Nanjing | Frühling auf Schwiegermamas Feld

Frühling in China, Nanjing, Taqing

Frühling in China. Wir geben uns ganz der chinesischen Tradition hin und verbringen einen Tag in der Natur. Von trendigen Rapsfeldern und knallharten Motorrad-Cops.

踏青 (tàqīng) – Landpartie

In meiner Jugend fand ich es ziemlich seltsam, wenn es hieß, dass Japaner im Frühling Kirschblütenfestivals veranstalten. Irgendwie fand ich diese Vorstellung, dass Menschen extra irgendwo hinfahren, nur um Blumen zu betrachten, ziemlich, hmm, abstrakt. Heute in China ist das anders. Vielleicht weiß man bunte Frühlingsblumen einfach mehr zu schätzen, wenn in der Umgebung sonst der Beton dominiert.

Im Frühling muss man in die Natur fahren, das ist hier Tradition und nennt man 踏青 (tàqīng), Landpartie. Auch wir fahren nun gezielt in Parks in Shanghai, weil da „gerade bestimmt viel blüht“, und auf einem sehenswerten Pflaumenblütenfestival in Nanjing waren wir inzwischen auch schon.

Und dieses Jahr? Herr M. und ich sind unschlüssig. Wollen wir in einen Park oder auf einen Berg? Das Pflaumenblütenfestival ginge auch noch ein paar Tage. Jede Alternative setzt allerdings eine ein- bis zweistündige Anfahrt quer durch die Stadt voraus – nicht wirklich verlockend, nachdem wir doch erst mehrere Stunden im Zug verbracht haben, um überhaupt nach Nanjing zu kommen.

„Ich weiß was viel Besseres“, mischt sich meine Schwiegermutter ein. „Ihr kommt mit auf mein Feld!“

Rapsfeld im Frühling in China, Nanjing, Taqing
In voller Blüte – Schwiegermamas Rapsfeld

Schwiegermamas Feld

Hinter einer Reihe halbfertiger Plattenbauten hört die Stadt abrupt auf. Vor uns wiegt sich ein Meer aus Gelb in der frühlingshaften Brise. Rapsfelder. Seit einigen Jahren im März der heißeste Scheiß für Chinesen. „Das habt ihr in Deutschland nicht!“, brüsten sich meine Begleiter. Doch. Das interessiert da bloß keinen.

Herr M. zieht mich gleich zum nächstbesten Feld, das Gelb genießen und Fotos machen, doch meine Schwiegermutter ruft uns zurück. „Mein Feld ist viel besser!“

Sie führt uns weiter die Straße entlang und taucht plötzlich ein ins rapsgelbe Meer. Ein Pfad führt uns tief in die Felder. Vor einiger Zeit hat meine Schwiegermutter bei der Stadt eine Parzelle Land beantragt, auf der sie nun nach Lust und Laune Gemüse anpflanzen kann. Stolz schreitet sie die Grenzen ihres Feldes ab, um uns mit dessen Größe zu beeindrucken, erklärt, wem die umliegenden Felder gehören, und natürlich in aller Ausführlichkeit, was sie versteckt hinter einer Wand aus Raps so alles anbaut.

Der Rettich ist im März noch winzig, und auf den Beeten, auf denen es momentan noch etwas leer aussieht, wird sie im Herbst riesige Kürbisse und Wintermelone ernten können. Immerhin prahlen die Saubohnen (蚕豆, cándòu) bereits mit schönen Blüten, der Pak Choi (小白菜, xiǎobáicài) wächst wohl das ganze Jahr hindurch und der Raps (油菜, yóucài) reckt sich dichtgedrängt in den smogverhangenen Himmel. Den wird meine Schwiegermutter nach der Ernte in eine nahegelegene Rapsölfabrik bringen, wo sie sich kostenlos ihr eigenes Öl pressen lassen kann.

Highlight Raps

Wir sind nicht die einzigen Besucher auf den Feldern. Neben ein paar alten Leuten, die sich um ihr Gemüse kümmern, kommen über den Feldweg immer wieder junge Pärchen vorbei, die Natur genießen. Sie hören verstohlen zu, als meine Schwiegermutter das Gemüse auf ihrem Feld vorstellt, und sind ganz offensichtlich neidisch, weil sie kein Feld hier haben.

„Am Nachmittag ist hier voll viel los“, meint meine Schwiegermutter. Und tatsächlich. Als wir uns auf den Rückweg machen wollen, stehen am Straßenrand etliche Autos. Deren Insassen sind auf den Feldwegen verstreut, die sich wie Adern durch das Rapsgelb ziehen. Sogar eine Großmutter kämpft sich mit ihren Krücken zu den Feldern vor, den Blick immer auf die gelben Blüten geheftet. Irgendwie schön, dass sich die Leute hier noch an so Banalitäten wie einem Rapsfeld erfreuen können, oder?

Und die Motorrad-Cops aus der Einleitung? Die sind in China echte Kerle. Da sehen sie im Vorbeifahren ein Rapsfeld, halten spontan an und fotografieren sich mit ihren Smartphones gegenseitig vor den Blumen (voll uniformiert und mit Motorradhelm versteht sich).

Rapsfeld im Frühling in China, Nanjing, Taqing
Voll im Trend: Raps

Fazit

Ein Ausflug ins Grüne gehört in China im Frühling einfach dazu. Wem unberührte Natur zu weit weg ist, für den tut es auch ein Grünstreifen am Stadtrand oder zur Not ein Park. Hauptsache Blumen.

Über das Phänomen, wie man in China den Frühling begrüßt, habe ich übrigens schon mal etwas geschrieben. Dort erfahrt ihr u.a. auch, welche traditionelle grüne Speise zur Jahreszeit passt.

Zieht es euch im Frühling in die Natur? Oder können euch Frühlingsboten gestohlen bleiben? Kennt ihr China im Frühling?

Rapsfeld im Frühling in China, Nanjing, Taqing
Romantische, ländliche Idylle? Machen wir uns doch nichts vor …

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16 Gedanken zu “Nanjing | Frühling auf Schwiegermamas Feld

  1. Hach, China im Frühling! Ich wäre jetzt gerne da! Ich hab leider die Rapsblüte noch nicht in China erlebt. Das würde ich tatsächlich gerne mal sehen!
    Liebe Grüße
    Ulrike

  2. Lovely. Ich muss ja gestehen, dass ich mich auch in Deutschland schon an blühenden Rausfiltern erfreut hab (meist aus dem Auto raus, auf der Autobahn, versteht sich). Muss an dem leuchtenden Gelb, durchzogen mit einem bisschen positiven grün, liegen. Aber es stimmt schon, hier, im „Betonfeld“ weiß man ein paar tapfere Blüten einfach sehr zu schätzen. In unserem Compound blühen auch ein paar Magnolien und ich muss mich einfach darüber freuen, wenn ich daran vorbei laufe.

    1. Magnolien finde ich auch sehr schön, ganz unabhängig vom Ort übrigens 😉

      Raps habe ich in Deutschland natürlich auch oft gesehen, wie du meistens aus dem Auto raus. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass die Leute gezielt zu Rapsfeldern gegangen wären, um extra dort Spaziergänge zu machen (also falls man nicht gerade in der Nähe wohnt und der Raps zufällig auf der Spaziergangroute liegt) …

  3. Auf dem Motorrad sauge ich den süssen Duft des Raps immer ein und dann ist für mich Frühling! Ich bin eh viel draussen, wohne ja in einem grünen Land. 🙂 Danke für die tollen Bilder.

      1. Motorradfahren machen wir hier in DK vor allem, weil man dann alles riecht, also den Wald, das Meer, die salzige Luft, die Buchen und Linden, die Rapsfelder. Ein Roller tuckert wahrscheinlich zu nah hinter dem LKW her 🙂

      2. Ich meinte eigentlich die Abgase vom Roller selbst 😉 Ich kenne das nur so, dass man hinterher total gestunken hat, wenn man auf einem mitgefahren ist. Deswegen konnte ich mir schwer vorstellen, dass das bei einem Motorrad anders ist. Aber toll, wenn man da die ganzen Nuancen der Natur schnuppern kann!

  4. Wir waren tatsächlich dieses Land noch nicht Kirschblütengucken, aber wenn wir welche sehen ist das ein großes Ah! und Oh! 😉 Übernächsten Montag machen wir auf Arbeit einen 花見 (Hanami) Run und laufen um bekannte Kirschblüten-Areale 😀

  5. Ich glaube, wir verpassen gerade den kurzen Pekinger Frühling, weil wir gerade die Osterferien in Deutschland verbringen. Vorm Abflug am Karfreitag gab es erste Blüten und zarten grünen Schimmer an den Bäumen, die Temperaturen lagen zwar schon bei um 17-20°, aber der Wind war noch eisig – und jetzt sehe ich blühende Bäume auf Facebookbildern von Freunden und die Wettervorhersage glaubt an 27°, wenn wir nächste Woche wieder ankommen. Das ist 1 Grad unter der ehemaligen Hamburger Hitzefrei-Grenze… Also hochsommerlich eigentlich. Ich bin jedenfalls gespannt.

    Im deutschen Norden ist es noch kalt, nass und nicht einmal so grünflaumig wie vor einer Woche in Peking. Zwischen den vielen Besuchen bei Freunden und Verwandten bleibt kaum Zeit, mal rauszukommen, auch wenn ich hoffe, dass es doch noch für einen Nordseeausflug reichen wird (auch wenn der Raps dort wohl noch nicht blühen wird). Aber ja, grundsätzlich zieht es mich im Frühling raus, egal wo ich gerade bin. 🙂

    1. Gut möglich, letztes Wochenende war es in Peking wirklich schön mild – wenn die Natur in Shanghai auch schon weiter ist als in Peking (dafür ist momentan aber das Wetter schlechter …) 😉

      Und siehst du 27°C tatsächlich als hochsommerlich an?

  6. Für Pekinger Sommerverhältnisse sind 27 Grad sicher nicht hochsommerlich, aber da ich Hamburg im Blut hab ist das für mich schlicht und einfach schon richtig heiß. 😉

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