namengebende Jade-Buddha sitzt in einer Extra-Halle, die man über knarzende Holztreppen erreicht, ein weiterer Jade-Buddha liegt in einem anderen Raum.

Vor über hundert Jahren hat der Abt Hui Gen fünf dieser Statuen von Burma nach China gebracht. Zwei davon ließ er in Shanghai und gründete 1882 für sie den Jade-Buddha-Tempel, der inzwischen schon mehrmals zerstört und wieder aufgebaut wurde.

Der sitzende Jade-Buddha ist so kostbar, dass in seiner Halle ausdrückliches Fotografierverbot gilt. Allerdings sollte man Heilige in Tempeln sowieso nicht ablichten. Das gibt mieses Karma. Meine Schwiegermutter ist da in Sachen Aberglauben sehr streng.

Jade-Buddha-Tempel, Shanghai

Fazit

Wer gern Tempel besichtigt und nicht viel Zeit hat, dem empfehle ich den kleinen Jade-Buddha-Tempel. Er ist definitiv schöner und entspannender als etwa der protzige Jing’an-Tempel, der mich leider nur von außen beeindrucken konnte. Allerdings mag ich nach wie vor lieber den Zhenru- und den Longhua-Tempel, auch wenn die Jade-Buddhas für Kenner natürlich ein Highlight sein dürften.

Besichtigt ihr gern Tempel?

Jade-Buddha-Tempel, Shanghai
Vor dem Jade-Buddha-Tempel in Shanghai

Informationen

玉佛禅寺 | Jade Buddha Tempel
170 安远路 | Anyuan Rd, Shanghai
Öffnungszeiten: 08:00–20:00 Uhr
Eintrittspreis: 20 RMB (wir durften aber gratis rein, evtl. wegen der Feiertage?)
Webseite: yufotemple.com

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9 Gedanken zu “Jade-Buddha-Tempel – Ruhe-Oase im Hochhausdschungel

    1. Hehe, nach dem Tempelbesuch wollten wir eigentlich noch in der Gegend spazieren gehen. Aber nach 10 Minuten haben wir aufgegeben und uns ein Taxi nach Hause genommen. Diese Hochhaus-Wohnviertel sind so charakterlos wie langweilig. Wären wir mal lieber länger im Tempel geblieben …

  1. Sehr schön, deine Aufnahmen, so mitten in der Großstadt. Wunderbar.
    Wir besichtigen gern Kirchen, immer wieder.
    Aber wir fotografieren natürlich auch darin.
    Liebe Grüße Bärbel

    1. Ich glaube, westliche Heilige haben mit dem Fotografieren auch nicht so ein Problem, oder? 😉 In China soll es Unglück bringen. Ich bin meistens mit Chinesen in Tempeln, da will ich halt ein bisschen Respekt zeigen und fotografiere die Figuren eben nicht …

      1. Es gibt auch östliche Heilige, die nichts gegen das Fotografieren haben. Ein Beispiel: Der (wie es heißt) schönste Buddha von Thailand steht in Phitsanulok. In der Halle, in der er von vielen Besuchern verehrt wird, steht ein Schild mit der Aufschrift (von mir übersetzt): „Zum Fotografieren bitte auf den Boden setzen“.

        Was selbstverständlich überall stört, ist das Blitzen beim Fotografieren. Das sollte man in Tempeln unter Strafe stellen. Da aber manche zu dumm sind, den Blitz abzustellen, wird das Fotografieren lieber gleich generell verboten.

  2. Tempel ansehen (und fotografieren!) ist ein absolutes Muss. Übrigens gibt es im Jadebuddha-Tempel nach meiner Erinnerung (2006) einen flachen (künstlichen?) Bach mit schönen Fischen. Im Web habe ich auch was vom Fischfutterkauf und Fischefüttern im Tempel gelesen.

    1. Hm, ich habe keinen Bach gesehen. Vielleicht war der in einer Ecke, die wir übersehen haben, oder er war so klein, dass ich ihn nicht wahrgenommen habe 😉 Ein Teil des Tempels war mit Baugerüst verkleidet (obwohl ich nicht sicher bin, um anzubauen oder zu renovieren), vielleicht liegt der Bach ja dort.

      In Zhenru gab es eben eine recht große Wasserfläche mit vielen Fischen und direkt am Tempelgelände floss ein kleiner Fluss vorbei – das fand ich sehr schön und schwer zu übertreffen …

  3. Eigentlich kommt diese Art von Sightseeing für mich nur in Frage, wenn ich nichts anderes mehr weiss … obwohl es ja auch ganz niedliche Tempelchen gibt …

    Eine der wenigen Außnahmen war da z.B. die Leifang-Pagode am Westsee (Xihu / Hangzhou) … weniger wegen des „Prachtbaues“ als eher wegen der Legende der weißen Schlange, die ich schon lange vor meiner ersten Chinareise aus einem Anime kenne ( https://de.wikipedia.org/wiki/Erz%C3%A4hlung_einer_wei%C3%9Fen_Schlange ) 😀

    Klar, wenn viel Grün dabei ist, bin ich auch eher dabei! Oder lieber gleich Natur-(fast)-pur: WulinYuan/Zhangjiajie (ein MUSS als AVATAR-/Pandora-Fan !?) 😀

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