Wolf Totem / Der letzte Wolf – Was taugt der Hit aus China?

Wolf Totem, Jiang Rong, Der Zorn der Wölfe, Roman

„Du hast einen Gott gefangen, um ihn zum Sklaven zu machen“, rügt ein Mongole den jungen Pekinger Studenten, der ein Wolfsjunges domestizieren will; ein Wolf, der im hügeligen Grasland der Inneren Mongolei bald der letzte seiner Art werden soll. Jiang Rongs brisanter Roman Wolf Totem (deutsch: Der Zorn der Wölfe) wurde in China zum großen Renner. Kein Wunder, dass eine Verfilmung (in Deutschland am 29.10.15 als Der letzte Wolf angelaufen) nicht lange ausblieb. Doch was ist dran am Hype aus China? Und was ist besser – Buch oder Film?

In eigener Sache: In letzter Zeit ist es leider sehr ruhig auf dem Blog (und das wird in den nächsten Wochen wohl noch so bleiben). Erst habe ich wochenlang gekränkelt, dann mein VPN. Jetzt läuft zwar alles wieder, aber irgendwie komme ich nicht zurück in die Blogroutine (Kommentaren und Anfragen bei Facebook und Co. werde ich mich in den nächsten Tagen widmen). Zur Inspiration reicht’s auch nicht richtig; offensichtlich verdummt man im ominösen Hamsterrad nämlich schon nach wenigen Wochen. Wenigstens reicht der letzte Funke Lebenswille zum Versauern auf der Couch mit Buch und Film (natürlich China-lastig).

Und damit sind wir beim Thema. Ich habe nämlich endlich Wolf Totem gelesen und direkt im Anschluss den Film nachgeholt. Worum es in der Geschichte geht und ob sich Film und/oder Buch lohnt, erfahrt ihr, wenn ihr weiterlest.

Wolf Totem – Der Zorn der Wölfe

Habt ihr als Kinder auch so gern Jack Londons Wolfsblut gelesen und den Disney-Film Lobo der Wolf geguckt? Nun, der Roman Wolf Totem (deutsch: Der Zorn der Wölfe) ist anders, vielschichtiger – und auch nichts für Kinder. Er ist keine romantisierte Abenteuergeschichte, aber auch keine Kuschelstory über eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem Jungen und einem wilden Tier. Wolf Totem ist politisch, sehr sogar. Aber nur, wenn man das auch so sehen will. Wohl deshalb hat es der Roman an der chinesischen Zensur vorbeigeschafft.

Man kann Wolf Totem als autobiografisch gefärbten Unterhaltungsroman sehen, durch den man einen faszinierenden Einblick in das naturverbundene Leben der Nomaden und das der Wölfe erhält. Man kann den Roman aber auch als Parabel darüber verstehen, wie rücksichtslos und arrogant die Menschen mit der Natur umspringen – und das geht uns alle an. Autor Jiang Rong (Pseudonym von Lü Jiamin) geht sogar noch einen Schritt weiter und rechnet gleich mit seinem eigenen Volk ab, das seiner Meinung nach durch Gier, Sturheit und Arroganz so manche Katastrophe selbst herbeigeführt hat.

China in den Sechziger Jahren. Kulturrevolution. Das weite Grasland der Inneren Mongolei soll für den Pekinger Studenten Chen Zhen im Rahmen der Umerziehung die nächsten zehn Jahre zu seinem Zuhause werden. Dort, von einem nomadisch lebenden Mongolen-Stamm herzlich in deren Jurten aufgenommen, taucht er in die naturverbundene Kultur der Mongolen ein und gerät schon bald in den Bann der Wölfe. Diese terrorisieren und regulieren jegliches Leben an diesem unwirtlichen Fleckchen Erde. Bald beherrscht Chen Zhen nur noch der eine Wunsch: er möchte ein Wolfsjunges fangen und großziehen, auch wenn ihm jeder davon abrät.

Wolf Totem ist so rauh und brutal wie das Leben im nördlichsten Zipfel Chinas. Und doch ist das Leben hier im Gleichgewicht, zumindest bis die „Fremden“ kommen. Chen Zhen ist einer davon. Und so sehr er sich auch für die Kultur der Nomaden und das Leben der Wölfe begeistert, so unsympathisch bleibt er mir (und das ist wahrscheinlich auch so gewollt).

Obwohl ihm jeder davon abrät, stiehlt er ein Wolfsbaby, um es zu studieren und großzuziehen. Chen Zhen will ein Tier unterwerfen, das sich nicht zähmen lässt. Er liebt seinen Wolf, irgendwie, aber diese Liebe treibt seltsame Blüten. Er lässt das arme Tier den ganzen Tag angebunden in der prallen Sonne, kappt ihm die Zähne, damit er nicht mehr beißen kann, schleift das sture Tier hinter einem Wagen her, bis es blutet. Er ist mit dem Wolf bald völlig überfordert, aber die Reue kommt zu spät. Eine Katastrophe ist das einzige konsequente Ende und das ist wirklich herzzerreißend. Es hängt mir immer noch ein bisschen nach.

Wolf Totem, Filmposter
via movie.douban.com

Wolf Totem – Der letzte Wolf

Die Verfilmung mit größtenteils echten Wölfen, die in Deutschland unter „Der letzte Wolf“ ausgewertet wird, wurde um einiges familientauglicher zurechtgebastelt. In den ersten zwei Dritteln bleibt der Film noch überraschend nahe am Roman, wenn er auch eine substanzlose Liebesgeschichte hinzugewonnen hat und gerade gewalttechnisch sehr entschärft wurde. Wo im Buch seitenlang beschrieben wird, wie die Wölfe ihren vierbeinigen Opfern die Bäuche aufreißen, bleibt man im Film ästhetisch, selbst wenn eine ganze Pferdeherde im See festfriert.

Auch der kleine Wolf wird zum Glück nicht gar so sehr gequält wie im Buch. Die Botschaft kommt trotzdem noch rüber, wenn auch nicht mehr ganz so stark. Hier verkommt sie eher zum zufälligen Nebeneffekt. War ja klar. Regisseur Jean-Jacques Annaud (der für seinen Film „Sieben Jahre in Tibet“ eigentlich mal lebenslanges Einreiseverbot in China bekam) widmete sich zu einem tollen Soundtrack lieber den weiten Gras- und Hügellandschaften, die in ihrer Schlichtheit so schön sind, dass ich am liebsten sofort in die Innere Mongolei reisen würde. Und da sind natürlich die Stars, die Wölfe, die so viel Symbolik transportieren.

Das einzige, was mich im Film wirklich gestört hat, war das Ende. Denn das weicht komplett vom pessimistischen Finale des Romans ab und macht daraus das typische Ende eines Kind-liebt-wildes-Tier-Films. Rein Box-Office-mäßig kann ich diesen Zug ja verstehen. Trotzdem verfälscht das Ende nun mal die ganze Aussage, die dem Buch zugrunde lag. Auf starke Szenen müssen wir trotzdem nicht verzichten, etwa die, als ein einzelner Wolf mit dem Jeep bis zur völligen Erschöpfung gejagt wird und er seinen Jägern zuletzt Auge in Auge gegenübersteht. Wenn das jemandem nicht nahe geht, dann weiß ich auch nicht …

Alles in allem: Der Film kann dem Buch in seiner Vielschichtigkeit zwar nicht das Wasser reichen, ist aber eine gute Ergänzung zum Roman, die vor allem optisch was hermacht.

Für Chinesischlerner: Als der Film letzten Winter in China im Kino lief, wollte ich lieber erst das Buch (auf deutsch oder englisch) lesen. Das war auch besser so. Das Chinesisch im Film ist nicht ganz einfach (nicht alltäglicher Wortschatz, mongolische Begriffe auf Chinesisch, Chinesisch mit mongolischem Akzent usw.), die Thematik (mongolische Kultur) eher fremd. Aber wenn man die chinesischen Untertitel mitliest und das Vorwissen aus dem Buch mitbringt, kann man die Geschichte doch ganz gut verfolgen.

Fazit

Wolf Totem ist ein gutes Buch, wahrscheinlich sogar eines der wichtigeren chinesischen Werke der neueren Zeit. Obwohl es in den Sechziger Jahren spielt, ist es kein Buch über die Kulturrevolution. Trotzdem ist es kritisch, lässt sich vielfältig deuten und ist dabei auch noch spannend und informativ. Der Film fällt dagegen natürlich etwas ab, ist aber handwerklich so gut gemacht, dass er trotzdem eine gelungene Ergänzung darstellt.

Am besten verbindet man beides, liest erst das Buch und sieht dann den Film. Dann wirken auch einige Szenen im Film wieder stärker, weil man die „Hintergrundinformationen“ dazu hat. Insgesamt ein starkes Team!

Kennt ihr Wolf Totem? Wie hat euch das Buch/der Film gefallen?

Infos

Der Zorn der Wölfe / Wolf Totem von Jiang Rong (Roman)
狼图腾 / láng tú téng (2004)
ISBN: 978-0-14-311524-3 (meine englische Ausgabe)

Der letzte Wolf / Wolf Totem (Film)
狼图腾 / láng tú téng
China, Frankreich, 2015
Regie: Jean-Jacques Annaud
Darsteller: Shaofeng Feng, Shawn Dou, Ankhnyam Ragchaa, Yin Zhusheng, Basen Zhabu, Baoyingexige uvm.

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14 Gedanken zu “Wolf Totem / Der letzte Wolf – Was taugt der Hit aus China?

    1. Da muss ich dich leider enttäuschen 😉 Zu solchen Büchern reicht mein Chinesisch noch lange nicht … Das Buch habe ich auf Englisch gelesen, aber den Film habe ich auf Chinesisch gesehen.

      Wenn dich der Film interessiert, dann erwischt du ihn vielleicht sogar noch im Kino. Er läuft wohl gerade seit ein paar Tagen bei euch!

  1. Hi, interessante Buch- und Filmvorstellung. Werde ich mir mal vormerken. Wobei ich allgemein immer die Bücher bevorzuge. Ich kann mir vorstellen, dass man den Film in dem Fall auch etwas „familienfreundlicher“ gemacht. Um möglichst viele Zuschauer zu erreichen.
    Herzliche Grüße, Eberhard

    1. Ja, die Produktion sieht teuer aus, da muss man so viele Zuschauer wie möglich erreichen.

      Der Film läuft übrigens gerade in Deutschland, vielleicht auch irgendwo bei dir in der Nähe?

  2. Ich habe den „Zorn der Wölfe“ vor längerer Zeit gelesen. Von den enthaltenen unterschwelligen Parallelen zu chinesischer Kultur, Gesellschaft und Politik habe ich nicht so viel mitbekommen (schon in der Schule war mir die Interpretation von Literatur zuwider). Das Buch hat mir trotzdem (?) sehr gut gefallen.

    Den Film werde ich mir ganz bestimmt ansehen, wenn er im Fernsehen kommt. Bis dahin habe ich dann auch genügend Abstand von der Lektüre des Romans.

    1. Interpretation fand ich in der Schule auch immer ganz übel! In diesem Buch fand ich die politische Ebene aber recht offensichtlich. Liegt vielleicht auch daran, dass ich vor längerer Zeit schon mal mit einer Freundin darüber geredet habe, die mir das Buch ursprünglich empfohlen hat, und ich so ja auch Entsprechendes erwartet habe.

      Aber wie gesagt, ich finde, man kann das Buch auch super als „reinen Unterhaltungsroman“ lesen, es bleibt ja spannend und interessant.

      Wieso siehst du dir den Film nicht im Kino an? Er läuft wohl gerade bei euch. Die Landschaftsaufnahmen stelle ich mir so groß (und evtl. noch in 3D) schon toll vor. Wir mussten uns da mit unserem kleinen Monitor begnügen, weil ich im Februar ohne Vorwissen nicht ins Kino wollte, aus Angst zu wenig zu verstehen. Das habe ich jetzt davon …

  3. Als das Buch vor zwei oder drei Jahren auf Deutsch rauskam, habe ich mir ein Exemplar bestellt und zu lesen angefangen. Nach einigen Tagen fiel das Buch runter und klappte zu. Ich versuchte, die Stelle wieder zu finden, wo ich zu lesen aufgehört hatte. Aber es gelang mir einfach nicht. Wenn ich eine Seite las, konnte ich nicht beurteilen, ob das eine langatmige Beschreibung ist, die ich schon durchgestanden habe, oder ob es eine langatmige Beschreibung ist, die ich mir noch antun muss.

    Ich hab das Buch dann weggelegt und muss sagen: Für mich ist der Zorn der Wölfe eines der langweiligsten Werke, die ich mir in den letzten Jahren angetan habe. Und dies, obwohl ich mir für die Thematik grundsätzlich interessiere. Den Film habe ich noch nicht gesehen, gebe ihm aber vielleicht noch eine Chance. Mag sein, dass bei Verfilmung etwas von der Vielschichtigkeit verloren ging. Aber den ganzen Schwulst und Balast auf der Story rauszuwerfen, das hätte auch dem Buch sehr gutgetan.

    1. Schade, dass es dir so gar nicht gefallen hat. Gut, ein paar Dinge wurden schon ständig wiedergekäut und die die ein oder andere Jagdszene hätte man kürzen können, aber langatmig fand ich das Buch trotzdem nicht. Ich fand die englische Fassung sehr lebendig und schon auch mitreißend. Vielleicht war ja auch die deutsche Übersetzung zu nüchtern?

      Vielleicht hast du mit dem Film wirklich mehr Glück, der ist ja sozusagen die komprimierte Version 🙂

      1. Schon möglich, dass es an der Übersetzung lag. Aber ich vermute eher, dass das Buch und ich ganz einfach nicht kompartible sind…

  4. Wusste nicht, was mir fehlte. Ja, lange nichts gesehen von Dir, trotz Abo. Schön das Du da bist aus der Ferne und aus der Stadt der Extreme. Neben kränkeln habe ich verstanden, dass Du im Hamsterrad des Alltags steckst.
    In so einer Zeit ist es vielleicht gut, alles zu Unwichtiges zu minimieren. Dein Blog ist für mich wichtig, doch wenn er 1x pro Woche kommt wäre auch Ok.
    Eine gemeinsame Buch und Filmkritik gibt es nicht so oft. Deine Aussage finde ich nicht nur wegen Deinem chinesischen Hintergrund glaubwürdig, nehme mir aber aus Zeitgründen zuerst den Film vor. Danke für den Tipp :-).

  5. Ich habe den Film gesehen und mit gemischten Gefühlen wahrgenommen. Die Bilder sind sehr beeindruckend, aber manches ist mir dabei zu dick aufgetragen. Ich weiß ja nicht, wie es im Buch ist, aber im Film war es mir zu extrem zwischen zuckersüß und brutal. Dennoch – Hut ab, dass der Film es aus China hinaus geschafft hat. Das allein ist schon etwas Großes! Man kommt ganz schön ins Nachdenken über den Umgang mit der Natur

  6. Danke Shaoshi !!
    … wenn ich hier nicht gelesen hätte, dass der Film in D läuft, hätte ich ihn (im Kino) noch verpasst!!
    Hatte eig. im Frühjahr mit ihm gerechnet, aber nie was gesehen oder gelesen 😐

    Wie man einigen Kritiken im Internet entnehmen kann, scheint einiges im Film ohne Hintergrundinfo unverständlich .. !?! (andererseits sollte man auch kein Urteil über so einen Film in die Welt hinausposaunen, wenn man nicht mal ansatzweise weiß, was die Mao-Bibel ist …)

    Dass die Handlung sich vom Buch unterscheiden wird, konnte man nach den Trailern schon vermuten …
    Ist sicher auch den filmischen Darstellungsmöglichkeiten geschuldet (weswegen eben einiges für Unbedarfte dann unklar bleibt)
    … auch Infos auf Wikipedia scheinen eher dürftig ausfallen (und sind zumindest für das Buch auf Deutsch garnicht vorhanden)

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