Leben Chinesen eigentlich hinter dem Mond? – Der Mond im Chinesischen

Mondfest in China

Nicht nur am Mondfest (am 27. September) spielt der Mond in China eine große Rolle. Auch in chinesischen Sprichwörtern und Redewendungen wird er verwendet. Von Unerreichbarem, Veränderungen und warum der Mond im Suff tödlich sein kann. Was lamentiert eigentlich ein König in Gefangenschaft und wie kriege ich meinen liebsten Taiwan-Rocker Wu Bai auch noch unter?

中秋节 (zhōng qiū jié; Mitte + Herbst + Fest) – Das Mittherbstfest

Am 27. September 2015 feiern wir in China das Mondfest oder auch Mittherbstfest. Wie und warum wird das zweitwichtigste Familienfest in China gefeiert? Was sind Mondkuchen? Und was macht eigentlich ein Hase auf dem Mond? Die Antworten findet ihr in meinem Mondfest-Artikel.

Mondfest in China

月 (yuè) – Mond

Dass die Monate mit dem Mond zusammenhängen, sieht man im Chinesischen noch sehr gut. Man benutzt für beides einfach dasselbe Zeichen: 月 (yuè).

September heißt dann 九月 bzw. 9月 (jiǔ yuè), also 9 + Mond.

Passend dazu werden die Tage in Sonnen (日, rì) gezählt. Der 27. September heißt also auf Chinesisch: 9月27日.

Sonne und Mond findet ihr auch in dieser Redewendung wieder:

日新月异 (rì xīn yuè yì; Sonne/Tag + neu + Mond/Monat + anders)

Was jeden Tag neu und jeden Monat anders ist, verändert sich rasend schnell – und das bereits seit der Song-Dynastie (960-1279), als ein bekannter Patriot die Floskel in seinen Aufzeichnungen verwendete.

Die Wendung passt natürlich super zu China, denn kaum ein anderes Land verändert sich so schnell wie das Reich der Mitte. Wie rasant sich eine chinesische Stadt heute verändern kann, habe ich schon mal hier und hier thematisiert.

Abriss in Shanghai, Anhua Lu

海底捞月 (hǎi dǐ lāo yuè; Meeresgrund + fischen + Mond)

Am Meeresgrund nach dem Mond fischen, das ist unmöglich. Und genau das bedeutet der Spruch: Unerreichbares erstreben. Synonym kann man auch diese Version verwenden:

水​中​捞​月 (shuǐ zhōng lāo yuè; Wasser + inmitten + fischen + Mond)

Ganz klar, wer den Mond aus dem Wasser fischen will, strengt sich vergebens an. Das haben schon die betrunkenen Ratsherren von Memmingen nicht geschafft, wie ich seit meiner Kindheit weiß (Stichwort: Memminger Mau).

Einen chinesischen Dichter hat dieser Versuch sogar das Leben gekostet.

Bei diesem berühmten Dichter handelt es sich um Li Bai (李白, 701-762). Er liebte den Mond und den Wein und nutzte beide Elemente besonders gern in seinen Gedichten. Bezeichnenderweise soll er dann auch bei dem Versuch ums Leben gekommen sein, betrunken eine Mondspiegelung auf dem Wasser zu umarmen.

Hier ein passendes Gedicht von ihm:

自遣 – Amusing Myself

对酒不觉暝, 落花盈我衣.
醉起步溪月, 鸟还人亦稀.

Die offizielle, englische Übersetzung lautet:

„Facing my wine, I did not see the dusk,
Falling blossoms have filled the folds of my clothes.
Drunk, I rise and approach the moon in the stream,
Birds are far off, people too are few.“

Noch mehr Gedichte von Li Bai (auf Chinesisch mit englischen Übersetzungen) findet ihr unter Chinese Poems.

Li Bai war natürlich nicht der einzige, der Gedichte über den Mond geschrieben hat. Auch Du Fu hat z.B. über den Mond gedichtet, wie Ulrike auf dem Bambooblog zeigt.

春花秋月 (chūn huā qiū yuè) – Frühlingsblumen & Herbstmond

Blumen im Frühling, ein besonders schöner Mond im Herbst. Das steht für die guten Zeiten im Leben. Und die waren für Li Yu (auch Li Houzhu, 937-978), den letzten König der südlichen Tang-Dynastie, irgendwann zu Ende. Als König mochte er das Dichten nämlich lieber als das Herrschen und so kam es, dass bald die Song-Dynastie das Land regierte. Li Yu blieb lange Zeit in Gefangenschaft, während der er ebenfalls viele Gedichte schrieb. Eine besonders berühmte Zeile aus dieser Zeit wird bis heute zitiert:

„春花秋月何时了,往事知多少!“
chūn huā qiū yuè hé shí liǎo, wǎng shì zhī duō shǎo!

frei: Frühlingsblumen, Herbstmond, wo sind die Zeiten hin? Was weiß ich schon!
also: Jetzt verstehe ich endlich, wie gut ich es hatte!

Wenn ihr die Lacher auf eurer Seite haben wollt, zitiert den Vers doch vor Chinesen. Denn so eloquent und poetisch er auch gedichtet sein mag, wer ihn heutzutage im Alltag benutzt, klingt nach einem ziemlichen Weichei – findet zumindest Herr M. und lacht mich jedes Mal aus, wenn ich den Spruch verwende.

Übrigens: Auch Taiwan-Rocker Wu Bai (ja, seine Musik läuft hier immer noch auf Dauerrotation!) singt von Frühlingsblumen und einem Herbstmond. Und das ist nicht das einzige Mal, dass er den Mond in seinen poetischen Texten zum Thema macht.

Wu Bai & China Blue – 春花秋月 (Spring Flower, Fall Moon)
Alternative: auf 56.com ansehen

Fazit

Auch in China ist man vom Mond fasziniert. Und so wird er in vielen Liedern und Gedichten thematisiert. Die erwähnten Redewendungen und Sprüche sind natürlich auch nur eine kleine Auswahl zum Thema Mond.

Ach ja, Chinesen leben übrigens nicht hinter dem Mond, sondern in einem Märchen (童话, tónghuà).

中秋节快乐!
zhōng qiū jié kuài lè!

Frohes Mondfest!

Und ihr? Welche interessanten oder lustigen Geschichten und Sprüche rund um den Mond kennt ihr?

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17 Gedanken zu “Leben Chinesen eigentlich hinter dem Mond? – Der Mond im Chinesischen

  1. Der Mond ist sicher ein sehr dankbares Thema in allen Gesellschaften, da darf ein bisschen Romantik nicht fehlen.
    Hast Du zufällig noch einen anderen Link zu dem Video? Hier hat mal wieder die GEMA dir Finger drauf, wie immer aus völlig unerklärlichen Gründen. Seitdem ich „Norwegian Wood“ bzw, „Norwegian Forrest“ gehört habe, finde ich Wu Bai richtig gut. 🙂
    Herzliche Grüße, Eberhard

    1. Hast du die Alternative auf 56.com gesehen, die ich unter dem Video gepostet habe? (Ich muss zugeben, die kann man leicht übersehen …) Oder funktioniert das auch nicht?

  2. Ja, der Mond wurde in China immer schon besungen und bedichtet. Auch wenn heute der Mondkuchen und das gute Essen mit der Familie mim Zentrum des Festes steht und nicht mehr os viel gedichtet wird. Schöner Artikel! Da brauche ich dieses Jahr nichts zu schreibn. Meinen Artikel zum Mondfest mti einem Gedicht von Du Fu findest Du hier: http://bambooblog.de/2014/09/08/mondfest/
    Ich wünsche Dir schöne Feiertage.
    Spielt es eigentlich eine Rolle, dass dieses Jahr das Mondfest und der Nationalfeiertag sehr dicht beeinander liegen?
    Ulrike

    1. Ach, zum Mondfest könnte man bestimmt noch ganz viele Artikel schreiben! 😀

      Ich wüsste nicht, dass die Feiertage dieses Jahr besonders eng zusammen liegen (aber ich weiß ja immer noch nicht genau, wann ich eigentlich frei habe und wann nicht). Vor ein paar Jahren war das aber auf jeden Fall besser geregelt. Da hatten wir einfach zwei durchgehende Wochen frei, eine fürs Mondfest, eine für die Nationalfeiertage.

      Mit dem Machtwechsel wurde das leider auf eine Woche zusammengekürzt. Jetzt haben wir ein Wochenende fürs Mondfest, gehen dann ein paar Tage arbeiten, haben dann ca. eine Woche frei und holen die Feiertage dann an einem Wochenende nach, grmpf … Manchmal war früher eben doch alles besser 😉

      1. Danke! Ich werde wohl nächste Woche noch etwas zum Mondfest schreiben. Hier im Büro sind alle schon ganz im Chaos: Mondkuchen an Geschäftsfreunde verschicken usw. Gestern wurde mir ausserden zwei lebendige Krabben angeboten. Ja, die sind lecker, aber ich mag doch nicht lebende Krabben ins kochende Wasser schmeißen… Zu viel Mafan! Mla sehen, wie isch das hier noch entwickelt. Dann schreibe ich darüber.
        Liebe Grüße
        Ulrike

      2. Dann bin ich mal gespannt, was du schreibst!

        Bei uns läuft alles noch recht ruhig. Kann sich aber schnell ändern – morgen kommen die Schwiegereltern und bei denen sind die Krabben auch immer Pflicht …

  3. Gab es da nicht auch einen chinesischen Mythos über einen Weltraumhasen, einen Bogenschützen und die Kaisersgattin-und-dann-darauf-Mondgöttin (?) Chang’e?

    Aber das spielt im Alltag vermutlich keine große Rolle, oder? 🙂

      1. Klar, im Alltag ist die Geschichte nicht so wichtig, aber jeder kennt sie – und mindestens ein Chinese erzählt sie mir pro Jahr dann doch! (Und Chang’e und der Hase sind gern gesehene Deko zur Mondfestzeit.)

  4. Spannend. Auch wenn ich wenige Bezug dazu haben, weil mir die Affinität fürs Chinesische fehlt. Aber bei deinem Blog kommt man vom hundersten ins tausendeste. Du lässt den Leser nichmehr los XD

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