Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park – Natur erleben in Shanghai

Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park, Baoshan, Shanghai, China

Natur in Shanghai? Im Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park, Shanghais zweitem Naturschutzpark, soll das möglich sein. Hält das Feuchtgebiet an der Mündung des gewaltigen Yangtze, was es verspricht?

25. November, sonnig/wolkig, 17°C. Vielleicht nicht der beste Ausflugszeitpunkt des Jahres, aber wir vermuten im Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park im Nordosten Shanghais ja auch kein allzu spektakuläres Ziel. Dabei klotzt das Gelände mit einer Auszeichnung von vier As – sehr sehenswert – mächtig ran (zum Vergleich: Chinas ganz große Highlights wie die Verbotene Stadt erhalten normalerweise 5 As).

吴淞炮台湾国家湿地公园 – Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park

Denkt man an den Stadtteil Baoshan, denkt man kaum zuerst an Natur, eher an Stahlindustrie und relativ billige Wohnungspreise. Als wir uns mit der oberirdisch fahrenden U-Bahn unserem Ziel nähern, reiht sich dann auch ein Containerlager ans nächste, legobunt und rostig. Über die Hochstraßen donnern Laster, die Container aus der ganzen Welt transportieren. Ihre Hupen dröhnen durch das heruntergekommene 80er-Jahre-Arbeiterstadt-Schick, das an der U-Bahn-Station Shuichan Lu vorherrscht, und hin und wieder antwortet vom Wasser her das dumpfe Tuten der Frachtschiffe, die in den Hafen einlaufen.

Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park, Baoshan, Shuichan Lu, Shanghai, China
Natur? Hier?

Nachdem wir wenige Haltestellen später aus dem Linienbus steigen, hat sich das Bild gewandelt. Vor uns liegt der Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park, der zum Schutz der örtlichen Feuchtgebiete angelegt und vor Kurzem zum Nationalpark erhoben wurde. Naiv wie ich bin, stelle ich mir den Xixi National Wetland Park in Hangzhou vor, denke an den mit Schilf überwucherten Federsee bei Bad Buchau, der mich als Kind so beeindruckt hat. Doch Sumpflandschaft mit Holzstegen, die durchs Schilfmeer führen, suchen wir in der Shanghaier Version erst einmal vergeblich.

Unberührte Natur gab es hier, wo sich der gewaltige Yangzte-Fluss und der Huangpu-Fluss treffen und gemeinsam ins Meer münden, schon lange nicht mehr. Bereits in der Ming-Dynastie (1386) wurde hier eine strategisch günstige Befestigungsanlage errichtet, wo man sich 1553 mit japanischen Piraten, während des Ersten Opiumkriegs (1842) mit Großbritannien und in den 1930ern mit Japan schwere Gefechte lieferte. Heute erinnert das ein oder andere im Park ausgestellte schwere Geschütz noch an die kriegerischen Auseinandersetzungen.

Was wundert es da, dass gezielt gepflanzter Busch und Baum keine naturbelassenen Wege sondern Asphaltstraßen säumen, dass die künstliche Bewaldung immer wieder von kahlen Rasenflächen unterbrochen wird, penibel getrimmt und mit Blumenbeeten eingefasst? Lobenswert ist das Umweltschutzprojekt trotzdem. In den 50er und 60er Jahren gehörte das Gelände nämlich noch zu einer Stahlfabrik und war dementsprechend verschmutzt. Heute erinnert zumindest optisch nichts mehr daran. Selbst unzählige Vogelarten sollen sich inzwischen wieder angesiedelt haben und die werden wie die überschaubare Zahl an Besuchern mit Hintergrundmusik aus versteckten Lautsprechern beschallt (irgendwie habe ich mir Naturschutzgebiete ja anders vorgestellt).

Uferspaziergang im Feuchtgebiet

Als Herr M. und ich endlich das Ufer des Yangtze erreichen, sind wir schnell wieder versöhnt. Hier schlängeln sich tatsächlich Holzplanken das Ufer entlang, wo sanfte Wellen Geröll tätscheln. Im Spätherbst färben sich die Blätter der vielen Bäume bunt und bilden in der Botanik knallige Farbinseln. Eine wackelige Hängebrücke lädt erwachsene Besucher ein, so richtig zurückgeblieben über die Holzplanken zu hopsen.

Weitere Holzstege führen durch wiegendes Schilf und enden mit Blick auf Wassermassen. Wenn wir weit genug sehen könnten, würden wir am Horizont Chongming Island entdecken oder zumindest Changxing, die kleine Insel zwischen Festland und Shanghais Öko-Insel. Doch am Horizont reihen sich große Schiffe aneinander. Ganz links liegt ein Kreuzfahrtschiff am Shanghai Wusongkou International Cruise Terminal, rechts schlafen Containerschiffe, Schleppschiffe, vielleicht ein paar Fischkutter; viel Stahl und Rost, Hafenatmosphäre, aber auch ein Hauch von Meer, von Weite und Freiheit. Und das vermisst man zwischen Shanghais Hochhausklippen ja gelegentlich. Der Ausflug hat sich also doch noch gelohnt.

Schilfgebiet im Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park in Shanghai
Langsam holt sich die Natur zurück, was ihr gehört

Fazit

Wetland – ja, Forest – nein. Zwar ist die Hälfte des Wusong Paotaiwan Wetland Forest Parks recht durchschnittlich angelegt, aber der Teil mit dem Feuchtgebiet am Ufer entschädigt dann wieder. Ein Highlight, das vier As verdient hat, ist der Park in meinen Augen zwar nicht, aber das Projekt, die Natur nach Shanghai zurückzuholen, ist löblich – und wer weiß, vielleicht hat sich das Gelände in zehn Jahren, wenn die Natur ganz, äh, natürlich weitergewachsen ist, in ein prächtiges Paradies entwickelt. Wer tagein, tagaus in Shanghai lebt, für den ist das Gebiet vielleicht jetzt schon Natur genug. Also: Ruhig mal hinfahren, wenn man eine gute Stunde Anfahrtszeit für einen Park in Kauf nehmen möchte. Wer dafür extra aus Deutschland anfahren möchte: Fahrt lieber zum Federsee.

Schilfgebiet im Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park in Shanghai
Ah!

Informationen

Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park | 吴淞炮台湾国家湿地公园
Tanghou Road 206 | 塘后路206号
U-Bahn-Linie 3 bis Shuichan Road (水产路), dann weiter mit Bus-Linie 11 bis Tanghou Road.
Öffnungszeiten: 06:00-18:00 Uhr
Eintritt: 10 RMB/Person

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12 Gedanken zu “Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park – Natur erleben in Shanghai

  1. Hi, schön mal wieder von dir zu lesen.Habe ewig nichts mehr von deinem Blog gefunden. Hoffe es geht dir immer noch gut in China. Dieser Bericht war mal wieder klasse und spiegelt Dinge wider, die man sonst nicht so liest. Ich habe Trinidad im März verlassen und lebe jetzt in North Yorkshire /England. Nicht ganz so exotisch, aber auch sehr viel anders als Dtld und vor allem, was ich vermutet habe. Alles Liebe für dich, ich bewundete dich, wie du das so lange aushälst, in einem Land zu leben, was so ganz anders ist, als das was wir gewohnt sind.
    Claudia

    1. Schön, dass du noch mitliest! Tatsächlich habe ich erst vorhin an dich gedacht 😀 Ja, ich war leider lange aus diversen Gründen inaktiv, bin aber immer noch in Shanghai (heute sind es sogar genau 6 Jahre). Ich hoffe, dir gefällt es in England, und wünsche dir alles Gute dort!

  2. Es freut mich auch, wieder von Dir und damit über China aus Sicht einer dort lebenden Nicht-Chinesin zu lesen und die Fotos zu betrachten. Das Bild mit dem Urwald (links neben der Kanone) ist wirklich auch von dort? Sehr urig! Als ich in China Shenzen und Umgebung ein paar mal dienstlich war (2006-08), wurde noch schlimm mit der Natur umgegangen, eben so wie wir Europäer das auch lange gemacht haben. China ist inzwischen einsichtiger und wandelt sich immer mehr zum Vorreiter hinsichtlich Umweltschutz. Hoffentlich hält das an, damit die Natur sich noch mehr zurückholen kann und die Menschen zukünftig auf die Atemschutzmasken (Peking) verzichten können.
    Schöne Grüße aus Dresden in Deutschland von Werner

    1. Ja, der Urwald stammt auch aus dem Park, ist die Begrünung am Ufer eines Teichs.

      Ich hoffe auch, dass die Natur zurückkommen kann und Müll und Verschmutzung bald weniger werden. Bis dahin ist zwar noch ein weiter Weg, aber es ist schön, dass hier inzwischen doch einiges getan wird.

  3. Hello Shaoshi! Greetings from Florida! What a great description of the park. It’s not over-flowery like some blogs, where they make everything seem like the perfect place to go. Do you miss Germany? 6 years is a long time. Will read your other articles. We would love to go there someday for a visit.

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