Peking | Warum Prinz Kung nicht Kaiser wurde

Prince Kung Mansion, Peking, Beijing, China

Peking. Mitten in den populären Hutongs am Ufer des Shichahai, wo sich hippe Bars aneinanderdrängen und die Gassen mit lärmenden Touristen, Autos und Rikschas verstopft sind, steht das Anwesen des Prinzen Kung. Heute erinnert das Museum an einen Mann, der ganz knapp am Kaiserthron vorbeischrammte. Lest, warum Prinz Kung nie Kaiser wurde und warum das in den Augen vieler Chinesen ein Fehler war.

Warum Prinz Kung nicht Kaiser wurde

Peking, Mitte des 19. Jahrhunderts (Qing-Dynastie). Kaiser Daoguang hat die Wahl und damit auch die Qual: Weil er sich nicht entscheiden kann, ob Yixin oder Yizhu sein Nachfolger werden soll, stellt er die beiden Halbbrüder immer wieder auf die Probe.

Das Zeug zum Kaiser hätten beide Söhne. Yixin ist fleißig und fähig. Allerdings liegen dem Kaiserhof dessen Ambitionen nicht so. Chinas Zukunft liegt in seiner Öffnung? Mit moderner Technik und Wissen aus dem Ausland das seit Jahrhunderten abgeschottete Land nach vorne bringen? Der hat sie doch nicht alle!

Yizhu dagegen weiß sich bei den Mächtigen anzubiedern. Er denkt traditionell („Chinesen stehen über allen anderen Völkern“) und zieht bei einem Jagd-Wettbewerb zwischen ihm und Yixin eine Show ab. Während der ernsthafte Yixin jede Menge Beute anschleppt, kommt Yizhu absichtlich mit leeren Händen von der Jagd zurück. „Mir haben die Viecher so leid getan“, sagt er publikumswirksam.

So kommt es, dass Yizhu nach dem krankheitsbedingten Ableben seines Vaters 1850 unter dem Namen Xianfeng zum nächsten Kaiser von China ausgerufen wird. Yixin bekommt den Titel Prinz Kung (auch: Prinz Gong) verliehen und zieht in das Anwesen nördlich der Verbotenen Stadt, das heute nach ihm benannt ist. Ein Palast als Trostpreis? Auch nicht schlecht, eigentlich.

恭王府 (gōng wáng fǔ) – Das Anwesen von Prinz Kung

Ursprünglich ließ Kaiser Qianlong das Anwesen 1777 für seinen Kumpel, den berühmten Beamten Heshen, errichten. Weil Kopieren in China offensichtlich eine lange Tradition hat, erinnert die Anordnung der Gebäude an eine Miniaturausgabe der Verbotenen Stadt. Uns gefällt der Palast des Prinzen sogar fast besser als das Original, denn die Gebäude, die Säulen, die Höfe – sie alle sind kleiner und filigraner als die der Verbotenen Stadt, nicht ganz so protzig.

Heute zählt das Anwesen des angesehenen Prinzen zu einer wichtigen Sehenswürdigkeit von Peking. Vor allem chinesische Touristen pilgern über das überraschend weitläufige Gelände voller Höfe, Hallen und einem großen Garten. Das liegt auch daran, dass Prinz Kung in der chinesischen Geschichte kein Unbekannter war.

Fledermaus in China, Prince Kung's Mansion, Peking, Beijing
Prinz Kung glaubt an die Macht der Fledermäuse – Überall im Palast finden sich diese glücksbringenden Symbole

Warum Prinz Kung für die chinesische Geschichte wichtig war

Dass Prinz Kung nicht Kaiser wurde, war übrigens nicht die einzige Ungerechtigkeit in seinem Leben. Wenigstens bei einem wichtigen historischen Ereignis zog er ebenfalls die Arschkarte:

Am 18. Oktober 1860 kocht Prinz Kung vor Wut. Chinas Zukunft liegt in seiner Öffnung, das hat er im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute in den oberen Riegen schon früh verstanden. Aber doch nicht so! Nicht so ungerecht, nicht so aufgezwungen!

Bereits 1858 mussten die Chinesen im Zuge des zweiten Opiumkriegs u.a. ihre Häfen für den Handel öffnen und den Opiumhandel legalisieren. Jetzt, zwei Jahre später, verlangen die „Barbaren“ (夷, yí) sogar noch mehr! Neben Reparaturzahlungen fordern die Franzosen, die Chinesen uneingeschränkt christlich missionieren zu dürfen, und die Briten beanspruchen die Kowloon-Halbinsel (Hongkong) für sich. Die Russen hätten inzwischen gern Landstriche im Nordosten Chinas. Geben wollen sie alle im Gegenzug so gut wie nichts.

Kaiser Xianfeng schickt Prinz Kung, um die Ungleichen Verträge zu unterschreiben. Der sträubt sich, hat aber keine Wahl. Zur Strafe guckt er auf den Fotos zur Vertragsunterzeichnung besonders grimmig.

Prinz
Wer keine Wahl hat, hat auch die Qual – Prinz Kung (1833-1898) findet die Ungleichen Verträge höchstens mittel, via Wikipedia

Einige Chinesen glauben heute, dass die Entscheidung, eben nicht Prinz Kung sondern seinen Halbbruder zum Kaiser zu ernennen, für Chinas Entwicklung ein schwerer Fehler war. Vermutlich hätte der Prinz durch seine Liebäugelei mit westlicher Technik dem Land Fortschritt und weniger Chaos gebracht, vielleicht wären die Ungleichen Verträge dann auch nie auf den Tisch gekommen. So aber murkste erst Kaiser Xianfeng vor sich hin und später Kaiserwitwe Cixi, die das Reich durch ihre Verschwendungssucht und schlechten Entscheidungen über Generationen ins Verderben stürzen sollte.

Fazit

Auch wenn sich die Bauwerke teilweise ähneln, so ist der Palast von Prinz Kung natürlich kein Ersatz zur Verbotenen Stadt, wohl aber eine interessante Ergänzung. Wer einen Nachmittag in Peking übrig hat und gern noch zwei, drei Stündchen mit etwas Kultur und Geschichte verbringen möchte, ist bei Prinz Kung an der richtigen Adresse. Wir waren leider schon recht spät und konnten uns den Palast nur im Schnelldurchlauf ansehen. So entging uns zum Beispiel auch das palastinterne Theater, in dem heute Pekingopern aufgeführt werden.

(Wir besuchten den Palast im September 2015 – ja, so alt ist der Text schon …)

Wart ihr schon mal im Palast von Prinz Kung? Wie hat es euch dort gefallen?

Adresse

恭王府 / Prince Kung’s Mansion (auch: Prince Gong’s Mansion)
北京市西城区前海西街17号 / Qianhaixi Street Nr. 17, Xicheng District, Peking
Eintritt: 40 RMB/Person
Öffnungszeiten: 8:00-16:00 Uhr

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9 Gedanken zu “Peking | Warum Prinz Kung nicht Kaiser wurde

  1. Danke für Deinen Artikel! Ich war tatsächlich schon 1988 im Palast des Prinzen Gong. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen. Schließlich war ich auch (es war Dezember) fast ganz alleine dort.
    Ein Besuch dort ist unbedingt zu empfehlen. Auch wenn es schwierig ist, dies den meisten China-Reisenden klar zu machen.
    LG
    Ulrike

    1. Wenn man kurz vor Torschluss reingeht, ist man dort auch fast ganz allein, aber vermutlich kein Vergleich zu den 80ern 😉

      Warum ist es denn so schwer, Touristen davon zu überzeugen? Weil der Palast nicht zu den weltberühmten Sehenswürdigkeiten zählt? Weil es sich zu sehr um Politik und Geschichte dreht und von vielen deshalb als zu langweilig angesehen wird?

      1. Ist wohl genau der 1. Punkt: Der Palast gehört nicht zu den berühmten Sehenswürdigkeiten. Viele geben sich nur 3 Tage Zeit. Das reicht gerdae für die üblichen Sehenswürdigkeiten. Das hab ich hier (Beim China-Reiseveranstalter) fast jeden Tag das Gefühl, ich kämpfe gegen Windmühlenflügel.
        Und wen ich den Leuten zuviel „Unbekanntes“ anbiete, muss ich Angst haben, dass die Leute abspringen und nicht buchen.
        Tja, so ist das eben
        LG
        Ulrike

  2. Hallo Shaoshi, schön, dass du wieder schreibst. Es ist eine Interessante Ergänzung zu unserem Besuch dort auf unserer 2. Chinareise 1999. Da diese zum Teil aus 1 Woche Peking pauschal bestand und der Palast die letzte Besichtigung war (vor der abschließenden Pekingente!), gab es dazu nicht so viel Information oder ich habe alles vergessen. In unserem (ganz privaten) Mini-Reisetagebuch steht:

    „Am Nachmittag sind wir zur Residenz von Prinz Gong gefahren. Vorführungen gab es im Theater. Garten mit schönen spitzen Steinen, See und Wandelgängen.“

    Ich habe 2 schöne Fotos gemacht, eines hat dasselbe Motiv wie dein großes Bild.

    1. Schön, dass du noch mitliest 🙂

      Tatsächlich habe ich von dort auch nicht so viele Bilder und auch nicht so viele Infos, deshalb ist mein Text auch mehr an der Geschichte rund um den Prinzen orientiert 😉 Ob es all die Infos im Palast auf Englisch gab, weiß ich gar nicht mehr (ich hatte ja meinen Experten dabei :-D), vielleicht lag es daran, dass ihr nicht so viele Infos dazu hattet? Aber nach einer Woche Peking ist man wahrscheinlich auch nicht mehr so aufnahmefähig …

  3. sehr schöner Artikel. Freut mich, wieder von dir zu lesen! Der Palast klingt wirklich sehenswert, auch wenn er mit so einem bitteren Schicksal verknüpft ist 🙂

    1. Schön, dass du noch da bist 🙂

      Vielleicht macht ja gerade das Schicksal den Palast so sehenswert. So ist er halt nicht nur „irgendein Palast“ von „irgendwem“ …

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