Peking | Der Himmelstempel und ein lustiges Missverständnis

Himmelstempel in Peking, Beijing, China

Der Taxifahrer bricht in schallendes Gelächter aus, als wir ihm unser Ziel nennen: der Himmelstempel. Was, bitte, soll denn an einer der berühmtesten Pekinger Sehenswürdigkeiten so lustig sein? Zum Glück klärt er uns auf.

Was am Himmelstempel so lustig ist

»Wo soll’s hingehen?«, fragt der Taxifahrer, als wir auf seine Rückbank klettern.

»tiān tán (天坛)«, sagt Herr M. Der Taxifahrer bricht in schallendes Gelächter aus. Was soll das? Es kann doch unmöglich sein, dass er eine der berühmtesten Pekinger Sehenswürdigkeiten nicht kennt? Oder nennt man den Himmelstempel in Peking anders?

Der Fahrer gibt gleich selbst eine Antwort: »tiān táng (天堂)? Ihr wollt ins Paradies? Mit dem Taxi?!«

Kein Wunder, dass der Fahrer Herrn M. falsch verstanden hat. Mein Mann unterscheidet in seiner Nanjing-gefärbten Aussprache nicht bei den Endungen –n oder –ng. Bei ihm klingt das alles gleich (und zwar fast wie –m).

Als wir am Zielort aussteigen, amüsiert sich der Fahrer immer noch über das Wortspiel. »Jetzt seid ihr aber billig ins Paradies gekommen, was?«

Himmelstempel in Peking, Beijing, China
Himmelstempel, Paradies oder beides?

天坛 (tiān tán) – Himmel + Altar = Himmelstempel

Wunderbar! Herrn M.s geschäftliche Verpflichtungen sind früher abgeschlossen als erwartet und so können wir schon am späten Vormittag mit dem vergnüglichen Teil unseres Kurztrips beginnen. Der Himmelstempel ist die erste Station unseres kurzfristigen Peking-Aufenthalts und liegt ein ganzes Stück südlich der Verbotenen Stadt. Seit Kaiser Yongle den Tempelkomplex zwischen 1406 und 1420 errichten ließ, pilgerten die Kaiser der Ming- und Qing-Dynastie (unter Ausschluss des gemeinen Volkes) regelmäßig hier her, um den Himmel mit Hilfe von Tieropfern um gute Ernten zu bitten.

Weil der Tempel für die Kaiser errichtet wurde, fällt er besonders pompös aus. Überall blitzen goldene Drachen und Phönixe (kaiserliche Symbole) in der Sonne. Das war nicht immer so. Mit dem Ende des Kaiserreichs fühlte sich lange Zeit niemand mehr für den Tempel zuständig und er verfiel, ehe sich wieder jemand um ihn kümmerte. In Zukunft wird uns die Anlage auf jeden Fall in ihrem knalligen Blau, Türkis und Rot erhalten bleiben. Der Himmelstempel zählt nämlich seit 1998 als Weltkulturerbe.

Auffällig ist das Zusammenspiel von runden und eckigen Grundrissen. Um die uralte Symbolik dahinter (die Erde ist eckig, der Himmel rund) wissen auch die beiden anwesenden Deutschen, die versuchen, sich gegenseitig mit dem Fachwissen aus ihren Audioguides zu übertrumpfen. Wir haben die Symbolik bereits durch die Bauweise des Shanghai Museums kennen gelernt.

Und noch eine architektonische Besonderheit kann der Himmelstempel aufweisen: Die runde Halle des Himmelsgewölbes ist von einer berühmten Mauer umgeben – die Echomauer. Was man hier gegen die Wand spricht, kann man angeblich auf der gegenüberliegenden Seite auch hören. Ob das stimmt? Das Geschrei der Touristen ist leider zu groß, um sinnvolle Experimente anzustellen.

Das Herzstück der Anlage ist der eigentliche Himmelstempel. Sein wörtlicher Name (Himmelsaltar) ist allerdings treffender. Er ist eher ein über Treppchen zu erreichendes Steinplateau, in dessen Mitte ein besonderer Stein platziert ist. Dass die Akustik auf diesem Stein besonders gut sein soll, wollen wir nicht testen. Dafür ist uns die Schlange der Leute, die auf dem Stein für Fotos posieren wollen, zu lang.

Himmelstempel in Peking, Beijing, China
Nicht sehr fotogen: der eigentliche Himmelstempel (Himmelsaltar)

祈年殿 (qí nián diàn) – Halle der Ernteopfer

Weil der Altar optisch nicht viel hermacht, ist wohl ein anderer Teil des Tempels ein Wahrzeichen von Peking geworden: die Erntehalle. Ohne Frage ist sie das berühmteste Gebäude der Anlage, das man immer und überall sieht, wenn es um Peking geht.

Wirklich alt ist das Gebäude übrigens nicht. Die Halle brannte Ende des 19. Jahrhunderts ab und wurde daraufhin neu aufgebaut. Egal, die bunte Halle ist trotzdem schön anzusehen. Dementsprechend hoch ist hier die Dichte an Liebespärchen und ihrem Fotografengefolge, die hier für Hochzeitsfotos unermüdlich Passanten aus dem Weg scheuchen.

Himmelstempel in Peking, Beijing, China
Halle der Ernteopfer, ein Wahrzeichen von Peking

Fazit

„Wer den Himmelstempel nicht besucht hat, war nicht in China“, sagen viele Chinesen. Und vielleicht haben sie Recht. Immerhin zählt der Tempel nicht nur als Wahrzeichen von Peking sondern tatsächlich auch vom ganzen Land.

Mich hat der Himmelstempel angenehm überrascht. Er ist nicht einfach „noch so ein Tempel“, sondern schon allein durch seinen kaiserlichen Hintergrund etwas Besonderes. Seit 1918 ist das Gelände für die Öffentlichkeit als Park zugänglich. Den frequentieren auch die Einheimischen zur Entspannung gern. Mir erschien der Park aber zu langweilig, um länger darin spazieren zu gehen. Die Bäume standen in großer Fläche in Reih und Glied, die Wege waren mir zu gerade und breit. Wer aber ein bisschen Abstand von der Stadt braucht, der findet hier vermutlich die gewünschte Erholung.

Wart ihr schon mal im Himmelstempel in Peking? Wie hat er euch gefallen?

Informationen

Öffnungszeiten:
Eintritt: 35 RMB/Person (Tempel und Park)
Website: http://www.tiantanpark.com/ (Chinesisch)

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18 Gedanken zu “Peking | Der Himmelstempel und ein lustiges Missverständnis

  1. für mich vielleicht der schönste Ort in Peking!! und es gibt auch im Park ein paar sehr schöne Ecken zu entdecken – vor allem, wenn der Besucherandrang bei den zentralen Gebäuden zu stark wird… ich sage nur: „Pavilion of Double Ring Longevity“! 🙂

    1. Vielleicht schau ich mir den Park beim nächsten Mal dann an. Mir kam er jetzt auf die Schnelle nur nicht so spektakulär vor, um viel Zeit dort zu verbringen. Aber wir hatten ja auch Glück und bei den Gebäuden war nicht viel los 😉

      1. ja, ich weiß schon was Du meinst: die tausend Bäume in regelmäßigen Linien sind nicht zu vergleichen mit der Gestaltung anderer Parkanlagen, z.B. des alten Sommerpalastes oder des neuen Olympic Forest Parks… 🙂 ach, ich würde auch gerne mal zum Botanischen Garten Pekings, der soll auch sehr schön sein…

  2. Ich war bereits 1988 dort und schon damals wirte der Tempel alles andere als verfallen. Die Ziegel leuchteten blau in der Sonne. Dass der Tempel bis 1998 verfiel, kann ich nicht bestätigen. Für mich lag er immer ein wenig zu weit weg, so dass ich ihn nicht oft gesehen habe. Der Park ist sehrs chön und der runde Himmelsaltar selbst wirklich sehenswert!

    1. Gut möglich, dass der Tempel schon ein bisschen früher renoviert wurde. In der Anlage gab es eine Ausstellung, die den Renovierungsprozess bebilderte. Und da sah der Tempel schon lange Zeit schäbig aus, aber die genauen Daten weiß ich leider nicht mehr. Dann werde ich den Text oben mal ein bisschen umschreiben 🙂

  3. Mir haben dort die vielen Hochzeiten am meisten Spaß gemacht, zuschauen, mitfotografieren. Und zwischen Osteingang und Tempel treffen sich im Park verschiedene Gruppen zum singen, tanzen oder Tai Chi machen. Dort zuschauen und verweilen hat ebenfalls Spaß gemacht.

    1. Hochzeitspaare habe ich auch auf vielen Bildern, lässt sich ja schlecht vermeiden, aber macht sich auf vielen Bildern zum Glück auch ganz gut! Finde das auch immer wieder ganz lustig.

      Übrigens: In jedem anständigen chinesischen Park wird gesungen und getanzt. Das ist für mich kein Qualitätskriterium, sondern Standard, hihi 😀

  4. Hallo,
    ich war schon drei Mal dort und mir gefällt der Tempel bzw. die gesamte Anlage immer wieder sehr gut. Vor bei blauen Himmel und Sonne ist es wunderschön. Mal sehen wann ich das nächste Mal dort bin.
    Noch ein Tipp: U-Bahn-Station Tiantandongmen (Linie 5) liegt direkt am Himmelstempel (und dort ist auch der Honqiao Market).
    Lg Thomas

    1. Ja, vor strahlend blauem Himmel macht sich die Anlage sehr gut. Wir hatten da auch richtig Glück!

      Die U-Bahn wollten wir übrigens nicht nehmen, weil uns das Netz so abgeschreckt hat. Für jeden Katzensprung hätten wir dreimal umsteigen müssen, da ist es mit dem Taxi doch viel bequemer 😉

  5. Wir haben es damals geschafft an der falschen Station auszusteigen und gefühlt einmal um die gesamte Mauer drumherum zu laufen um dann festzustellen, dass der Tempel bereits geschlossen hat – mehr als ein Foto vom Tor aus war also nicht drin – aber der Wille war da 😀

  6. Hallo,

    wow das war sicher eine lustige Fahrt nach dem Mißberständnis. Selbst war ich noch nie in Peking, aber es sieht alles traumhaft aus.
    lg Tanja

  7. Ich war nie dort, nie in China.
    Ein schöner Bericht mit superschönen Fotos.
    Eine Echo-Wand ist ja interessant. Schade, dass ihr sie nicht testen konntet.
    Liebe Grüße Bärbel

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