Medieval Christmas Town – Ein Weihnachtsmarkt in Shanghai

Shanghai, Medieval Christmas Town, Weihnachtsmarkt, China

Nach vier Jahren haben wir sie endlich gefunden, die Weihnachtsstimmung in Shanghai! Und das ausgerechnet auf einem Weihnachtsmarkt, der sich mittelalterlich schimpft. Kommt ihr mit?

中世纪圣诞之城 – Medieval Christmas Town

Mittelalterlicher Weihnachtsmarkt. Das klingt nach schweren Rüstungen, detailverliebten Kostümen und dreckigem Handwerk; nach Gauklern, altmodischer Musik und deftigem Essen, das mit den Händen verzehrt wird.

Klar, dass man sich einen Mittelaltermarkt in Shanghai nicht so vorstellen darf.

Genaugenommen hat „Medieval Christmas Town“ natürlich herzlich wenig mit dem Mittelalter zu tun. Letztes Jahr hieß der Markt noch „German Christmas Market“ und galt sogar als größter Weihnachtsmarkt Chinas. Aber auch dieser Name passte wohl nicht so recht. Dafür ist der Markt dann doch zu international ausgerichtet.

Der Weg von der U-Bahn zum Festgelände ist wenig feierlich. Immer die breite dunkle Straße runter, entlang an Bauzäunen und Mauern, dann noch einmal halb um das großzügig eingezäunte Gelände herum. So liegt das Xuhui Binjiang Greenspace also malerisch eingebettet zwischen neu entstandenen Hochhaussiedlungen und noch einige Jahre andauernden Megabaustellen.

Wenigstens sieht man im Dunkeln die Misere nicht. Mit ein bisschen Fantasie können wir tatsächlich ausblenden, dass der Ort mitten in Shanghai liegt, und wähnen uns zuletzt fast auf einem deutschen Weihnachtsmarkt (oder muss ich da jetzt „Wintermarkt“ schreiben?).

Und der Mittelalteraspekt? Nun, sie haben es wenigstens versucht. Am Eingangstor stehen ein paar Chinesen in Turnschuhen und Ritterrüstungen aus Stoff, die unsere Tickets und dann unsere Taschen kontrollieren. Auf dem Markt selbst hängen ein paar mittelalterlich inspirierte Fahnen und Wappen, und ein paar Frauen in wallenden Samtkleidern dürfen als Fotomotive herhalten, flirten die meiste Zeit aber lieber mit den Verkäufern der anderen Stände.

Das Highlight des Marktes ist für uns der mit unzähligen Lichterketten beleuchtete Tunnel am Eingang, der zum eigentlichen Markt führt. Da geht niemand durch, ohne ein paar Bilder für die WeChat-Timeline zu knipsen.

Shanghai, Medieval Christmas Town, Weihnachtsmarkt, China
Highlight: Mittelalterlicher Lichtertunnel

Weihnachtsmarkt in Shanghai

Das Herz des Marktes ist erstaunlich weihnachtsmarktig: Überraschend viele Holzbuden, liebevoll mit weißgedeckten Dächern („Schnee“) versehen und mit weihnachtlichem Grün und Lichterketten geschmückt. Leider hat es die letzten Tage geregnet, der Boden ist aufgeweicht, was sich trotz Abdeckung durch Kunstrasen und Stroh bemerkbar macht. Überall suppt der Matsch durch und unsere Schuhe sind in kürzester Zeit eingesaut.

Wir lenken uns mit leckeren belgischen Schokowaffeln ab (ab. 20 RMB/Stück) und können uns nicht zwischen dem türkischen Weihnachtsdöner und anderen internationalen Speisen entscheiden. Jedes Land hat seinen eigenen Stand und so finden sich neben Pommes, japanischem Müsli und chilenischen Fleischtellern auch serbische Sandwiches und deutsche Lebkuchenherzen, auf die mit amateurhafter Krakelschrift „I Love You“ gekritzelt steht. Der Glühwein am Deutschlandstand ist uns mit 45 RMB pro Pappbecher dann doch etwas zu teuer. Zum Glück treffen wir auf eine billigere Variante (25 RMB/Tasse) von einem Schweizer, der vor Schreck nur noch auf Englisch redet, als Herr M. bei ihm auf Deutsch bestellt.

Shanghai, Medieval Christmas Town, Weihnachtsmarkt, China

Wir trinken unseren Glühwein stilecht auf einer Bierbank, direkt neben einem hektisch blinkenden Schneemann (nichts für Epileptiker!). Eigentlich mag ich keinen Glühwein, aber der hier ist absolut trinkbar. Liegt vielleicht auch daran, dass ich seit über vier Jahren keinen mehr getrunken habe.

Fast kommt sogar ein bisschen Weihnachtsstimmung auf. Passend dazu dröhnt „Santa Claus is coming to town“ aus den Lautsprechern. Santa Claus ist natürlich schon längst da, gleich in zweifacher Ausfertigung. Der eine isst gerade eine Wurst, der andere torkelt mit Cowboyhut über das Gelände. Mehr weihnachtliche Beschallung gibt es allerdings nicht. Das musikalische Niveau ist dann doch eher bei angesagten Charthits und Russenpop angesiedelt. Es sei denn natürlich, man findet Songtexte wie „White girl got some ass […] I wanna see that bubble yum bum, badum bum badum“ sonderlich festlich.

Neben Fressständen preisen einige Stände auch winterliche Kleidung, Weihnachtsschmuck oder Plüschtiere an. Es gibt sogar einen Stand, der Schwibbögen verkauft. Allerdings gibt es auch die üblichen Ausreißer. Highlight: Der Stand, der Hightech-Atemmasken anbietet, wird ziemlich stark belagert. Wen wundert’s.

Shanghai, Medieval Christmas Town, Weihnachtsmarkt, China

Ach ja, ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber: Es sind tatsächlich zu wenig Leute da. Dadurch wirkt der Markt teilweise ein bisschen trist, auch viele Verkäufer an ihren Ständen wirken eher lustlos. Viele scheinen ihr Zeug deshalb hauptsächlich selbst zu saufen und dementsprechend alkoholisiert zu sein. Wenn da ein Verkäufer jedem Passanten ein „motherfucker“ in Variationen entgegenbrüllt, lädt das auch nicht unbedingt zum Verweilen ein. Andererseits: ein Ort in Shanghai ganz ohne Gewühle kann auch mal ganz entspannend sein.

Fazit

Die Eintrittspreise (70 RMB/Person) sind gesalzen, zumal ja auch die an den Ständen angebotenen Waren keine Schnäppchen sind. Da wundert es mich eigentlich gar nicht, wenn selbst am Wochenende kaum jemand kommt. An sich ist der Weihnachtsmarkt aber wirklich nett gestaltet, mit seinen Holzbuden, Lichtern und Bierbänken tatsächlich ein bisschen so, wie man es aus Deutschland kennt – nur eben um einiges internationaler. In geselliger Runde kann man hier einen ganz netten Abend verbringen und sich sogar in so was wie Weihnachtsstimmung versetzen lassen. Also: Daumen hoch, wenn auch mit Abstrichen.

Geht ihr gern auf Weihnachtsmärkte? Wart ihr dieses Jahr schon auf einem?

Informationen

中世纪圣诞之城 / Medieval Christmas Town
Adresse: 徐汇滨江绿地, 枫林路龙腾中路 / Xuhui Binjiang Greenspace, Feng Lin Road/Long Teng Avenue
Anfahrt: Mit Metro-Linie 7 bis Longhua Middle Road (龙华中路), Ausgang 6/14 und ca. 10 Minuten Fußmarsch.

Der Weihnachtsmarkt läuft noch bis zum 27. Dezember 2015.
Öffnungszeiten/Preise: Mo-Fr 17:00-22:00 (50 RMB/Person), Sa/So 11:00-22:00 (70 RMB/Person). Vorsicht: An den Weihnachts“feiertagen“ kostet das noch mal einen Batzen mehr.

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21 Gedanken zu “Medieval Christmas Town – Ein Weihnachtsmarkt in Shanghai

  1. Jeder interpretiert Weihnachten eben wie er will. :-))) Auf jeden Fall sieht eben alles so schön bunt aus. Und es kann bestimmt nicht jeder von sich behaupten, auf einem Weihnachtsmarkt mit „Motherfucker“ angesprochen zu werden. Was immer der Händler auch getrunken hat, es scheint geschmeckt zu haben. :-))) Irgendwie köstlich so eine Szene.
    Und natürlich bleibt es hier bei den Weihnachtsmärkten. Wer immer auch anderes behauptet oder beabsichtigt. :-)))
    Herzliche Adventsgrüße, Eberhard

    1. Gerade wenn in Shanghai etwas eher auf Ausländer zugeschnitten ist, sind leider auch meistens die Preise dementsprechend.

      China ein Billigland? (Zumindest in Shanghai) schon lange nicht mehr …

      1. Ja, habe davon auch schon gehört! Die Straßenrestaurants … diese Garküchen sind noch sehr günstig – wie im teuren Korea. Aber Hotels haben ein westeuropäisches Preislevel. Nur die Qualität ist dann noch einmal ein ganzes Stück vom Preisniveau entfernt

  2. Zwei kleinere Weihnachtsmärkte habe ich in diesem Jahr bereits besucht, doch hier in Deutschland will bei zwölf Grad plus Nieselregen nicht so richtig weihnachtliche Stimmung aufkommen.
    Eintritt habe ich keinen bezahlt und da ich nur Kinderpunsch trinke, kann ich vermelden, dass der okay war.
    Auf jeden Fall wünsche ich Dir und dem Blog ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

    Liebe Grüße
    Midori

      1. Also ich würde mich sehr freuen … mehr über dein Weihnachten zu erfahren. Vielleicht schaffst du es bis zum nächsten Jahr ;). Aber wenn du so gar keine Lust hast erfreue ich mich einfach weiter an deinen wunderbaren Beiträgen!

  3. Wir waren bisher nur bei einem, der übers Wochenende stattfand.
    Aber Eintritt mussten wir nicht zahlen. Das habe ich noch nie erlebt.
    Immerhin habt ihr einen, das ist ja schon mal was.
    Lebkuchen und Glühwein und Bierbänke.
    Euch frohe, schöne Weihnachten
    Bärbel

    1. Wir haben hier sogar nicht nur einen, sondern überraschend viele 😉

      Und auf die Idee, für einen Weihnachtsmarkt Eintritt zu verlangen, kommt man wohl nur in China …

      Dir wünsche ich auch ein schönes Weihnachtsfest!

  4. ich finde so internationale interpretationen (für mich) heimischer traditionen immer sehr spannend 🙂
    falls du jemals im chinesisch nachgebauten hallstatt vorbeikommst, ich wäre neugierig wie das dort ist ^.^

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