Ein Lebenszeichen

Ich lebe noch, die Vogelgrippe hat mich noch nicht dahingerafft (der Shanghaier Straßenverkehr auch nicht) und der blöde Virus auf meinem Computer ist inzwischen beseitigt – und mit ihm alle meine Programme. Wie lästig das ist, jeden Furz neu installieren zu müssen, nur damit man Captcha-Codes abtippen kann, wenn man sich auf allen Seiten wieder neu einloggen darf (sofern man die Passwörter noch weiß, versteht sich). Gewisse Communities erkennen meinen Computer nun nicht mehr (wozu eigentlich überhaupt erkennen??), sind der Meinung, ich hätte mich noch nie von diesem Gerät eingeloggt und sollte mich doch besser noch mal extra verifizieren. Per Code an meine Telefonnummer (die entweder nicht oder falsch hinterlegt ist) oder an eine alternative E-Mailadresse (die längst gesperrt ist, seit die mal ungefragt ein paar tausend Spam-Mails verschickt hat…). Zur Not tut’s auch die Sicherheitsfrage zu beantworten. Die Antwort dazu weiß ich freilich nicht mehr. Wie auch? Ich war schließlich nirgends in den Flitterwochen. Oh, das wird ja als Antwort akzeptiert …

Neben all diesem Theater fühle ich mich auch beruflich voll eingespannt – was komisch ist, wo ich momentan doch viel weniger arbeite als sonst. In meiner Freizeit bin ich auch beschäftigt, mit Kurztrips nach Chengdu zum Beispiel, mit Wohnungssuche oder damit, in lauschigen Hinterhöfen billigen Rotwein aus Pappbechern zu trinken.

Einen Artikel über Chengdu habe ich trotzdem geschrieben. Nun lässt mich aber weder WordPress noch Flickr irgendwelche Fotos hochladen und ohne Bilder stelle ich das Geschreibe nicht online. Ich hoffe, es findet sich bald eine Lösung. Dann gibt es Eindrücke von Chengdu und ein Update zur Wohnungssuche.

Stühle in Ketten!

Wenn alle Chinesen gleichzeitig von einem Stuhl springen würden, würde die Erde aus ihrer Umlaufbahn fliegen, heißt es immer. Offensichtlich scheinen die Chinesen so ein Experiment schon zu planen. Wie sonst lässt sich erklären, dass sie Sitzgelegenheiten en masse horten? Dazu kann so ein Sitzmöbel gar nicht so zerschlissen sein, dass nicht doch Besitzansprüche gestellt werden würden – am liebsten in Form von dicken Schlössern, mit denen man die Stühle an Zäune oder Rohre kettet. Hier eine kleine Auswahl:

很复杂 | hěn fùzá – Ganz schön kompliziert

Chinesen lieben es an sich simple Dinge zu verkomplizieren. Im besten Fall kommt man so zu niedrigeren Arbeitslosenzahlen und kann unterbezahlten Mitarbeitern das Gefühl geben, ein wichtiges Glied der Gesellschaft zu sein. Freilich beschränkt sich das dann oft auf das Ziehen von Nummern für die Kunden (die das offensichtlich nicht selber können) oder das Nachkontrollieren des Einkaufszettels beim Verlassen des Hypermarkets (d.h. gelangweilt einen Stempel auf die Quittung hauen). Immerhin tun sie das dann meistens in schicken Uniformen.

Besonders gern sieht man das auf Ämtern, wo tausendmal gestempelt, kopiert und an eine zuständige Person weitergeleitet wird. Grund: Eigentlich weiß keiner so richtig über den genauen Ablauf Bescheid. Allerdings will kein Chinese vor einem Ausländer das Gesicht verlieren, weshalb sie ihn lieber mit halbwahren oder frei erfundenen Infos abspeisen als ihm zu gestehen, dass sie schlichtweg keine Ahnung haben. Das verkompliziert die Sache schon ungemein, da man sich dann mehrmals eine Nummer ziehen lassen muss, bis man an einen Beamten gerät, der es besser weiß oder zumindest einen besseren Tag hat und die Unterlagen dann doch noch für okay befindet.

Das Verkomplizieren lässt sich auch auf Gegenstände übertragen. Kaugummiverpackungen beispielsweise. An sich keine komplizierte Sache, müssen die Kaugummis doch eigentlich nur in Streifen verpackt in eine Hülle gesteckt oder lose in einer Dose aufbewahrt werden. Chinesen aber lieben Kaugummis, besonders in süßen Geschmacksrichtungen. Über Wasser- und Honigmelonen, Mango, Lavendel, Jasmin- und Rosenblüten bis hin zu Gurken ist jeder Geschmack vertreten. Die üblichen internationalen Verdächtigen üben sich in Geschmacksvielfalt, die lokalen Marken ziehen hinterher und wollen sich gerne mal vom Auslandsbrei abheben. Und werden bei der Verpackung kreativ. So wie dieser Freund hier:

Diese unhandlich große Dose sieht auf den ersten Blick einfach aus. In ihr verbirgt sich allerdings ein ganz besonders ausgeklügelter Mechanismus. Um an die Kaugummis (hier Jasminblüten- und Rosengeschmack) zu gelangen, zieht man zunächst den im Inneren befindlichen Hohlkörper bis zum Anschlag heraus.

Anschließend wird der Hohlkörper in die Dose zurückgeschoben. In der Mitte der durchsichtigen Dose befindet sich nämlich eine ausgetüftelte Stange, die genau einen Kaugummi abfängt. Die Wahl der Geschmacksrichtung ist Zufall.

Ist die Dose in ihren normalen Zustand zurückgebracht worden, drückt der nun auf der Stange liegende Kaugummi den Verschluss auf.

Der Kaugummi kann nun entnommen werden.

Eine Bedienanleitung auf der Oberseite hilft all jenen, die an der Verpackung scheitern.

Essen à la Schwiegereltern

Wenn meine Schwiegereltern zu Besuch nach Shanghai kommen, ist das immer ein kleines (nicht nur kulinarisches) Highlight. Negativ konnotiert ist dieses Ereignis wohl nur in Deutschland, denn zumindest meine Schwiegereltern möchte man am liebsten gar nicht mehr gehen lassen. Zwar sprechen sie keinerlei Fremdsprachen und Chinesisch nur mit dialektischer Färbung, was die Verständigungsmöglichkeiten entsprechend einschränkt, und doch lerne ich bei niemandem so einfach neue chinesische Begriffe, Tipps und Tricks für den Haushalt oder mehr über die chinesische Mentalität wie bei ihnen. Sie geben sich wirklich Mühe, mich dummen Ausländer in die Familie zu integrieren, sind herzlich und haben keinerlei Berührungsängste. Außerdem achten sie strikt darauf, dass man keinen Handschlag im Haushalt tut, so lange sie da sind. Keineswegs lassen sie sich von uns Gastgebern bekochen, sondern gehen täglich selbst runter zum Frischemarkt, um die besten Lebensmittel zu kaufen, die sie dann für den Rest des Tages in unserer Küche zubereiten. Jeden Tag wird das Nachhausekommen zum Abenteuer, da man nie weiß, was einen erwartet — nur neues Geschirr, tütenweise frisches Obst oder vielleicht sogar eine ganze Armee an Krebsen, die gerade etwas verplant über die Küchenanrichte krabbeln?

In China hat das Essen nun mal einen sehr hohen Stellenwert und wird dementsprechend zelebriert. In Deutschland zählt es ja schon als gehobenere Mahlzeit, wenn es zur Hauptspeise eine Vor- und/oder Nachspeise oder wenigstens einen Beilagensalat gibt. Diese Unsitte haben wir schon vor Jahren abgeschafft, da viel zu langweilig. Damals wurde ich deshalb oft um die Vielseitigkeit unserer Speisen beneidet (eine Lunchbox mit drei bis vier verschiedenen Gerichten hatte sonst nie einer mit), hier in China fügen wir uns damit still in die Gewohnheiten der Einheimischen. Denn in der Regel tischt man bei einem Essen eine Speise mehr auf als Personen am Tisch sitzen, egal ob man nun im Restaurant bestellt oder zu Hause selber kocht. Dementsprechend steht bei einem Schwiegerelternbesuch zweimal täglich ein Minimum an fünf Gerichten auf dem Plan, die für alle gut zugänglich in die Mitte des Tisches gestellt werden. Dabei wird auch auf die Vielfältigkeit der Speisen geachtet, also z.B. ein Fleischgericht, ein vegetarisches, ein Fisch (oder anderes Getier aus dem Wasser) und eine Suppe — sonst wär’s ja langweilig. Das Gute: Da das Essen für eine Mahlzeit viel zu viel ist, kann man es am nächsten Tag noch mal aufwärmen, ohne ein langes Gesicht ziehen zu müssen. Denn dank der Vielfältigkeit der Reste wird auch das Nochmalessen nicht öde.

Leider habe ich mal wieder vergessen, die Hälfte unserer kulinarischen Highlights zu fotografieren. Aber hier ist wenigstens eine kleine Auswahl an Gerichten, die uns meine Schwiegereltern so aufgetischt haben. Inzwischen sind sie wieder nach Hause gefahren. Was für ein Glück, dass wir in Kürze eine Woche Feiertage haben, um das Mondfest zu feiern — selbstverständlich ist da eine Reise nach Nanjing geplant.

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Abendessen im Uhrzeigersinn: Schnittknoblauch (»Jiucai«; links oben), Fleisch mit Sellerie und Mu’er, eine Suppe aus Ei und Blattgemüse, das nur in Nanjing angebaut wird, Fleisch mit »Gancai«, Fisch, Krebse


Mittagessen im Uhrzeigersinn: Gürtelfisch (links oben), Fleisch mit Bambusspitzen, Ente, Fischkopf, Wintermelonensuppe. Ein vegetarisches Gericht war zum Zeitpunkt des Fotos noch im Wok, ohne dass ich davon wusste…


Taro zum Frühstück: Die Wurzeln werden gedämpft, geschält und in grobkörnigen Zucker getaucht gegessen


Abendessen im Uhrzeigersinn: Ente (oben), Schweinefleisch mit Schnittknoblauch, Gürtelfisch, Krebse und knusprig gebratene Shrimps (die man auf dem Foto nicht sieht, weil die Krebse darüberliegen), Schweinefleisch mit selbstangebautem »Gancai«, panierter Fisch, »Kongqingcai«, Reste vom Fischkopf und Wintermelonensuppe (Mitte)