Zhouqiao – Die Altstadt von Jiading

Zhouqiao

Hört man Jiading, denkt man an einen tristen Vorort von Shanghai, an Industriegebiet, grauen Himmel, schlechte Luft und hässliche Plattenbauten, die wie Unkraut aus dem Boden sprießen. Wer hätte also gedacht, dass sich ausgerechnet an diesem Ort ein historischer, durchaus sehenswerter Stadtkern verbirgt? Also auf nach Zhouqiao! Weiterlesen

Neujahr in Nanjing und Laternenfest am Konfuzius-Tempel

In China feiert man zweimal im Jahr Neujahr – einmal das westliche Silvester, an dem im Fernsehen mit groß organisierten Feuerwerken geprahlt wird, und einmal das chinesische Neujahrsfest, das sich nach dem Mondkalender richtet und irgendwann zwischen Ende Januar und Anfang März stattfindet. Gar nicht mal so schlecht. So kann man die an Silvester geplanten Vorsätze fürs neue Jahr im Februar noch einmal revidieren. Aus einem »viel unternehmen, viele tolle Fotos machen, viel drüber bloggen« wird ja doch schnell wieder ein »realistisch bleiben«…

Letzte Woche war es also soweit. Das Jahr der Schlange wurde eingeläutet. Pünktlich zum Frühlingsfest schneite es übrigens in Shanghai. Schnee! Igitt! Was für ein Glück, dass ich dem durch eine Flucht nach Nanjing entkommen konnte. Traditionell begeht man das Frühlingsfest nämlich im Kreise der Familie, was eine Völkerwanderung im ganzen Land nach sich zieht. Auch wir fuhren natürlich zu den Schwiegereltern, um eine Woche lang mit unzähligen Speisen gemästet zu werden, rund um die Uhr in ungeheizten Wohnungen zu frieren und sämtliche Nächte durch pausenlose Böllerei wachgehalten zu werden. Details erspare ich mir an dieser Stelle, immerhin habe ich ja im letzten Jahr schon ausführlich darüber berichtet (nämlich hier).

schnee
Schnee auf den Dächern von Shanghai – schnell weg!

Neben Fressgelagen, Krankenhaus-Hopping, einer unfreiwilligen Wanderung zum Flughafen (weil die Busse nicht direkt dort halten) und Spaziergängen im Industriegebiet blieb leider kaum eine Möglichkeit, auch noch was Interessantes zu machen – zumal der Weg in die Innenstadt mit Bus und U-Bahn so unerträglich lang ist, dass man sich dreimal überlegt, ob man jetzt wirklich bei dieser Kälte irgendwelche Sehenswürdigkeiten ansehen möchte, die man sowieso schon kennt. Immerhin zweimal haben wir es zur Confucius Temple Street geschafft.

Hündchen
In unserem Nanjinger Stadtrandviertel gibt es viele wilde Hunde, so wie dieses zahme Hündchen hier. Hungern müssen sie nicht, denn viele Bewohner bringen den Hunden extra ihre Essensreste vorbei. Das Bild hat übrigens keinen Pseudo-Sepia-Farbfilter. Das Gras ist hier tatsächlich immer so ungesund braun.

Fuzimiao

Der Konfuzius-Tempel bzw. Fuzimiao befindet sich im Herzen von Nanjing (U-Bahnstation Sanshanjie) und ist über 1000 Jahre alt (auch wenn er zwischenzeitlich mehrmals abgebrannt ist). Gelehrte aus dem ganzen Land kamen früher nach Nanjing, um ihre Prüfungen abzulegen. Zu diesem Zweck wurde der Tempel um ein Rotlichtviertel an den Ufern des Qinhuai erweitert. Offensichtlich sollten die Gelehrten nach erfolgreichem Examen auch einmal Spaß haben. Heute ist das Gebiet mit seinen traditionellen Häuschen, die mit Restaurants, Boutiquen und Souvenirshops vollgestopft sind, ein beliebter Ort für (meist inländische) Touristen – Ausländer verirren sich sowieso überraschend selten in die einstige Hauptstadt.

Auch wir fahren öfters mal hierher. Das Gelände hat ein ähnliches Flair wie Yuyuan in Shanghai, wirkt aber weniger künstlich (da tatsächlich historisch), beherbergt viele kleine Museen (ehemalige Wohnhäuser berühmter Schriftsteller und Politiker) und ist in der Regel auch nicht ganz so überlaufen – es sei denn, man kommt zufällig am ersten Tag des Laternenfestes in die Gegend. Zu dieser Zeit kann man an unzähligen Ständen kitschige Laternen kaufen, während große Laternen überall im Viertel und auf der Stadtmauer aufgestellt sind, um nachts bunt zu leuchten. Und weil dieses Spektakel offensichtlich jeder unbedingt am ersten Tag erleben möchte, war der Andrang entsprechend groß.


Von wegen in Zeiten der Solidarität – nur an überfüllten Orten rückt die Menschheit ein Stück zusammen.

Bei unserem zweiten Besuch (Nachtspaziergang) war weniger los. Wir konnten die bunten Laternen bewundern, die hauptsächlich im Konfuzius-Tempel selbst ausgestellt waren (40 RMB Eintritt), und uns dabei frei und ohne Rempelei bewegen. Die Laternen entpuppten sich leider als ziemlich unspektakulär, aber da wir so gleichzeitig auch den Konfuzius-Tempel besichtigen konnten (den ich bis dato nur von außen kannte), hat sich der Eintritt dann doch gelohnt.

Fuzimiao-Impressionen

Lanterns Of Nanjing

laterne

Suzhou – Noch ’n Venedig

Suzhou

Zwar waren wir letztes Silvester schon einmal in Suzhou in der Provinz Jiangsu, damals allerdings mit einer Reisegruppe, die sich schnell als Butterfahrt für Seidenprodukte herausgestellt hatte. Nachdem wir uns erfolgreich von dieser abgeseilt hatten, war es leider schon fast zu spät, um noch viele Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Es war also klar – da müssen wir noch mal hin, auf eigene Faust natürlich! Neulich hat sich an einem freien Samstag also die Gelegenheit ergeben, den Rest von Suzhou zu besuchen. Weiterlesen

Nanjing | Auf einem chinesischen Friedhof

Neben Fressen, Shopping und Sightseeing stand in Nanjing ein Besuch beim Familiengrab an. Da außer denkmalgeschützten Sehenswürdigkeiten kaum noch was vom alten Nanjing übrig ist, ist es nicht weiter verwunderlich, dass man für den Bau einer neuen Autobahn auch schon mal einen ganzen Friedhof umsiedelt. Mehrmals. Inzwischen (momentan?) befindet sich dieser also auf einem Berg außerhalb der Stadt, auf den zwar ein Linienbus fährt, aber die Wahl eines schwarzen Taxis, das einen auf den Berg bringt, oben auf einen wartet und dann wieder nach Hause fährt, ist um einiges bequemer. Finden zumindest die Schwiegereltern.

So früh am Morgen und so weit draußen ist autotechnisch kaum was los. Selbst todesmutiges In-die-Kreuzung-Rasen verläuft ausnahmsweise mal ohne Adrenalinstoß. Die breiten Straßen sind gesäumt von heruntergekommenen Häuschen, von ihren Bewohnern trotzig am Leben gehalten, obwohl sie wahrscheinlich wissen, dass ihre Wohnungen in wenigen Jahren nicht mehr existieren werden. Die ersten Ruinen ragen nämlich bereits wie Skelette aus einem Schuttberg. Noch aber herrscht verschlafenes Leben hier draußen. Einige Geschäfte haben Stände auf dem Gehweg aufgebaut, um Frühstück zu verkaufen, Obsthändler parken am Straßenrand und dreirädrige Taxis warten auf Kundschaft.

Unser Taxi biegt in eine kleine Seitenstraße, die sich schmal und schlecht geteert einen Berg hinaufschlängelt. Ein paar Bauern mit Bambusstangen und Eimern über den Schultern kommen uns entgegen. Dann blitzen hinter dem satten Grün der Bergvegetation die ersten blendend hellen Grabsteine auf, fein säuberlich angeordnet in Reih und Glied. Hier herrscht die Uniformität sogar im Tod.

Auf dem Friedhof ist es still, die Luft frisch, der Himmel blau — keine Selbstverständlichkeit in Nanjing. An einigen Ständen kann man Gold- und Silberpapier sowie Geldscheine für das Totenreich (»hell bank note« wie der englische Auftritt auf den Geldscheinen verkündet) kaufen — Opfergaben für die Verstorbenen. Wir brauchen das nicht. Schon vor Tagen haben wir uns damit eingedeckt und zu Hause aus dem Gold und Silber drei Taschen voll kleiner Schiffchen gefaltet, die einer antiken Währung nachempfunden sind.

So bepackt bahnen wir uns den Weg zum Familiengrab. Einfach ist das nicht. Die steinernen Sarkophage, in denen die Urnen der Verstorbenen aufbewahrt werden, stehen dicht gedrängt; die Gassen zwischen den einzelnen Reihen sind so schmal, dass man kaum einen Fuß vor den anderen setzen kann. Zu jedem Steinsarkophag gehört ein Grabstein (in der protzigeren Version mit steinernen Drachen verziert) und ein Baum. Die wachsen wild, genauso wie das Gestrüpp, das manche Pfade bis zur Unkenntlichkeit überwuchert hat. Ahnenkult hin oder her, Grabpflege betreibt hier keiner. Obendrein sollte man auch noch auf Schlangen acht geben. Der Berg umfasst nämlich auch das Grab eines Kaisers — und wo ein Kaiser begraben ist, da kommt er dem Aberglauben nach in Gestalt von Schlangen wieder.

Am Grab werden die Geschenke geopfert, bevor wir wieder nach Hause fahren. Das Zeremoniell erweist sich als kurz und schmerzlos — ein bisschen Unkraut zur Seite schaffen und dann die Geldscheine und selbstgefalteten Schiffchen vor dem Grab verbrennen. Will man die Taschen, in denen man die Opfer mitgebracht hat, nicht mehr, verbrennt man diese gleich mit — egal ob Papier oder Plastik. Und wenn gerade Müll in der Nähe liegt (was in China leider selbst auf einem Friedhof der Fall ist), wirft man den gleich noch mit auf den Haufen.

Da man in China aus abergläubischen Gründen weder auf Friedhöfen noch das Geld der Toten fotografieren darf, gibt es an dieser Stelle keine Bilder davon. Stattdessen habe ich hier noch ein paar Eindrücke von unserer Fahrt raus aus Nanjing:

Eine Busfahrt, die ist lustig… #1

Wo man in Deutschland mit zwei Shorts und fünf verwaschenen T-Shirts fast schon überausgestattet ist, kommt man damit eher schlecht durch den Shanghaier Sommer. Hier wütet die Hitze nun schon weit im vierten Monat konstant irgendwo zwischen 26°C und 38°C und auch ich habe inzwischen eingesehen, dass ich meine Sommergarderobe dringend aufstocken muss. Weil sich die Leute am Wochenende in der Cloud 9 Shopping Mall bei uns um die Ecke zu Tode treten, die Touristenmeile Nanjing Lu keine bessere Alternative darstellt und alles jenseits des Huangpu-Flusses als „zu weit weg“ gilt, entschieden wir uns für das Shoppingviertel Xujiahui. Hier shoppen die Insider. Die chinesischen Insider, um genau zu sein; denn die feilgebotene Ware richtet sich direkt an die heimische Kundschaft, was in einem Overkill an seltsamen Stoffen, Rüschen, Tüll, Spitze, Schleifchen, Leberwurstrosa und Hornhautpastell resultiert. Zwei Kaufhäuser und drei Einkaufszentren später musste ich einsehen, dass ich wohl bis an mein Lebensende mit meinen unansehnlichen Sommerteilen auskommen muss.

Desillusioniert fuhren wir wieder nach Hause. Um nicht mit ganz leeren Händen zurückzukommen, habe ich ein paar Fotos aus dem Bus gemacht. Verwackelt, versifft, verspiegelt, aber immerhin ein paar nette Eindrücke sind’s geworden.

Auf dem Weg nach Hause (bis auf das erste und letzte Bild alles in der Dingxi Lu):