Qingmingjie – Chinesisches Totenfest mit Weidenzweigen, Geld und iPhone

Qingmingjie - chinesisches Totengedenkfest, Totenfest

Am 4. April 2016 findet in China das Totengedenkfest statt, an dem man die verstorbenen Ahnen auf dem Friedhof besucht. Wozu braucht man da Weidenzweige und warum werden zu dieser Zeit überall iPhones aus Papier verkauft? Folgt mir auf den Friedhof in Nanjing und findet die Antworten.

Basteln für die Ahnen

Nanjing, April 2014. Zeit für das chinesische Totenfest (清明节, qīngmíngjié). Zu viert sitzen wir im schwiegerelterlichen Wohnzimmer und falten Gold- und Silberpapier zu kleinen Schiffchen. Das Zeitgefühl ist längst flöten gegangen – nur die papiernen Goldbarren (元宝, yuánbǎo) werden immer mehr, drei Säcke sind schon fast voll.

Fertig sind wir immer noch nicht. Die Familie M. ist groß und die verstorbenen Ahnen sollen alle Geschenke erhalten. Sie wachen nämlich über das Schicksal der Lebenden und können durch Opfergaben milde gestimmt werden.

Ob ich von den papiernen Goldbarren Fotos machen kann, für den Blog? »Auf keinen Fall, streng verboten«, so die Schwiegermutter. »Das ist für die Toten. Fotos bringen da nur Unglück!«

Auf dem Weg zum Friedhof

Nächster Tag. Ein entfernter Verwandter besitzt ein Auto, ein Cousin hat ein illegales Taxi bestellt. So fahren wir raus aus der Stadt, Richtung Friedhof. Der musste wegen diverser Bauprojekte schon mehrmals umsiedeln und befindet sich inzwischen (zur Zeit?) auf einem Hügel am Stadtrand.

Der Weg ist ganz anders als ich ihn in Erinnerung habe. Die Straßen sind neu, viele alte Häuser fehlen. Dafür sind da jetzt Baustellen. Am Fuße des Hügels plötzlich ein Parkplatz, nagelneue Reihenhäuser drängen sich an den Hang, ein paar Hotels, Technologie-Firmen. Vor zwei Jahren wucherte hier die Natur noch wild, hier und da gab es ein Bauernhaus, mehr nicht.

Auf dem Weg zum Friedhof, Nanjing
Auf dem Weg zum Friedhof, Nanjing

Von Unglück, Geistern und iPhones aus Papier

Wir hieven die Taschen mit den Basteleien aus dem Kofferraum. Der Cousin drückt jedem Weidenzweige in die Hand. Die sollen uns vor bösen Geistern beschützen, die zu dieser Zeit eventuell auf dem Friedhof herumlungern.

Schon morgens pilgern viele Menschen mit Taschen voller Papiergoldbarren zum Friedhof hinauf. Nicht wenige von ihnen tragen ebenfalls Weidenzweige, sicher ist sicher. Der Spaziergang hat etwas Friedliches, die Sonne scheint unerwarteterweise und am Wegesrand blühen Kirschbäume. Herr M. will einen Zweig für seine verstorbenen Großeltern abbrechen, doch Passanten halten ihn auf. »Ihr könnt keine Kirschbaumzweige auf die Gräber legen. Das bringt Unglück!« Also lassen wir es sein.

Kirschblüten
Kirschblüten – Auf Gräber gelegt bringen sie Unglück

Je näher wir dem Friedhof kommen, umso mehr mobile Stände säumen die Straße. Verkauft werden Gold- und Silberpapier zum Falten und ganze Bündel an Geldscheinen – Geld für das Totenreich (纸钱, zhǐqián). Im Jenseits möchte man es sich schließlich auch gut gehen lassen. Mein Schwiegervater kauft ein Bündel bunt bedrucktes Papiergeld, von dem uns der Gott des Totenreichs angrinst.

Die Stände werden kurioser. BMWs aus Papier, Waschmaschinen, Fernseher, ja sogar iPhones und hüfthohe Häuser aus Karton! Auch das kann man den Toten opfern – eben alles, woran sie auch im Diesseits Freude hatten. [Anmerkung: 2016 scheinen Papierhemden und Klimaanlagen in Originalgröße der letzte Schrei zu sein. Mit Handys und Autos wurden die Ahnen ja schon im letzten Jahr versorgt.]

Wir haben die M.-Gräber erreicht. Zusammen mit unzähligen anderen überziehen sie den halben Hügel mit Steinplatten. Zu jedem Grab gehört ein Grabstein und ein steinerner Sarkophag, in dem die Urnen stehen. Dazu ein Baum. Protzigere Gräber haben Drachen- oder Löwenfiguren installiert. Sonst sind die Gräber schmucklos. Keine Beete, keine Blumen. Dafür viel Unkraut und abgebrochene Äste der in Reih und Glied stehenden Bäume.

Ob man auf dem Friedhof fotografieren darf? Selbstverständlich nicht, das bringt Unglück. Da sind sich alle einig, auch die, die sich nicht für abergläubisch halten.

Wir räumen auf in der engen Gasse, in der man kaum einen Fuß vor den anderen setzen kann. Dann verteilen wir stumm die Papiergeschenke vor den Gräbern und schicken sie per Feuerzeug ins Jenseits. Mein Schwiegervater zündet die Häufchen an, meine Schwiegermutter wirft die leeren Tüten mit ins Feuer. Sie will sie nicht mit nach Hause nehmen – und vielleicht können die Toten sie ja brauchen.

Totengedenkfest – Wenn der Himmel weint

Die Zeit um das Totenfest gilt in China übrigens als ungeeignete Reisezeit. Schon der Tang-Dichter Du Mu (803-852) wusste: »Da ist immer das Wetter schlecht.« Noch heute erklären mir viele Chinesen dieses Phänomen: »Da weint der Himmel um die Toten.«

Hallo, Frühling

Die Zeit um das Totenfest nutzt man auch, um den Frühling zu genießen, der um diese Zeit endlich vollständig Einzug hält. Neulich habe ich schon ausführlicher darüber berichtet.

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14 Gedanken zu “Qingmingjie – Chinesisches Totenfest mit Weidenzweigen, Geld und iPhone

  1. Sehr interessant und auch ein wenig skurrill das ganze. Ein Foto von dem Friedhof hätte ich schon gerne gesehen, aber wir wollen das Glück ja nicht herausfordern^^ Ansonsten finde ich solchen (Aber-)Glauben, egal in welcher Kultur, immer amüsant bis verwirrend, aber sehr interessant, dass du uns hier einen Einblick gibst 🙂

    1. Ich hätte ja auch gern Fotos präsentiert, aber wenn man mit Einheimischen unterwegs ist, will man ihre Glaubenswelt auch irgendwie respektieren und lässt das Fotografieren dann eben … (und allein komme ich selten auf einen Friedhof, ich weiß nicht mal, wo einer in Shanghai ist. Ich kenne nur ein paar Parks, die früher mal Friedhöfe waren und die man nach der Auflösung nicht mit Häusern bebauen wollte, weil man Angst vor den Geistern hatte ;-))

  2. Du bist meinem eigenen Artikel zum Qingmong-Fest zuvorgekommen! Der erscheint morgen. Es ist völlig anders gestaltet und Dein Artikel ist eine wunderbare Ergänzung. Deshalb werde ich auch entsprechend verlinken. Ich habe Deinen Artikel sehr genossen.! Beste Grüße – Ulrike

  3. Interessant dieser Totenkult. Auf diese Weise bleibt bei den Menschen sicherlich für lange Zeit eine enge Verbindung mit den Verstorbenen bestehen. Man macht sich viel Mühe, ihnen selbst hergestellte Geschenke ins Totenreich zu schicken. Schade eben nur, dass es kein Foto vom Friedhof gibt, Aber klar ist natürlich, dass man das Erbe der Angehörigen und ihren Glauben respektiert.Keine Frage. Wer will schon Unglück heraufbeschwören?
    Herzliche (österliche) Grüße, Eberhard

    1. Genau so dachte ich mir das auch. Ich wollte eben ihren (Aber)glauben respektieren. Und allein komme ich auch nicht auf einen Friedhof – ich weiß ja nicht mal, wo einer in Shanghai ist 😉

  4. Schon verrückt, was da alles Unglück bringen soll.
    Also sogar das Goldpapier wird verbrannt?
    Das stinkt doch zum Himmel.
    Papier ist ja ok.
    Und alles wird also verbrannt, das ihr mitgebracht habt.
    Eigenartig.
    Und jaaaa keine Fotos!
    Kopfschüttel….
    Liebe Grüße Bärbel

    Bei uns war gestern, Karfreitag der Tag des Sterbens. Und heute Abend geht es zur Osternacht. Alleluja!

    1. Das Papierzeug wird ja extra dafür hergestellt, verbrannt zu werden. Stinken tut’s schon, aber immer noch besser als die Plastiktüten 😉

      Frohe Ostern!

  5. Am witzigsten fand ich das mit den iPhones … vielleicht noch die Nummer drauf kritzeln, damit einen die Ahnen Nachrichten / Ratschläge geben können ?!? 😉

    1. Auch die Toten gehen eben mit der Zeit 😉

      Da sieht man auch mal, wie hartnäckig sich dieser Kult hält.

      Wenn ich mal sterbe, möchte ich aber keine Waschmaschine nachgeschickt bekommen. So weit kommt’s noch, dass ich auch im Jenseits Hausarbeit machen muss!

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