Impressionen: Ein Winterspaziergang in Peking

Winter in Peking, Beijing, China

Bei der Kälte freiwillig nach draußen? So blöd können auch nur wir sein! Immerhin haben wir Chinas Hauptstadt auf diese Weise ziemlich für uns allein. Peking im Winter, Impressionen.

Winter in Peking, Beijing, China

Winterspaziergang in Peking

Winter is coming. Nein, er ist eigentlich schon voll da, da oben in Peking. Es liegt sogar Schnee, wenn auch nur schmutzige Überreste, zurückgezogen in den Ecken, auf Mäuerchen und Hecken. Sogar ein kleiner Schneemann grinst mich im Dunkeln an, die Kippe lässig im Mundwinkel.

Die Luft ist zum Schneiden dick. Tristes Grau suppt zwischen die Häuserzeilen, der Air Quality Index kratzt an der 400-Marke. Wir haben unsere Masken in Kürze klatschnass geatmet.

Winter in Peking, Beijing, China
Schon blöd, wenn man so wie er extra für Klopapier noch mal raus mus

In Peking hat es zwar Minusgrade, aber das ist gar nicht so schlimm wie in Shanghai, sagen sie immer. Da oben ist die Luft viel trockener, die Kälte besser auszuhalten.

Falsch.

Minusgrade bleiben Minusgrade, egal wo. Langsam fressen sie sich durch meine zwei Hosen, durch die Daunenjacke und die drei dicken Schichten darunter, beißen mit spitzen Zähnchen durch die Thermossocken in meine Zehen. Handschuhe wären jetzt auch nicht schlecht. Aber die sind bei der letzten Shanghaier Schimmelattacke im Kleiderschrank in die ewigen Jagdgründe eingegangen.

Winter in Peking, Beijing, China
Sunzi wünscht sich wintertaugliche Funktionskleidung

„好冷 (hǎo lěng), so kalt!“ ist wohl der meistgehörte Satz an diesem Wochenende. Dabei sind die meisten Leute noch dicker verpackt als wir. Menschen, die in ihren riesigen, unförmigen Armeemänteln halb ertrinken. Männer mit rosa Plüschohrenschützern. Zwanzigmeterschals, die Gesichter damit so dick vermummt, dass nur ein Spalt für die Augen freibleibt.

Winter in Peking, Beijing, China
Weihnachtliche Grüße aus Peking

Wer schlauer ist, bleibt im Haus. Die einfachen Unterkünfte in den Hutongs sind längst winterfest gemacht: vor den Fenstern kleben Plastiktüten. Wer braucht schon Doppelverglasung, wenn es Klebeband gibt.

Die Pekinger Zentralheizungen scheinen nicht viel zu bringen. Überall laufen die Klimaanlagen auf Hochtouren. Aus unzähligen Schläuchen tropft Wasser auf Treppen und Gehwege und verwandelt sich sofort in eine dünne Eisschicht. An Dächern und Bäumen hängen schwere Eiszapfen. So was habe ich auch schon ewig nicht mehr gesehen.

In Filmen wirkt so ein grauer Wintertag in der Hauptstadt ja immer wahnsinnig atmosphärisch. In Echt ist so ein Pekinger Winter hauptsächlich eins: kalt.

Wir flüchten deshalb zuerst in einen der vielen kleinen Buchläden und bleiben den Rest des Tages auf dem senfgelben Sofa in einem süßen Café bei Macchiato und leckerem Durian-Karamell-Pudding hängen. So kann man auch im Pekinger Winter ein bisschen Wärme genießen – zumindest bis die Klimaanlage nicht mehr gegen die Kälte ankommt, die durch den zentimetergroßen Spalt zwischen Fenster und Rahmen hereinzieht. Man kann eben nicht alles haben.

Kennt ihr Peking im Winter? Wie hat es euch gefallen?

起司家 / Cheese Home
东四北大街257号 / 257 Dongsi Bei Dajie, Peking

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24 Gedanken zu “Impressionen: Ein Winterspaziergang in Peking

  1. Hallo,
    irgendwie habe ich Peking im Winter netter, schöner, angenehmer in Erinnerung. Ja, es ist kalt, sehr kalt! Aber mit den chinesischen Daunenjacken, mehreren Schichten Kleidung übereinander, Handschuhen und Mütze lässt es sich aushalten. Nur lange still sitzen kann man in der Kälte nicht. Ich hab da ja schon mal drüber geschrieben in meinem Artikel zur chinesischen Heizungsgrenze.
    Viel Spaß noch mit dem chinesischen Winter! 😉 Mütze und Handschuhe nicht vergessen!
    Ulrike

    1. Hmm, vielleicht liegt es ja auch an der Gegend. Wobei ich zugeben muss, dass ich in Peking bis jetzt noch keine wirklich nette, angenehme Ecke gefunden habe, aber ich war ja bis jetzt auch nur zwei Wochenenden da. Die Gegend auf den Bildern oben fand ich bis jetzt noch am besten. Es gab halt viel Smog und dadurch wirkt ja auch noch mal alles um einiges trister.

      Und zur Kälte: Ich hatte auch drei Schichten unter der Daunenjacke und habe trotzdem noch gefroren. Die Kälte findet immer einen Weg … Aber stimmt, solange man sich bewegt, kann man es draußen wenigstens eine Weile aushalten.

  2. Liebe Shaoshi,

    ich hoffe, dass es dir – abgesehen vom Frieren – gut geht. 🙂
    Du hast du wirklich wieder einen schönen und anschaulichen Artikel geschrieben.

    Da ich Peking nur bei gefühlten 40°C im Schatten kenne, war es interessant zu lesen, wie sich die Stadt im Winter anfühlt und ich muss sagen, nach deinen Schilderungen kann ich gerne darauf verzichten.
    Wie ist denn der Shanghaier Winter aktuell? Gehts noch mit dem Frieren oder ist die Klimaanlage überfordert?
    Als ich damals im Februar 2011 die Ausläufe des Winters mitgemacht habe, konnte ich kaum fassen, dass es in China so kalt werden kann. Dabei bewegt sich das Thermometer ja grad mal immer so um die 0°C.

    Liebe Grüße,
    Anna

    1. Danke. Hoffentlich musst du da drüben auch nicht allzu sehr frieren 😀

      Shanghai hatte in den letzten Wochen ein paar kältetechnische Durchhänger, aber momentan geht’s wieder (aktuell gerade 16°C ;-)). Ich habe zwar das Gefühl, dass der Winter hier immer früher kommt, aber die schlimmste Kälte gibt’s normal immer im Januar/Februar, also die Zeit, die du erlebt hast. Davor graust es mir ja schon …

      1. Wenig Regen – ja. 10°C+ – vielleicht mit ganz viel Glück. Ich würde trotzdem auf warme Wintersachen setzen. 10°C können einem hier nämlich auch ganz schön kalt vorkommen. Zum Frühlingsfest habe ich jedenfalls immer zwei paar Socken in gefütterten Winterstiefeln, mehrere Lagen unter einem Daunenmantel und ein, zwei Strumpfhosen unter der Jeans getragen – und trotzdem gefroren…

      2. Aktuell geht’s bei uns. Zwar haben wir nur 2°C, aber wenigstens regnet es mal nicht. 😀

        Ah, gut zu wissen, dass ich die schlimmste Kälte mitgemacht habe. Damals ging ich nämlich noch davon aus, dass China überall wärmer ist. Da merkt man mal wieder, mit welchem Unwissen ich mich ein halbes Jahr lang ins Abenteuer gestürzt habe.
        Übrigens habe ich die damalige Kälte mit nur einem Pullover und einer Wolljacke überlebt. Mit genügend Schichten, wird’s für dich bestimmt auch erträglich. 😉

  3. Die letzten beiden Bilder spenden dann ja doch noch ein wenig Wärme 🙂 Tolle Fotos, finde deine Erzählungen immer spannend. Ich muss auch mal nach Peking!

  4. Ich kenne Peking nicht im Winter, sondern nur im Sommer (Anfang September): Wolkenlos, aber keine Sonne zu sehen, starker Dunst, 35 Grad im Schatten. Im Reisebus angenehm kühler, aber im Hotel vom Eingang bis mindestens 500 m weiter zu unserem Zimmer gefühlte 18 Grad. Ergebnis: Starke Erkältung, Fieber, Hotelarzt, Tabletten. Wie hieß es doch in jenem Song so schön? „Everywhere you go, always take the weather with you“. Das wär doch mal was für die Touris.

    1. „always take the weather with you“ – aber dann bitte das richtige 😉

      Diese starken Temperaturschwankungen haben es echt in sich, mich erwischt es da auch jeden Sommer wieder.

  5. Ich war erst einmal dort, Sommer, 30Grad. Kälte kann ich mir gar nicht vorstellen, die Bilder wirken vielleicht deshalb ein bisschen fremd für mich. Wir waren viel in den Hutongs unterwegs, haben dort auch in einem Hotel übernachtet und uns eine Wohnung angeschaut. Für die Menschen dort, die ja auch irgendwie dafür kämpfen nicht der Modernisierung weichen zu müssen, kein Zuckerschlecken. Eine Heizung habe ich dort nicht gesehen, und die Toiletten liegen ja in den Straßen außerhalb der Wohnungen.

    1. Mit blauem Himmel und begrünt wirkt Peking definitiv ganz anders!

      Ich kann mir jetzt auch nicht vorstellen, dass es in den Hutongs groß Heizungen gibt, wahrscheinlich haben viele nicht mal Klimaanlagen, wenn da noch alte Leute drin wohnen, weil „das ging Jahrzehnte auch immer ohne“.

      Das ist ja toll, dass ihr eine Wohnung anschauen durftet. Das war sicher sehr spannend!

      1. Spannend schon, zumal wir vorher viel über die Hutongs gehört hatten. Ein Thema der Reise war ja Stadtentwicklung. Aber auch sehr ernüchternd, weil so eine Wohneinheit aus 3 Räumen bestand, sehr klein, incl. Küche und Essraum und die bei uns selbst für eine Person zu klein gewesen wäre. Dort lebt eine Familie. Trotzdem wollten die Leute dort nicht raus, die Stadt hat ihnen Geld geboten, weil sie ja viele der Viertel modernisieren wollen. Was bedeutet schon traditionell wieder aufbauen aber halt für Reiche Leute. Die Menschen mit denen wir sprachen ziehen erst aus, wenn sie sich für das Geld eine „moderne“ Wohnung in einer der Hochhaussiedlungen außerhalb des 4 oder 5 Rings leisten können.

  6. Ich habe in Peking sechs Winter verbracht. Meine Meinung: Winter ist in China überall Scheisse. Aber wenn ich die Wahl habe, bin ich trotzdem sehr viel lieber in Peking als in Shanghai. Ich war zwei Mal im Winter in Shanghai unten und beide Male war ich nach zwei Tagen von dieser feuchten Kälte (drinnen und draussen) krank.

    Zur Fernwärme: Das funktioniert unterschiedlich gut. In den 5 Wohnungen, die ich halte, waren ein paar im Winter so warm, dass ich im T-Shirt rumlief. Zwei bekam ich auch mit der laufenden Klimaanlage nicht auf über 15 Grad. Dabei waren die alten Häuser in der Regel wärmer als die neuen.

    Ich finde, das Peking schon ein paar recht nette Ecken hat. Aber in den letzten Jahren sind es doch leider immer weniger geworden. Ich fand die Gegend bei Xuanwumen recht schön. Aber bei meinem letzten Besuch vor etwa drei Jahren stand das ganze Quartier vor dem Abriss. Vermutlich gibts das nicht mehr. Ist das in Shanghai eigentlich auch so?

    1. „Winter ist in China überall Scheisse“ – Das fasst es sehr gut zusammen 😀

      Ich glaube, was mich in Shanghai mit am meisten enttäuscht hat, ist, dass es im Winter so kalt wird. Hätte ich echt nicht vermutet. Krank bin ich aber eher im Sommer. Dieses Heiß/Kalt dank Klimaanlagen ist ganz schön anstrengend, im Winter ist es wenigstens durchgehend kalt 😉

      Wie gesagt, ich war ja erst zwei Wochenenden in Peking – und habe noch nicht so viel von der Stadt gesehen … In Shanghai sind in den vier Jahren, die ich jetzt hier bin, schon auch einige Ecken verschwunden, die ich mochte. Wir haben aber wenigstens das Glück, dass viele nette Ecken denkmalgeschützt, aber trotzdem nicht von Touristen überlaufen sind. Schade nur, dass das dann immer die ehemaligen Konzessionen sind und nix Chinesisches … Generell finde ich Shanghai heute „weniger nett“ als noch vor vier Jahren. Nette Ecken entstehen ja nicht nur durch die Häuser, sondern auch durch die Menschen. Und die haben sich in Shanghai irgendwie auch verändert. Außerdem gibt es immer weniger Straßenstände usw., kleine Läden werden abgerissen, dafür entsteht dann eine neue Mall. Dadurch ging schon ein bisschen Flair flöten, jedenfalls für mich, die die „traditionellere“ Seite der Stadt immer lieber mochte als den modernen Protz …

  7. Hallo,
    also ich war schon mehrfach im Winter in Beijing. Kalt ist es natürlich. Wenn es windet wird sogar der Himmel blau. Ansonsten ist es grau. Der riesige Vorteil: Wenig Touristen. Ich habe zwei mal die Verbotene Stadt im Winter besichtigt und konnte das ganz in Ruhe machen und tolle Bilder schiessen.
    Das mit in der Wärme in den Wohnung ist ein Problem. Früher war es so heiss durch die Heizung dass wir die Fenster einen Spalt offen liessen. Das wurde extrem geändert. Jetzt ist es in der Wohnung bisschen warm. Aber nicht so dass ich mich wohlfühle. Was macht mal als0? Man kauft sich einen Heizlüfter. So kann man es dann aushalten.
    Am 18.12 sitze ich Abends wieder im Flieger nach Beijing 🙂
    Lg Thomas

    1. Die wenigen Touristen haben mich auch gefreut. Leider war es zu grau, um wirklich schöne Bilder machen zu können. Wenn ich da an unseren Trip im September denke, mit dem strahlend blauen Himmel… Aber gut zu wissen, dass es den manchmal auch im Winter gibt …

      Ich hatte das auch schon oft gehört, dass die Heizungen in Peking so übertrieben stark aufgedreht sind, deshalb war ich überrascht wie lauwarm die Heizung im Hotel war und wir nur mit der Klimaanlage einigermaßen Wärme ins Zimmer bringen konnten. Einen Heizlüfter haben wir in Shanghai auch. Damit bekommt man zwar die Zimmer nicht warm, aber wenigstens die Ecke, in der man sitzt …

      „Am 18.12 sitze ich Abends wieder im Flieger nach Beijing“

      Und danach ganz lang im Zug, wenn ich das gerade richtig gesehen habe. Na dann viel Spaß 😉

      1. Heizlüfter mag ich überhaupt nicht. Das wirbelt den ganzen Staub auf und macht die Luft so trocken. In der kalten Wohnung 15 Grad hab ich mir einfach zwei elektrische Heizdecken gekauft. Eine fürs Bett und eine fürs Sofa. Das war dann viel angenehmer und letztlich brauchte es auch weniger Strom.

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