Houtan-Park – Vorzeigepark mit Wehwehchen

Houtan-Park in Shanghai, China

Im Zuge der Expo hat sich Shanghai ein bisschen Natur mitten in die Stadt zurückgeholt. Der Houtan-Park am Ufer des Huangpu wirkt zwar längst nicht mehr wie das einstige Vorzeigeprojekt, aber bietet zumindest etwas Abwechslung zu den sonst oft so künstlich angelegten Parks der Stadt.

后滩公园 – Houtan-Park

Für mich gibt es in Shanghai kaum etwas sinnfreieres als das ehemalige Expo-Gelände, in Teilen eine Art Geisterstadt mit breiten Straßen und hässlichen, leerstehenden Gebäuden, teilweise abgerissen oder hinter rostigen Zäunen einem ungewissen Schicksal harrend.

Und doch zieht es uns an diesem ersten Märzwochenende ausgerechnet in diese Ecke. 24°C, blauer Himmel und Sonnenschein müssen schließlich ausgenutzt werden. Unser Ziel: Houtan, ein Park, über den ich neulich beim Stöbern im Stadtplan gestolpert bin und der einfach zu erreichen ist, da er praktisch mitten in der Stadt liegt (nur drei Stationen bis zum „Vergnügungsviertel“ Xintiandi, nur fünf Stationen bis zum Jing’an-Tempel).

Houtan-Park in Shanghai, China
Der Huangpu teilt Shanghai in gut und langweilig

Als wir an der U-Bahnstation „Houtan“ aussteigen, kommt mir das gleich seltsam vor. Mit uns verlässt nur ein verwirrtes Renterpärchen die U-Bahn und konsultiert oben angekommen erst einmal die Karten-App auf dem Smartphone (wie wir). Die Gegend ist so nichtssagend, so bieder, dass hier unmöglich ein interessanter Naturpark liegen kann. Oder? Wir machen uns auf den Weg durch ein Pudong, wie ich es hasse – breite leere Straßen, Mauern zu beiden Seiten und obwohl man laut Plan mitten in der Stadt ist, hat man hier das Gefühl von verlassenem Industriegebiet, von ganz weit außerhalb.

Hinter Hallen und Parkplätzen wuchert die Botanik – das muss der Park sein. Hin und wieder erhaschen wir dabei einen Blick auf den Fluss oder das dicht bebaute andere Ufer. Der Huangpu schlängelt sich als Shanghais größter und bekanntester Fluss durch die Stadt und trennt den eigentlichen Teil der Metropole (Puxi) vom relativ jungen Stadtteil Pudong. Verbunden sind die beiden Seiten z.B. durch die beeindruckende Lupu-Brücke (卢浦大桥, siehe Titelbild) und genau dort zieht sich auf der Pudong-Seite am Flussufer ein schmaler Park entlang – der Houtan-Park. Nach fünfzehn Minuten Fußmarsch sind wir endlich da.

Ursprünglich gehörte die Gegend u.a. zu einer Stahlfabrik, aber im Zuge der Expo 2010 musste die natürliche Grenze des Ausstellungsgeländes schöner werden. Man konnte ja kaum Millionen von Besuchern aus der ganzen Welt mit vergifteten Schuttabladeplätzen vergraulen. So entstand der Houtan-Park, der nicht nur als vorzeigbarer Öko-Park modelliert wurde, sondern auch als natürlicher Schutz gegen Hochwasser und als Reinigungsanlage des Huangpu dienen sollte.

Houtan-Park in Shanghai, China
Könnte auch irgendwo außerhalb sein – Houtan-Park

Beim Anlegen hat man darauf geachtet, das Gelände wie ein unberührtes Stückchen Natur zu gestalten, ein bisschen wie die Sumpflandschaft, die Pudong war, bevor man die Stadt auf diesen Landstrich ausgeweitet hat. Das hat zwar nur abschnittsweise funktioniert, aber immerhin wirkt die Botanik hier etwas willkürlicher gewachsen als in anderen Parks. Kann natürlich auch daran liegen, dass der Park mit dem Ende der Expo nicht mehr besonders gepflegt wird. Besucher kommen kaum noch her – man muss also niemandem mehr etwas beweisen.

Dass die Expo schon lange vorbei ist, spürt man im Houtan-Park deutlich. Die hässlichen Stahlinstallationen, die im Park verstreut sind (Kunstwerke und integrierte Überbleibsel der ehemaligen Fabriken), rosten mit den eisernen Sitzgelegenheiten um die Wette. Die wenigen Verkaufsbuden, die wir ausmachen, sind schon seit langer Zeit geschlossen und verlassen. Von den hässlichen kastenförmigen Bürogebäuden in der Umgebung stehen viele komplett leer (nagelneu oder von langer Hand fehlgeplant?), Einkaufsmöglichkeiten gibt es bis auf einen kleinen Family Mart im Untergrund der U-Bahnstation praktisch keine.

Houtan-Park in Shanghai, China
Warum auch nicht? – Mitten im Park liegt ein Yachthafen

Immerhin: Die schmalen geschlungenen Wege und Stege bieten eine willkommene Abwechslung zu Shanghais neueren und oft so künstlich anmutenden Parks mit ihren breiten Asphaltwegen und phantasieloser Gestaltung (*hust* Century Park *hust*). Außerdem sollen sich inzwischen wieder mehr als 200 verschiedene Tierarten angesiedelt und das Flusswasser gleich mehrere Stufen auf der Verschmutzungsskala wettgemacht haben.

Wie lange die Tierwelt hier noch erhalten bleibt, steht auf einem anderen Blatt. Das Wochenende nutzen hauptsächlich junge Familien, die mit Keschern bewaffnet am Ufer der langgezogenen Teiche kauern, um massenweise winzige Fische zu fangen und stolz in Eimern nach Hause zu tragen. Irgendwie tun mir die Fische leid, wie sie da in den Keschern zappeln und von groben Kinderhänden herausgepickt werden. Was mit den Fischlein wohl geschieht? Werden sie hochgepeppelt, bis sie groß genug sind, um im Wok zu landen? Leben sie ein paar Wochen in ihrem Eimer, bis das Wasser umkippt und sie dank Sauerstoffmangel ersticken?

Houtan-Park in Shanghai, China
Natur erleben in Shanghai – aber nur mit Kescher!

Das Fischefangen scheint hier das einzige Highlight zu sein. Der Park ist zu schmal, um Grünflächen für Spiele, Drachensteigen und Zelte zu bieten. Die Wege und Stege sind so schmal und oft mit Holz ausgelegt, dass keine Kinder mit nervigen Tretrollern unseren Spaziergang stören können, und verwaiste Joggingstrecken warten vergeblich auf Jogger. Wer sich in dieser Gegend sportlich betätigt, zwängt sich höchstens in bunten Radlerdarm und macht in großen Gruppen auf Rennrädern die leeren Straßen des Viertels unsicher.

Nachdem wir den Abschnitt mit den fischenden Menschen hinter uns gelassen haben, ist im Park gar nichts mehr los. Ein paar Renter-Pärchen und wir – mehr Leute schlendern kaum den schmalen, mehrere Kilometer langen Uferstreifen entlang. Wohl kaum einer fährt für den Houtan-Park extra hier her, und Anwohner gibt es aus Gründen kaum.

„Langweilig“, meint Herr M. Ein bisschen Schilf, ein bisschen Bambus, jetzt im Winter viele kahle Bäume. Da hat man es beim Anlegen wohl versäumt, sich mehr auf Immergrünes zu konzentrieren oder wenigstens ein paar Pflaumen- oder Kirschbäume zu pflanzen, die um diese Zeit bunt blühen würden. Enttäuscht bin ich trotzdem nicht – mir war klar, dass der Park auf den Bildern im Internet schöner wirken würde als in Echt.

Houtan-Park in Shanghai, China
Nicht viel los im Houtan-Park

Wir halten uns dicht am Ufer des Huangpu, beobachten die schweren Frachtschiffe, die am Bund vorbei Richtung Yangtze-Mündung fahren. Auf der anderen Seite der braunen Wassermassen reihen sich stumm die Hochhäuser von Puxi nebeneinander. Dessen Ufer wird vom Shanghai Binjiang Sliding Plate Park gesäumt, diese betonierte Grünanlage, die immerhin nachts für ein etwas anderes Flair sorgen kann. Allgegenwärtig: Die Lupu-Brücke, die mit ihrer Konstruktion bis 2008 als weltweit größte Bogenbrücke galt (heute hält den Rekord eine Brücke in Chongqing). Sie beherbergt eine Aussichtsplattform, die allerdings geschlossen wurde, ehe ich sie einmal besuchen konnte. War ja klar.

Houtan-Park in Shanghai, China
Huangpu-Impression – Die weißen Punkte im Wasser sind Möwen

Fazit

Wir haben uns nicht allzu viel erwartet und sind deshalb nicht enttäuscht worden. Im Winter lohnt sich der Houtan-Park nicht (das schwere Schicksal aller Grünanlagen). Im Sommer, wenn alles grün und hochgewachsen ist, mag der Park zwar nicht allzu spektakulär, aber durchaus ganz gefällig sein – vielleicht versuchen wir es dann noch einmal miteinander.

Ein gutes Projekt ist der Houtan-Park trotzdem. Immerhin hat man sich damit ein dringend nötiges Stückchen Natur in die Stadt zurückgeholt. Das funktioniert in der Enge des Uferstreifens zwar nicht so gut wie im Wusong Paotaiwan Wetland Forest Park oben im Stadtteil Baoshan, aber wenn der Park gleichzeitig als natürlicher Hochwasserschutz dient, der bei Bedarf einfach überschwemmt wird, ist das doch auch nicht verkehrt. Zurück zur Ursprünglichkeit, wenigstens im Ansatz.

Was meint ihr? Top oder Flop?

Houtan-Park in Shanghai, China
Immergrüne Bäume oder Sommer wären besser gewesen

Informationen

后滩公园 – Houtan-Park
浦东新区耀龙路100号, 100 Yaolong Lu, Shanghai
Öffnungszeiten: 07:00-18:00 Uhr
Eintritt frei
Anfahrt: U-Bahn-Linie 7 bis „Houtan“, gefolgt von ca. 15 Minuten Fußmarsch durch Pudong wie ich es hasse. Alternative: U-Bahn-Linie 13 bis „Shibo Avenue“, da ist Pudong zwar auch nicht schöner, aber man läuft nur ca. 5 Minuten bis zum Park.
Tipps: Anfahrt über die U-Bahnstation „Houtan“ südwestlich des Parks, Spaziergang durch den Park und dann über die Station „Shibo Avenue“ zurück, dann muss man den weiten Weg durch den Park nicht wieder zurückgehen. Verpflegung von zu Hause mitbringen. Im Park und der näheren Umgebung gibt es weder Imbissstände noch Geschäfte.

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3 Gedanken zu “Houtan-Park – Vorzeigepark mit Wehwehchen

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