Nanjing | Sternwarte am Purpurberg – Von Natur, Kultur und Schleifchen

Sternwarte am Purpurberg, Purple Mountain Observatory, Nanjing, China

Ihr sucht in Nanjing nach einer passenden Gelegenheit für einen Sonntagsspaziergang in der Natur? Kultur soll auch nicht zu kurz kommen? Und ihr wollt wissen, warum in China Meteoriten gelegentlich mit einem Schleifchen geschmückt werden? Dann bietet sich ein Mini-Ausflug zur historischen Sternwarte am Purpurberg an.

In den Himmel schauen? So ein Schmarrn!

„Nanjing kenne ich gut“, sagt mein Nachbar, ein Rentner, der sich immer wie ein kleiner Junge freut, wenn er im Treppenhaus ein paar mühsame Worte mit mir wechseln kann. Eben habe ich ihm erzählt, dass Herr M. aus Nanjing stammt. „Nanjing, da habe ich früher gearbeitet.“ Weil ich den chinesischen Begriff für seinen ehemaligen Arbeitsplatz nicht kenne, versucht der alte Mann, seine Tätigkeit zu umschreiben. „In den Himmel schauen.“

Ich verstehe „in den Himmel schauen“ und denke gefrustet: „So ein Schmarrn, das kann nicht sein. Ich verstehe ihn einfach nicht.“

Viele Wochen und einen Roman von Liu Cixin später stellt sich heraus, dass ich seine Worte sehr wohl verstanden habe. Mein Nachbar hat in Nanjing in einem Observatorium (天文台, tiān wén tái) gearbeitet. Das bestätigt auch Herr M. Ich habe wohl nur nicht geglaubt, dass ich jemals einem Astronomen (*) begegnen würde, und konnte die Tätigkeit deshalb nicht zuordnen.

Von unserer Unterhaltung inspiriert haben Herr M. und ich die nächste Gelegenheit in Nanjing dazu genutzt, den ehemaligen Arbeitsplatz unseres Shanghaier Nachbarn mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Auf zur historischen Sternwarte auf dem Purpurberg!

Sternwarte am Purpurberg, Nanjing
Armillarsphäre (浑仪, hún yí) auf dem Purpurberg

紫金山 (zĭ jīn shān) – Am Purpurberg

Nach tagelangem, frühlingsfestbedingten Fressmarathon haben wir es dringend mal nötig rauszukommen. Der Purpurberg im Norden Nanjings scheint uns da wie das Paradies.

Wir folgen der gepflasterten Straße, die sich in Serpentinen den Hügel hinaufschlängelt. Im Februar ist die Vegetation noch nicht besonders üppig. Gut, dass hier wenigstens viel Bambus wächst. Über unseren Köpfen kratzt er in sattem Grün am Himmelsblau, am Boden drängt sich Farn unter kahlem Gestrüpp zusammen. Wie schön muss es hier in ein paar Wochen sein, wenn die ersten Knospen aufplatzen? (Ab Mitte Februar findet auf der anderen Seite des Purpurbergs übrigens Nanjings berühmtes Pflaumenblütenfestival statt.)

Der Aufstieg zur Sternwarte dauert vielleicht eine halbe Stunde (wenn man zügig geht) bis etwa eine Stunde (mit High-Heels, Krücken, Kindern oder Fresspause auf halbem Weg). Wer fauler ist, fährt mit dem Auto hoch und hupt die Spaziergänger immer wieder zur Seite. Ganz schön nervig, aber irgendwas ist ja immer.

Zum Glück hält sich der Besucherandrang trotz Feiertag in Grenzen. Historische Sternwarte, das klingt für viele vermutlich nicht so interessant wie die Highlights auf der anderen Seite des Purpurbergs, zu denen das Sun-Yatsen-Mausoleum, die Ming-Gräber oder der Linggu-Tempel gehören. Umso besser für uns.

紫金山天文台 (zĭ jīn shān tiān wén tái) – Sternwarte am Purpurberg

Die Sternwarte auf dem Purpurberg ist dabei nicht irgendeine. Sie wurde 1934 eröffnet und zählt damit als älteste moderne Anlage Chinas. Hier wurden einst sogar mehrere Kometen entdeckt. Allerdings ist das Observatorium schon seit den 80er Jahren für die Forschung kaum noch relevant. Der nächtliche Himmel über der 7-Millionen-Metropole ist inzwischen einfach zu hell.

Heute ist das Observatorium deshalb hauptsächlich ein kleines, teilweise sehr chinesisches Museum. In den wenigen Ausstellungsräumen – gerne mit Wasserschäden und schwarzem Schimmel an den Wänden – kann man ein paar moderne Messinstrumente begutachten sowie diverse Meteoriten, die irgendwann mal in China oder Russland vom Himmel gefallen sind (die Infotafeln beschränken sich meistens auf Chinesisch).

Besonderes Highlight ist ein kleiner Meteorit, den Mao Tse-Tung bei einem Besuch in den 50ern höchstpersönlich in den Händen gehalten hat. Weil das offensichtlich so ein historisch bedeutungsvoller Augenblick ist, liegt der Stein heute mit einem roten Schleifchen aufgehübscht in seiner Vitrine. So ernsthaft.

Meteorit in Nanjing
Highlight: Meteorit mit Schleifchen

Astronomische Instrumente aus der Ming-Dynastie

Die wahren Highlights des seit 1996 denkmalgeschützten Observatoriums stehen hingegen unter freiem Himmel. Hier finden sich diverse astronomische Messgeräte, von denen sich die ältesten bis in die Ming-Dynastie (1368-1644) zurückdatieren lassen. Die meisten sind allerdings Kopien aus der Zeit der Qing-Dynastie (d.h. um 1900), wie etwa ein Himmelsglobus, auf dem alle damals bekannten Sterne bzw. Sternbilder abgebildet sind.

Wusstet ihr, dass die chinesischen Astronomen damals mit die akkuratesten Aufzeichnungen zum Himmel überhaupt anfertigen konnten? Oder dass die Chinesen die ersten auf der Welt waren, die herausgefunden haben, dass ein Erdenjahr genau 365,25 Jahre dauert? Mit solchen Anekdoten lässt sich natürlich wunderbar Nationalstolz aufbauen und so fanden chinesische Grundschüler in den 80ern (noch heute?) diese Informationen und Abbildungen der Instrumente aus Nanjing auch in ihren Schulbüchern wieder.

Wer wie ich nicht viel Ahnung von Astronomie hat, der kann sich immerhin am Aussehen der historischen Instrumente erfreuen. Die Armillarsphäre von 1437 ist beispielsweise ein cool aussehendes astronomisches Instrument, das aus mehreren ineinander verschachtelten Ringen besteht und von vier Drachen gehalten wird. Damit konnten die Chinesen die Koordinaten von Himmelskörpern bestimmen.

Deutsche Truppen fanden das Gerät wohl auch ziemlich toll: Sie verschleppten es um 1900 nach Berlin, woraufhin sich die Franzosen die vereinfachte Armillarsphäre krallten. Beide Geräte wurden nach wenigen Jahren an China zurückgegeben, wo sie in Nanjing Krieg und Kulturrevolution überstehen mussten, ehe sie nach langjähriger Restauration dem Museumspublikum zugänglich gemacht werden konnten. Warum man sie jetzt wieder jedweder Witterung aussetzt, ist mir allerdings schleierhaft.

Sternwarte am Purpurberg, Nanjing
Vereinfachte Armillarsphäre (简仪, jiǎn yí) auf dem Purpurberg – Einfach ist relativ

Fazit

Nanjing mag spektakulärere Sehenswürdigkeiten haben als die Sternwarte am Purpurberg. Für einen Sonntagnachmittagsausflug ist sie als Ziel ideal: Man braucht nicht allzu viel Zeit, bekommt ein bisschen Natur und kann sich dank der historischen Instrumente vorstellen, wie seltsam den Menschen der damals so ferne Himmel vorgekommen sein mag.

Infos / Anfahrt

紫金山天文台 / Purple Mountain Observatory
Tianwentai Rd, Xuanwu, Nanjing
Anfahrt: Mit der Metro Linie 3 bis „NFU Xinzhuang“, dann mit Bus Nr. 203 bis
Eintritt: 15 RMB/Person
Webseite: pmo.jsinfo.net (Chinesisch)

(*) Astronom. Laut Herrn M. ist das in China kein besonders prestigeträchtiger bzw. gut bezahlter Job. Jetzt verstehe ich auch, warum mein Nachbar als Rentner die Mülleimer nach Pfandflaschen durchwühlen muss …

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9 Gedanken zu “Nanjing | Sternwarte am Purpurberg – Von Natur, Kultur und Schleifchen

  1. Hallo,
    unterhaltsamer Artikel von dir. Es müssen ja nicht immer die Top-Sehenswürdigkeiten sein beim Besuch einer Stadt. Ausgefallenes kann auch sehr interessant sein.
    Lg Thomas

  2. Klasse! Solche Sehenswürdigkeiten sind für mich immer sehr spannend! Übrigens gibt es in Peking auch ein „Tap-Water-Museum“…
    Das alte observatorium in Peking ist auch sehr interessant. Von dort weiß ich wneigstens, was eine Armillarsphäre ist. LG
    Ulrike

    1. Ja, vom Leitungswassermuseum habe ich auch gehört (wird auch in dem Link in meinem Kommentar oben bei Thomas vorgestellt). Warst du in diesen Museen schon mal?

      Das alte Observatorium in Peking steht seit Nanjing auch auf meiner Liste. Die historischen Geräte in Nanjing kommen wohl ursprünglich auch von dort.

      1. Ne, das Leitungswassermuseum hab ich noch nicht besucht. Vielleicht beim nächsten Mal!
        Die antiken Instrumente aus Peking stammen vor allem aus einer Zeit, als die Jesuiten dort den Kaiser mit Astronomie begeistern konnten.

  3. Schade, mit solchen Voraussetzungen hat es Dein Nachbar nie zu einem Bekanntheitsgrad wie (Prof Dr) Harald Lesch bringen können … 😐

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