HK | Lamma Island – Hongkongs kleine Paradiesinsel

Lamma Island, Hongkong

Denkt man an Hongkong, hat man eher Hochhausdschungel und Menschenmassen vor Augen. Da ist es schwer vorstellbar, dass die ehemalige Kronkolonie auch nahezu unberührte Natur aufweisen kann – und das nicht zu knapp. Lamma Island, Hongkongs drittgrößte Insel, ist so eine grüne Oase. Und so müssen wir also ausgerechnet ins quirlige Hongkong fahren, um Ruhe zu finden.

南丫島 – Lamma Island

Es sieht nicht gut aus, als die Fähre im Norden von Lamma Island anlegt. Denn natürlich spuckt sie nicht nur uns ans Ufer, sondern auch sämtliche lärmenden Touristen, die mit uns an Bord waren. So habe ich mir das ja nicht vorgestellt! Ich wollte weniger Tollhaus und mehr einsames Insel-Feeling, verdammt!

Dann das Unglaubliche: Wenige Minuten später sind die Massen wie vom Erdboden verschluckt. Zurück bleiben Herr M. und ich und ein paar Dorfbewohner. Da hat »unsere« Fledermaus in Sachen Glück ja ganze Arbeit geleistet. Auch das Wetter könnte nicht besser sein: Irgendjemand muss an den Farbreglern gespielt haben. Der Himmel spannt sich in einem so satten Blau über das Eiland, dass er fast unwirklich scheint. Hier und da kleben ein paar Fetzen Zuckerwatte drauf. Sonst bleibt nur die Sonne, die ihre feuchte Hitze unbarmherzig über uns gießt.

Das also ist Lamma Island, die Insel, nach der ich nicht erst seit der TVB-Serie Moonlight Resonance gelechzt habe. Und nicht nur ich! Auf Lamma wohnen erstaunlich viele Auswanderer, die hier eine ruhige Kugel schieben. Ansonsten leben hier fast nur noch alte Leute. Die Jungen sind wohl längst aufs Festland geflüchtet wie einst Hongkong-Superstar Chow Yun-Fat. Ein Teil seiner Familie soll immer noch auf Lamma wohnen und ein Restaurant (Shau Kee) betreiben. Ob die Menschenmassen dorthin verschwunden sind?

Lamma Island, Hongkong

榕樹灣 – Yung Shue Wan

Das Dorf Yung Shue Wan ist kaum mehr als ein paar buntgeflieste Häuschen, wie hingeworfen an den Hang eines Hügels. Unten am Wasser säumt eine bunte Häuserzeile glitzerndes Blau. Keines der Häuschen hat mehr als drei Stockwerke, denn höher darf hier nicht gebaut werden.

Wir reihen uns gleich mal ins beschauliche Gefüge. Schließlich sind wir gekommen, um genau nichts zu tun. Wir schlendern die enge Hauptstraße entlang (Autos gibt es auf der Insel keine), vorbei an Häuschen mit großen Balkonen, bergab, bergauf. Und schon stehen wir mitten im Dschungel, so scheint’s. Nur die drei Schornsteine von Hongkongs Heizkraftwerk ragen immer wieder übers Idyll. Irgendwas ist ja immer.

Yung Shue Wan – Wenn ich groß bin, werde ich auch Aussteiger

阿婆豆腐花 – Ah Po Tofu

Unter das Geäst eines großen Baumes schmiegt sich ein primitiver Verschlag, an dem eine rote Katze lauthals Streicheleinheiten fordert. Hier gibt es eine Spezialität zu kaufen, die auf Lamma besonders gut schmecken soll: Ah Po Tofu. Das ist eine Art Tofu-Pudding mit süßer Soße (rund 1 Euro pro Schale). Frisch gemacht und eisgekühlt schmeckt das ziemlich lecker, aber, so Herr M.: »Schmeckt auch nicht besser als anderswo.« Dafür kann er sich für die verbeulten Blechtabletts begeistern, auf denen der Tofu-Pudding serviert wird, denn »die hatten in den 80ern alle«.

Tofu-Pudding auf Lamma Island, Hongkong

Wanderung auf Lamma

Wir schleppen uns den Weg von Yung Shue Wan im Norden nach Sok Kwu Wan im Süden der Insel entlang. Es sind nur rund 30°C, aber die Luftfeuchtigkeit ist dann doch ein bisschen höher als in Shanghai und macht uns zu ziemlichen Luschen. Die Berge sind nicht besonders steil und oft schlängelt sich der Weg durch dichten Dschungel. Aber sobald die Sonne ungeschützt auf uns niederknallt, werden unsere Schritte ziemlich langsam. In der Hitze lösen sich dann auch noch Herrn M.s Schuhe auf, so dass wir in Flip Flops weiter müssen (ich ziehe mir aus solidarischen Gründen auch welche an). Der Weg lässt sich damit aber problemlos bewältigen, wie andere Wanderer, die an uns vorbeigekommen sind, schon vorgemacht haben.

Fast immer im Blick ist übrigens das Meer, das einladend durch grünes Blattwerk glitzert. Hier wachsen und leben sogar einige Pflanzen- bzw. Tierarten, die es nur auf Lamma gibt. Leider sehen wir keine Tiere außer ein paar Libellen.

Lammas Strände

Der Sand ist glühend heiß. Barfuß schaffen wir nur wenige Schritte, ehe wir uns mit Slapstick zum Affen machen. Nicht weiter tragisch. Am Hung Shing Yeh Beach (洪聖爺灣泳灘) sind kaum Leute. Der Blick aufs Kraftwerk trübt das Bild zwar ein wenig, aber das Wasser ist klar und angenehm warm. Wir verschwinden in die kostenlosen Umkleiden, schlüpfen in unsere Badebekleidung und gehen schwimmen. So kommt es, dass ich nach fast zwanzig Jahren endlich wieder einmal im Meer bade.

Und weil das so toll ist, gehen wir am nächsten Strand etwas südlicher (Lo So Shing Beach) gleich noch mal ins Wasser. Hier ist sogar noch weniger los. Eine Zeit lang haben wir den Strand sogar komplett für uns allein! Kein Wunder, das Wasser ist hier etwas kühler und der Strand liegt nicht direkt an der Hauptwanderroute, sondern ist nur über einen Trampelpfad zu erreichen. Das macht ihn für uns natürlich umso attraktiver. Wir bleiben lang, lungern am Wasser herum, sammeln Muscheln oder beobachten eine schwarze Katze, die den Strand ebenfalls interessant findet. Und wir genießen natürlich die Ruhe, die Einsamkeit, die für uns schon fast zu so etwas wie Luxus geworden ist.

[Es gibt noch einen Strand (Sham Wan), ganz im Süden, aber den sparen wir uns. Man kann ihn zur Zeit sowieso nicht betreten, weil eine seltene Schildkrötenart hier Eier gelegt hat.]

索罟灣 – Sok Kwu Wan

Auf Lamma bekommen wir zu viel Sonne ab. Die chinesische Sonnencreme, die wir mit haben, bringt nämlich gar nichts (hätte man sich ja denken können). Wir sind krebsrot, uns tut alles weh und so angeschlagen haben wir keine Lust, in Sok Kwu Wan, dem Dorf im Süden, noch Zeit totzuschlagen. Hier reihen sich nämlich Seafood-Restaurants aneinander, in denen wir eigentlich unbedingt zu Abend essen wollten. Doch in unserer derzeitigen Verfassung fällt das schwer. Wir haben sowieso noch keinen Hunger, da wir unterwegs unser Proviant verspeist haben.

Schweren Herzens schleppen wir uns auf die nächste Fähre. Nach Lamma kommen wir aber bestimmt wieder – und dann werden wir auf der Insel auch übernachten und sie komplett auskosten. Ganz bestimmt.

Fazit

Lamma Island ist hipper als ich mir die Insel vorgestellt, aber am Ende genauso ruhig und idyllisch wie ich sie mir gewünscht habe. Für einen Tagesausflug ist die Insel ideal, aber wer sich so richtig erholen will, sollte vielleicht doch lieber eine Nacht bleiben, die einsame Natur genießen oder den Abend bei Meeresfrüchten oder in einer Bar ausklingen lassen.

Wart ihr auch schon mal auf Lamma? Wie hat euch die Insel gefallen?

Informationen

An der U-Bahn-Station Central (Exit E1) fahren vom Central Pier 4 mindestens alle zwei Stunden Fähren nach Yung Shue Wan bzw. Sok Kwu Wan (ca. 30 Minuten, pro Person max. 2 Euro).

Falls jemand von den Schriftzeichen im Text verwirrt wird: Das sind die in Hongkong gebräuchlichen Langzeichen. Die Zeichen im Titelbild sind Kurzzeichen, wie sie in China (und auf meinem Blog) verwendet werden.

Das ist mein Beitrag zum Fotoprojekt »Magic Letters« von Paleica. Das Thema war R – Ruhe. Wollt ihr auch mitmachen? Dann schaut für genauere Informationen bei Paleica vorbei (Klick aufs Logo).

Magic Letters

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19 Gedanken zu “HK | Lamma Island – Hongkongs kleine Paradiesinsel

  1. Großartige Aufnahmen, bei manchen scheint man die Hitze fast zu spüren. Und so stellt man sich Hongkong tatsächlich nicht vor. Wo aber sind die Massen lärmender Touristen eigentlich abgeblieben? Schön jedenfalls, so ein idyllische Fleckchen am Meer.
    Herzliche Grüße, Eberhard

  2. Ein schöner Ausflug! Bei deinem Beitrag haben mich die Schriftzeichen nicht verwirrt, wohl aber zunächst die Pinyin-Übersetzung, die mir das Perapera-Programm liefert, bis mir klar wurde, dass die Hongkonger ja nicht Mandarin, sondern Kantonesisch sprechen. Konntet ihr euch eigentlich hinreichend verständigen oder lief das eher über Englisch?

    1. Ah, stimmt. Dass die Übersetzung auch verwirren könnte, daran habe ich jetzt gar nicht gedacht. Ich habe halt versucht, die international gebräuchlichen Ausdrücke zu verwenden…

      Die Verständigung war kein Problem. Die meisten Leute in HK sprechen auch Mandarin. Allerdings haben sie meinen Mann immer erst auf Kantonesisch angesprochen (was er nicht versteht) oder auf Englisch (weil ich als Ausländer dabei war). Ich war auch manchmal verwirrt, weil ich Chinesen automatisch auf Chinesisch ansprechen wollte. Wir hatten aber auch mal einen Kellner, der außer Kantonesisch nix konnte. Und den Preis auf Kantonesisch, den mein Mann nicht verstehen konnte, habe dann ich wiederum verstanden. Fazit: Es geht schon irgendwie 😀

  3. Wie schön! Ich muss zugegebenermaßen bei „China“ immer an graue Großstädte mit schlechter Luft denken – aber die meisten denken wahrscheinlich bei „Japan“ auch nicht direkt an unsere kleinen Palmeninseln. 😉 Schön, dass ihr euch einfach mal treiben lassen konntet. Ruhe ist schon unglaublich wichtig.

    1. Stimmt, das Japan-Bild ist sicherlich auch sehr verzerrt (bestimmt auch meins, weil ich noch immer nicht in Japan war). Habe aber auch schon tolle Bilder von euren Palmeninseln gesehen und würde da zu gern mal hin!

  4. Hallo,
    den Ausflug haben wir damals in Hongkong nicht gemacht. Die Bilder machen aber richtig Lust darauf (gemerkt für das nächste Mal). Wir sind damals nach Lantau gefahren und die vielen Stufen zur Buddha-Statue gegangen. Dort war dann noch Essen in Mönchen. Der Ausflug hat mir damals sehr gut gefallen (wie auch Hingkong selbst).
    Lg Thomas

    1. Wir waren letztes Wochenende zum zweiten Mal in HK und da musste Lamma einfach sein. Beim ersten Mal haben wir es nämlich auch nicht geschafft, dafür waren wir damals auch beim Buddha (allerdings hatten wir auch da keine Zeit mehr, Lantau genauer zu erkunden oder gar mit Mönchen zu essen …).

  5. Oh wie schön, das weckt Erinnerungen – ich war zweimal in HK und beim ersten Besuch auch auf Lamma Island – das Bild von den Seafood-Restaurants inkl. „Lamma Hilton“ Schild (das gelbe, verdeckte) habe ich fast genauso gemacht. 😉

  6. unglaublich, welche paradiese sich da verstecken. ich mag es total gern, was du uns von deiner neuen heimat so alles zeigst. toll sieht es aus, dort, auf lamma!

    1. Na, so richtig gehört Hongkong nicht zu meiner neuen Heimat. Das wird eher wie ein Flug ins Ausland gehandhabt. Mein Mann braucht dafür sogar extra ein Visum! 😉

  7. Liebe Shaoshi,
    was für ein wunderbarer Bericht über eine Ruheinsel inmitten des lärmenden Umfelds!
    Richtig spannend ist die Kombination von Bild und Text, vor allem für jemanden wie ich, der noch nie „dort“ war. Das weckt sofort meine altgepflegte Sehnsucht, diesen Teil der Erde auch einmal persönlich zu besuchen.
    Danke für’s Zeigen!
    Herzliche Grüße
    moni

  8. Liebe Shaoshi,

    vielen Dank für Deinen Reisebericht über Lamma Island. Das sind wunderbare Bilder, die Du uns zeigst, und die Lust auf Urlaub machen!

    Auf Lamma Island war ich leider noch nicht. Von Hong Kong aus habe ich bislang Cheung Chau Island und Macau erkundet.

    LG Heike

    1. Dafür kenne ich Cheung Chau nicht. Ist das dann ähnlich wie Lamma?

      Zu Macau schreibe ich demnächst auch noch was, da waren wir neulich auch einen Nachmittag 🙂

  9. Dass es bei euch so etwas gibt, ist ja erstaunlich.
    Ein toller Beitrag zum Thema Ruhe.
    Sehr schöne Aufnahmen hast du mitgebracht.
    Aber dass die Sonnencreme nichts nutzt, das ist ja blöde.
    Liebe Grüße Bärbel

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