10 Angewohnheiten, die ich in China entwickelt habe

10 Angewohnheiten, die ich in China entwickelt habe

Im neuen Land wird alles anders. Dachte ich. Doch hatte sich in China erst die Routine eingeschlichen, fiel ich schnell in alte Verhaltensmuster zurück. Diese zehn neuen Angewohnheiten habe ich dennoch entwickelt:

1. Ich habe immer Klopapier in der Handtasche.

Den folgenschweren Fehler, in China ohne Klopapier aus dem Haus zu gehen, macht man nur einmal (vgl. 24 Survival-Tipps für chinesische (Damen-)Toiletten). Und wenn ich schon kein Klopapier dabei habe, dann wenigstens mehrere Päckchen kindisch bedruckte Papiertaschentücher (Pandas! Hello Kitty! Sponge Bob! Xiao Yang Yang!), die sich schnell zweckentfremden lassen und ästhetischer sind als ein Bündel Toilettenpapier im Seitenfach der Handtasche.

2. Ich empfinde Sieben-Millionen-Städte plötzlich als klein.

Ich sage jetzt so Sachen wie »Die Stadt ist nicht so groß, hat nur sechs Millionen Einwohner.« oder finde es völlig normal, wenn jemand sagt »Das ist ein Dorf mit vielleicht 300 000 Einwohnern.« All die Popelstädte in Deutschland kann ich sowieso nicht mehr ernst nehmen. Erstaunlich, wie schnell sich die Perspektive ändern kann.

3. Ich fahre mit dem Taxi.

Ich fahre nicht gern mit dem Taxi, aber wenn ich von der Arbeit geschickt werde, komme ich kaum drum herum. Nach einem Großeinkauf im Hypermarkt haben wir auch selten Lust, unsere Einkaufstüten in den überfüllten Bus zu hieven. Dann fahre ich in einer Woche so oft Taxi wie in Deutschland in meinem ganzen Leben. In China kann man sich so eine Fahrt auch leisten. Trotzdem bevorzuge ich in der Regel die öffentlichen Verkehrsmittel, die in Shanghai super funktionieren.

4. Ich gehe oft ins Restaurant.

Es gibt Wochen, da gehen wir jeden Tag ins Restaurant. Oft fragen wir uns nicht »Was essen wir heute?«, sondern »Wo essen wir heute?« Nachteil: Essengehen verliert an Besonderheit, es dauert, bis man auf seine Lieblingsrestaurants stößt. Vorteil: nicht selbst kochen müssen, keine Sauerei in der eigenen Küche, es schmeckt gut, die Auswahl ist groß. In China kann man sich so etwas auch leisten. (Übrigens wird Kochen im Umkehrschritt trotzdem nichts Besonderes. Das bleibt der gleiche Mist wie immer.)

5. Ich trage Atemschutzmasken.

In Deutschland sah ich eher selten jemanden mit Maske und wenn, machte das immer gleich den Eindruck von Weltuntergang. In China trägt fast jeder eine Atemschutzmaske, wenn der Smog wieder einmal zu dick ist. Große Plakate in den U-Bahngängen weisen außerdem darauf hin, dass der zivilisierte Bürger aus Rücksicht auf seine Mitmenschen auch im Krankheitsfall eine Maske tragen sollte.

6. Ich kommentiere Tage, an denen die Luft besonders klar ist.

Was in Deutschland keinen Halbsatz wert war, wird hier als etwas Besonderes kommentiert. Scharf umrissene Konturen, satte Farben und ein strahlend blauer Himmel sind in Shanghai zwar nicht so selten wie man immer meint, stechen aber doch auffällig heraus.

7. Ich trinke stilles Wasser.

Stilles Wasser fand ich in Deutschland eher eklig. In China kommt man nicht drum herum, denn in Flaschen abgefülltes Wasser ist hier fast immer still. Man gewöhnt sich dran. Inzwischen empfinde ich eher Wasser mit Kohlensäure unangenehm.

8. Ich trage Hausschuhe.

Das Konzept von Hausschuhen war mir früher immer suspekt. In China habe ich die Schlappen zu schätzen gelernt. Immerhin möchte ich nicht strumpfsockig oder gar barfuß über kaltgefliesten (und grundsätzlich Feinstaub-bedeckten) Wohnzimmerboden laufen, mir Splitter vom Holzboden in die Fußsohlen ziehen oder gar ins ständig unter Wasser stehende Bad latschen. Im Winter sind so gefütterte Schlappen sogar ganz angenehm, vor allem wenn man in der Wohnung keine Heizung hat. Nachteil: Meine Schwiegermutter ersetzt die Schuhe regelmäßig durch die hässlichsten Hausschuhe, die sie auf der Straße auftreiben kann.

9. Ich träume chinesisch.

Auch meine Träume haben sich verändert. Es kommen jetzt viel mehr Chinesen vor, es wird sogar mal Chinesisch gesprochen und Shanghai ist oft eine Mischung aus der tatsächlichen Stadt und München.

10. Ich zähle Sterne.

Bei klarem Nachthimmel schauen wir gerne nach oben und zählen die leuchtenden Punkte am Firmament. Wenn wir fünf Stück entdecken, sind wir schon begeistert. So viel! Durch die nächtliche Beleuchtung ist der Himmel nachts so hell, dass er lila bis rosa wirkt. Da hat kaum ein Stern eine Chance.

Bonus: 11. Ich spucke Knochen auf den Tisch.

In China ist es ganz normal, die Essensreste (Knochen, Schalen von Shrimps, Muscheln etc.) auf oder gar unter den Tisch zu spucken. Nach einer Weile habe ich mich so daran gewöhnt, dass alle am Tisch einen Berg an Essensresten vor sich aufhäufen, dass auch meine Knochen inzwischen rigoros auf dem Tisch landen. Nur wenn ich mit Deutschen essen gehe, muss ich mich ganz schnell wieder umgewöhnen.

Habt ihr im Ausland auch schon mal neue Angewohnheiten entwickelt?

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25 Gedanken zu “10 Angewohnheiten, die ich in China entwickelt habe

  1. Dein Punkt 1 hat mich sofort angesprochen. Wenn es an das Packen für eine Auslandsreise geht, wird als allererstes Klopapier in den Tagesrucksack (ohne den ich auf der Reise keinen Schritt gehe) gepackt. Letztes Jahr nach 2 Wochen Sardinien habe ich es unbenutzt wieder ausgepackt. Das passiert mir in Asien nicht.

  2. Hach, hab ich gelacht! Ich habe mich in allen einzelnen Punkten wiedererkannt! Nur das mit dem „auf Chinesisch träumen“ hat nachgelassen. Aber solange ich in Peking lebte, war das auch ziemlich normal für mich. Stilles Wasser würde ich mir in Deutschland niemals kaufen. Manchmal trinke ich einen Schluck Leitungswasser (das geht hier ja), aber unterwegs in China habe ich immer eine Flasche Stilles Wasser dabei. Danke Dir für diesen herrlichen Artikel! Eine Angewohnheit, die ich mir in Peking zugelegt hatte und die mir dort kaum noch bewusst war, musste ich mir hier in Deutschland ganz schnell wieder abgewöhnen: Das geräuschvolle Reinigen der Bronchien. Nur mit dem Spucken habe ich mich immer zurückgehalten. 😉

    1. Beim geräuschvollen Reinigen der Bronchien bin ich zwar noch nicht angekommen, aber ich spucke meine Knochen inzwischen auch schon auf den Tisch (ich meine, wenn das alle am Tisch machen … und man gewöhnt sich auch irgendwie dran … ob die Reste jetzt auf einem extra Teller liegen oder daneben – sieht so oder so nicht schön aus … Nur wenn ich mit Deutschen essen gehe, muss ich mich wieder umgewöhnen). Das war also Punkt 11 auf meiner Liste 😉

      1. Ja, das ist dann schwierig, wenn man mit deutschen Freunden unterwegs ist. Was die auch nicht so mögen, ist, wenn man sich sein Essen aus der Mitte mit den eigenen Stäbchen holt. 🙂

      2. Oh ja. Neulich waren wir mit gemischtem Publikum essen. Neben mir saßen Chinesen, mir gegenüber Deutsche. Ich habe mich wohl zuerst etwas zu „chinesisch“ verhalten (das mit der Akklimatisierung dauert bei mir immer ein bisschen), denn die eine warf mir ziemlich eindeutige Blicke über den Tisch hinweg zu und tupfte sich dann ganz etepetete mit der Serviette die Mundwinkel sauber 😉

    1. Ich denke, in Deutschland hat man das Problem auch nicht so, weil das meiste Fleisch ohne Knochen serviert wird. In China kann in jedem noch so kleinen Fitzelchen Fleisch noch ein Knochensplitter sein. In China hat man normalerweise auch keine Teller, bei denen man die Essensreste unauffällig an den Rand schieben kann. In den kleinen Reisschälchen ist kein Platz für so was, da bleibt einem meistens gar nichts anderes übrig 😉

    1. Danke, ist aber eigentlich auch nur ein rausgewachsener Mop 😉

      Stimmt, das war ein anderer Friseur. Ich gehe zu den meisten ja nur einmal, weil die nach meinem Besuch immer ihre Pforten schließen …

  3. Ups, welch wunderbarer Blog. Solche Geschichten sind doch einfach unbezahlbar, Danke dafür. Gerade weil ich selber noch nie in China oder Shanghai war finde ich solche Blogs mit so tollen Beiträgen, die einem den Alltag dort näher bringen, einfach sehr kostbar! Und jetzt ab in meinen RSS-Reader!

    LG Thomas

  4. Eine hervorragende Liste, ich konnte mich fast überall wiederfinden 😀
    Nur Punkt 9 und 10 sind bei mir noch nicht vorgekommen. Vielleicht irgendwann mal noch ^^
    In Deutschland habe ich auch fast nur Kohlensäurehaltige Getränke getrunken. In China gar nicht mehr. Aber stilles Wasser mag ich trotzdem nicht, da in China das Wasser so einen ekligen Nachgeschmack hat. Ich trinke seit ich in China bin eigentlich nur noch Tee.
    Was ich mir noch angewöhnt habe: das Klopapier landet neben der Toilette und nicht in die Toilette :O

    1. Meinst du Leitungswasser? Das würde ich in China auch nicht trinken, ist echt eklig. Ich trinke immer stilles Wasser aus der Flasche oder dem Wasserspender, das schmeckt neutral.

      Und ja, das Klopapier! Wie konnte ich das vergessen! 🙂

    2. Das mit dem Klopapier ist vielleicht eine der am gewöhnungsbedürftigsten Eigenheiten. Ich habe aber den Eindruck (oder ist es mehr ein Wunsch?), dass der westliche Standard auf dem Vormarsch ist. Genauso steigt auch in öffentlichen Toiletten die Anzahl der Kloschüsseln (manchmal eine Kabine für „Senioren und Behinderte“).

      1. Stimmt, „unsere“ Schüsseln finden sich meist als Behindertenklos. Aber ob es in den letzten Jahren mehr geworden sind, kann ich nicht sagen. Wäre mal interessant zu wissen, ob es auch Teil der „China Dream“-Kampagne ist 😉

        Allerdings garantiert eine westliche Schüssel ja auch noch nicht, dass man Klopapier reinwerfen darf. Meistens sind ja die Rohre oder der Wasserdruck nicht darauf ausgelegt. Da müssten man ja von Grund auf sanieren. Im Bad in unserer Wohnung haben wir auch einen Eimer fürs Papier – die meisten anderen, bei denen ich zu Besuch war, machen das auch so. Nur ein, zwei Expats, die ich getroffen habe, werfen das Papier ins Klo – und jammern über ständig verstopfte Toiletten …

  5. Haben wir auch erlebt, als wir seinerzeit für ein paar Wochen in einer (Sprachschul-)WG in Shanghai wohnten. Obwohl es in der Toilette groß und deutlich stand, wo das Klopapier hin soll, schaffte es ein Italiener mit mehrjähriger Chinaerfahrung an seinem ersten Tag (gleich noch am Wochenende!), die Toilette zu verstopfen.

    Bei der Erinnerung an die WG fällt mir noch etwas ein. Es gab auch eine Waschmaschine, die wir benutzen wollten. Da die Beschriftung komplett chinesisch war, mussten wir per Telefon die nötigen Informationen einholen. Die wichtigste Frage war, wo man die Waschtemperatur einstellt. Antwort: Nirgends, in China wäscht man kalt. Vielleicht kannst du etwas mehr darüber sagen?

    1. Ja, sehr viele Waschmaschinen waschen hier nur mit kaltem Wasser (ich glaube meistens sind das die Toplader, die sind ein gutes Stück billiger). Angeblich ist auch das Waschpulver auf kaltes Wasser abgestimmt bzw. muss man Glück haben, das richtige zu erwischen …

      Es gibt aber auch welche mit Temperaturregelung, die kosten meistens etwas mehr. Wir haben uns jetzt eine gekauft, die immerhin 30°C und 40°C kann. Die hat dafür andere Macken 😉

      Mit deinem Kommentar hast du mich übrigens daran erinnert, dass ich meinen alten Waschmaschinenartikel längst mal überarbeiten und eine Fortsetzung schreiben wollte (bei Interesse: https://littlebigasia.wordpress.com/2013/05/16/ein-thema-das-sich-gewaschen-hat/)!

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