Der Westsee von Yangzhou – Des Kaisers liebster Touristen-Hot-Spot

Schmaler Westsee, Yangzhou, China

Ihr habt vielleicht schon mal von dem berühmten Westsee in Hangzhou gehört. Aber kennt ihr auch den Westsee in Yangzhou? Der zählt zu den größten Sehenswürdigkeiten der alten Kultur- und Handelsstadt. Doch kann er wirklich halten, was die überschwängliche Touristenpropaganda verspricht? Und warum sind chinesische Salzhändler eigentlich solche Arschkriecher?

瘦西湖 (shòu xī hú) – Schmaler Westsee

Es sieht so aus als hätten wir kein Glück. Eben noch hat es genieselt. Durch die Hitze ist die Nässe zwar sofort wieder verdunstet, aber der Himmel bleibt grau und wolkenverhangen. Noch dazu macht der See (englisch: »Slender West Lake«) seinem Namen alle Ehre. Er ist so schmal, dass er eher wie ein behäbiger Fluss wirkt. Dementsprechend langweilig scheint der Park am Anfang. Der breite Weg führt nämlich schnurgeradeaus am Ufer entlang. Und dafür mussten wir wirklich 120 RMB pro Person Eintritt bezahlen?

Was für ein Glück, dass der Park schon ein, zwei Kurven und Steinbrücken später doch noch interessant wird!

二十四桥 (èr shí sì qiáo) – 24-Brücke

Am Westsee stehen einige berühmte Brücken wie die 24-Brücke. Wie die zu ihrem Namen kam? Eine Legende geht so:

Als der Kaiser Sui Yangdi (560-618) auf einer Reise nach Yangzhou kam, entdeckte er eine kleine Steinbrücke. Eine Konkubine schlug vor, sie 23-Brücke zu nennen. Das Wort für Brücke (桥, qiáo) klingt nämlich so ähnlich wie das für zart (娇, jiāo) und der Kaiser hatte genau 23 zarte Töchter. Ein Eunuch wusste es besser: »Es sind 24 zarte Töchter. Eine Eurer Konkubinen ist nämlich schwanger.« Und so wurde die Brücke eben 24-Brücke genannt.

Wahrscheinlich heißt die Brücke aber einfach deshalb so, weil sie genau 24 Meter lang und 2,4 Meter breit ist und 24 Stufen hat …

Der Dichter Dumu (杜牧, 803-852) hat die Brücke in einem berühmten Gedicht erwähnt. Ein Ausschnitt:

二十四桥明月夜,玉人何处教吹箫?
Die 24-Brücke im Mondschein, wo sind die flötenspielenden Schönheiten hin?

Auch der Dichter Jiang Kui (姜夔, 1155-1221) widmete sich in einem bekannten Gedicht der Brücke:

二十四桥仍在,波心荡,冷月无声。念桥边红药,年年知为谁生?
Die 24-Brücke ist noch da, das Wasser fließt unter ihr, der kalte Mond ist stumm. Neben der Brücke wächst Hongyao, jedes Jahr die Frage: für wen?

Die Gedichte lassen viel Spielraum für Interpretationen. Geht es nun darum, dass die Brücke für die Ewigkeit gebaut ist [von der Original-Brücke dürfte kaum noch was übrig sein, sie wurde inzwischen mehrmals wieder aufgebaut] oder darum, wie schnell die Zeit verfliegt? Geht es um Heimweh, um die Vergänglichkeit des Lebens oder sind die Zeilen doch eher eine versteckte Kritik gegen die ständigen Kriege?

Meine Übersetzungen sind natürlich frei und schlecht. Überhaupt lässt sich die Genialität des chinesischen Originals nicht ins Deutsche übertragen, da ist sich Herr M. sicher.

钓鱼台 (diào yú tái) – Der kaiserliche Angelplatz

Ein weiteres kleines Highlight ist der kaiserliche Angelplatz. Das ist ein kleiner Pavillon, der in den See hineinragt. Auf seinen Reisen nach Yangzhou kam Kaiser Qianlong oft hierher, um zu angeln. Und die Fische bissen bei ihm überraschend oft.

Warum?

Wer in seiner Gunst stehen wollte – wie viele der reichen Salzhändler Yangzhous – warf heimlich Fische ins Wasser oder ging sogar auf Tauchgang, um die Fische direkt am Angelhaken zu befestigen.

Diao Yu Tai, Yangzhou, Schmaler Westsee, China
In diesem Pavillon angelte Kaiser Qianlong

五亭桥 (wǔ tíng qiáo) – Fünf-Pavillon-Brücke

Die Fünf-Pavillon-Brücke (siehe Titelbild) ist mit ihren Dächern einer Lotusblume nachempfunden. Deshalb wird sie auch Lotus-Brücke genannt. Sie ist das Symbol für Yangzhou und wurde 1757 für den Kaiser Qianlong gebaut.

Qianlong gefiel die Brücke übrigens so gut, dass er in Peking eine Kopie anfertigen ließ.

Vor der Brücke müssen wir unbedingt fotografiert werden, finden die Schwiegereltern. Herr M. und ich posen also für Fotos. Der Mann, der gerade neben meinem Schwiegervater steht, lässt die Gelegenheit nicht verstreichen. Er zückt sein Handy und fotografiert uns mit siegessicherem Grinsen. Ob unsere Bilder schon überall im chinesischen Internet zu finden sind? (Was geschieht eigentlich mit all den Ausländerfotos, die Chinesen hier – mal heimlich, mal nicht ganz so subtil – von uns schießen?)

An der Decke der Fünf-Pavillon-Brücke, schmaler Westsee, Yangzhou, China
Kaiserliche Symbole – Auf der Brücke lohnt sich auch ein Blick nach oben

白塔 (bái tǎ) – Die weiße Pagode

Kaiser Qianlong, dem der Westsee außerordentlich gut gefiel, verglich ihn gerne mit dem Beihai-See in Peking. Nur etwas fehlte. Die weiße Pagode, die er in Peking so liebte! Als das die reichen Salzhändler von Yangzhou spitzkriegten, bauten sie kurzerhand (der Legende nach innerhalb einer Nacht) eine Kopie der weißen Pagode am Ufer des Westsees. Man will ja schließlich in der Gunst des Kaisers stehen.

Nun steht die knapp 30 Meter hohe weiße Pagode also auch in Yangzhou – und gilt sogar als noch schöner als das Original in Peking!

Weiße Pagode, Schmaler Westsee, Yangzhou, China
Die weiße Pagode – Lieber gut kopiert, als schlecht innoviert

Fazit

Nach anfänglicher Langeweile wird der weitläufige Park um den Westsee doch noch gut. Wer sich für die chinesische Geschichte der letzten Jahrhunderte interessiert, der findet am Westsee in Yangzhou viele Relikte. Aber auch ein simpler Spaziergang ist hier sehr entspannend. Den Eintrittspreis finde ich trotzdem total überzogen.

Wart ihr schon mal am Westsee in Yangzhou? Wie hat es euch gefallen?

Katze am schmalen Westsee, Yangzhou, China
Obligatorisches Katzenbild

瘦西湖 | Slender West Lake
扬州市大虹桥路28号| Dahongqiao Road 28, Yangzhou
Eintritt: 120 RMB/Person
Webseite: Shouxihu (Englisch)

PS: Es kann dauern, bis ich auf Kommentare antworte. Wir haben hier diese Woche zwei neue Propaganda-Feiertage und in dieser Zeit ist das Internet ungewöhnlich stark zensiert, ein Reinkommen ist fast nicht möglich …

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5 Gedanken zu “Der Westsee von Yangzhou – Des Kaisers liebster Touristen-Hot-Spot

  1. Eigentlich bin ich nicht der, der so sehr nach Sehenswürdigkeiten schaut …
    aber die Katze am Ende ließ mich wieder schmunzeln 😀

    Hmm … dennoch: im „alten Sommerpalast“ (Yuanmingyuan) in Beijing meine ich eine Brücke gesehen zu haben, die der 24-Brücke sehr ähnelt – zumindest hat mich „Deine“ Brücke an diese erinnert 😉

    LG, Matze

    1. Die Katzen sind ja immer das Wichtigste 😀

      Gut möglich, dass die 24-Brücke auch kopiert wurde. Andererseits: sehen diese Brücken nicht irgendwie alle gleich aus? XD

  2. 120 RMB. Das ist wirklich viel. Komme gerade aus Peking (habe auch die beiden Propaganda/Paraden Feiertage und das beschnittene Internet mitgemacht) und habe mich bei deinen Bildern gleich heimisch gefühlt. Die weiße Pagode habe ich gesehen, die lebt in Peking wahrscheinlich von ihrer Lage auf einem Berg. Aber ansonsten scheint die Architekur überall ähnlich zu sein, hat man genügend Kaiser/Tempel Anlagen gesehen, beginnen die Kleinigkeiten mehr zu reizen. Zumindestens geht es mir so. Drum gefällt mir auch dein Bild der beiden Schwäne/Kraniche am besten, ein Blick nach oben in die Kassettendecke lohnt doch immer. Danke für deinen Bericht und Grüße nach China.

    1. Da muss ich dir Recht geben. Nach ner Weile sieht alles irgendwie gleich aus (selbst in der Verbotenen Stadt gibt’s noch mal eine verkleinerte Kopie von selbiger – und die Verbotene Stadt an sich ist auch nur eine Kopie, das Original ist allerdings längst abgebrannt). So Paläste und Tempel muss ich mir auch immer wohldosiert und mit gebührendem Abstand ansehen, um sie genießen zu können.

      Es war übrigens erstaunlich, wie wenig Leute auch mal nach oben gesehen haben. Die waren alle ziemlich verwundert, was ich da so nach oben fotografiere 😉

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