Nanjing | Der Qixia-Tempel und ein deutscher Held

Qixia-Tempel in Nanjing, China

Während der Qixia-Tempel auf dem gleichnamigen Berg bei Nanjing zu Chinas wichtigsten buddhistischen Tempeln zählt, bleibt ein deutscher Fabrikdirektor aus der Umgebung für eine gute Tat unvergessen.

Ein ereignisloser Tag in Nanjing. Irgendwie kommen wir auf unsere Hangzhou-Reise von 2012 und die in den Fels gehauenen Buddha-Figuren vor dem Lingyin-Kloster. „In Fels gehauene Buddha-Statuen? Das kannst du auch in Nanjing haben“, meint Herr M.

Wir bestellen einen Fahrer, packen die Schwiegereltern ein und fahren noch am selben Tag zum Qixia-Berg. Der liegt nordöstlich von Nanjing am Yangtze-Fluss und soll Ende November/Anfang Dezember besonders schön sein, wenn die Natur ihr buntes Herbstkleid anzieht. Jetzt im Oktober ist es dafür allerdings noch zu früh. Die Natur ist noch grün, dafür sind nicht viele Leute unterwegs. Wenn sich die Ahornbäume erst rot verfärben, soll es ganze Heerscharen an Besuchern auf den Berg mit seiner fotogenen Herbstlandschaft ziehen.

Vom Berg hat man einen guten Ausblick auf den Yangtze-Fluss und Nanjings zweite Yangtze-Brücke, eine sechsspurige Autobahnbrücke, die bei ihrer Fertigstellung die drittlängste ihrer Art war. Vor ein paar hundert Jahren stand Kaiser Qianlong (1711-1799) bei seinen Reisen nach Nanjing ebenfalls hier oben und genoss die Aussicht auf sein Reich. Die entsprechende Stelle ist mit einem Schild markiert, sonst hätte ich die Kurve mit dem wegbröckelnden Asphalt wohl kaum als historisch bedeutungsvollen Ort erkannt. Vermutlich hatte der Kaiser auch eine bessere Aussicht – keine Brücke, keines der unzähligen Frachtschiffe und das Wetter war vermutlich auch weniger trist. Unser Himmel ist nämlich bedeckt und über der Stadt hängt weiß der Smog.

栖霞寺 – Qixia-Tempel

Der Qixia-Tempel ist schon rund 1500 Jahre alt und obwohl er inzwischen schon mehrfach zerstört und wieder aufgebaut worden ist, strömt er etwas Altes, Ehrwürdiges aus. Als Grundschüler machte Herr M. mit seiner Klasse regelmäßig Ausflüge hier her und hat den Tempel in seinem Leben wohl öfter gesehen als Kaiser Qianlong, der dafür „nur“ fünfmal nach Nanjing reiste.

Nicht nur der Kaiser hat den Wert des Qixia-Tempels erkannt. Er zählt heute zu den wichtigsten buddhistischen Tempeln in China und beherbergt viele uralte Relikte buddhistischer Kunst. Auch eine Zweigstelle der Akademie für Buddhismus liegt in unmittelbarer Nähe.

In einem Hof gehen Menschen bedeutungsvoll um die uralte Sheli-Pagode (舍利塔), wohl eine der größten ihrer Art in ganz China. Ein Schild erklärt, wie oft und in welche Richtung die Pagode für persönliches Glück umrundet werden muss. Schweigend reihen wir uns ein, laufen Runde um Runde. Danach sind wir reif für die unzähligen Buddha-Figuren, die hinter dem Tempel in die verwitterten Felsen gehauen sind.

千佛崖石窟 – Tausend Buddha-Höhlen

In unterschiedlichen Größen hocken die Buddha-Figuren in ihren runden Höhlen, einige in Lebensgröße, andere nur eine Handvoll. Vielen von ihnen fehlt der Kopf. Wie in Hangzhou wurde hier während der Kulturrevolution viel zerstört, doch wenigsten ein paar sind unbeschadet davongekommen. In manchen Nischen blättert noch rote Farbe ab, die meistens sind jedoch wieder so nackt wie der Fels, in den sie vor Hunderten von Jahren gehauen wurden. Mehr als fünfhundert Buddha-Figuren sollen sich den Fels hinauf ziehen. Uralte Treppchen sind ebenfalls in den Stein geschlagen, die Stufen rund durch jahrhundertelange Witterung und unzählige Füße der Mönche und Pilgerer, die hier auf- und abgehen.

Der Held von Qixia

Leider kann der Tempel auch auf ein trauriges Kapitel in seiner Geschichte zurückblicken. Während des Massakers von Nanking (1937), als japanische Soldaten Nanjing erobert hatten und wahllos töteten und zerstörten, fanden tausende von Bauern der umliegenden Dörfer Zuflucht im Qixia-Tempel. Das Glück währte nur kurz, da die Soldaten auch vor einem religiösen Ort nicht Halt machten und brutal weiter mordeten.

Der Deutsche Carl Günther, Direktor einer nahegelegenen Zementfabrik, rettete zusammen mit seinem dänischen Partner Sindberg durch das Hissen einer Hakenkreuzfahne – ähnlich wie sein bekannterer Zeitgenosse John Rabe – vielen Chinesen aus Nanjing das Leben. Die Leute hier haben das bis heute nicht vergessen.

(Die Bilder sind im Oktober 2016 entstanden.)

栖霞寺 | Qixia-Tempel
Eintritt: 20 RMB
Öffnungszeiten: 06:30-18:20 Uhr
Webseite: njqixiasi.com (Chinesisch)

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2 Gedanken zu “Nanjing | Der Qixia-Tempel und ein deutscher Held

  1. Hallo Shaoshi,
    das war wieder ein sehr interessanter Beitrag. Erstaunt bin ich, dass John Rabe (hier in Heidelberg durch seinen Enkel doch einigermaßen bekannt) in Carl Günther sozusagen einen Bruder im Geiste (und in Taten) hatte, von dem die Öffentlichkeit so gut wie nichts weiß. Es gibt ein paar Seiten im Internet, auf denen er erwähnt wird, allerdings einige auch in der Schreibweise Karl Günther. Wikipedia kennt ihn nicht (vielleicht kannst du ja mal etwas schreiben?).

    1. Wirklich viel habe ich zu ihm auch nicht gefunden und der oben verlinkte Artikel war noch einer der aussagekräftigsten. Ich habe allerdings auch nicht besonders tief gegraben, kann aber gern noch mal schauen. Bestimmt gibt es irgendwo zumindest auf Chinesisch etwas mehr Infos.

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