„Die Menschheit kann sich nicht vor sich selbst retten.“ – The Three-Body Problem von Liu Cixin

Liu Cixin, The Three-Body Problem, Three-Body, Die drei Sonnen

Der chinesische Autor Liu Cixin hat es geschafft, mit seinem Roman The Three-Body Problem die höchste Auszeichnung der Science-Fiction-Welt zu erhalten. Grund genug für mich, mir seine „Three-Body“-Trilogy einmal genauer anzusehen. Kann der erste Band um eine Astrophysikerin im China der 60er-Jahre halten, was er verspricht?

刘慈欣 – Liu Cixin, Chinas Science-Fiction-Meister

Der 22. August 2015 ist ein denkwürdiger Augenblick für die Science-Fiction-Welt. Zum ersten Mal in den 73 Jahren der World Science Fiction Convention gewinnt ein übersetztes Werk den begehrten Hugo Award – quasi der Oscar der SF-Welt – für „Bester Roman“. Es handelt sich dabei um „The Three-Body Problem“, den ersten Band einer Trilogie von Chinas derzeit angesagtestem Science-Fiction-Autor Liu Cixin.

Wenn das ein chinesisches Werk schafft, dann muss was dran sein! Chinesische Bekannte hatten mir die Trilogie des ehemaligen Kraftwerkingenieurs auch schon ans Herz gelegt und seit meinen Recherchen zu chinesischer Science-Fiction vor einiger Zeit hatte ich ohnehin den Verdacht, dass das Genre spannender sein könnte als ich bisher angenommen habe.

Nun hatte ich die Möglichkeit, mir den ersten Band für umgerechnet mehr als 12 Euro auf Englisch zu kaufen, oder mir die komplette Trilogie für rund 5 Euro auf Chinesisch zu holen. Geiz siegte über Verstand und so besitze ich nun die komplette „Three Body“-Trilogie auf Chinesisch. Anders wäre das auch gar nicht möglich gewesen. Der dritte Teil der Trilogie kommt erst im April 2016 auf Englisch raus; auf Deutsch wird der erste Band sogar erst im September 2016 unter dem Titel „Die drei Sonnen“ erscheinen.

Übrigens: Wer keine Lust auf Lesen hat, wartet einfach auf Sommer 2016. Dann kommt die Verfilmung des ersten Teils zumindest in die chinesischen Kinos.

Liu Cixin - The Three-Body Problem
Liu Cixins „Three-Body“-Trilogie

三体 – The Three-Body Problem

Liu Cixin hat für seinen Roman ein ungewöhnliches Setting gewählt. Vor dem Hintergrund der Kulturrevolution sendet die junge Astrophysikerin Ye Wenjie in einem geheimen Forschungsprojekt Botschaften ins All – und bekommt tatsächlich eine Antwort!

Die Hintergrundgeschichte der Astrophysikerin ist allerdings nur ein Erzählstrang. In einem weiteren macht der Wissenschaftler Wang Miao im heutigen Peking Bekanntschaft mit dem merkwürdigen Computerspiel „Three-Body“, das auf seltsame Art und Weise die Geschichte der Menschheit nacherzählt. Hier trifft er auf Persönlichkeiten wie Kopernikus, Newton oder den ersten Kaiser von China und kommt hinter das Geheimnis der drei Sonnen, die in dieser Welt scheinen.

Schließlich laufen alle Fäden im Jetzt zusammen. Was ist der Sinn des Spiels? Was hat die außerirdische Lebensform geantwortet und was bedeutet das für die Menschheit? Und was passiert mit der Sekte, die die Außerirdischen als Gottheit verehrt und in einer Cafeteria mit Atomsprengköpfen hantiert? Antworten auf diese und andere Fragen gibt es im letzten Drittel des Buches oder vermutlich in den beiden Folgebänden.

Beim Lesen der 60er/70er-Jahre-Kapitel hatte ich oft das Gefühl, dass Herr Liu sich da zensurtechnisch auf ganz dünnem Eis bewegt, und doch war ich erstaunt, wie explizit er zum Beispiel beschreiben durfte, wie ein Wissenschaftler im Namen der Revolution vor Publikum totgeprügelt wird. Auch die Schuldfrage am Ende der Kulturrevolution hat er recht interessant thematisiert.

Genretypisch liegt der Schwerpunkt dann aber doch auf Wissenschaft und Technik. Liu erwähnt viele reale Werke, Wissenschaftler und ihre Entdeckungen, erklärt wissenschaftliche bzw. mathematische Konzepte wie das titelgebende Drei-Körper-Problem (zumindest für einen Laien wie mich) fundiert, nachvollziehbar und seriös; der Mann arbeitet sogar mit Fußnoten! Seine Welt wirkt glaubwürdig und so nehme ich ihm das auch ab, dass da wie selbstverständlich eine außerirdische Lebensform existiert oder dass riesige schwebende Augen … nein, kein Spoiler …

Die Geschichte entwickelt sich gerade am Anfang sehr langsam, aber glücklicherweise nicht langweilig. Dabei schneidet Liu auch philosophische Themen an oder macht anhand eines bäumepflanzenden Millionärssohn deutlich, wie arrogant sich die Menschheit dem Planeten gegenüber verhält. Erst im letzten Drittel wird es fantastischer und ja, doch, das animiert auf jeden Fall zum Weiterlesen! Ich kann jetzt verstehen, warum mir die Chinesen das Buch empfohlen haben oder warum es nicht nur in China viele Preise, sondern eben auch den internationalen Hugo Award gewonnen hat.

Perfekt ist „The Three-Body Problem“ trotzdem nicht. Wang Miao bleibt mir als Protagonist zu passiv, dass er Frau und Kind hat, wird nur einmal am Rande erwähnt. Und manchmal hätte ich mir mehr Ausführlichkeit gewünscht (Atomsprengkopf? Lappalie!). Aber das ist fast schon Jammern auf hohem Niveau.

Für Chinesischlerner

Apropos Niveau. Mir war klar, dass „The Three-Body Problem“ nicht nur thematisch sondern auch vom Chinesischen weit über meinem Niveau liegen würde. Bis jetzt habe ich ja nur einen Katzenroman und Chick Lit auf Chinesisch gelesen. Ich war also ziemlich überrascht, wie verhältnismäßig leicht das Lesen letztendlich doch von der Hand ging.

Klar, der nicht ganz alltägliche Wortschatz hat es teilweise in sich. Wissenschaftliche Fachbegriffe oder Ausdrücke aus der Zeit der Kulturrevolution laufen mir in Echt nicht über den Weg (und falls doch, würde ich sie nicht verstehen). Ich wusste bis jetzt zum Beispiel nicht, was katalysieren, sich verschärfen oder Nanomaterial auf Chinesisch heißt. Aber: sehr viele Begriffe ergeben sich tatsächlich aus dem Kontext, selbst so schöne Dinger wie Teilchenbeschleuniger.

Wovor ich auch Angst hatte: all die wissenschaftlichen Fremdwörter. Aber: Die werden größtenteils sehr logisch ins Chinesische übersetzt, wie zum Beispiel „interstellar“ (星际 (xīngjì) = Stern + zwischen) und sind dann auch ohne Nachschlagen klar. Und die Übertragung von westlichen Namen ins Chinesische läuft meistens über hilfreiche Lautmalerei ab (Newton = 牛顿 (niú dùn)).

Durch die drei sehr unterschiedlichen Handlungsstränge bleiben natürlich trotzdem noch genug Vokabeln übrig. Der „Heute“-Strang ist eindeutig am einfachsten, im „Damals“ gibt es viel „Kommunismus-Wortschatz“ und im „Computerspiel“ fehlen durch die groteske, fremde Welt Anhaltspunkte, so dass ich hier eben nicht so viele Wörter aus dem Kontext erschließen konnte.

Man kommt aber rein in die Geschichte, kann sogar was von der Atmosphäre und Spannung mitnehmen, auch wenn man nicht jeden Absatz komplett versteht. Und vor allem: Es motiviert, weil es eben (zumindest auf weiten Strecken) doch gar nicht so schwer ist, diesen Roman zu lesen. Irgendwie. Wenn man „The Three-Body Problem“ erfolgreich durch hat, hat man das Gefühl, man kann in Zukunft alles lesen. Mal schauen, ob das stimmt.

Empfohlen für: Fortgeschrittene (ab HSK 4/5?)

Falls ihr auch vorhabt, das Buch auf Chinesisch zu lesen, könnt ihr euch vorab ja schon mal in meine Vokabelliste auf Memrise einarbeiten.

Liu Cixin - The Three-Body Problem
Eigentlich wollte ich nur ein Verständnisproblem im Chinesischen klären und bekam gleich eine Nachhilfestunde in höherer Mathematik

Fazit

Science-Fiction wird wohl nie mein Lieblingsgenre werden (Physik! Mathematik!). Wohl aber ist Liu Cixin ein Autor, den ich im Auge behalten werde. Sein Roman „The Three-Body Problem“ bietet interessante Ansätze, Unterhaltung und Spannung, auch wenn er auf Chinesisch durch den speziellen Wortschatz nicht immer leicht zu lesen ist. Wenn ihr also wissen wollt, wie ein Chinese an das Thema Science-Fiction herangeht, und eine Geschichte lesen wollt, in der ein mysteriöser Countdown auf Gegenständen erscheint, in der Einstein auf den Straßen Shanghais über das Problem der chinesischen Gesellschaft sinniert und riesige Pendel schwingen, dann könnte der Roman was für euch sein.

Die englische Übersetzung von Ken Liu soll übrigens auch hervorragend sein und ist somit eine gute Alternative für alle, die nicht noch fast ein Jahr auf die deutsche Ausgabe warten wollen.

Jetzt werde ich mich erst einmal auf den zweiten Band der Trilogie stürzen und bin schon gespannt, wie die Geschichte im Sommer auf der großen Kinoleinwand wirken wird (und wehe der vereiste Wald ist dann nicht so cool wie ich ihn mir vorgestellt habe!).

Kennt ihr „The Three-Body Problem“? Wie hat euch der Roman / die Trilogie gefallen?

Weiterführendes / Info

Ihr seid euch noch nicht sicher, ob Liu Cixins Werke was für euch sind? Dann probiert doch erst mal die Kurzgeschichte „The Thinkers“ aus, die ihr in einer englischen Übersetzung auf Paper Republic lesen könnt. (Die Seite ist generell empfehlenswert, wenn ihr euch für chinesische Kurzgeschichten interessiert, die von modernen Schriftstellern bis zurück zu Lao She und Lu Xun reichen. Momentan läuft dort gerade das ambitionierte Projekt, ein Jahr lang jede Woche eine übersetzte Kurzgeschichte kostenlos zur Verfügung zu stellen.)

Meine gelesene Ausgabe:
三体 von 刘慈欣, 302 Seiten, 2008 (Chinesisch)
ISBN 978-7-5366-9293-0

Auf Englisch: The Three-Body Problem
Auf Deutsch: Die drei Sonnen (ab September 2016)

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14 Gedanken zu “„Die Menschheit kann sich nicht vor sich selbst retten.“ – The Three-Body Problem von Liu Cixin

  1. Klingt nach einem interessanten und spannenden Buch. Vor allem die Bezüge zur Gegenwart und der Kulturrevolution. Ist das in China noch immer ein Tabu-Thema? Ich hab’s mir jedenfalls mal notiert. Aber ich sehe schon, dass ich da etwas Geduld brauchen werde, wenn die drei Teile in mehr oder weniger großen Abständen veröffentlicht werden.
    Herzliche Grüße, Eberhard

    1. Ich habe das Gefühl, dass die Kulturrevolution gerade wenigstens so ein bisschen aufgearbeitet wird. Zumindest finde ich, dass gerade relativ viele Bücher und Filme die Zeit thematisieren, die auch in China veröffentlicht werden dürfen. Ein sensibles Thema bleibt es aber und ich gehe davon aus, dass hier auf dem Festland immer noch viele Werke zum Thema verboten sind und werden.

  2. Oh, das kommt doch dann glatt mal auf meine Lese-Liste! Allerdings auf Englisch. 😉
    Danke! … bin übrigens gespannt, ob die Verfilmung international irgendwie Beachtung findet…

    1. Das frage ich mich auch. Da das Buch ein Bestseller war, der ja auch übersetzt wurde, könnte ich mir vorstellen, dass der Film ziemlich teuer wird und damit evtl. schon im Ausland rauskommt, zumindest mal auf Englisch. Mal sehen …

  3. Bin gerade durch Zufall hier gelandet, als ich nach Ausflugssachen in Peking + Shanghai gesucht habe. Bin hier ein paar mal fündig geworden – sehr schöner blog 🙂

    1. Willkommen! Freut mich, dass du hier was nach deinem Geschmack gefunden hast :-). Hoffentlich lässt du dir noch Zeit, bevor du nach Shanghai kommst. Das Wetter ist hier momentan echt ungemütlich …

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