Wie sich Integration anfühlt

Wie sich Integration anfühlt

Als ich im letzten Winter auf den U-Bahnsteigen oft von Passanten für Auskünfte angesprochen wurde, war ich erst verwundert. Warum verwechselten mich plötzlich so viele Leute mit einem Infostand? Oder wirkte ich von hinten inzwischen so chinesisch, dass die Leute keine Scheu mehr hatten, mich hinterrücks mit ihren Fragen zu bombardieren? Eine Antwort warteten übrigens die wenigsten von ihnen ab. Wenn ich mich umdrehte und mein Ausländergesicht offenbarte, nahmen die meisten mit einem »Sorry!« Reißaus.

Der Grund für die vielen Verwechslungen war übrigens schnell gefunden:

Mein langer schwarzer Daunenmantel sieht ganz ähnlich aus wie der, den die Metro-Mitarbeiter in der kalten Jahreszeit tragen.

Endlich integriert?

Neuerdings geht es wieder los (und diesmal handelt es sich nicht um Verwechslungen). Auf der Straße fragen mich Passanten wie selbstverständlich auf Chinesisch nach dem Weg, obwohl sie auch ihre Landsleute fragen könnten, die nur einen Meter weiter stehen. Ich durfte einer alten Frau breit erklären, wie das U-Bahnfahren funktioniert, dirigiere Leute zum richtigen Bahnsteig, und die Frau, die unsere Reinigung schmeißt, quatscht mich inzwischen rigoros mit ihrem Shanghainesisch gefärbten Chinesisch voll.

Ist endlich der Punkt erreicht, den mir schon so mancher prophezeit hat? Der Punkt, an dem ich wahrgenommen werde, als wäre ich schon eine ganze Weile da, ohne die Absicht in Kürze wieder zu gehen? Als würde ich es mit China ernst meinen? Strahle ich meiner Umgebung gegenüber endlich eine solche Gleichgültigkeit aus, dass ich nicht mehr als Neuankömmling oder gar Tourist erkannt werde, der über alles staunt oder hoffnungslos verloren wirkt? Und warum verstehe ich plötzlich die Leute ohne größere Schwierigkeiten?

Mein erster Roman

Offensichtlich bin ich auf dem richtigen Weg. Mein Bemühen, Chinesisch zu lernen ohne einen Finger zu krümmen, scheint endlich Früchte zu tragen. Beflügelt von den Erfolgserlebnissen der letzten Wochen habe ich mir jetzt meinen ersten Roman auf Chinesisch gekauft (irgendwann muss das ja mal losgehen und man bedenke die neuen Welten, die sich dadurch auftun könnten!). Ich dachte eigentlich, dass mich das Buch wieder auf den Boden der Tatsachen holen würde. Aber seltsamerweise kann ich der – zugegeben simplen – Handlung einigermaßen folgen.

Wenn das Integration ist, dann fühlt sie sich echt gut an. Mal sehen, wie lange das Hoch noch anhält.

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16 Gedanken zu “Wie sich Integration anfühlt

  1. Klingt gut und eine schöne Definition von Integration „als wäre ich schon eine ganze Weile da, ohne die Absicht in Kürze wieder zu gehen? “ Man könnte es auch „sich zuhause fühlen“ nennen, oder ?

  2. Ich glaube, irgendwann strahlt man wirklich aus, dort zu leben und nicht mehr nur „Gast“ zu sein.. und wenn man einfach lockerflockig reagieren kann macht das dochauch ein bisschen stolz 😀

    1. „lockerflockig“ ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen, aber immerhin muss ich inzwischen nicht jedes mal erst dreimal nachfragen, was die Leute wollen, und kann relativ „lässig“ antworten. Und ja, das macht stolz. Wird ja auch Zeit, dass es vorangeht 😉

    1. Man kann natürlich nicht wissen, was kommt, aber prinzipiell läuft das hier als „Aufenthalt mit open end“. Sollte es uns hier irgendwann nicht mehr gefallen, halte ich mir natürlich die Option offen, woanders hinzugehen.

  3. Ist doch fantastisch! 😀 Mir ist’s bisher erst zweimal passiert, dass ich nach etwas gefragt wurde, aber ich war jedes Mal etwas schockiert — und dann erfreut. 😉

    1. Ich war eher irritiert als schockiert, dann erfreut 🙂 Wenn ich in München von alten Frauen angequatscht wurde, wollten die mich ja schließlich immer zu irgendwelchen Bibelgruppen überreden. Und die Typen? Na ja …

  4. Sehr interessanter Beitrag und ich muss Myriade zustimmen, eine schöne Definition von Integration.

    Ich stelle aktuell auch fest, dass mich immer mehr Chinesen anquatschen, vor allem wenn es um das U-Bahn fahren geht. Allerdings ist bei mir der große Unterschied, dass ich sie meistens nicht verstehe und auch nicht antworten kann. Mir ist nur klar, dass sie mit einem nachdrücklichen „ma“ wohl eine Frage an mich haben.
    Mein Chinesisch beschränkt sich leider aktuell auf „Ja“, Richtungsangaben für den Taxifahren und bestellen mit „Das da.“. Die einfachen Begrüßungsfloskeln beherrsche ich auch noch, aber das wars dann auch schon.

    Wie konntest du dich denn so verbessern ohne „einen Finger zu krümmen“? Hast du irgendwelche Tipps? 🙂

    1. Hm, gar keine so leichte Frage.

      Ich habe in der VHS mit einem (sehr mittelmäßigen) Lehrbuch ganz klassisch die Grundlagen gelernt (und für die muss man wirklich lernen, das geht aber noch schnell und einfach, finde ich). Auch die chinesischen Zeichen habe ich von der ersten Stunde an mitgelernt. Dann habe ich selbst weitergemacht.

      Geholfen haben vor allem Filme und Serien (sobald wie möglich nur mit chinesischen Untertiteln schauen und nicht jedes Wort nachschlagen – am Anfang frustrierend, aber man lernt, dass man viel aus dem Zusammenhang erschließen kann, ohne dass man jedes Wort wissen muss).

      In Gesprächen schaue ich mir Floskeln, Intonation etc. von anderen Leuten ab. Ich benutze heute auch ein paar Floskeln, deren genaue Bedeutung ich nicht genau kenne/lange nicht genau wusste, aber ich weiß aus Erfahrung, dass sie in der und der Situation gut passen. Kommt bei Gesprächspartnern immer an.

      Wenn du chinesische Kollegen hast, versuche so viel wie möglich auf Chinesisch mit ihnen zu reden (und wenn es jeden Tag nur ein paar Standardsätzchen sind). Die meisten helfen dir gern, wenn du nicht weiter weißt, oder sie korrigieren dich. In Gesprächen mit echten Leuten lerne ich immer am meisten.

      Bei Automaten habe ich anfangs immer versucht, sie in der chinesischen Version zu bedienen (für den Notfall, dass man mal an einen Automaten gerät, der keine englische Version anbietet). Man lernt ganz nebenbei, einige wichtige Zeichen wiederzuerkennen und fühlt sich weniger verloren.

      Ich schreibe manchmal Tagebuch auf Chinesisch und „erarbeite“ mir so ganz nebenbei einen Wortschatz, der zu meinem Leben passt. (wozu z.B. all die Vokabeln zum Thema Politik aus den HSK-Listen lernen, wenn ich darüber sowieso nicht reden werde? usw.)

      Das ist jetzt lang geworden. Vielleicht sollte ich mal einen Blogartikel dazu schreiben …

      Ich habe mich also von Anfang an so viel wie möglich mit Chinesisch umgeben. Man lernt damit zwar langsam, aber es funktioniert. Man braucht nur ein bisschen Geduld, offene Augen und offene Ohren 🙂

      LG
      Shaoshi

      PS: Wenn du lieber Vokabeln lernen willst: Kennst du memrise.com?

      1. Wow, danke für die ausführliche Antwort.

        Dann bin ich schon auf dem richtigen Weg. Die Grundlagen versuche ich in Sprachkursen (bisher 2 Stück, aber wir sind nicht mal auf A1 Niveau) an der Uni zu lernen oder mir selbst beizubringen. In der Arbeit umgebe ich mich immer mit Chinesen und sie bringen mir die Bezeichnungen für die einzelnen Zutaten bei und verbessern meine Aussprache. Mir kommt das aber nicht genug vor… an die Serien bzw. Filme traue ich mich noch nicht ganz so ran, weil mein Wortschatz wie gesagt echt klein ist.
        Gibt es irgendeine Serie, die vielleicht nicht ganz so frustrierend ist (also sehr leicht verständlich)?

        memrise.com kenne ich nicht. Zum Vokabeln lernen benutze ich immer leo.org.

        LG, Anna

      2. Hmm, konkret was empfehlen kann ich jetzt nicht. Den einfachsten Wortschatz haben immer die Romanzen, die in der heutigen Zeit spielen (also genau das, was ich genremäßig am wenigsten leiden kann …). Vielleicht versuchst du es erst mal mit irgendeinem Film/Serie, der dich interessiert, und nimmst (englische) Untertitel dazu, einfach um ein Gefühl für Aussprache und Intonation zu entwickeln. Oder gibt es einen Film, den du vielleicht schon kennst? Dann kannst du den nochmal nur auf Chinesisch schauen. Am Anfang ist das immer frustrierend, aber man kommt schnell rein, finde ich.

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