Schnee in Shanghai – Eine Winternacht in der Yuyuan Lu

Schnee in Shanghai, Winter 2018

Schnee ist in Shanghai eine echte Rarität. Wenn er dann auch noch liegen bleibt, ist das bei den Bewohnern eine echte Sensation. Ich nehme euch mit auf einen winterlichen Nachtspaziergang durch die Yuyuan Lu.

In letzter Zeit spielt das Wetter in Shanghai wirklich verrückt. Vor Kurzem erst versank die Stadt im Nebel …

… und jetzt schneit es auch noch! Wenn es etwas gibt, auf das ich verzichten kann, ist es ja Winter und alles, was so dazugehört – Kälte und Schnee zum Beispiel. Dementsprechend genervt war ich, als meine Wetter-App tagelang mit Schneefall drohte.

Winterlicher Nachtspaziergang durch die Yuyuan Lu (愚园路*)

Am Mittwoch fallen tatsächlich ein paar schüchterne Flöckchen, die über Nacht in pausenlosen Schneeregen übergehen. Und siehe da: Irgendwann bleibt davon sogar was liegen. Als wir auf dem Weg zum Abendessen durch die Yuyuan Lu spazieren, muss ich zugeben: Doch, so ein verschneites Shanghai kann wirklich nett aussehen.

Schön – das finden auch die anderen. Ungewöhnlich viele Leute fotografieren sich gegenseitig vor verschneiten Büschen und Fahrrädern. Meine WeChat-Timeline ist in kürzester Zeit voll mit Schnee-Bildern aus Shanghai (nur die Verwandtschaft aus Nanjing weiß uns mit noch mehr Schnee zu übertrumpfen). Überall wird Schnee mitgenommen und junge Studentinnen bauen kichernd ein paar winzige Schneemänner am Straßenrand.

Überhaupt sprießen mit den paar Flocken ganze Armeen an Schneemännern wie Pilze aus Shanghais Boden. Herr M. hat in seinem ganzen Leben übrigens nur einen einzigen Schneemann gebaut. In seiner Kindheit in Nanjing hat der Schnee nur einmal für eine solche Figur gereicht.

Unterhalb der Heizungsgrenze ist man vom Schneefall übrigens total überfordert. Wundert auch nicht: Auf solche Ausnahmesituationen ist man hier einfach nicht vorbereitet, weil Schnee im Winter normalerweise nicht vorgesehen ist. Und so werden Flüge gestrichen, Züge fallen aus und in Suzhou wird sogar die Schule geschlossen. Offensichtlich haben wir hier auch keine Räum- und Streufahrzeuge, weshalb Männer mit teils provisorischen Schneeschaufeln an die schlimmsten Straßen gefahren werden. Selbst Soldaten rücken zur Mithilfe an.

In der Yuyuan Lu hält sich das Drama allerdings in Grenzen. Die Straße ist an diesem Abend einfach gespenstisch leer und die wenigen Autos, die doch fahren, sind ungewöhnlich langsam unterwegs. Sogar der Vorplatz zum Zhaofeng-Plaza ist abgesperrt und mehrere übernervöse Securities passen auf, dass die Leute nur den freigemachten Korridor zum Eingang benutzen und nicht ausrutschen. Dabei ist das (für mich) wirklich nicht viel Schnee – und zwei Stunden später auf dem Heimweg ist er auch schon wieder zur Hälfte geschmolzen.

Ein Gutes hat der Schnee ja. Eine chinesische Bauernregel lautet nämlich:

瑞雪兆丰年
(ruì xuě zhào fēng nián)

Bedeutung für Bauern: Wenn es schneit, können die Pflanzen auf den Feldern im nächsten Jahr besser wachsen. Bedeutung für die Allgemeinheit: Schnee kündigt ein gutes neues Jahr an. Na, hoffentlich. In wenigen Wochen läuten wir nämlich mit dem chinesischen Frühlingsfest das Jahr des Hundes ein.

Mögt ihr den Winter?

* Nicht zu verwechseln mit Shanghais berühmter Sehenswürdigkeit Yuyuan, dem Yu-Garten (豫园). Die Yuyuan Lu (愚园路) verläuft vom Zhongshan-Park bis zum Jing’an-Tempel.

Zum Mitnehmen:

Schnee in Shanghai 2018

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12 Gedanken zu “Schnee in Shanghai – Eine Winternacht in der Yuyuan Lu

    1. Mal sehen, ob es euer einziger bleiben wird 😉 Ich habe dieses Jahr meinen ersten Schneemann überhaupt gesehen und das ist bereits mein siebter Winter hier …

  1. Stimmt, das ist etwas besonderes . Ich habe auch gleich einen Schneemann gebaut 🤣🤣🤣
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  2. Schnee? Hatten wir in diesem Winter auch mal. Kann mich noch dran erinnern. :-)))) Hier in der Stadt hat’s, glaube ich, nicht zum Schneemann gereicht. Winter kann recht schön sein, aber dieser war nur grau und trüb. Ähnlich wie Dein Blick aus dem Fenster. Nur nicht ganz so viel Nebel. :-))) Alles Gute, Eberhard

  3. In Peking haben die Leute, wenn ich das richtig verstanden habe, den Smog gefürchtet und auf Schnee gehofft, aber weder das eine noch das andere kam so wirklich. Kalt war’s trotzdem.

    Dafür hat’s bei meiner Familie in Deutschland geschneit. Wobei ich nicht genug mitgekriegt habe, aber wenn ich schon höre, dass sie sagen „Schneesturm“ und „richtig heftig“ dann muss wohl genug dabei gewesen sein, um Schneemänner hervorzubringen.

  4. Ja, ich mag den WInter – wenn es denn welchen gibt. Bei uns im norddeutschen Tiefland kann man davon jedoch nur träumen. Ich habe in meinem Leben auch nur 1 oder 2x einen Schneemann bauen können, weil der Schnee nicht reicht. Wenn bei uns 3 Flocken schneien, fallen doch auch gleich Züge und Bahnen aus… Und ich renne auch gleich raus mit der Kamera. Gar nicht sooo anders als in Shanghai 🙂

    1. Hihi, ich hätte in Norddeutschland wohnen sollen … Ich kenne von Deutschland nur den Süden und da gehörten Schneemassen im Winter einfach dazu. Dass es da immer zu Schneechaos kam, war halt seltsam, weil Schnee und Eis im Winter ja erwartet wurden …

      In Shanghai ist man auf Schnee und so eine Kälte (bis zu -3°C) halt gar nicht eingestellt (wir haben hier ja nicht mal Heizungen). In sieben Wintern habe ich jetzt zweimal Schnee erlebt, der über Nacht ein bisschen liegen geblieben ist. Ich denke, da schlägt jetzt der Klimawandel erbarmungslos zu.

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