Yangzhou – Die kultivierte Salzhändlerstadt

Yangzhou, China

Yangzhou ist tiefe Provinz, da gibt es nicht einmal einen Bahnhof, meint Herr M. Yangzhou ist kultiviert, sagen dagegen die stolzen Taxifahrer, wenn sie nicht gerade bei chinesischen Oldies mitgrölen. Tatsache ist: Yangzhou ist Provinz, Yangzhou ist verschlafen. Dabei war die 4,5-Millionenstadt in alten Zeiten ein wichtiger Ort für Handel und Kultur.

Yangzhou – Das Highlight im Norden von Jiangsu

Durch die chinesische Provinz Jiangsu fließt der gewaltige Yangtze. Er ist die imaginäre Grenze zwischen Nord und Süd. Der Süden Jiangsus ist der reiche Teil, das ist die alte Hauptstadt Nanjing, das ist Suzhou und Wuxi. Im Norden, so ist man sich in Jiangsu sicher, herrscht tiefe Provinz, da läuft die Wirtschaft nicht so gut. Und tatsächlich scheint sich die Landschaft zu verändern, als wir den Yangtze hinter uns gelassen haben. Die Häuser sind heruntergekommener, die Dörfer, durch die wir fahren, wirken tatsächlich ärmer als die im Süden.

In Nordjiangsu lohnt sich nur Yangzhou, da sind sich viele Chinesen einig. Denn Yangzhou war in alten Zeiten eine pulsierende Metropole, deren Bewohner durch das Salzhandelsmonopol reich geworden waren. Kultur wurde hier ebenfalls großgeschrieben und so wirkten hier viele Dichter, Schriftsteller und Maler. Darauf ist man in Yangzhou noch heute stolz.

Auf der Brücke über den Yangtze, nach Yangzhou, China
Über den Yangtze nach Norden

Yangzhou – Die kultivierte Salzhändlerstadt

»Unser Yangzhou ist kultiviert«, sagt der Taxifahrer, der uns am Busbahnhof aufgegabelt hat. Und natürlich haben sie einen Zugbahnhof! Schon seit 2004! (Klar, dass Herr M. das nicht weiß, da war er schon in Deutschland). Stolz erzählt uns der Fahrer mehr von seiner Stadt, wenn er nicht gerade bei seinen chinesischen Oldies mitgrölt. Auch die anderen Fahrer, bei denen wir dieses Wochenende auf der Rückbank sitzen, werden nicht müde, von ihrer Stadt zu schwärmen.

Dass meine Schwiegereltern mit ihrer Heimatstadt Nanjing zu kontern versuchen, beeindruckt die Fahrer wenig. Nanjing, die einstige Kaiserstadt, ist heute eine Boomtown mit wenig Flair. In Yangzhou dagegen scheint die Zeit fast stehen geblieben. Das merkt man schon an der Musikauswahl der Taxifahrer. Fast alle, selbst die jungen, hören hier auffällig altmodische Musik – chinesische Klassiker der 80er und 90er Jahre, Cantopop-Hits von Faye Wong und Anita Mui. Ihre Musik steht stellvertretend für die ganze Stadt im Norden von Jiangsu: altmodisch, nostalgisch, aber durchaus mit Flair.

Der Soundtrack von Yangzhou: »是否我真的一无所有« (von Wang Jie)

Viele Gebäude wirken extrem altmodisch. »Wie Nanjing in den 80ern«, meint Herr M. Auf dem Weg zur Altstadt passieren wir hässliche Kommunistenbauten, Häuser, die (gegen die Feuchtigkeit?) von außen gefliest sind, Häuser, deren geschwungene Dächer denen der hiesigen traditionellen Architektur nachempfunden sind. Zwischendrin alte Stadttore, überraschend klein; internationale Ketten wie KFC oder Starbucks sehe ich so gut wie gar nicht.

Auch die Menschen sind anders als in Shanghai. Sie sind gelassener, es wird wenig gestritten, bei der Frage nach dem Weg antworten sie in ganzen Sätzen. Dafür ist die Stadt chaotischer. Unzählige Elektroroller fahren kreuz und quer, ständig wird gehupt und jedes Geschäft versucht, die Nachbarn mit noch lauterer Musik zu übertrumpfen.

Stadttor in Yangzhou, China
Da steht ’n Tor auf der Straße …

东关街 – Dongguan Road

Irgendwas kommt mir seltsam vor, irgendwas ist in Yangzhou anders. Aber ich komme erst drauf, als wir die denkmalgeschützte Altstadt nach unserem Hotel absuchen: Man sieht so viel Himmel! Und das ohne den Kopf in den Nacken legen zu müssen. Um die Dongguan Road gruppieren sich meist einstöckige Häuschen aus grauem Stein. Und über den Dächern so viel Weiß! Hier ragen keine Wolkenkratzer in den bedeckten Himmel. Auch um die Altstadt ist es außergewöhnlich flach. In Yangzhou verbietet nämlich ein Anti-Verschandelungsgesetz, im Stadtkern Hochhäuser zu bauen.

Yangzhou zieht hauptsächlich inländische Touristen an und so bin ich am ersten Tag der einzige Ausländer. Ganz schön ungewohnt. Natürlich weisen die Leute auf mich hin (»Schau, ein Ausländer!«), sie starren mich an oder kommentieren mich gleich ganz schamlos, weil ich ein Tank-Top trage (»Warum wollen Ausländer immer braun werden und schützen sich nicht vor der Sonne?«). Aber es passiert zurückhaltender als an anderen Orten, an denen schon mal mit dem Finger auf mich gezeigt wird oder quer durchs Boot gebrüllt wird.

Wir haben Glück. An so einem regulären Wochenende ist auf der Dongguan Road kaum etwas los. Erst als es dunkel wird, drängen mehr Leute in die Fußgängerzone, um sich an den Fressständen einzudecken. (Davon habe ich neulich schon berichtet.)

Yangzhou – Die geheime Kaiserstadt

Yangzhou war nie Hauptstadt, trotzdem reiste etwa Kaiser Qianlong (1711-1799) gern von Peking hierher. Vordergründig waren die Reisen Vergnügungsreisen, bei denen der Kaiser bei reichen Salzhändlern übernachtete. Viele gaben ihm zu Ehren so rauschende Feste, dass sie dabei ihr ganzes Vermögen durchbrachten.

Tatsächlich hatten die Reisen natürlich ganz andere Hintergründe. Denn Yangzhou war dank Kaiserkanal ein wichtiger Handelsknotenpunkt, den es zu überwachen galt. Außerdem konnte der Kaiser so von den Salzhändlern geheime Informationen einholen, wie sich seine offiziell zur Überwachung hergeschickten Generäle so machten.

Wofür Yangzhou noch bekannt ist

Yangzhou ist auch die Stadt der traditionellen chinesischen Kosmetik, die Heimat von Fußmassage und ausgedehnten Frühstücksgelagen. Von seinen klassischen Gärten hat es einer sogar in die Top 4 der besten Gärten Chinas geschafft (Bericht folgt). Der schmale Westsee ist für seine Brücken bekannt, über die schon viele Gedichte geschrieben wurden (Bericht folgt) und im Daming-Tempel lebte ein ebenso prominenter Mönch (Bericht folgt).

Obendrein soll Marco Polo, so er es denn tatsächlich nach China geschafft hat, in Yangzhou eine Zeit lang als Statthalter gearbeitet haben.

Kulinarisches Yangzhou

Das Essen ist überraschend unspektakulär. Yangzhou hat da nur Standardgerichte zu bieten. Das liegt aber auch daran, dass Yangzhous Spezialitäten (gebratener Reis, Tofustreifen usw.) längst in weiten Teilen Chinas verbreitet sind. Man könnte sogar sagen, dass das ursprüngliche chinesische Essen das aus Yangzhou ist.

Fazit

Yangzhou ist toll, Yangzhou ist entspannt, Yangzhou ist herrlich chinesisch. Ich würde jederzeit wiederkommen, auch wenn die Verkehrsanbindung bis heute nicht die bequemste ist. Nach Yangzhou fahren nicht viele Züge und die Busse sind von Shanghai aus gute vier Stunden unterwegs. Trotzdem, es lohnt sich. Auch für Nicht-Chinesen.

Wart ihr schon mal in Yangzhou? Wie hat es euch gefallen?

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17 Gedanken zu “Yangzhou – Die kultivierte Salzhändlerstadt

      1. Shanghai ist ja auch gar nicht chinesisch. 😉 Hab ich zumindest schon öfters so gelesen und ich denke, das stimmt auch. Aber ich mag das nicht beurteilen, das fände ich anmaßend.

  1. Antiverschandlungsgesetz ♥ Das klingt wunderbar. Wir waren letztens auf einer Aussichtsplattform über unserer Stadt, erster Kommentar: „Von oben sieht das ziemlich hässlich aus“. Alles kreuz und quer gebaut, ohne Konzept. 😦 Direkt in Tokyo drin sieht das natürlich etwas anders aus, aber hier war vor 50 Jahren noch alles Reisfeld.

    1. Hihi, könnte man so wohl auch von Shanghai sagen. Das ist nicht nur von oben keine Augenweide 😉

      Es gibt natürlich ein paar alte Straßen, die so was wie Flair haben, aber überall wo etwas abgerissen und neugebaut wird, sieht es für mich hinterher schlimmer aus als vorher. Hier wird alles so übertrieben groß und platzverbrauchend gebaut. Und es macht einfach keinen Spaß Hunderte von Metern geradeaus zu gehen mit einer zwanzig Meter breiten Straße zur einen und einer Mauer/einem Zaun auf der anderen Seite.

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