Hangzhou | Nahtoderfahrungen rund um den Westsee

Westsee, Hangzhou

Im Himmel gibt es das Paradies, auf Erden Suzhou und Hangzhou. Das besagt ein altes chinesisches Sprichwort. Ob dem wirklich so ist? Nach vier Jahren haben wir Hangzhou noch einmal besucht. Schwerpunkt: Mit Fahrrädern um den Westsee.

西湖 (xī hú) – Der Westsee in Hangzhou

Vor allem chinesische Touristen pilgern jedes Jahr in Massen nach Hangzhou, um Natur zu genießen und einen legendären Sonnenuntergang über dem See zu beobachten. Wenn am Ufer Brückchen, Pavillons und Wege stimmungsvoll beleuchtet sind und sich die Sonne als roter Ball über flüssiges Gold senkt, ist der Ort auch wirklich zauberhaft. Das finden auch die anderen Touristen. Rentner schleppen ihre zentnerschweren Kameras samt Stativ herbei, die Jugend dokumentiert den Sonnenuntergang lieber im 10-Sekundentakt per Handykamera. Es ist das Highlight eines Westsee-Besuchs, wenn man plötzlich mitten in einer lebensgroßen Postkarte steht. Das ist der Kitsch, aus dem alte Bravo-Poster gemacht sind. Und ja, es ist schön, immer wieder.

Passend poetisch ist die Legende, die sich um die Entstehung des Sees rankt. Demnach stritten sich ein Phönix und ein Drache um eine Perle, bis diese auf die Erde fiel und den Westsee formte. Nüchterner betrachtet entstand der See im 8. Jahrhundert als Bucht des Qiantang-Flusses. Während der Tang-Dynastie trennte man den See endgültig vom Fluss ab, hob ihn auf durchschnittlich 1,5 Meter aus (ein kaiserlicher Baggersee quasi) und machte aus ihm die bis heute beliebte Attraktion von Hangzhou. Einmal Paradies, bitte, hausgemacht.

上有天堂,下有苏杭
shànɡ yǒu tiān tánɡ, xià yǒu sū hánɡ
Im Himmel gibt es das Paradies, auf Erden Suzhou und Hangzhou

Westsee, Hangzhou

Fahrrad fahren am Westsee

Mir ist bewusst, dass es kaum eine dümmere Idee gibt als an einem Feiertag in einer von Touristen überlaufenen 7-Millionenstadt Fahrrad zu fahren. Und doch strample ich brav auf meinem kleinen Rad mit lustigem Körbchen am Lenker Herrn M. hinterher, einmal rund um den berühmten Westsee von Hangzhou.

„Hangzhou – Hauptstadt der Erholung“ prangt großkotzig am altmodischen Südbahnhof. „Vorhof zur Hölle“ würde es eher treffen. Rund um den Westsee zieht sich nämlich eine mehrspurige Hauptverkehrsader, überlastet mit Taxis, SUVs und Reisebussen, die sich zähfließend an uns vorbeiwälzen oder bei seltenen Gelegenheiten an uns vorbeidonnern, als befänden wir uns auf einer Formel-1-Strecke. Da sind Nahtoderfahrungen vorprogrammiert. Und wo doch ein Plätzchen für unsere Fahrräder wäre, müssen wir uns gegen drängelnde Elektroroller und neurotisch hupende Mopeds behaupten. Als Sahnehäubchen laufen dann auch noch ständig unachtsame Personen auf die Fahrbahn. Die Gehwege sind nämlich auch verstopft, mit Fußgängern.

Die Hälfte der Zeit müssen wir unsere Räder deshalb schieben, um überhaupt vorwärts zu kommen. Abends dann die Bilanz: mehrere blaue Flecken an den Schienbeinen (schmerzfreies Radschieben muss erst noch erfunden werden), Rußablagerungen in jeder freiliegenden Altersfalte und meine Fingernägel tragen nun ein sattes Trauerrandschwarz. Der Rotz in meiner Nase übrigens auch. Wie viel Schadstoffemission im Gegenwert von wie vielen Päckchen Zigaretten wir an diesem Tag wohl eingeatmet haben? (Tipp: lieber mit Atemschutzmaske fahren)

Vom Westsee selbst bekommen wir vom Rad aus kaum etwas mit. Das Chaos auf den verstopften Straßen verlangt unsere volle Aufmerksamkeit. An interessanten Punkten rund um den See halten wir deshalb an und gehen eine Weile am Ufer spazieren, das von Parks gesäumt ist, in denen nichts dem Zufall überlassen wird. Natur ist Definitionssache, aber durchaus hübsch anzusehen. Auf der Westseite des Sees ist deutlich weniger los und so verweilen wir hier eine ganze Weile, um uns mental auf die zweite Hälfte des chaotischen Weges vorzubereiten.

Hier zeigt sich dann auch, dass eine individuelle und flexible Radtour um den See eigentlich eine tolle Sache wäre – sofern man denn nicht an einem Feiertag herkommt. So schafft es Herr M., der in seinem Leben praktisch jährlich den Westsee besucht hat, zum ersten Mal auch an Stellen, die er noch nicht aus seiner Kindheit und Jugend kennt. Und wer sich ein bisschen vom See wegbewegt, der kann sogar interessante Routen wie diese von TiMaFe on Tour abfahren. Wir hatten dafür leider keine Nerven mehr …

Westsee, Hangzhou

Fazit

Westsee – gerne wieder, aber bloß nicht an einem Feiertag. Dann macht die tagesfüllende Seeumrundung mit ausgedehnten Zwischenstopps vielleicht sogar Spaß.

Für viele Chinesen zählt der Westsee in Hangzhou zu den ganz großen Highlights, die man in China gesehen haben muss. Viele Westler, die ich getroffen habe, sehen die Sache etwas realistischer: „Ist halt ’n See.“ Aber die haben im Gegensatz zu den meisten Chinesen vermutlich schon viele naturbelassene Seen in ihrer Heimat gesehen oder haben sogar einen Baggersee vor der Haustür.

Ich selbst finde den Westsee ganz nett, wenn er nicht so überlaufen wäre, und Hangzhou mag ich sowieso, obwohl ich die Stadt bei meinen Besuchen jedes Mal als überfülltes Chaos erlebt habe. Ich könnte mir trotzdem vorstellen, in Hangzhou zu wohnen. Dann aber bestimmt nicht in Seenähe. Denn Erholung findet man dort ganz sicher nicht, egal wie überschwänglich die Touristenpropaganda das am Bahnhof verkündet.

Wart ihr schon mal am Westsee in Hangzhou? Wie hat es euch gefallen? Himmel oder Hölle?

Ach ja, damit es aufgrund meiner Bildauswahl nicht zu Missverständnissen kommt: Wir hatten den See natürlich nicht für uns allein …

Westsee, Hangzhou

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17 Gedanken zu “Hangzhou | Nahtoderfahrungen rund um den Westsee

  1. Ich fand Hangzhou damals 1991 sehr schön. Aber damals gab es auch noch nicht so viele Touristen, oder ich war weder an einem Wochenende noch an einem Feiertag dort.
    Herrlicher Bericht!
    Beste Grüße
    Ulrike

    1. Ohne die Menschenmassen würde mir Hangzhou auch noch besser gefallen. Ich beneide dich einfach immer wieder, dass du noch die Möglichkeit hattest, die ganzen Orte zu entdecken, bevor sie total überlaufen waren.

  2. Schöner Bericht! Am Westsee waren wir auch, aber nur bei Tag, ohne Abendstimmung. Ich hatte mich vorher nicht näher über den See informiert, sondern wusste nur, dass er von den Chinesen hoch geschätzt wird. Das Erlebnis war dann recht ernüchternd, „Ist halt ’n See.“ Klartext: Ich war enttäuscht, aber es gab glücklicherweise noch andere Ziele in Hangzhou (der Lingyin-Tempel), so dass der Ausflug von Shanghai nach Hangzhou doch ein voller Erfolg war.

    1. Ja, Hangzhou hat da zum Glück noch mehr zu bieten. An die Tempel und Buddha-Figuren in den Felsen kann ich mich auch noch gut erinnern und würde da auch gerne noch mal hin (aber auch hier gilt: nicht an einem Feiertag).

  3. Ich wollte schon schreiben, dass die Fotos doch recht idyllisch aussehen, aber dann kam das abschließende Schock-Bild 🙂
    Ich war bei meiner China-Reise am Westsee und habe ihn auch hübsch gefunden, aber die enthousiastischen Erläuterungen der Reiseleitung konnte ich dann doch nicht ganz nachvollziehen.

    1. Das Schock-Bild musste einfach sein, immer schön realistisch bleiben 😉 (Aber ohne die vielen Leute könnte es am Westsee schon sehr idyllisch sein)

      Vielleicht muss man lange in einer chinesischen Großstadt gelebt haben, um den See so zu schätzen wie es viele Chinesen tun.

  4. Ich war letzten September dort, zum Glück war es nicht so überlaufen wie auf deinem Foto :O In einem der Parks hat mich dann ein Chinese angesprochen und gemeint, dass er fast jede Woche zur Erholung von Shanghai nach Hangzhou fährt und dort um den See radelt 😉

    1. Der muss ja echt begeistert gewesen sein, wenn er dazu einfach wildfremde Leute anquatscht 😉 Jede Woche von Shanghai nach Hangzhou wäre mir auf Dauer aber auch zu anstrengend.

      Vermutlich hatten wir einfach nur den total falschen Zeitpunkt gewählt. Aber was will man machen, wenn man immer nur dann Zeit hat, wenn alle anderen im Land auch unterwegs sind, argh …

  5. Bestes Bildmaterial. Beim letzten musste ich unweigerlich an Angkor Wat denken, wo im im März ein ähnliches „Behind the Scenes“ Bild als Andenken mitgenommen habe (https://timafe.files.wordpress.com/2016/05/img_4048_avoid_the_crowds.jpg). Wenn ich mir das so durchlese habe ich in Hangzhou bei meiner Samstagstour am See offenbar noch Glück gehabt, das Hilight war aber für mich trotzdem die Tour ins Umland. „Ist halt’n See“ – aber trotz allen Ansturms ein wirklich schöner 🙂

    1. Ah, Angkor Wat, da würde ich auch gerne mal hin. Dort verläuft sich die Masse nach dem Spektakel aber, oder? In Hangzhou war das Gedränge leider den ganzen Tag so …

      Ich hätte ja deine Tour gern schamlos nachgemacht, aber ohne deine Bildbeweise konnte ich meinem Mann die Strecke leider nicht schmackhaft genug machen. Vielleicht ein andermal.

  6. Herrlich, dieser Gegensatz aus idyllischen Fotos und ehrlicher Reisebeschreibung! Ich habe gekichert, mitgelitten und gestaunt, besser kann ein Reisebericht ja gar nicht sein. Ich drücke natürlich die Daumen, dass du noch mal an einem normalen Wochentag zurückkehren kannst. 🙂

  7. Ich war schon dreimal in Hangzhou und am Xihu …

    Das erste Mal war’s ne Station auf einer Konzertreise, und hatte nur wenig Zeit … als uns allerdings die Legende der Bai Shi Zhuan – der weißen Schlange erzählt wurde, erinnerte ich mich sofort an den Anime, den ich lange davor im deutschen Fernsehn gesehen hatte, und war mir sicher, diesen Ort nochmal zu besuchen.

    Hab ich dann auch zwei weitere Male gemacht … einmal ganz allein, und ein anderes Mal, um den Austauschschüler meines Neffen und eine Bekanntschaft aus der zweiten Reise nach Hangzhou wieder zu treffen.

    Gefallen hat mir der See immer … war da auch an Tagen und Plätzen, wo eig. nichts los war …
    Sicher sehe ich aber das Ganze auch wegen dieser schönen Legende durch eine rosarote Brille (im Anime gibt es ein Happy End – im Gegensatz zur richtigen(?) Legende, nach der die Schlange immer noch unter dem LeiFengTa gefangen sein soll !?)

    Wo wir mit dem Orchester untergebracht waren, weiß ich nicht mehr … aber als ich das erste Mal allein in Hangzhou war, hatte ich ein Hotel nördlich des Sees … in der Nähe des Huanglong Stadions 黄龙体育场, denn da lädt einen der Fernbus vom Shanghai-Flughafen ab … Von dem Hotel bin ich zu Fuß bis zur LeiFengTa (südl. des Sees) gelaufen, und konnte mir die Pagode in aller Ruhe anschauen …

    Das letzte Mal war ich in einem Hotel zwischen Bahnhof und See … da war man auch schnell iwo 😉

    LG

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