Wie sich Integration anfühlt

Wie sich Integration anfühlt

Als ich im letzten Winter auf den U-Bahnsteigen oft von Passanten für Auskünfte angesprochen wurde, war ich erst verwundert. Warum verwechselten mich plötzlich so viele Leute mit einem Infostand? Oder wirkte ich von hinten inzwischen so chinesisch, dass die Leute keine Scheu mehr hatten, mich hinterrücks mit ihren Fragen zu bombardieren? Eine Antwort warteten übrigens die wenigsten von ihnen ab. Wenn ich mich umdrehte und mein Ausländergesicht offenbarte, nahmen die meisten mit einem »Sorry!« Reißaus.

Der Grund für die vielen Verwechslungen war übrigens schnell gefunden:

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Warum man in China nicht »Tschüss« sagen sollte

Hua Shan Greenland, Shanghai
(Palmen im Park »Hua Shan Greenland«)

»Die spinnen, die Deutschen.« Das müssen sich Chinesen denken, wenn sie hören, wie sich Deutsche lautstark in der U-Bahn voneinander verabschieden. Unser »Tschüss« klingt nämlich fast genauso wie das chinesische »去死« (qù sǐ). Und das bedeutet so etwas wie »Fahr zur Hölle!« (wörtlich: »Geh sterben!«)

Ach ja, der Winter ist endgültig vorbei — Sonne, milde Temperaturen und ein Hof voll bunter Kleidung! Jetzt können auch die Palmen der Stadt endlich ihren Winterschlafanzug ausziehen.

In diesem Sinne: Tschüss, Winter. Fahr doch zur Hölle!

Schlaflos in Shanghai

Die Überschrift hört sich dank Alliteration ja weit poetischer an als der Zustand tatsächlich ist. Vor allem, wenn es drei Uhr nachts ist, man um sieben wieder raus muss und, so weh es tut, man nicht mehr in dem Alter ist, in dem einem solche Umstände noch nichts ausmachen. Die jaulenden Katzen im Hof sind irgendwann verstummt und der dauerkläffende Köter hat so gegen zwei Uhr die Segel gestrichen. Jetzt summt nur noch eine Klimaanlage der Nachbarn (obwohl es weder heiß noch kalt genug für eine Benutzung ist), lediglich übertönt vom Dauerschnarchen neben mir.

Leider ist es momentan etwas ruhig auf dem Blog geworden. Ausnahmsweise liegt das mal nicht an der hiesigen Zensur, sondern einfach an der traurigen Tatsache, dass es zur Zeit einfach nichts zu berichten gibt. Weil das Thermometer letzte Woche tatsächlich schon auf 29°C geklettert ist, wollte ich eigentlich in den nahegelegenen Park, um meine neue Kamera mal ausführlich zu testen (und dann ein paar Frühlingseindrücke posten) und die ein oder andere Katze zu streicheln. Nur wurde der Park gerade frühlingstauglich gemacht, was hinter zwei Meter hohen Mauern geschehen musste. Auf den Parkspaziergang mussten die Chinesen allerdings nicht verzichten: die Mauern verliefen nämlich entlang der begehbaren Hauptwege. Etwas vergleichbar Tristes habe ich noch nie gesehen – war allerdings visuell so (negativ) beeindruckt, dass ich vor der Kehrtwende nach Hause prompt kein Foto gemacht habe.

Zum Schluss noch ein kleines Update was das Chinesischlernen anbelangt:

Ich habe erfolgreich eine neue Taktik zum Chinesischlernen entwickelt: Lügen. Bis jetzt habe ich die Frage, wie lange ich denn schon Chinesisch lerne, immer ehrlich beantwortet. Dann bekam ich allerdings ein wenig dankbares »Und nach sieben (!) Jahren kriegst du immer noch keinen fehlerfreien Satz raus?!« zu spüren. Jetzt sage ich immer, dass ich seit einem Jahr Chinesisch lerne. Das beeindruckt das Gegenüber. »Nach einem Jahr sprichst du schon so gut?!« Bald bin ich soweit, dass ich mir das selber glaube…

China glotzt #2 | Das Kreuz mit der Sprache

Das mit den Sprachproblemen nervt, ehrlich. Dabei habe ich an manchen Tagen das Gefühl, dass es endlich ein bisschen besser wird. Neulich beim Blumenerdekaufen war eine alte Frau jedenfalls ganz entzückt, dass ich in ganzen Sätzen bestellen und die Anweisungen der Verkäuferin (hinsetzen, sieben Minuten warten, damit sie schnell mit dem Motorroller mehr Blumenerde aus irgendeinem Lager beschaffen kann) verstanden habe und dann sogar auf ihre genuschelten Worte (»Oh, Sie sprechen ja so gut Chinesisch!«) antworten konnte, wenn auch eher bescheiden. Ob ich dann auch den Shanghai-Dialekt verstehen würde? Ha! Ich bin ja schon froh, wenn ich irgendwie ein bisschen Mandarin verstehe. Und dass »Schüssel« im Shanghai-Dialekt »ö« statt dem Hochchinesischen »wan« heißt, ist auch nicht gerade etwas, mit dem man prahlen kann.

Zu Hause vor dem Fernseher zieht sich das Sprachproblem dann fort. Denn im chinesischen Fernsehen spricht man zu 95% Chinesisch, auch wenn es sich um einen Film aus Übersee handelt. Ist ja auch kein Wunder, wo wir uns doch in China befinden. Aber an manchen Tagen kann das ganz schön kräftezehrend sein. Zugegeben: ein bisschen kommt man den Ausländern hier schon entgegen. CCTV news ist ein englischsprachiger Nachrichtensender und der Shanghaier Sender ICS ist scheinbar für Expats gemacht und kommt zu einem großen Teil auf Englisch daher. Allerdings habe ich nun wirklich keine Lust, mir den ganzen Tag (chinesische) Nachrichten und Diskussionsrunden anzusehen, nur weil ich sie ohne Probleme verstehen kann. Und ICS ist noch schlimmer. Oft haben die Sendungen dort den Charakter von Insiderinfos für Touristen, die internationalen Filme, die dort gesendet werden, sind zwar ausnahmsweise mal im englischen Original, aber absolut uninteressant, und obendrein finden sich scheinbar immer irgendwo ein paar Ausländer, die perfektes, fließendes Chinesisch sprechen (habe ich schon mal erwähnt, dass Neid ganz schön aggressionsfördernd sein kann?).

Einziger Lichtblick: Chinesen verstehen sich meistens selber nicht. Deswegen laufen eigentlich bei jedem Film und fast jeder Sendung chinesische Untertitel mit. Und die sind mein letzter Rettungsanker. Es will zwar niemand verstehen, dass ich die chinesischen Schriftzeichen weniger schlimm finde als die Aussprache mit ihren vier Tönen, aber so ist es. Wenn ich ein Wort höre, kann es alles oder nichts bedeuten. Sehe ich dazu aber das Schriftzeichen, macht es plötzlich Sinn (im Idealfall). Wenn ich schnell bin, kann ich es sogar in meinem elektronischen Wörterbuch nachschlagen. Das ist zwar alles mühsam und anstrengend, aber so kann ich Filme auf Chinesisch dann doch ganz gut verfolgen (im Idealfall) und sogar davon lernen, weshalb ich mich dann meist auf die Filmsender MovieChannel und CCTV6 sowie das Shanghaier STV (das wochentags täglich um 22:30 chinesische bzw. Hongkong-Filme sendet) konzentriere. Ach, hätte man im echten Leben doch auch so eine Untertitelfunktion!

Sprache verbindet

Sprache verbindet. Allerdings sollte man dieselbe sprechen. Und das tut man in China nicht. Nicht einmal die Chinesen verstehen sich dank zahlreicher Dialekte immer. Noch schlimmer wird es natürlich, wenn dann auch noch wir Ausländer dazukommen.

Ich lerne seit mehr als sechs Jahren Chinesisch. Brav bin ich wöchentlich zu VHS-Kursen gedackelt, habe zu Hause stundenlang Schriftzeichen geübt, habe eine Kiste mit vollgekritzelten Vokabelkarten angelegt und aus Interesse selbstauferlegte Fleißaufgaben wie das Analysieren von Songtexten oder das exzessive Schauen chinesischsprachiger Filme und Serien erledigt. So richtig rumgekommen scheint bei alledem nicht viel zu sein, weshalb ich mich hier in China trotzdem wie ein desintegrierter, ignoranter Expat fühle. Und genau so einen Zustand wollte ich doch eigentlich vermeiden!

Gewiss, hin und wieder verstehe ich mal ein Sätzchen und dank der Typen, die hier mit ihren Elektrorollern täglich durchs Compound düsen und durch megaphonverstärkte Tonbandaufnahmen groß verkünden, dass sie alte Klimaanlagen, Kühlschränke, Computer, Handys und noch ein paar andere elektrische Geräte (die ich bis jetzt noch nicht verstehe) aufkaufen, kann ich auch regelmäßig ein gewisses Stammvokabular üben. Ich kann auch in ganzen Sätzen an meinem Lieblingsimbissstand sagen, was ich auf meinen Pfannkuchen haben möchte. Im Supermarkt kann ich verbal alte Männer davon abhalten, mir Produkte aus meinem Einkaufskorb zu stehlen und am Ticketschalter der U-Bahn sage ich, mit wie viel Geld ich mein Dauerticket aufladen will. Auf dem Markt kann ich, wenn es stückweise nicht geht, allerdings nur in halben Kiloschritten kaufen (weil ich außer 一斤 (yi jin) immer noch keine anderen Mengenangaben kenne bzw. sie nicht im Kopf behalten kann). Im Taxi mache ich mich zum Affen, wenn ich zwar »links« und »rechts« aber nicht »abbiegen« sagen kann, und schon gar nicht »jetzt bei der zweiten dann links« und dem Fahrer stattdessen kurz vor knapp vor dem Gesicht rumfuchteln muss. An den Imbissständen muss ich wahrscheinlich die leckersten Getränke auslassen, weil ich sie nicht lesen kann und auch nicht mit einem »das dritte von oben in der zweiten Spalte« umschreiben kann (und mit dem Finger draufzeigen geht auch nicht, wenn die Schilder weit über den Köpfen aller Beteiligten hängen) und dem Ticketboten kann ich nicht erklären, dass Herr M. gerade noch für ihn bei der Bank Geld abhebt, und ihm stattdessen erkläre, dass wir kein Geld haben. Woraufhin der Bote natürlich aus allen Wolken fällt.

Anders herum ist es auch nicht besser. Es gibt Tage, da klappt es ganz gut. Da ist mein Wortschatz plötzlich spontan vorhanden und den Satzbau kriege wie durch ein Wunder auch mal passabel hin. Das höchste der Gefühle ist dann, wenn ich auch noch eine verständliche Aussprache an den Tag lege und einen Satz hervorbringe, der gleich beim ersten Anlauf verstanden wird. Dann freue ich mich wie ein Eigelbmaulfuchs, zumindest drei Sekunden, bis das chinesische Gegenüber (das jetzt denkt, ich könne toll Chinesisch) den Dialog mit einer Gegenfrage fortführen will. Denn die verstehe ich unter Garantie nicht. Stattdessen bröckelt das eben noch sichere Auftreten und kollabiert spätestens dann, wenn ich meinen Gesprächspartner auch nach dem zweiten Mal Wiederholen nicht verstehe (wer kann denn z.B. auch ahnen, dass mit »ka« »Karte« also »EC-Karte« gemeint ist…?).

Allzu oft kommen beide Alternativen allerdings nicht vor. Chinesen gehen nämlich grundsätzlich davon aus, dass Ausländer kein Chinesisch können. Falls sie irgendwo mal rudimentär in einem Englisch-Schulbuch geblättert haben, werden sie versuchen, ihre oftmals spärlichen Kenntnisse anzuwenden. Das heißt, wenn sie selbst nicht gerade so gehemmt sind, dass sie kein Wort rausbekommen und lieber wild vor ihren Angeboten rumfuchteln, was keinem hilft. Auf meiner Seite sieht es nicht viel besser aus. Meine spontanen, mündlichen Englischkenntnisse sind nämlich unter aller Sau, zumal ich auch nie darauf eingestellt bin, auf Englisch antworten zu müssen, wo ich doch in China bin und ja wohl das Recht dazu habe, mich auf Chinesisch zu blamieren!

Und so bleibt dann doch jeder auf seiner Seite. Und das alles nur, weil keiner den anderen versteht, obwohl man sich bemüht und es doch eigentlich möchte. Manchmal sind die Sprachbarrieren aber so groß, dass sie doch wieder verbinden. Wie einst hier im Supermarkt: Da stand einmal ein Pärchen ziemlich ratlos bei einer Verkäuferin, die ihnen auf Chinesisch (da keine Englischkenntnisse) einen komplexen Sachverhalt erklären wollte. Welch ein Glück, dass ich als verdächtig nach Englischkenntnissen (und vielleicht ja sogar nach Chinesischkenntnissen?) aussehender Ausländer ziemlich verplant auf der Suche nach einem verloren gegangenen Herrn M. an ihnen vorbeiirrte. Prompt wurde ich durch lautes Schreien aufgehalten. Ob ich Chinesisch sprechen würde, fragte mich das Pärchen hoffnungsvoll auf Englisch. »Na ja, so ein kleines bisschen«, antwortete ich mal wieder in meiner großkotzigen, völlig selbstüberschätzenden Art. Natürlich schaute ich fünf Sekunden später blöd aus der Wäsche, weil die Verkäuferin meine Antwort sofort zum Anlass genommen hatte, mich mit wortgewaltigem, schnellem Chinesisch mundtot zu machen. Hilfe! Flucht! Was für ein Glück, dass ich just in diesem Moment Herrn M. entdeckte, der seelenruhig zu den Regalen mit den Nüssen schlenderte. Auf Leben und Tod hastete ich zu ihm und zerrte ihn zu den Wartenden, ehe er merkte, was überhaupt mit ihm geschah. Dann ging die Sache ganz einfach. Die Verkäuferin erklärte Herrn M. rasch auf Chinesisch den Sachverhalt. Nur hatte er dann Probleme, die Infos auf Englisch weiterzugeben. Also erklärte er sie mir auf Deutsch, woraufhin ich dann auf Englisch weiterübersetzen konnte. Fünf Personen, drei Sprachen und eine Viertelstunde später waren dann doch alle eingeweiht und zufrieden. Manchmal verbindet Sprache eben doch, selbst wenn man nicht dieselbe spricht.