Yacón – Eine Wurzel mit Migrationshintergrund

Yacon, Yacón

Qingchengshan, 2013: Die alte Frau hat einen großen Korb voll merkwürdiger Knollen den Berg hinaufgetragen. Nun sitzt sie da und wartet auf Kundschaft. »Sind das Süßkartoffeln?«, frage ich. Ich liebe diesen Snack, den alte Männer im Winter auf ihren lustigen Dreirädern verkaufen. Diese hier sehen aber nicht gegrillt aus. Sie sind frisch, es klebt noch rote Erde an der Schale. Nein, keine Süßkartoffeln. Das sind xuě lián guǒ, klärt mich Herr M. auf, etwas ganz Besonderes aus Sichuan. Muss ich haben!

Die alte Frau greift nach ihrem Küchenbeil und schält zwei Knollen für uns. Das Fruchtfleisch ist bissfest und gelblich – je gelber, desto süßer. Der Geschmack erinnert mich an eine Mischung aus wässriger Karotte und Nashi-Birne. So lecker, dass wir bei der nächsten Gelegenheit gleich noch ein paar Knollen kaufen müssen!

Yacón – Ein Latino in China

Die Wurzel, die in Form und Größe an eine Süßkartoffel erinnert, kommt ursprünglich aus Südamerika, wo sie in den Anden seit Jahrhunderten als wertvolles Nahrungsmittel gilt. International ist die Knolle unter dem Namen Yacón (Smallanthus sonchifolius) bekannt und wird oft in Gesundheitsprodukten verarbeitet, z.B. für Diabetiker.

Erst in den 80er Jahren wurde die Pflanze, deren gelbe Blüten an kleine Sonnenblumen erinnern, nach Japan eingeführt. Von dort aus verbreitete sie sich schnell in weiten Teilen Asiens. In China wird die Pflanze heute hauptsächlich in der Provinz Sichuan angepflanzt, wo ich sie auch das erste Mal gefunden habe. Man isst sie normalerweise roh, auch wenn einige gekochte Gerichte existieren.

Yacón in Shanghai

In Shanghai trifft man die Wurzeln eher selten an. Im Herbst ist hier Hochsaison. Dann werden die Wurzeln plötzlich ein paar Wochen lang in vielen Obstgeschäften verkauft, ehe sie wieder verschwinden. Wir schleichen schon seit Wochen durch sämtliche Märkte, immer auf der Suche. Jetzt sind wir endlich fündig geworden!

Allerdings schmecken die Wurzeln hier nicht ganz so intensiv wie auf dem Qingchengshan. Wahrscheinlich sind die Yacón von den alten Frauen in Sichuan glücklicher gewachsen als die, die in Shanghai verkauft werden. Egal, Hauptsache Yacón!

In Shanghai kosten die Wurzeln ca. 5 RMB das Pfund. Weil grundsätzlich noch rote Erde an der Schale klebt, ist so eine Yacón stets eine mittlere Sauerei in der Küche. Die Erde lässt sich schlecht komplett abwaschen, was beim Schälen dementsprechend stört. Außerdem oxidiert das bloßgelegte Fruchtfleisch schnell und wird grau. Fotogen geht anders. Zum Glück ändert das nichts am Geschmack.

Schneelotus?

Wegen ihres chinesischen Namens bezeichneten wir die Knolle lange Zeit als Schneelotus. Das scheint aber etwas anderes zu sein. Mit der Lotuswurzel (siehe hier) scheint Yacón ebenfalls nicht verwandt zu sein (auch wenn ich beide liebe).

雪莲果 (xuě lián guǒ) = Schnee + Lotus + Frucht = Yacón

Update (Feb. 2015)

Übrigens: In Deutschland waren die Knolle und entsprechende Produkte bis Mitte 2014 nur durch ein teures Zulassungsverfahren erlaubt, das sich kaum einer leisten konnte (Stichwort „Novel-Food-Verordnung“). Bis heute ist Yacón in Deutschland also eher den Feinschmeckern bekannt, sie wird inzwischen aber auch auf deutschem Boden angebaut. Wer sich so richtig umfangreich über Yacón informieren möchte, wird im Lexikon des Garten-Treffpunkts fündig.

Ist euch die Knolle in Europa schon mal untergekommen?

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8 Gedanken zu “Yacón – Eine Wurzel mit Migrationshintergrund

    1. Hehe. Man übersieht die Dinger aber auch schnell in den Obstgeschäften, wenn man nicht gezielt danach Ausschau hält.

      Danke. Ich wünsche dir auch eine schöne Woche!

      1. ja so ganz langsam wird die Knolle bekannt, die meisten kennen nur den Sirup davon, aber der wurde ja erhitzt ???
        die frische Yaconwurzel ist besser, darum nach der frischen Wurzel suchen.

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